Der schwarze Ritter der Medienvielfalt

Auf dem Platz Basel ist ein Ringen um Medienvielfalt im Gange, das exemplarischen Charakter hat – und groteske Blüten treibt. Im Ring stehen die Stiftung für Medienvielfalt, Ermöglicherin und, via die Neue Medien Basel AG, Besitzerin der TagesWoche, sowie die MedienVielfalt Holding, die neue Besitzerin der Basler Zeitung. Doch wer glaubt, dass damit die Medienvielfalt gesichert ist, täuscht sich.

Medienvielfalt ist ein demokratisches Projekt. Ohne sie verarmt die Demokratie, weil die gesellschaftlichen Fragen nicht mehr in einem grösseren Rahmen und annähernd voraussetzungslos diskutiert werden können und weil die Bürger durch einseitige Information lenkbarer werden. Eine Verarmung der Medienvielfalt hat unmittelbar und zwingend eine Verarmung der Demokratie zur Folge.

Und diese Verarmung ist seit längerem im Gange. In Basel zeigt sich das so:

  • 1977 findet hier die erste grosse Zeitungsfusion der Schweiz statt. Die National-Zeitung – die Anfang der Sechzigerjahre von einer rein bürgerlichen zu einer gesellschaftskritischen, linksliberalen Zeitung wurde – und die Basler Nachrichten – von jeher ein liberal-konservatives Blatt – verschmelzen zur einzigen Tageszeitung in Basel, der Basler Zeitung. Konnte die Leserschaft in Basel bisher zwischen zwei publizistischen Gegenpolen wählen, musste sie sich fortan mit einer einzigen Zeitung begnügen – oder auf ein ausserregionales Blatt ausweichen. Die neue Basler Zeitung versuchte denn auch, es allen recht zu machen und wurde zu einer mittelmässigen Forumszeitung. Gleichzeitig mit der «Fusion» – die rein rechtlich eine Übernahme der Basler Nachrichten durch die National-Zeitung war – wurde das Mitbestimmungsrecht der Redaktion stark beschnitten und gleichzeitig die publizistische Macht des Verlags und des Verwaltungsrats gestärkt.
  • Februar 2010: Die Aktienmehrheit der Basler Zeitung Medien geht von der Verlegerfamilie Hagemann an Tito Tettamanti und Martin Wagner. Die Holdinggesellschaft der Mediengruppe verlegt ihren Sitz nach dem steuergünstigen Zug und heisst von nun an Watt Capital Holding AG. Soweit so banal …
  • Weniger banal ist die Einsetzung von Markus Somm, ehemaliger Chefredaktor der Weltwoche und Intimus von Christoph Blocher, als Chefredaktor. Fortan steuert die Basler Zeitung einen zunehmend rechtsbürgerlichen bis liberal-reaktionären Kurs. In der Redaktion kommt es zu einer entsprechenden Flurbereinigung, teils auf freiwilliger Basis, teils forciert, und erste Proteste unter der angestammten Leserschaft werden laut.
  • Ende November 2010: Nach Tausenden von Abokündigungen, gegen zwanzigtausend Unterschriften unter einen Aufruf von Rettet Basel «gegen die SVPisierung der Schweizer Presselandschaft» und Protestaktionen werfen Tito Tettamanti und Martin Wagner das Handtuch und verkaufen – angeblich – die Basler Zeitung Medien an den in Basel hoch angesehenen Unternehmer Moritz Suter. Doch die wahren Geldgeber bleiben vorläufig im Dunkeln, der Rechtsdrall der Zeitung bleibt erhalten, ja, verschärft sich noch.
  • Mitte April 2011: Als Reaktion auf die Vorgänge um die Basler Zeitung wird die Stiftung für Medienvielfalt «für ein vielfältiges Medienangebot zugunsten einer offenen und toleranten Gesellschaft» gegründet. Als ihre Hauptaufgabe ermöglicht sie die Herausgabe der Tageswoche, die ab Ende Oktober 2011 erscheint. Zwar versteht sich die Tageswoche nicht als «Anti-BaZ», wird aber weitherum als solche wahrgenommen. Eine publizistische Zweitmeinung im Raum Basel ist sie allemal. Hauptgeldgeberin der Stiftung für Medienvielfalt ist übrigens Beatrice Oeri, Spross einer bekannten Basler Mäzenatenfamilie. Sie führt mit ihrem privaten finanziellen Engagement zugunsten öffentlicher Interessen eine bewährte Basler Tradition fort. Und ohne die komfortable Ausstattung der Stiftung mit ihrem Geld gäbe es wohl bis auf weiteres im Raum Basel keine Alternative zur Basler Zeitung.
  • Mitte Dezember 2011: Moritz Suter tritt überraschend von all seinen Ämtern bei der Basler Zeitung zurück. Nun wird publik, dass ein Grossteil der Aktien der Basler Zeitung Medien seit dem Abgang von Tito Tettamanti in den Händen von Rahel Blocher, einer Tochter des SVP-Strategen Christoph Blocher lag. Dieser hatte eine Beteiligung stets abgestritten, was ja auch der rein juristischen Wahrheit entsprach …
  • Zwei Tage später: Tito Tettamanti übernimmt erneut das Szepter bei den Basler Zeitung Medien. Als Mehrheitsaktionär der ad hoc gegründeten MedienVielfalt Holding (mit Sitz im steuergünstigen Zug), welche die BaZ mit allem Drum und Dran erneut übernimmt, tritt er dezidiert als Retter der Medienvielfalt auf.

