Grundeinkommen und soziale Dreigliederung: Ein Widerspruch?

Da ich beiden Ideen zugeneigt bin, der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens ebenso wie der Idee der sozialen Dreigliederung, treibt mich die Frage nach der Vereinbarkeit der beiden Impulse besonders um. Je nach Antwort muss ich in meinem Denken einen grösseren oder kleineren Spagat vollführen – oder eine der Ideen über Bord werfen. – Ein Klärungsversuch.

Seit Jahren besteht ein Streit innerhalb interessierter anthroposophischer Kreise über die Frage, ob sich das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) mit der Idee der sozialen Dreigliederung vereinbaren lässt, also letztlich, ob das BGE seitens der Anthroposophie Unterstützung verdient oder nicht. Die Auseinandersetzung wird mit einer gewissen Vehemenz geführt und trägt zuweilen auch polemische Züge, wobei es vor allem die «Dreigliederer» sind, die sich dagegen wehren, dass das BGE als gleichsam organisch aus der sozialen Dreigliederung hervorgehende Idee betrachtet wird.

Was ist soziale Dreigliederung?
Für die LeserInnen, denen die Idee der sozialen Dreigliederung unbekannt ist, hier ein kleiner Exkurs: Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, hat die Idee im Jahr 1919 unter dem Eindruck der russischen Oktober-Revolution in die Welt gesetzt. Sie umfasst im Wesentlichen das Ziel, die drei Hauptbereiche des sozialen Lebens – das Rechtsleben, das Wirtschaftsleben und das Geistesleben, bestehend aus Kunst, Bildung und Forschung, so zu organisieren, dass diese sich eigenständig entwickeln können.[1] Ein weiterer zentraler Punkt ist die Entkoppelung von Arbeit und Einkommen. Lohnarbeit unterscheide sich nur in Nuancen von Sklavenarbeit und widerspreche der inneren Logik des menschlichen Tätigseins. Denn Arbeit sei keine Ware, die sich kaufen und verkaufen lasse. Vielmehr bestehe der Sinn einer «Entlöhnung» darin, den Tätigen so mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen, dass er sich überhaupt seiner Tätigkeit widmen kann und nicht zum Beispiel stattdessen Kartoffeln anpflanzen muss. Im sogenannten sozialen Hauptgesetz[2] – das Rudolf Steiner allerdings schon in jüngeren Jahren geprägt hat, also einige Zeit vor seiner Dreigliederungsidee – kommt das anzustrebende Verhältnis von Arbeit und Einkommen, dort Erträgnisse genannt, zum Ausdruck. [Read more…]

Anders wirtschaften – assoziativ wirtschaften!

Ist solidarisches Handeln in der Wirtschaft eine Illusion, eine hoffnungslose Träumerei? Oder ist es eine Notwendigkeit, um dem von Egoismus und Bereicherungswut geprägten Wirtschaftsleben etwas entgegenzusetzen, das mit dem mündigen Menschen und den Möglichkeiten seiner Vernunft rechnet? Ein paar grundsätzliche Überlegungen – und ein paar Beispiele der solidarischen Wirtschaft aus der Praxis.

Warum eigentlich ist die Selbstbehauptung in der heutigen Wirtschaft derart auf die Spitze getrieben? Weil nur so das Überleben des einzelnen gesichert ist? Weil man nur dem Egoisten Leistungsfähigkeit zutraut?  Oder vielleicht gar weil zu Recht nur der Stärkste überleben soll, wie in der Natur und – angeblich – gemäss dem ehernen Gesetz des (Sozial-)Darwinismus?

Allein die Tatsache, dass das Dogma der allein selig machenden Konkurrenzwirtschaft aus dem 18. Jahrhundert stammt (Adam Smith, 1723 – 1790), müsste eigentlich zweifeln lassen an der Richtigkeit des Konzeptes für unsere heutige Wirtschaft. Doch auch wesentlich handfestere Erfahrungstatsachen aus der Gegenwart weisen darauf hin, dass das Wirtschaftsgeschehen neue Impulse braucht, um endlich und auch in Zukunft seiner zentralen Aufgabe gerecht zu werden, nämlich die Versorgung aller Menschen dieser Erde in optimaler Weise zumindest anzustreben, aber eigentlich zu gewährleisten.

