Die kurze Blüte der Sozialdemokratie

In seinem Artikel zur neueren Geschichte der SPD, deren Entwicklung seit den 1960er-Jahren er mit spitzer Feder analysiert, entwirft der Soziologe und Journalist Mathias Greffrath zugleich das Zukunftsbild einer Partei des demokratischen Sozialismus, welche die Gesellschaft aus der zerstörerischen Spirale von Wachstumswahn und sozialer Erosion, von neoliberaler Revolution von oben und Resignation von unten führen könnte. – Eine Lese-Empfehlung.

Braucht es die SPD heute noch? Oder hat sie als Mehrheitsbeschafferin der arg nach rechts gedrifteten Mitte abgewirtschaftet? In den Augen vieler Menschen haben die Sozialdemokraten – nicht nur in Deutschland – ihr Vertrauen verspielt. Im entscheidenden Moment – in Deutschland zur Zeit von Kanzler Schröder – haben sie die Ziele des demokratischen Sozialismus – die Orientierung an einem humanistischen Menschenbild, die Zähmung des Raubtiers Kapitalismus, ja dessen Überwindung und der Wandel hin zu einer solidarischen und pluralistischen Gesellschaft – zugunsten ihrer Wählbarkeit aufgegeben und damit der neoliberalen Revolution Tür und Tor geöffnet.

Schnelles Ende des sozialdemokratischen Schönwetterkonsenses

Die Blüte der Sozialdemokratie lag in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, als sie mit ihren Ideen die gesellschaftliche Realität wesentlich formten. In den Worten von Mathias Greffrath, bezogen auf Deutschland:

(…) in den 1970ern modernisierten Sozialdemokraten den Kapitalismus: Sie reformierten das Familienrecht, humanisierten die Psychiatrie, demokratisierten das Bildungswesen, setzten etwas mehr Mitbestimmung durch, bauten die sozialen Dienste aus. In der SPD trafen sich die Interessen der progressiven Mittelschicht und der Lohnabhängigen, das trug ihr 400 000 neue Mitglieder ein. Das Wort vom Rheinischen Kapitalismus ging um die Welt.

Doch mitten im Sozialdemokratischen Jahrzehnt begann die Konjunktur zu kippen, der Ölpreis stieg, weltweit wurden die Banker von der Leine gelassen, und die Grenzen des Wachstums tauchten am Horizont auf. Die Zeit des sozialdemokratischen Schönwetterkonsenses war vorbei. In Deutschland stürzte die FDP den Kanzler Schmidt (…)» Zwar brachten die folgenden Jahre in der Opposition die SPD wieder näher zu ihren Wurzeln: Das Berliner Programm von 1989 befand: «Reparaturen am Kapitalismus genügen nicht», «eine neue Ordnung von Wirtschaft und Gesellschaft» sei nötig. Einen Monat nach dem Fall der Mauer war das ein Anachronismus, es folgte ein weiteres Jahrzehnt Deregulierung und Verschlankung des Sozialstaats.

Politische Speerspitze des Aufbruchs?

Inzwischen – Anfang 2018 – steht unsere Gesellschaft dem Zerfall deutlich näher. Die Entsolidarisierung nimmt menschenverachtende Züge an, die Konzentration von Macht und Geld gemahnt an die Zeit des Feudalismus, bloss dass wir es heute nicht mehr mit Landesherren in einem begrenzten Territorium zu tun haben, sondern mit einer übernationalen Machtballung, welche die Nationalstaaten immer mehr zum Spielball ihres Willens macht. Manchen scheint das Spiel verloren. Resignation macht sich breit. Die Idee einer anderen, besseren Welt und Gesellschaft wird in der Politik kaum mehr verhandelt.

In der Zivilgesellschaft allerdings sehr wohl. Greffrath dazu:

(…) wenn nicht alles trügt, haben die meisten Bürger zumindest eine Ahnung davon, dass wir am Beginn einer neuen Epoche leben, dass die alten Strukturen nicht mehr tragen, die fetten Jahre vorbei sind. Dieser Ahnung Wort zu geben, wäre der erste Schritt aus der angstbesetzten Erstarrung und der gedankendürren Alternativlosigkeit. (…)

Denn unsere Gesellschaft ist an humanitären, ökologischen, sozialen Initiativen, an genossenschaftlichen Experimenten und postkapitalistischen Enklaven ebenso reich wie an innovativen Energieingenieuren, erfolgreichen Ökobauern, Bildungsreformern und konzeptioneller Intelligenz. Aber all diesen Aufbrüchen fehlt eine politische Speerspitze. Genau das wäre die Aufgabe einer wirklich modernen Sozialdemokratie: diese Aufbruchsenergien zu bündeln und politisch zuzuspitzen. Ziele zu definieren, die allen einleuchten, die auch nur einen Funken Interesse an Zukunft haben. Die «unten» erkämpften Freiräume durch Gesetze und Institutionen abzusichern und so die Grundlagen für eine postkapitalistische Gesellschaft zu legen.