Die MedienVielfalt Holding will publizistische Macht
Trotz des inflationären Besitzerwechsels in den letzten zwei Jahren sind zwei Dinge konstant geblieben: der rechtsliberale Kurs der Basler Zeitung, hauptsächlich getragen von ihrem Chefredaktor Markus Somm, und die wirtschaftlichen Probleme des Konzerns, der sich in früheren Zeiten der Expansionsgelüste eine überdimensionierte Druckerei angeschafft hatte, die dem Konzern jetzt wie ein (defizitärer) Klotz am Bein hängt. Und genau dies ist ein zentrales Problem: Wer die Basler Zeitung «retten» will, muss ein erhebliches finanzielles Potenzial mitbringen. Und wer dieses Potenzial hat, macht gewöhnlich aus seinem finanziellen Engagement ein ideologisches Projekt.

Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass sich die MedienVielfalt Holding zwar die Medienvielfalt auf die Fahne geschrieben hat, aber tatsächlich nach publizistischer Macht strebt. Schaut man sich den Verwaltungsrat und einzelne Aktionäre an, so wird deutlich, was für ein Machtimpuls hier am Werk ist: Nur ein paar Müsterchen:

  • Verwaltungsrat Robert Nef: Leiter des privaten Liberalen Instituts, das sich für die Freiheit der Besitzenden einsetzt, früher eindringlich vor dem Kommunismus warnte und heute den Sozialstaat grundsätzlich in Frage stellt.
  • Verwaltungsrat Georges Bindschedler: gewichtiger Aktionär und Förderer des Schweizer Monats, einer Zeitschrift, in der «mit elitären und auch antidemokratischen Tönen die Leistungsgesellschaft beschworen» wird (Zitat WoZ, siehe Quellen).
  • Aktionär Daniel Model: Umtriebiger Unternehmer und Utopist, der von einem reaktionären Freistaat im Thurgau träumt und in seinem Unternehmen über knapp 3’000 MitarbeiterInnen gebietet.

Die Liste einschlägig bekannter Leute – es sind hauptsächlich Männer – im Verwaltungsrat und Aktionariat der MedienVielfalt Holding liesse sich beliebig verlängern. (Genaueres dazu im Artikel «Die Vielfalt, die sie meinen» der Wochenzeitung, siehe Quellen.) In der Optik von Tito Tettamanti und den Seinen ist der Medienmainstream von links bestimmt, weshalb es zum Ausgleich und zur Belebung der Medienvielfalt auch Meinungsblätter von rechts brauche. Die Basler Zeitung sei nur ein erstes Projekt in diesem Sinne. Die Holding könne durchaus auch anderswo aktiv werden.

Und was geht das mich an?
Der hetzerische Ton und die teils geradezu menschenverachtenden Kommentare der neuen Basler Zeitung trägt nichts, aber auch gar nichts Konstruktives zur Lösung der gesellschaftlichen Probleme bei. Vielmehr verschärft sie diese, indem sie ein Klima des Gegeneinanders, der Ausgrenzung und der Polarisierung schafft. Und dies ist bereits deutlich spürbar. Denn die BaZ ist nach wie vor das regionale Leitmedium – und wird es bis auf weiteres auch bleiben. Dass nun die neue Holding als Retterin der Medienvielfalt auftritt, empfinde ich als schlechten Witz und erinnert mich an den Roman «1984» von Georges Orwell, in dem eine neue Sprache geschaffen wird, der Neusprech, um den Blick auf die Wirklichkeit zu verschleiern.