Bewusste Gestaltung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit

Dass in der heutigen Wirtschaft einiges schiefläuft, muss nicht näher erläutert werden. Ein wichtiges Moment dieser Fehlentwicklung ist meines Erachtens, dass trotz vermehrter Arbeitsteilung, also Zusammenarbeit – sie ist ja inzwischen weltumspannend – die Ausbildung des Interesses zwischen den einzelnen Wirtschaftsteilnehmern, insbesondere zwischen den Produzenten und den Konsumenten, nicht mithalten konnte. Die weltweite Arbeitsteilung verbindet zwar die Menschheit zu einem Ganzen. Zugleich zerschneidet sie den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Produktion und Bedarf, wie er in früheren Zeiten quasi natürlich gegeben war. Es ist deshalb notwendig, diesen Zusammenhang bewusst zu gestalten.

Weder Marktwirtschaft noch Planwirtschaft geben darauf eine angemessene Antwort: Während die Marktwirtschaft statt auf ökonomische Vernunft der Marktteilnehmer auf eine mechanische Selbstregulierung des Marktes durch Angebot und Nachfrage setzt, will die Planwirtschaft Preis und Angebot bürokratisch und von oben herab steuern. Beide Varianten entmündigen die Marktteilnehmer und sprechen ihnen ihre ökonomische Vernunft ab. Das führt zu Ungleichgewichten und Fehlentwicklungen, wie wir sie immer wieder im Wirtschaftsgeschehen beobachten müssen.

Assoziationen als neue Wirtschaftsorgane

Doch nur die wirtschaftenden Menschen selbst können sinnvolle, tragende Beziehungen der Kooperation eingehen. Nur sie wissen aus der täglichen Erfahrung, wie der Bedarf genau aussieht; nur sie kennen die Produktionsbedingungen und -möglichkeiten aus eigener Anschauung. Warum also sollen nicht sie, nämlich die Erzeuger, die Verbraucher und der Handel, in Assoziationen zusammenarbeiten – regional oder branchenbezogen – und so, indem sie den Preis und die Menge der Produkte aushandeln, zum entscheidenden Gestaltungselement der Wirtschaft werden?

Sie bilden so eine Art neue Organe im Wirtschaftsgeschehen, die zunächst der Begegnung und des Austausches dienen. Das gegenseitige Wahrnehmen der Lebensbedingungen, die Ausbildung des Bewusstseins füreinander stehen im Zentrum dieser Assoziationen. Das allein ist schon ein Paradigmenwechsel, wird doch so eine Art Brüderlichkeit – das Interesse am Gegenüber ist Ausdruck davon – ins Wirtschaftliche eingeführt. Assoziationen dienen sodann der Selbstverwaltung der wirtschaftlich Tätigen. Da jedoch die weit fortgeschrittene Arbeitsteilung zu einer Aufsplitterung des wirtschaftlichen Erfahrungsfeldes führt, funktioniert das – mit Blick auf das Ganze – nur, wenn sich die Erfahrungen und Kenntnisse gegenseitig ergänzen. Die Praxisvertreter (Erzeuger wie Verbraucher) bilden so einen Raum des Erfahrungsaustausches, in dem sich – immer in Bezug auf die regionalen oder branchenbezogenen Besonderheiten – ein Gemeinsinn entwickeln kann, der dem Wirtschaftsgeschehen eine sachbezogene Vernunft einhaucht. Dies ist kein Endziel, sondern ein andauernder, lebendiger Prozess, der sich immer wieder den wechselnden Gegebenheiten anpasst. Dieser Prozess führt in den Assoziationen zu verbindlicher Zusammenarbeit zwischen Konsumenten, Produzenten und Händlern, die so eine Vertragsgemeinschaft bilden. Diese Vereinbarungen und Verträge sind Teil und Essenz des oben beschriebenen Prozesses und Ausdruck der gemeinsam getragenen sozialen und ökologischen Verantwortung.

Ein zentraler Aspekt des Wirtschaftsgeschehens ist der Preis eines Produkts. Erst wenn sich darin die tatsächlichen Kosten und die gegenseitigen Interessen von Verbrauchern und Erzeugern abbilden, kann man von einem gerechten Preis sprechen – gerecht nicht in einem streng ethischen Sinn, sondern vielmehr in einem ökonomischen Sinn, indem der (gerechte) Preis die Gleichgewichtsbedingungen des ökonomischen Lebens zentral beeinflusst. Assoziationen sind deshalb auch Organe des Preisgesprächs. Und weil sie auf verbindliche Vereinbarungen bezüglich Preis, Mengen und Bedingungen der Warenproduktion und des Verbrauchs abzielen, dienen Assoziationen auch dem Schutz der daran Beteiligten.