Sozialdemokratie im 21. Jahrhundert. – Was könnte das sein? Angesichts der spektakulären Selbstdemontage der deutschen SPD, um koalitionsfähig zu bleiben, stellt sich die dringende Frage nach einem redlichen demokratischen Sozialismus, der die vielfältigen zivilgesellschaftlichen Strömungen hin zu einer postkapitalistischen Gesellschaft bündelt und ihnen so die Kraft verleiht, im letzten Moment den neoliberalen Endsieg doch noch zu verhindern und eine lebenswerte Zukunft anzusteuern. – Eine blosse Träumerei?


Anmerkungen:

Der Text von Mathias Greffrath ist unter dem Titel «Mit uns wird es nur langsam schlimmer» in Le Monde diplomatique vom Januar 2018. Online ist er hier verfügbar.

Bildnachweis: Kanditatenpresse von mkorsakov, CC-Lizent via flickr

Advertisements

Medien in der Sackgasse

Wie konnte es soweit kommen, dass die Medien, die einst stolze «Vierte Gewalt» im Staat und Korrektiv der Politik, immer mehr ausbluten oder in ihrem Streben nach Aufmerksamkeit (und Klicks) ihre Seele verkaufen? Matthias‘ Zehnders Sachbuch zur Medienentwicklung weiss Antwort auf diese Frage. – Eine Buchbesprechung.

In einem schmalen Bändchen legt uns Matthias Zehnder Gewichtiges vor: nichts weniger als eine verständliche Analyse der Triebkräfte, mit denen die heutigen Medien um unsere Aufmerksamkeit buhlen – und warum eben diese Triebkräfte in eine Sackgasse führen.

Der Medienwissenschaftler und langjährige Chefredaktor der Coopzeitung und der BZ Basel/BZ Basellandschaftlichen Zeitung zeigt auf, wie viele Medien auf ihrer Jagd nach Klicks und Reichweite ihre Seele, den redlichen Journalismus, verkaufen: mit zugespitzten Aussagen, Vereinfachungen und Dramatisierungen – und oft genug mit noch drastischeren Mitteln. Das führt zu einer Boulevardisierung der Medien, und zwar auf breiter Front. Denn das alte Modell der Abo-Zeitung steht unter Druck und wird abgelöst durch Gratiszeitungen und kostenlose Inhalte im Internet. Immer mehr Medienangebote buhlen um das begrenzte Gut unserer Aufmerksamkeit. Laut Zehnder leben wir in einem Medienschlaraffenland, was zu Überinformation und «gleichzeitiger Unterernährung des Verstandes» führt. – Und zur Boulevardisierung der Politik.

Denn im selben Sinne wie die Medien bewirtschaftet auch die Politik die Aufmerksamkeit ihrer Wählerschaft. Die Medien werden so – oft unfreiwillig – zu Steigbügelhaltern für Populisten. Zehnder illustriert das mit dem Beispiel Donald Trump, der im Wahlkampf ungleich weniger für Werbung ausgegeben hat als seine Gegnerin Hillary Clinton, aber durch seine zugespitzten, ja nachweislich falschen Aussagen und sein rüppelhaftes Verhalten viel grössere Aufmerksamkeit in den Medien erzielt hat.

Die vermeintliche Notwendigkeit, um Aufmerksamkeit zu buhlen, führt die Medien in eine Sackgasse. Das zeigt der Autor glaubhaft auf. Etwas mager fallen hingegen seine Vorschläge aus, wie die Medien und wir MedienkonsumentInnen aus dieser Falle wieder hinausfinden. Hoffentlich folgt hierzu ein weiteres schmales, aber gewichtiges Bändchen.

Matthias Zehnder, «Die Aufmerksamkeitsfalle – Wie die Medien zu Populismus führen», Zytglogge 2017. 125 Seiten, gebunden, Fr. 24.–, ISBN 978-3-7296-0951-8

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese Buchbesprechung ist zuerst in der ProgrammZeitung erschienen.