Echte Medienvielfalt lässt sich nur auf demokratischem Weg verwirklichen. Die Medien gehören in die Hände ihrer KonsumentInnen. Deshalb ist auch die Stiftung für Medienvielfalt als Trägerin der Tageswoche eher eine Notlösung denn ein Zukunftsmodell.


Quellen:

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Gebt mir meine Tante BaZ zurück!

Die Ereignisse rund um die «Basler Zeitung» überschlagen sich. Heute ist das Blatt erneut mit Stumpf und Stiel verkauft worden – als handelte es sich um eine Prostituierte … (Pardon! Das Bild lässt sich einfach nicht mehr aus meinem Kopf verscheuchen.) Erneuter Besitzer (Freier!) ist Tito Tettamanti, der die BaZ vor eineinhalb Jahren schon mal besass und sich, als er in der Region auf empörte Ablehnung stiess, verärgert zurückzog, nicht ohne Basel vorzuwerfen, es sei eine scheinheilige Provinzstadt geworden, wo geistige Monokultur herrsche. Ebendiese Monokultur will er jetzt mit seiner neu gegründeten «MedienVielfalt Holding AG» aufbrechen. (Es sei reiner Zufall, dass seine AG ähnlich heisst wie die «Stiftung für Medienvielfalt», die Trägerin der neuen, als Alternative zur BaZ lancierten «TagesWoche».)

Herr Tettamanti und seine Gefolgsleute haben ein klares Ziel: Sie wollen eine rechtsbürgerliche Tageszeitung – gegen den mehrheitlichen Willen der angestammten LeserInnen – durchboxen und deren Bestand auf absehbare Zeit sichern. Dazu muss das ganze Firmenkonglomerat mitsamt diverser Grossdruckereien saniert werden. Dafür ist Filippo Leutenegger, eben eingesetzter Verwaltungsratspräsident besagter Holding, goldrichtig. Der Mann fürs Grobe weiss den Stahlbesen zu führen und ist als Reinemacher in der Medienindustrie einschlägig bekannt. Sein Mittun wird die Region etliche Arbeitsplätze kosten.

Was hat das alles mit mir zu tun? Als notorischer Zeitungsleser, der von der BaZ nicht lassen kann – nicht zuletzt weil sie als Tageszeitung in der Region noch immer ein Quasimonopolblatt ist –, werde ich zu Schlagzeilen, Kommentaren und Weltdeutungen genötigt, die ich nun wirklich – ich kann nicht anders – zum grossen Teil jenseits des guten Geschmacks empfinde. Seit Markus Somm als Chefredaktor installiert ist – und das soll dem Vernehmen nach auch so bleiben –, werden mir die abstrusesten Welt- und Menschenbilder um die Ohren gehauen, so dass ich mir oft schon die Augen gerieben habe und mich fragen musste: Lebe ich wirklich auf einem so völlig anderen Planeten als dieser Herr Somm?

Nein! Das ist nicht Medienvielfalt. Das ist Meinungsmache – oft mit geradezu hetzerischer Färbung. Nein! Das ist nicht redlicher Journalismus. Das ist Pamphletismus der übleren Sorte!

«Rettet Basel!», eine Aktion der Plattform «Kunst und Politik», hat deshalb zur Kundgebung «gegen die Blocher-BaZ» aufgerufen. Und ich werde hingehen:

  • weil es mich empört, dass man einer ganzen Region seine Meinung aufdrängen kann, wenn man das nötige Kleingeld dazu hat,
  • weil ich nicht will, dass man meine olle Tante BaZ wie eine Zwangsprostituierte behandelt und unter alternden, aber wirtschaftlich potenten Herren herumreicht,
  • weil die «Basler Zeitung» nicht als Instrument zur SVPisierung der Nordwestschweiz missbraucht werden darf,
  • weil echte Medienvielfalt anders aussieht und
  • weil echte Medienvielfalt eine Voraussetzung für echte Demokratie ist,
  • weil ich meine BaZ zurückhaben will.

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Für weitere Informationen auf den Aufruf klicken!

Ein Silberstreifen am Horizont der «Basler Zeitung»?