Beispiele

Dass assoziative Wirtschaftsformen gerade im Schlachtfeld der heutigen Wirtschaft wie zarte Pflänzchen aufkeimen und inzwischen trotz eisigem Wind vielfältige Blüten und Früchte tragen, widerlegt ganz konkret den manchmal mit mitleidigem Lächeln vorgetragenen Vorwurf, es handle sich bei der assoziativen Wirtschaft um eine schöne Träumerei. Die folgenden Beispiele sind nur ein kleiner Ausschnitt der weltweiten und vielfältigen Bestrebungen in Richtung einer assoziativen Wirtschaft.

Der Gedanke des fairen Handels und die vielfältigen Organisationen – und oft eben Assoziationen –, die sich auf dieser Basis gebildet haben, beruhen vielfach auf den Ideen der assoziativen Wirtschaft. So importiert und vertreibt zum Beispiel gebana seit dreissig Jahren Bio-Lebensmittel aus ökologischer Landwirtschaft des Südens zu fairen Bedingungen.

Doch auch regional geniessen Assoziationen immer stärkeren Zulauf, insbesondere in der sogenannten Vertragslandwirtschaft. Hier schliessen Produzenten und Konsumenten im Rahmen eines Vereins oder einer Genossenschaft einen Vertrag ab, in dem festgelegt wird, was, wie viel, von welcher Qualität, wann, wie lange und zu welchem Preis produziert und gekauft wird. Bauernhöfe und KonsumentInnen – gerade auch in städtischen Gebieten – vernetzen sich so kleinräumig, was für beide Seiten handfeste Vorteile hat: die KonsumentInnen haben – meistens über das ganze Jahr – frische Landwirtschaftsprodukte in garantierter Qualität (Produktionsart) und zu günstigen Bedingungen; die ProduzentInnen haben faire Preise und eine garantierte Abnahme ihrer Produkte und können sich dadurch auch sinnvoll weiterentwickeln; die Ernährungssouveränität sowie die soziale und ökologische Nachhaltigkeit wird gestärkt. Beispiele für die Schweiz sind: Soliterre in Bern, Ortoloco in Zürich, der Birsmattehof in Basel und das StadtLandNetz in Winterthur.

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Natürlich sind das alles bescheidene Ansätze, zumal im Zahlenvergleich mit der globalisierten Wirtschaft. Doch die Beispiele sind mehr als der sprichwörtliche Tropfen auf den heissen Stein. Zunächst, weil die Initiativen nicht verdampfen, sondern sich im Gegenteil bewähren und immer mehr Zulauf haben. Aber auch weil die vorherrschende Wirtschaft immer unverhüllter ihre menschenverachtende Seite offenbart und in der assoziativen Wirtschaft ein Gegenbild dasteht, eine Alternative, eine Vision, die sich im Kleinen bereits bewährt hat und die bereit ist, Schule zu machen.


Weiterführende Links:

Die Idee der sozialen Dreigliederung

Sinnbild für freie Lehre und Forschung: Die Schule von Athen, Fresko von Raffael, 1510 – 1511

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Angesichts des totalitären Anspruchs des heutigen Wirtschaftssystems und der Perspektivenlosigkeit vieler Politiker ist es als Zeitgenossen nicht einfach, sich der Beklemmung der Gegenwart zu entziehen. Gibt es Antworten auf die drängende Frage nach einer sinnvollen, zukunftsfähigen Gestaltung des menschlichen Zusammenlebens auf lokaler wie auf globaler Ebene? Gibt es einen Ausweg aus der Vereinseitigung von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft, eine Vereinseitigung, die nach dem Empfinden vieler geradezu apokalyptische Ausmasse angenommen hat? Die Idee der sozialen Dreigliederung hat das Potential, Perspektiven aufzuzeigen, ohne der Wirklichkeit ein weiteres ideologisches System überzustülpen. Es sei hier versucht, die Idee in kurzen Worten zu charakterisieren.