Erinnerungen ans Kinderspital Basel

Das Kinderspital lag damals, in den frühen 1960er Jahren, nicht mitten im Gewühl der Stadt so wie heute, sondern geradezu idyllisch am Rheinufer, umgeben von grossstädtischen Villen und gegen die Stadt hin abgeschirmt durch imposante, aber ältliche Wohnblöcke. Vom Schlafsaal aus, der zugleich Aufenthaltsraum und Spielplatz für uns Kinder war, hatten wir freie Sicht auf den Rhein und die andere Seite des Flusses. Alle Schlafsäle waren zum Rhein hin ausgerichtet und besassen weite, luftige und lichte Balkone: unsere Spielwiese im Sommer. Der ganze Gebäudekomplex und die rheinseitige Stahlkonstruktion mit den Balkonen waren weiss gestrichen, ganz so wie es sich für ein Krankenhaus gehört.

Nur wenige Erinnerungen habe ich aus jener Spitalzeit, die von 1959 bis 1964 dauerte. Sie stehen da wie Traumbilder, die aus ihrem Zusammenhang gelöst sind, aber für sich ein Ganzes darstellen. Zum Beispiel der Blick von meinem Bett aus in die glasklare, helle Winternacht, in den weiten Sternenhimmel, darunter der Rhein und am gegenüberliegenden Ufer einzelne gelblich flackernde Lichter. Womöglich lag Schnee. Eindrücklicher als das äussere Bild ist mir die Stimmung, die damit verbunden ist. Diese ist nur schwer in Worte zu fassen. Vielleicht noch am ehesten so: Du bist als vielleicht sechsjähriger Bube auf dich allein gestellt, ganz auf dich allein gestellt. Jedenfalls erlebst du es so. Nicht weil sich niemand um dich kümmert, sondern weil du keine der Krankenschwestern als deine Mutter identifizieren kannst – und schon gar nicht einen der Ärzte als deinen Vater. Am ehesten noch würden die anderen Kinder als Geschwister durchgehen. Doch die werden seltsamerweise alle paar Tage oder Wochen ausgewechselt. Du findest keinen Schlaf. Womöglich fühlst du dich einsam, gar verlassen. Womöglich bist du traurig oder verängstigt, vielleicht auch nur erstaunt ob der seltsamen Welt um dich her. Und nun schaust du in diesen grossen Winterhimmel. Und es kommt dir ein grosser Trost entgegen. Obschon du noch keine Vorstellung vom Weltall hast, erahnst du die Weite, die sich auftut, wenn du einen Stern erblickst. Du bist überwältigt, verlierst alle Ängste – oder vergisst sie – und fühlst dich besänftigt und aufgehoben. Neuer Lebensmut erfüllt dich, der noch lange Zeit anhalten wird – im Grunde bis zum heutigen Tag.

Ein anderes Erinnerungsbild sind die Lastenkähne, die sich den Rhein hochkämpfen, halb Boot, halb Unterseeboot, so schwer beladen sind sie. Ganz aufgeregt wurde ich als Kind, wenn das Schiffshorn erklang. War das Schiff in Sichtweite, so war ich sicher, dass der Kapitän uns Kinder oder gar mich persönlich grüssen wollte. Das machte mich stolz und weckte zugleich das Fernweh. Oft stellte ich mir, wenn ein Schiff vorüberzog, ganz konkret vor, wie ich dort an der Reling stand, ein letztes Mal zum Kinderspital blickte und in eine andere Welt entschwand. Der Rollstuhl und dass er mein ständiger Begleiter würde, fand erst viel später Eingang in meine Vorstellungswelt.


Bild: UKBB (Universitäts-Kinderspitals beider Basel)

Weitere historische Bilder: http://www.ukbb.ch/de/ukbb/medien.php#anchor_c7290867_Accordion-Historische-Bilder

Der Schreibtisch – Blick in meine Alltagswelt

Dreh- und Angelpunkt meines Lebens ist seit vielen Jahren mein Schreibtisch. Dieser hat die stattliche Grösse von vielleicht drei Quadratmetern und gleicht, recht betrachtet, einer vielfältigen Landschaft, ja einer Welt im Kleinen, die sich vor meinen Augen mal lieblich, mal herausfordernd ausbreitet, wenn ich mich hinsetze. Vor mir in klassischem Grün die Schreibunterlage, unter deren Rändern oben und rechts sich manches ansammelt – einzelne Briefmarken oder Einzahlungsscheine, die sich bis zum nächsten Zahlungstermin stapeln. Auch eine Karte für Notizen liegt bereit. Allein anhand dieser Karten liesse sich eine Chronologie meines Lebens aufstellen. Denn seit Jahren kritzle ich sie voll mit Stichwörtern zu kleinen oder grossen Pendenzen und achte darauf, dass nirgens weisse, unbeschriebene Stellen übrig bleiben. Dann lege ich sie zu den anderen vollgekritzelten Karten und versehe sie mit einer Laufnummer. Inszwischen bin ich bei der Nummer 243 angelangt.