Nun ist öffentlich und bestätigt, was die Spatzen seit langem von den Dächern pfeifen: Christoph Blocher steht zwar nicht nominell, aber faktisch – via seine Tochter Rahel und einem komplizierten Investmentkonstrukt – als Geldgeber und damit Strippenzieher hinter der «Basler Zeitung». Dass die BaZ auch publizistisch nach seiner Pfeife tanzt, ist offensichtlich. Die erzwungene Transparenz der Besitzverhältnisse könnte nun aber neue Bewegung in das Drama «Basler Zeitung» bringen – Eine Zwischenbilanz.

Die Situation war einigermassen absurd: Alle wussten es, viele empfanden es schmerzlich und ein einziger, nämlich CB himself, dementierte immer wieder: Hinter der BaZ und deren neuen publizistischen Ausrichtung ab Oktober 2010 steht Christoph Blocher. Mit der Einsetzung seines Ziehsohns Markus Somm als Chefredaktor war das publizistische Schicksal der BaZ besiegelt. Sie nahm eine scharfe Wende nach rechts – hier und hier habe ich darüber berichtet –, und die Region Basel, von der Tradition her eher ein fortschrittlicher Zipfel der Schweiz mit einer sozialdemokratisch-grünen Regierung in der Stadt, wurde mit einschlägigen Kommentaren und SVP-lastiger Berichterstattung geradezu bombardiert. Es gab Proteste und eine Unmenge an Abokündigungen. Die Plattform «Kunst und Politik» rief die Aktion «Rettet Basel!» ins Leben, und dank einer Mäzenin entstand in der Nordwestschweiz eine neue Wochenzeitung: die «TagesWoche», die zwar nicht als Anti-BaZ verstanden werden will, aber offensichtlich eine Alternative, eine Zweitmeinung zum Monopolblatt BaZ darstellt.

Um die wahren Besitzverhältnisse zu verschleiern – was natürlich der medialen Einflussnahme nur förderlich sein konnte –, wurde der weitherum beliebte Basler Unternehmer Moritz Suter als Besitzer der Basler Zeitung Holding vorgeschoben – ein Strohmann, wie sich nun entpuppt und wie es auch schon seit langem die Spatzen von den Dächern pfeifen. Der gute Ruf des guten Herrn Suter könnte darunter erheblich gelitten haben. Vielleicht schlug er deshalb letzte Woche vor, zumindest einen Teil der Aktien der Holding unters Volk zu streuen.

Rücktrittforderungen
Keine Frage! In das Drama «Basler Zeitung» ist nun Bewegung geraten. Den Stein ins Rollen brachte ein Bericht des «Tages-Anzeigers» vom letzten Mittwoch mit detaillierten Angaben zum aufwendigen Beteiligungskonstrukt, das den direkten Einfluss Blochers garantieren, aber gleichzeitig seine finanzielle Beteiligung verschleiern soll. Die Offenlegung der wahren Verhältnisse dürfte in der Region – und womöglich darüber hinaus – hohe Wellen schlagen: zunächst im Kreis der verbliebenen BaZ-Abonnenten, die über ein Jahr lang an der Nase herum geführt worden sind, aber auch bis hin in die Gefilde des Bundespolitikers Christoph Blocher, der inzwischen ein erhebliche Glaubwürdigkeitsproblem hat. Die SP Basel fordert deshalb seinen Rücktritt – hauptsächlich mit der Begründung, als Politiker und Volksvertreter sei es mit demokratischen Gepflogenheiten nicht vereinbar, mit etlichen Millionen Franken Medienmacht an sich zu reissen und dieses Engagement gleichzeit mit allen Mitteln zu verschleiern. Das sei ein Angriff auf den öffentlichen Meinungsprozess und untergrabe die Demokratie. Auch Chefredaktor Markus Somm, der mit seinen teils haarsträubenden und abstrusen Kommentaren den angestammten Leserinnen und Lesern immer wieder ans Bein pinkelt, müsse zurücktreten.

Ein Silberstreifen am Horizont?
Woher ich die Hoffnung nehme, die «Basler Zeitung» könnte nun in publizistisch redlichere Zonen geraten? Warum ich einen Silberstreifen zumindest am publizistischen Horizont der BaZ sehe? Nun, eines ist sicher: Die mediale Usurpation der Nordwestschweiz durch das Blocher-Imperium und die SVP ist in der vorgesehenen Form jedenfalls gescheitert. Der Flurschaden indessen ist gross, die «Basler Zeitung» in der heutigen Form über kurz oder lang wohl am Ende. Und was nachher kommt, kann ja nur besser werden.