Die Grundidee der sozialen Dreigliederung ist einfach und geht von der Beobachtung der Wirklichkeit aus: Das Soziale besteht im Wesentlichen aus drei Bereichen: aus der Kultur, der Politik und der Wirtschaft. Diese drei Glieder des Sozialen müssen – und das ist der zentrale Gedanke – in einer gewissen Autonomie und Selbstverwaltung nebeneinander bestehen können, ohne dass der eine Bereich den anderen dominieren kann oder dessen Aufgaben übernehmen will. Nur so kann das gesamte menschliche Potential, nur so können alle Fähigkeiten des Menschen ungehindert in die Gestaltung des sozialen Raumes einfliessen.

Die drei Bereiche des Sozialen

Die drei Glieder des Sozialen können wie folgt kurz charakterisiert werden:

Die Kultur umfasst neben dem eigentlichen Kulturleben auch das Bildungswesen und die wissenschaftliche Forschung. Wo immer der Mensch aus seinen individuellen Fähigkeiten heraus handelt, ist er Teil des Kultur- oder Geisteslebens. Hier ist deshalb auch die Heimat und die Geburtsstätte von Ideen, von Sinnstiftung und Ethik. Die Schlüsselinstitution dieses Bereichs ist die Zivilgesellschaft.

Die Politik ist zuständig für Gerechtigkeit und Sicherheit in allen Bereichen menschlicher Beziehungen. Der Staat ist die zentrale Institution dieses sozialen Gliedes. Er schützt die Menschen vor Willkür und Machtmissbrauch, indem er Verfassung und Rechtsnormen durchsetzt.

Die Wirtschaft ist die Sphäre der Warenproduktion, des Angebots von Dienstleistungen sowie der Verteilung und des Konsums von Waren und Diensleistungen. Hier werden die menschlichen Bedürfnisse befriedigt. Die zentrale Institution ist hier der Markt, wo sich Angebot und Nachfrage treffen.

Es ist leicht einsehbar, dass die Charakterisierung der drei sozialen Kernbereiche – so holzschnittartig sie wegen der gebotenen Kürze auch sein mag – unsere tägliche Erfahrung widerspiegelt und wenig umstritten sein dürfte. Ihre Autonomie und Selbstverwaltung ist indessen heute alles andere als gegeben. Die Sphäre der Wirtschaft dominiert offenkundig die anderen Bereiche. Politik und Wirtschaft sind alles ander als autonom voneinander; vielmehr sind sie miteinander in höchstem Masse verfilzt. Und der Staat wie die Wirtschaft versuchen, die Kultur, das Geistesleben zu kontrollieren, was ein hervorstechendes Merkmal totalitärer Gesellschaften ist.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit

Zur Idee der sozialen Dreigliederung gehört, dass die drei Kernbereiche nach folgenden Prinzipien organisiert sein sollen:

Die Freiheit im Kulturleben
Wo der Mensch aus seinen individuellen Fähigkeiten heraus handelt, soll das Prinzip der Freiheit verwirklicht werden. Nur so kann sich diese Fähigkeit voll entfalten. Bildung, Wissenschaft und Ideen können nur in einer Atmosphäre der Freiheit gedeihen. Wo diese instrumentalisiert werden, wird ihr Potential nicht ausgeschöpft, was einer Schwächung des ganzen sozialen Organismus gleichkommt. Die individuelle Freiheit – eine der Prinzipien der Französischen Revolution und damit der Aufklärung – ist deshalb dem Geistesleben ureigen.

Die Gleichheit im Rechtsleben
Vor dem Gesetz steht jeder dem anderen als Gleicher gegenüber. In dieser sozialen Sphäre hat jeder Mensch eine Stimme. Nicht die individuellen Fähigkeiten sind hier ausschlaggebend, sondern der Umstand, dass jeder Mensch ein Recht auf Leben, auf Würde und auf Selbstbestimmung hat, allein dadurch, dass er in diese Welt hinein geboren wurde. Daraus folgt auch, dass das Rechtsleben Gegenstand eines demokratischen Prozesses sein muss, ausgehend von der (gleichberechtigten) Stimme jedes einzelnen.