In einem Halbmond, durch die Reichweite meines rechten Arms festgeschrieben, liegen auf meinem Schreibpult mehrer Stapel von Büchern und anderem Zeugs. Ganz links beginnt dieses Halbrund mit Musiknoten, hauptsächlich für klassische Gitarre – Fernando Sor und Konsorten – sowie für südamerikanische Gitarrenmusik. Es folgen die beiden Stapel mit den Büchern, die ich zurzeit lese, teils parallel, teils hintereinander. Vier, fünf Bücher sind auf jedem Stapel, wobei einzelne sich bestens oben halten können, bis sie zu Ende gelesen sind. Andere sinken im Stapel kaum merklich nach unten. Bei ihnen ist die Leselust entweder auf natürliche Weise versandet oder durch ein «wichtigeres» Buch verdrängt worden. Von Zeit zu Zeit werden die untersten Bücher entsorgt – zurück ins Bücherregal oder ins Brockenhaus.

Diesen beiden Bücherstapeln folgt ein Zettelkasten, Typ Patenkind. Will heissen, eines meiner Patenkinder hat einst einen rohen Holzkasten, wie man ihn in Bastelläden finden mag, liebevoll und knallig bunt mit dickflüssigen Farben bemalt und mir zu Weihnachten geschenkt. Wie lange mochte das her sein? Der Zettelkasten macht sich gut, ist aber kaum in Betrieb. Ein Relikt aus anderen Zeiten, das nicht wegzudenken ist. Es folgt ein Keramikbecher, hellrosa glasiert und mit Bleistiften verschiedener Härten, Kugelschreibern, Filzstiften und Füllfedern vollgestopft. Auch die meisten Schreibutensilien sind Relikte aus anderer Zeit, ausser die Rot- und die Grünstifte, die ich beim Redigieren und Korrekturlesen von Texten verwende. Mein wichtigstes Schreibgerät ausser dem Computer liegt griffbereit rechts neben der Schreibunterlage: ein Tintenroller der Marke Parker. Dieser Edelschreiber mag mich als kleinbürgerlichen Schreiberling entlarven, unterstellt man diesen doch gerne, sie glaubten, es genügte ein «anständiges» Schreibgerät – vielleicht dazu noch eine «anständige» Bildung –, um einen guten Text verfassen zu können. Wie man so hört, ist das Gegenteil der Fall: Die eindringlichsten Texte entstünden dort, wo Not herrscht. Äussere Not kann da nicht gemeint sein, jedenfalls nicht die grosse Not. Die gebiert nur Verweiflung und Resignation – und Wut. Aber keine Texte. Und vor der inneren Not ist selbst der Kleinbürger nicht gefeit.

Durchs Nadelör meiner Texte

Dann folgt auf dem Pult mein Hausaltar in Kleinformat, bestehend aus einer handgemalten Karte, eine grosse Sonne in einem noch grösseren Himmel. An die Karte angelehnt ein Wollzwerg, wie ihn die Anthroposophen lieben, dazu ein paar Halbedelsteine, teils geschliffen, teils roh, zum Beispiel ein Lapislazuli. Auf diesem ansehnlichen, tiefblauen Brocken steht ein kleiner Engel aus Ton. Daneben ein Messing-Buddha, Rosenquarz, Bernstein mit diversen Einschlüssen und eine Bauchfeder, bunt schillernd, von einem Eichelhäher.

Bevor mir der schreiberische Schnauf ausgeht, schnell das Halbrund vollenden: etwas zurückversetzt Kerzenständer mit Stummelkerze, angestaubt. Daneben, wieder in der vorderen Reihe: doppelstöckige Pendenzen-Ablagen aus Plastik – sogenannte Briefkörbe –, auf der sich manche Pendenz auf wundervolle Weise wie von selbst erledigt. Schliesslich ganz rechts ein Stapel Notizbücher, die einen verstaubt, die anderen regelmässig in Gebrauch. Die verstaubten sind die interessanteren.

Vor dieser Landschaft sitze ich praktisch jeden Tag und wälze grosse Fragen oder lasse mich von Ängsten kleinkriegen. Hier kommt in Form von Büchern die Welt zu mir auf Besuch. Und ich gehe durch das Nadelör meiner Texte auf die Welt zu, umarme sie, wenn es mir möglich ist, oder distanziere mich, falls ich es für nötig erachte.