Was mich auch zuversichtlich stimmt: Die Öffentlichkeit hat nun, gleichsam zu Illustrationszwecken, ein Lehrstück in Sachen Aneignung von Medienmacht um die Ohren gehauen bekommen. Das tut weh, weckt auf – und sensibilisiert. Eine «Petition zur Offenlegung der Eigentumsverhältnisse an Medienunternehmen» ist lanciert. Und nicht zuletzt: Unabhängiger, redlicher Journalismus könnte wieder Rückenwind erhalten. Man wird ja wohl noch träumen dürfen …

Basler Zeitung mit zunehmendem Rechtsdrall

Die Meinungsvielfalt in Ehren. Doch was wir in der Basler Zeitung immer öfter vorgesetzt bekommen, hat mit Meinungsvielfalt ebenso wenig zu tun, wie Lüge und Demagogie mit der Wirklichkeit. Ein empörendes Beispiel stand am 11. März in einem Interview mit Dieter Spiess, dem Präsidenten der Baselbieter SVP. Im Zusammenhang mit der befürchteten Flüchtlingswelle aus Nordafrika kann er unwidersprochen behaupten:

„Warum gehen diese Leute [die Flüchtlinge] nicht nach Amerika oder Kanada? Weil ihnen hier [in der Schweiz] das Geld nachgeschossen wird.“

Das Geld wird den Flüchtlingen in der Schweiz schon lange nicht mehr nachgeworfen, Herr Spiess. Im Gegenteil! Mit dem Entzug der kantonalen Nothilfe, die ein absolutes Minimum für die Existenz darstellt – ein Minimum übrigens, wie man es den Schweizer Bürgern (noch) nicht zumuten würde –, werden selbst gefährdete Flüchtlinge so weit vergrämt, dass sie möglichst die Schweiz verlassen.

Doch wir sind beim Niedergang der Basler Zeitung. In derselben Ausgabe und an prominentester Stelle, nämlich auf den Seiten 1, 2 und 3, werden „Berechnungen“ von Ökonomen der Basler Universität ausgebreitet, die den Beitritt der Schweiz zur Europäschen Union schon aus ökonomischer Sicht als absurdes Unterfangen erscheinen lassen. Die Argumentation geht so: Ein Beitritt der Schweiz zur EU würde diese in den nächsten zehn Jahren 900 Milliarden Franken kosten. Mit dieser Summe beziffern die Ökonomen den wirtschaftlichen Gegenwert für den Verzicht auf direktdemokratische Rechte. „So viel müssten die Schweizer theoretisch erhalten, damit sie wieder gleich zufrieden wären wie vor der Einschränkung ihrer Rechte.“

Eine wundersame Schätzung! Ich wusste gar nicht, dass man demokratische Rechte in Geld aufwiegen kann. Je weniger Rechte ich habe, umso mehr lasse ich mich das kosten … Was ist das für eine Logik? Und was sind das für Wissenschafter? Doch die Stossrichtung der absurden Beweisführung ist natürlich klar: Ein EU-Beitritt ist des Teufels – und zudem für uns Schweizer unbezahlbar. Wer kann schon in heutigen Zeiten binnen zehn Jahre 900 Milliarden Franken aufwerfen?

Eigentlich könnte ich eine solche Posse schulterzuckend zur Seite legen und mich Sinnvollerem und anderen Tageszeitungen zuwenden. Doch das ist ja gerade mein Problem: als leidenschaftlicher Zeitungsleser fehl mir hier in der Nordwestschweiz schlicht eine Alternative – zumindest wenn ich mich zufälligerweise auch für die Region interessiere, in der ich lebe. Seit der Wende bei der Basler Zeitung wird mir – im Namen der Meinungsvielfalt – zunehmend eine rechtsbürgerliche Meinung unter die Nase gerieben, der ich mich nur entziehen kann, indem ich Verzicht übe: Verzicht auf die Lektüre der regionalen Zeitung und damit Verzicht auf einige wichtige Aspekte meiner Verbundenheit mit der Region.