Die Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben
Die heutige Wirklichkeit, in welcher der Egoismus und das Recht des Stärkeren oberstes Prinzip des Wirtschaftens darstellen, steht diesem Organisationsprinzip der sozialen Dreigliederung diametral entgegen. Doch der blinde Markt führt sich zunehmend selbst ad absurdum, und der faire Handel, der im gegenseitigen Interesse langfristige Verträge aushandelt und sich durch Rücksichtnahme auszeichnet, wird der Wirklichkeit aller Beteiligter deutlich gerechter. Schon heute ist die Brüderlichkeit ein etwas versteckter, aber zentraler Impuls in der Realwirtschaft, indem etwa im Gewerbe ein Dienstleister oder ein Produzent seine ganzen Fähigkeiten in den Dienst seiner Kunden stellt. Erst anlässlich der Bezahlung dieser Dienstleistung oder des Produktes öffnet sich ein Raum, wo der Egoismus ins Spiel kommen kann.

Von der instinktiven zur bewussten Dreigliederung

Bereits heute ist die soziale Dreigliederung eine Tatsache. Die drei zentralen Bereiche des Sozialen bestehen nebeneinander, seit es eine Menschheit gibt. Bloss ist das Verhältnis der Bereiche zueinander bis jetzt das Ergebnis unbewusster Vorgänge. Und nur selten und per Zufall standen die sozialen Glieder in einem sinnvollen, ausgewogenen Verhältnis. Mal war es der Einheitsstaat, der die anderen Bereiche überwucherte, heute ist es die Wirtschaft, die die anderen sozialen Sektoren beherrscht.

Auch die Gestaltungsprinzipien waren und sind in den drei Bereichen willkürlich wirksam. So erweist es sich zum Beispiel als höchst fatal, dass in der heutigen Art des Wirtschaftens die Freiheit – und nicht die Solidarität – zum höchsten Prinzip erkoren wurde. Und in den ehemaligen kommunistischen Staaten war eines der grossen Irrtümer, dass die Gleichheit ein zentrales Gestaltungsprinzip war – ausser in der Rechtssetzung, wo sie eigentlich hingehört.

Es ist höchste Zeit, die instinktiven Kräfte im Sozialen zu überwinden und das Soziale aus dem unbefangenen Bewusstsein heraus zu gestalten. Die soziale Dreigliederung bietet dazu einen Ansatz, der den Erfordernissen der Gegenwart entspricht. Und vor allem: mit der Umsetzung kann noch heute begonnen werden – indem zunächst die Zusammenhänge neu gedacht werden. Das ist eine Kulturleistung und damit prioritäre Aufgabe der Zivilgesellschaft.

Die soziale Dreigliederung wurde ein erstes Mal um 1920 von Rudolf Steiner beschrieben.

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Weiterführende Links:

Die Zivilgesellschaft als dritte globale Kraft

Seit dem Scheitern der WTO-Konferenz des Jahres 1999 in Seattle ist deutlich, dass die Zivilgesellschaft eine globale Kraft geworden ist, die von den Mächtigen in Wirtschaft und Politik nicht mehr ignoriert werden kann. Die Bedeutung dieser dritten, korrigierenden Macht kann kaum überbewertet werden. Eine Würdigung.

Die Frage nach der gerechten Verteilung von Gütern und nach einem faktischen Lebensrecht in Würde für alle Menschen dieser Erde ist nach wie vor unbeantwortet. Sind wir diesem Ziel in den letzen Jahren – global gesehen – näher gekommen oder haben wir uns nicht vielmehr in Riesenschritten davon entfernt? Bis in die Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts wurde die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit im Wesentlichen zwischen Kapitalisten und Kommunisten ausgefochten. Was sich wie zwei Gegenpole in Szene setzte, schuf allerdings auf je eigene Art nur mehr Ungerechtigkeit und trug wenig zur Lösung bei. Auf beiden Seiten blieben grosse Teile der Bevölkerung auf der Verliererseite und büssten ihre Würde ein. Allerdings milderte in den westlichen Ländern der enorme wirtschaftliche Aufschwung diese Tatsache – weniger im Sinne einer umfassenden Emanzipation der Menschen, sondern eher indem ihnen grosszügig Zugang zu den Fleischtöpfen gewährt wurde.

Der Kapitalismus als Sieger?

