Hymne an eine Sonnenblume

Wie erhaben du bist, wenn du alleine im Winde stehst! Einer Königin gleich, stolz und schön, blickst du auf die Erde, das gekrönte Haupt leicht gesenkt. Grosse Blätter tanzen um deinen Leib, grüne Herzen um eine schlanke Säule, die fest in der Erde verankert ist und mit der Sonne in Verbindung steht.

Welch ein Bild, welche Symbolkraft bietet uns die Sonnenblume, bedenkt man, wie viel Schönes und Fruchtbringendes der Verbindung zwischen Himmel und Erde entspringt! Der Sonnenkranz umschliesst einen Korb künftiger Samen, die, würden alle aufkeimen, die Erde in kürzester Zeit zum Planeten der Sonnenblumen machen würden. Stattdessen ernähren sich Spatzen und Menschen, Hamster und Krähen von dieser Fülle an Pracht und Fruchtbarkeit. Nichts weniger als Poesie und Lebenstüchtigkeit geben sich in dir die Hand. Leise wiegt dein Haupt im Wind, als träumtest du von einer fernen Welt, als wärest du nicht ganz von dieser Erde, der du ja doch entstammst.

Blicke ich ins Feuerrad deiner Blüte, wird mir ganz schwindelig. Tausend sich kreuzende Spiralen ziehen meinen Blick in die Tiefe des Blütengrundes. Und wäre ich nicht Mensch, würde ich mich verlieren und nie mehr zurückkehren wollen aus dieser üppigen Rosette. Mit Wonne würde ich in dieser Sonne verglühen, Königin meiner Träume.

Soldatin hingegen bist du, wenn du dicht an dicht mit anderen im Felde stehst. Alle Köpfe blicken in dieselbe Richtung. Ihr gleicht nun Automaten, von der Sonne ferngesteuert. Was für ein Hohn! Was für eine Erniedrigung! Die Fruchtbarkeit ist zur Ertragskraft verkommen. Die Poesie zur Farce. Zwar trägt die Königin noch eine Krone, doch ist sie Sklavin geworden, ist ins Heer der gekrönten Sklavinnen eingegangen, die im Herbst abgemäht und der Verwertung zugeführt werden.

Doch ich werde nicht ruhen. Nachts, wenn der Spätsommermond über dem Wald steht, treibe ich mich in den Feldern um, reisse euch eigenhändig aus der Ackererde, um euch zu befreien. Reihe für Reihe vollende ich meine Erlösungstat. Dein Haupt bette ich aufs Gras, um dir die königliche Würde zurückzugeben.


Bild: sunflower von stretta, CC-Lizenz via flickr

Lügenschwemme

Wir leben in einer Zeit der Lügenschwemme und der Halbwahrheitenflut. Manchmal steht mir beides bis zum Halse. Dann strecke ich mich nach der Wahrheit, die wie Inseln aus dem Meer hervorragt, und atme tief durch.

Seelentheke

Als ich euch lud zum Fest an meine Seelentheke, kamt ihr alle. Gott, war das schön! Wir tauschten Glücksmomente aus, stiessen auf unsere Freuden an und betranken uns an unseren Schmerzen. Je später der Abend, umso rührseliger wurden wir, bis wir um Mitternacht nach draussen gingen und uns mit den Sternen verbündeten.

radikales Gutmenschentum

Bin ich ein Gutmensch? – Sie sind nicht wohlgelitten, die Gutmenschen, in dieser ernüchterten Postmoderne. (Oder sind wir bereits in der Postpostmoderne?) Man spricht ihnen allen Realitätssinn ab. Sie hätten die Zeichen der Zeit nicht erkannt und hängten einem verglühten Glauben nach – dem Glauben an den Menschen selbst – und an die Kraft seiner Träume. Gutmenschen sind hoffnungslose Träumer. Bin ich ein Gutmensch? Ja, in diesem Sinn bin ich es – und zwar radikal.

trostlose Zuversicht

In den Anfängen des 21. Jahrhunderts lebten wir in einer Art Hoffnung der Verzweifelten: Wir klammerten uns an die Börsenkurse und vergassen die hungernden Kinder. Wir förderten die Wirtschaft – statt die Menschen. Und wir waren stolz auf die Errungenschaften der Wissenschaften, statt auf die Errungenschaften unseres Herzens zu achten.

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