Und das ist eine Zumutung, die ich irgend einem dahergelaufenen Investor zu verdanken habe, der fand, es sei sicher lohnend, in den publizistisch gesteuerten Meinungsumschwung einer ganzen Region zu investieren – und ich weiss nicht einmal mit Sicherheit, wer das ist …

***

Nachtrag:

Deshalb unterstütze ich mit ganzem Herzen die Petition für Medientransparenz, initiiert von Kunst und Politik.

Zappenduster: Die „Basler Zeitung“ und Christoph Blocher

Eben noch dachte ich: Schlimmer kann es nicht kommen (siehe meinen Artikel Die Wende bei der Basler Zeitung). Doch es kann …

Wenn man dem heutigen Artikel der „NZZ am Sonntag“, Blocher bestimmt Kurs der „Basler Zeitung“, glauben kann, sieht es in absehbarer Zeit medientechnisch zappenduster aus in der Nordwestschweiz. Was sich da anbahnt, ist zwar für die Medienbranche von heute nichts Aussergewöhnliches. Im Gegenteil, es ist fast schon Mainstream. Doch da dieser Mainstream plötzlich so nahe an mich heran kommt und unerbittlich mein bisheriges Leibblatt erfasst – nicht dass es mein Lieblingsblatt wäre, aber ich hab nun mal keine Alternative, wenn ich über die Stadt Basel informiert sein will –, weil also die Medien-Melioration penetrant nahe kommt, beginnt es weh zu tun und lässt mich ziemlich ratlos zurück.

Die Fakten kurz in Stichworten (für Details empfehle ich den Originalartikel von NZZ am Sonntag):

  • Ab nächstem Jahr soll die Mediengruppe Basler Zeitung eine Rendite von zehn Prozent abwerfen (was im Medienbereich fast schon unverschämt anmutet).
  • Zu diesem Zweck wird Christoph Blocher beziehungsweise der Firma Robinvest, deren Verwaltungsratspräsident er ist, ein umfassendes Beratermandat erteilt.
  • Es ist nicht auszuschliessen, dass die Mediengruppe zerschlagen werden wird, so dass die Filetstücke – dazu zählt offenbar das Quasi-Monopolblatt BaZ  – behalten und weiterentwickelt, während die weniger (bis nicht-)rentablen Teile (Beteiligungen und Druckerei) verscherbelt oder liquidiert werden – was einen grösseren Stellenabbau zur Folge hätte.
  • Dazu passt, dass die Holding der Mediengruppe vor kurzem nach Zug verlegt wurde. Auch das bestimmt aus Gründen der Kostenoptimierung.

Dass Christoph Blocher damit auch politisch und Inhaltlich auf die „Basler Zeitung“ Einfluss erhält, ist durch die beschriebenen Vorgänge nicht automatisch gegeben. Doch da Markus Somm, der neue Chefredaktor der BaZ und Intimus von Christoph Blocher – er veröffentlichte 2009 eine Biografie mit dem fast schon liebevollen Titel „Christoph Blocher. Der konservative Revolutionär“ – die Basler Zeitung bereits jetzt konsequent in rechtskonservative Gewässer steuert, braucht es diesen unmittelbaren Einfluss gar nicht mehr.

Im Namen der Basler Mediengruppe, „National Zeitung und Basler Nachrichten AG“, spiegelt sich die langjährige Hypothek der Nordwestschweizer Medienlandschaft wider. Die Aktiengesellschaft entstand im Zuge der „Fusion“ der „National Zeitung“ und der „Basler Nachrichten“. Fusion ist übrigens als Bezeichnung nicht korrekt: „Die National-Zeitung AG übernahm die Aktiven und Passiven der Basler Berichtshaus AG (des Verlagshauses der Basler Nachrichten), die darauf liquidiert wurde“ (Zitat aus Wiki-Artikel zur Basler Zeitung). Aus dieser Übernahme ging die Basler Zeitung hervor.

Wie es aussieht, schliesst sich der Kreis und die Basler Zeitung wird vollends zum rein wirtschaftlich ausgerichteten, neoliberalen Medienprojekt, und zwar was publizistischen Inhalt wie unternehmerische Haltung anbetrifft. Es wird zappenduster in der Nordwestschweiz – es sei denn ein alternatives Tageszeitungsprojekt bricht die Monopolstellung der Basler Zeitung.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen …

PS: Warum eigentlich macht die Basellandschaftliche Zeitung keine Anstalten, auch die Stadt Basel publizistisch zu umwerben und so zu einer Tageszeitung beider Basel – und damit zu einer Alternative zur BaZ – aufzusteigen?

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