Dann fiel der Kommunismus in sich zusammen. Der Kapitalismus schien alternativlos dazustehen und plusterte sich deutlich auf. Er wurde zum allein selig machenden Konzept und überstrahlte jegliche Alternativen. Der technische Fortschritt und der wirtschaftliche Boom, hauptsächlich in der Finanzwirtschaft, gaben ihm zusätzlichen Rückenwind. Ein Gewinntaumel ungekannten Ausmasses setzte ein, und gleichzeitig öffnete sich die Schere zwischen Arm und Reich in einem solchen Mass, dass man, ohne zu übertreiben, von einem neuen Feudalismus sprechen muss. Parallel dazu stieg die Zahl der hungernden Menschen – im Jahr 2009 auf über eine Milliarde.[1]

Offensichtlich ist der Kapitalismus in der heutigen Form ein Auslaufmodell, das sich zunehmend ad absurdum führt und auf die drängende Frage nach würdigen Lebensbedingungen nicht wirklich eine Antwort weiss. Mehr noch: Er entwürdigt mit seinem Gesetz des Stärkeren, mit seinem Konkurrenzprinzip die Mehrzahl der Menschen, sei es subtil, indem er zum Beispiel die Lohnabhängigen in Arbeitsverhältnisse zwingt, die sich von der Sklaverei nur unwesentlich unterscheiden, oder sei es ganz unverhohlen, wenn zum Beispiel Menschen aus Landstrichen vertrieben werden, die industriell genutzt werden sollen.[2]

Neue Perspektiven

Wie weiter? Diese Frage muss sich jeder wache Mensch der Gegenwart stellen. Wo gibt es Ideen und Ansätze, die zu gedeihlicheren Lebensbedingungen breiter Bevölkerungskreise führen – gerade in den Ländern des Südens, aber nicht nur dort? Dabei kann es nicht ausschliesslich um eine bessere Verteilung des Wohlstands gehen. Dies wäre eindimensional gedacht und reduziert den Menschen auf die Rolle des Konsumenten, ganz wie es der Zeitgeist vorgibt. Vielmehr geht es um die Emanzipation breiter Bevölkerungskreise, um ihre Ermächtigung, damit sie ihr Leben in die Hand nehmen können und nicht Spielball ihres sozialen Schicksals oder gar Almosenempfänger bleiben.

Ein Lob der Zivilgesellschaft

Gerade hier zeichnet sich in den letzten Jahren eine Entwicklung ab, die zuversichtlich stimmt: Es entsteht neben dem Wirtschaftssektor und der politischen Macht eine dritte Kraft: die Zivilgesellschaft. Diese bezieht ihre Wirkmacht hauptsächlich aus dem selbstverantwortlichen Individuum. Der einzelne Mensch ist die tragende Kraft der zivilgesellschaftlichen Organisationen, weshalb diese sich auch nicht so leicht in ein Programm pressen lassen und der Hierarchiebildung eher widerstreben. Die Zivilgesellschaft kann mit Recht als aufstrebende Kulturkraft angesehen werden. Sie macht sich im Weltgeschehen immer deutlicher bemerkbar: zunächst mit Nadelstichen gegen die elitäre Globalisierung, welche die Menschen nur mehr als Ausgangsmaterial zur Verwirklichung ihrer Ziele betrachtet, immer mehr aber auch als eigentliche kulturbildende Kraft, die von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft nicht mehr ungestraft übersehen werden kann. Und die Zivilgesellschaft ist zwar lokal verankert, aber immer mehr international vernetzt und macht den Weltwirtschaftsführern und Staatsoberhäuptern zunehmend ihr Monopol streitig, über das Schicksal von uns allen zu entscheiden.

Zivilgesellschaft als Kulturkraft

Wichtig ist festzuhalten, dass sich die Zivilgesellschaft nicht einfach in die Parteienlandschaft einfügen wird oder nach sozialem Unternehmertum strebt. Natürlich ist sie nicht gefeit gegen Vereinnahmung von Politik und Wirtschaft. Aber ihrem Wesen nach ist sie eindeutig dem Kulturellen zuzuordnen, indem sie Werte und Ideen verteidigt, die Teil der kulturellen Substanz einer Gesellschaft sind. Ethik, Identität, Phantasie und Sinn – das ist unter anderem die Substanz der aufstrebenden Zivilgesellschaft, ihr Treib- und auch ihr Zündstoff. Und indem sie diese Substanz verteidigt, ja in die Globalisierung einbringt, öffnen sich Perspektiven, wo noch bis vor kurzem Ratlosigkeit herrschte.

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Fussnoten:
[1] http://news.bbc.co.uk/2/hi/europe/8109698.stm
[2] z.B. in Indien: http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Indien/naxaliten6.html

Weiterführender Link: Institut für soziale Dreigliederung

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