Graswurzelbewegungen im ländlichen China

Die Landflucht in China wird als grösste Völkerwanderung der Geschichte angesehen. Um deren Ursachen und unbarmherzigen Folgen etwas entgegenzusetzen und dem ländlichen China neues Leben einzuhauchen, organisieren sich Querdenker und Stadtfllüchtlinge in Netzwerken, Kooperativen und anderen Gemeinschaften. Erik de Haese, Mitglied des Europäischen BürgerInnenforums, hat solche Orte besucht und darüber einen Bericht verfasst. Übersetzung aus dem Französischen: Walter B.

«Manchmal kommen die Eltern von weit her, um ihre Kinder von hier wegzuholen. Sie wollen auf keinen Fall, dass ihr Kind Bauer wird. Früher war es schlimmer. Da waren wir noch eher eine Lebensgemeinschaft.» Shi Yan ist um die dreissig, immer ruhig und überlegt und lächelt zuweilen zurückhaltend. Sie ist schnell zu einer der Ikonen des Umweltbewusstseins in China geworden. Während eines Praktikums in einer amerikanischen Landwirtschaftsgemeinschaft[1] vor acht Jahren wurde ihr bewusst, dass Ernährungssicherheit nur über die Aufwertung des bäuerlichen Lebensstils zu erreichen ist. Heute bewirtschaftet sie ihren Hof Shared Harvest am Stadtrand von Peking und ist zudem Präsidentin des nationalen Netzwerks mit mehr als fünfhundert Gemeinschaftshöfen, die über eine halbe Million Chinesinnen und Chinesen mit Nahrungsmitteln versorgen. Shi Yan schätzt, dass vierzig Prozent der PekingerInnen sich Produkte aus solidarischer Landwirtschaft leisten könnten, obschon sie zwei- bis dreimal teurer als die üblichen Landwirtschaftsprodukte sind.

Shi Yan, Gründerin von Shared Harvest

Auf dem Bauernhof steht die Arbeit im Mittelpunkt. Man steht früh auf und geht früh ins Bett. Das Menu besteht aus hauseigenen Produkten, ist zwar nicht sehr abwechslungsreich, aber gesund, lecker und saisonal. Die Essschalen werden mit Weizenkleie abgewaschen, die anschliessend den Schweinen verfüttert wird. Was für ein Gegensatz zum verschwenderischen Umgang mit Nahrungsmitteln, die für immer mehr Stadtbewohnerinnen und -bewohner im Überfluss vorhanden sind! Hier auf dem Hof weist der anhaltende Zustrom von jungen Praktikantinnen und Praktikanten auf das grosse Bedürfnis hin, aktiv an einem Wandel mitzuwirken. Obschon die Mithilfe auf Freiwilligkeit beruht, trägt ein bescheidenes, aber faires Entgelt dazu bei, dass eine respektvolle Landwirtschaft nicht als gleichbedeutend mit Sklaventum oder Elend angesehen wird. Zudem hilft es den Eltern, den Schritt ihrer Kinder zu akzeptieren.

In Kunming, der «Stadt des Frühlings», 2’000 Kilometer weiter südlich treffen wir Zhongren. Während der Dürre im Jahr 2010 tat er sich mit Freunden zusammen und belieferte die bedrängten Bauern mit Wasser. Nachdem der Regen wiederkam, begründeten sie die erste Landwirtschaftsgemeinschaft der Stadt. Die Gruppe führt ausserhalb der Stadt zwar ihren eigenen Hof, aber einen grossen Teil der Produkte liefern die Bauern der Umgebung, und zwar in etwa nach dem Modell des fairen Handels. Statt dass sie anderswo einträglichere Arbeit suchen müssen, können so die Bauern auf dem Land bleiben. Gleichzeitig fördert die Landwirtschaftsgemeinschaft den biologischen Anbau. Heute wird der Kundenkreis mit zwei Läden und einem Verkaufssystem über das Smartphone immer grösser.

Tingtings Traum

Unweit der Stadt folgen wir Tingting, einer jungen Akademikerin mit einem schüchternen, aber warmherzigen Lächeln, durch die teils gepflästerten, teils ungepflästerten Gässchen von Damoyu, einem kleinen Dorf, das von der ethnischen Minderheit der Yi bewohnt wird. Die vielen, vielen Staustunden im Bus zwischen ihrer Wohnung und der Universität haben mitgeholfen, auf das gesicherte Einkommen als Forscherin an der Universität zu verzichten und zusammen mit ihrem Mann ihre Ideen rund um soziales Unternehmertum und Ökologie in die Tat umzusetzen. [Read more…]

%d Bloggern gefällt das: