Zum Jahresende: Wort und Bild aus Südindien



Der Wald der tausend Wege

Auroville ist neben vielem anderen auch einfach ein grosser Wald, durchkreuzt von ein paar wenigen befestigten Strassen und einige Sandpisten. Was ihn besonders macht, diesen Wald, sind die Tausenden Wege und Pfade, die ihn als feines Netz durchziehen. Dieses feingesponnene Netz könnte Ausdruck einer Verbindung und einer Verbindlichkeit im Sozialen sein, die dem allgegenwärtigen Konkurrenzdenken diametral entgegensteht. Aurovilles Wald als Auffangnetz der im freien Fall befindlichen Gegenwart?  Übertrieben, bestimmt! Aber ein Lichtblick ist Auroville allemal.

Bilder- und Götterflut

Hinduistische Tempel bilden nichts weniger als den gesamten Kosmos ab. So jedenfalls der Anspruch. Deshalb ist deren Bilderflut geradezu überwältigend. Sie sind eine opulente Graphic Novel der Götterwelt in 3D, ein üppiger göttlicher Comic, der auch von Menschen gelesen werden kann, die nie zur Schule gingen. Bei hinduistischen Tempeln geht es nicht um Dekoration. Es geht um Illustration.

Bettlerin an der Tempelmauer in Tiruvannamalay

Tempel sind auch Zonen, wo BettlerInnen wohlgelitten sind und wohl auch ein besseres Auskommen haben. Im und um den Tempel fallen besonders viele Brosamen vom Tisch, weil sich an diesem Ort, unter dem unmittelbaren und strengen Blick der Götter das Karma der SpenderInnen besonders wirksam verbessern lässt. 

TempelbesucherInnen

Keine Bettler, sondern wir: Eric, Murugan, Muthulakshmi (hintere Reihe) und ich, Walter. Ja, auch wir haben unser Karma im Tempel von Tiruvannamalay mit Hilfe der BettlerInnen aufbessern können … (Ist jetzt nicht so zynisch gemeint, wie es daherkommt. Doch es gibt nunmal Bettler in Indien. Und wir sind nunmal in Indien. Und man ist als Indienreisender gezwungen, immer wieder von neuem gezwungen, zu Armut und Bettelwesen Stellung zu nehmen – nicht verbal und auch nicht intellektuell, sondern in seinem Tun. Eine Herausforderung, der man in Indien nicht ausweichen kann, Es sei denn, man meidet Indien – aber auch viele andere Länder. Eigentlich die meisten Länder dieser Erde.)

Fischerboote am Strand von Periyarmudaliarchavadi

Unweit von Auroville liegt an der Küste ein ärmliches Fischerdorf mit obigem Namen. Jeweils frühmorgens fahren die Fischer aufs Meer hinaus und kehren nach Tagesanbruch wieder zurück. Die Fischgründe sind dem Vernehmen nach recht gut, verhelfen den meisten Fischern und ihren Familien aber nicht aus der Kargheit ihres Lebens. Unbill droht vom Meer, das immer hemmungsloser an der Küste nagt, Strände frisst und schon manchen Bewohner gezwungen hat, sein Haus aufzugeben, das zu nahe am gefrässigen Meer gebaut war. 

Fledermausohraffe

Auf unserer Fahrt nach Tiruvannamalai eine neue Affenart entdeckt: den Fledermausohraffen. Er hält sich bevorzugt in leicht erhöhten Lagen auf und zeichnet sich durch seine besondere Neugierde aus – und durch seine grossen, durchscheinenden Lauscher. Keine Frage: Er muss mit dem Menschen und der Fledermaus verwandt sein. Wobei letztere Verwandschaft mittels DNA-Analyse noch bestätigt werden muss. 

Alles Liebe und Gute im neuen Jahr!

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Der Norden Indiens: Delhi

Inzwischen bin ich wieder zurück in der Schweiz. Und das ist gut so. Die letzten zwei Wochen meiner Reise waren sehr spannend – und sehr anstrengend. Sie haben mein Bild von diesem Subkontinent deutlich verändert. Es hat an Farben gewonnen, wobei auch dunklere, düstere Farben hinzu gekommen sind. – Ein nachdenklicher Reisebericht in mehreren Teilen.

Allein Delhi war eine Reise Wert. Noch nie habe ich eine so grosse Stadt so intensiv wahrgenommen: ihre überraschende Weltgängigkeit, ihre Monstrosität … Nähert man sich von Varanasi her kommend mit dem Zug von Südosten her der Hauptstadt Indiens, erscheinen am Horizont als erstes – man befindet sich noch auf ländlichem Gebiet, wo die Zeit irgendwo zwischen Vorzeit und Moderne still gestanden zu sein scheint – dunkle Silhouetten von Trabantenstädten: gigantische Bauprojekte mit riesigen, eng aneinander gefügten Hochhäusern, die schwarz und bedrohlich wie Schmeissfliegen am Horizont auftauchen. Ein paar Kilometer weiter hockt schon ein Dutzend dieser Schmeissfliegen am Horizont. Und die meisten der Trabantenstädte sind noch im Bau. Dazwischen Brachland – Niemandsland. Und ein paar zusammengezimmerte Hütten oder eingezäuntes, parzelliertes Land. Bei diesem Anblick überfällt mich eine Trauer über die Entwicklung der Menschheit. Sollen hier dereinst Menschen leben? Ist in dieser apokalyptischen Megawelt menschliches Leben, eine menschliche Entwicklung hin zu mehr innerer Freiheit überhaupt möglich?

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Entlang der Gleise

Längst sind die Vorstädte rund um Delhi mit der Hauptstadt zu einer Megacity von gegen hundert Kilometern Durchmesser zusammengewachsen – mit einer Bevölkerung von knapp 26 Millionen Menschen.[1] Die Einfahrt von der Peripherie her zur zentralen New Delhi Railway Station dauert zwei Stunden. Es ist Morgen. Der Zug hat vier Stunden Verspätung. Ein Vorteil, denn so fahren wir bei Tageslicht in Delhi ein. Überall in der Landschaft und auf den Gleisen sehe ich Männer in der Hocke. Sie verrichten unbekümmert ihr morgendliches Geschäft. Etwas, das in dieser Art den Frauen verwehrt ist. Die müssen das diskreter und in der Nacht erledigen – und setzen sich so zusätzlich der Gefahr von Übergriffen aus. Entlang der Gleise werden nun ärmliche, improvisierte Siedlungen sichtbar: Neuankömmlinge, die hier Zwischenstation machen, um weiter in die viel verheissende Stadt vorzudringen – oder auch vollends Gestrandete, denen die Aussicht auf ein besseres Leben abhanden gekommen ist. Und die Elendssiedlungen werden immer zahlreicher.

Delhi selbst gibt sich weltläufig. Das eigentliche Stadtgebiet ist durchsetzt von grossen Parks und Freiflächen – und reich an touristischen Sehenswürdigkeiten. Ein riesiger städtischer Wald fungiert als urbane Lunge. Tatsächlich war die Luft, als wir dort waren, im Gegensatz zu anderen Städten, etwa Varanasi, problemlos zu atmen. Das mag der Wetterlage geschuldet sein. Doch die Stadtverwaltung hat in den letzten Jahren einige Schutzmassnahmen zugunsten der Umwelt umgesetzt: alte Autos aus dem Verkehr gezogen, Taxis und Autorikschas, die einen beachtlichen Teil des Verkehrs ausmachen, auf Erdgas umstellen lassen und den öffentlichen Verkehr, insbesondere die Metro, massiv ausgebaut.

Wo real India ausgesperrt ist

In Delhi gibt es auch einige geschützte grossflächige Quartiere, in denen real India ausgesperrt ist: eine Art gated communities mit Villen und kleinen Palästen, jeweils mit Wärterhäuschen und mindestens einem gelangweilten Wärter davor, der – als Höhepunkt seines Arbeitstages – mit dem Schäferhund des Herrn ums Viereck laufen darf. Das Quartier selbst ist von einer hohen Mauer umschlossen, die Eingänge sind mit Toren versehen, die allerdings meist offen stehen. Hier sind die Reichen unter sich, die Gärten sind lieblich oder prunkvoll, mit viel englischem Rasen. Doch jenseits der Mauern begegnen dir – neben der grossstädtischen Aura Delhis – Armut, Elend und Bitternis auf Schritt und Tritt. Die Ankömmlinge aus dem ländlichen Indien arbeiten sich nach und nach vom äussersten Rand der Stadt ins Zentrum vor. Und wenn du aufmerksam bist, siehst du sie überall, stets darum bemüht, irgendwelche Brosamen des Wohlstand zu ergattern.


Anmerkungen:

[1] Thomas Brinkhoff: Die größten Agglomerationen der Welt, http://www.citypopulation.de

Foto: Westdelhi von Jean-Etienne Minh-Duy Poirrier (CC-Lizenz via flickr)

«Macht und Politik sind heute voneinander geschieden»

Was früher zusammengehörte, hat sich immer mehr voneinander getrennt: Während die Politik im Wesentlichen lokal agiert, hat sich die Macht verflüssigt, vom Lokalen abgekoppelt und agiert global – mit fatalen Folgen für die Politik. So äussert sich der Sozialwissenschafter Zygmunt Bauman in einem Interview mit der spanischen Onlineportal eldiario.es. Übersetzung: Walter B.

Zygmunt_Bauman_by_KubikAls wir in der Stiftung Rafael Pino zu einem Treffen mit dem polnisch-britischen Soziologen und Philosophen Zygmunt Bauman empfangen werden, bittet man als erstes die Fotografen, auf das fortgeschrittene Alter des Professors Rücksicht zu nehmen. Nur wenig später widerlegt Bauman seine vermeintliche Gebrechlichkeit. Ein grosser, gertenschlanker Herr in Schwarz durchquer ungeachtet des winterlichen Nieselregens mit aufrechtem Gang die ganze Terrasse und kommt auf uns zu. Seine geradlinige Erscheinung wird nur durch einzelne weisse Haarbüschel durchbrochen, die allseits von seinem kleinen Kopf abstehen.

Er scheint nur aus Nerven zu bestehen, ausgeglichen, ja, aber aus reinen Nerven, was sich etwa darin ausdrückt, dass seine langen Arme und hyperaktiven Hände nur mit Hilfe einer kleinen Pfeife und einem Feuerzeug zur Ruhe kommen. Dann wird sein Blick gesammelter und sucht unruhig Kontakt zu uns Journalisten, die wir um ihn herum absitzen.

Er ist umgänglich, ironisch und weder um ein Lächeln noch um einen Spass verlegen. Dieser freundliche Charakter steht im Gegensatz zu seinem pessimistischen Blick auf die Welt, gestützt von einer Vielzahl von Daten, die sein Buch «¿La riqueza de unos nos beneficia a todos?» enthält [etwa: «Nützt der Reichtum der einen uns allen?»], das soeben bei Paidós in spanischer Übersetzung erschienen ist. «Natürlich nicht», wird er während des Gesprächs ein ums andere Mal als Antwort auf die rhetorische Frage im Titel sagen und lange Ausführungen folgen lassen.

Bekanntlich verwendet Bauman den Begriff des Liquiden, Verflüssigten, um das Ende jeglicher Gewissheiten und der Integrität jener Institutionen zu bezeichnen, von denen man gemeinhin annimmt, dass sie die Grundlage unseres Lebenssystems darstellen. Noch beängstigender ist aber, dass seines Erachtens die Erfahrung ihren Wert verliert.

Das ganze gesammelte Wissen verliert seinen Nutzen, so sagt er, wenn man sich in einer verflüssigten Gesellschaft bewegt, in der die Arbeit ihren Wert verloren hat, ebenso wie das Wohlwollen, die Uneigennützigkeit und die Bindungsfähigkeit, und in welcher der Mitbürger im besten Fall reiner Konsument ist.

«Die Summe der Einkäufe eines Landes ist das Mass seines Glücks.» Dies ein Satz aus seinem neuen Buch. Der Autor erinnert daran, wie Expräsident George W. Bush, als die Zwillingstürme fielen, zu den Amerikanern sagte, um sie zu beruhigen: «Geht wieder einkaufen!»

Für Bauman hat die Zukunft nichts Erfreuliches: «Das Bild der künftigen Ungleichheit ist nicht wirklich vielversprechend.» Und diese Diagnose enthält wie alle anderen Überlegungen, auf die er sich einlässt, kein bisschen Optimismus. Auch getraut er sich nicht, einen möglichen Ausweg aus der grossen Krise aufzuzeigen. Womöglich kann man nur noch darauf hoffen, dass letztlich doch noch der gesunde Menschenverstand die Oberhand gewinnt und verhindert, dass wir an einen Punkt ohne Umkehr kommen. Vielleicht bemüht sich Bauman deshalb darum, äusserst didaktisch vorzugehen und keine einzige Frage summarisch zu beantworten.

Neueste Untersuchungen zeigen, dass die Lebensqualität der Gesellschaft als Ganzes nicht mit dem mittleren Einkommen korreliert, sondern mit dem Grad der Ungleichheit.

Schon auf den ersten, an statistischem Material so reichen Seiten erhält man eine lapidare Antwort auf die Frage im Titel Ihres Buches.

Wir können den Zustand der Welt einschätzen, indem wir statistische Daten heranziehen und einen Mittelwert errechnen. Es fehlt uns nicht an Statistiken, die uns einen Durchschnittswert liefern. Aber den mittleren Menschen gibt es nicht. Er ist eine Fiktion: Die Menschen aus Fleisch und Blut leben in Ungleichheit. Sie leben nicht in Gleichheit. Sie sind intelligent und können durchaus feststellen, dass es sehr zweifelhaft ist zu behaupten, der Reichtum verbessere ihre Lebensqualität. Denn während es einigen Leuten tatsächlich besser geht, geht es anderen umso schlechter. Und die Leute reagieren nicht auf die generelle Höhe des mittleren Wohlstands, sondern auf die Unterschiede in der Bevölkerung. Neueste Untersuchungen, inbesondere eine erhellende Studie von Richard Wilkinson und Kate Picket ((Link nicht mehr verfügbar)), zeigen, dass die Lebensqualität der Gesellschaft als Ganzes – nicht die der einen oder anderen Gruppe, sondern die allgemeine Lebensqualität, die beeinträchtigt sein kann durch pathologische Erscheinungen wie Alkoholismus oder Teenagerschwangerschaften, letztlich durch alle Krankheiten der Gesellschaft – dass die Lebensqualität der Gesellschaft als Ganzes nicht mit dem mittleren Einkommen korreliert, sondern mit dem Grad der Ungleichheit. [Read more…]

Thekkady: Erste Bergstation – und ein blaues Auge

Insgesamt etwa neun Stunden sind wir die ersten beiden Tage durch ein topfebenes Tamil Nadu gereist, vorbei an unzähligen kleinen Reisfeldern, Mangopflanzungen, Kokoshainen und Zuckerrohrfeldern, vorbei an kleinen, ärmlichen Dörfern mit palmwedelbedeckten Häuschen und zusammengeschusterten Hütten, als wären sie von Zwergen erbaut. Das Land erstrahlt zwar in sattem Grün und ist überaus fruchtbar. Doch die Landwirtschaft scheint nicht viel abzuwerfen, jedenfalls nicht für die einfachen Bauern.

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Tamil Nadu: Grün und oft ärmlich (Foto: Claire Shah via flickr)

Wie wir uns den Bergen nähern, werden die Kokospalmen zahlreicher. Sie werden hier hauptsächlich ihrer Fasern wegen angebaut. Seit längerem sind am Horizont erste Hügel auszumachen. Doch sie kommen und kommen nicht näher. Ich sehne mich geradezu nach den Bergen oder zumindest nach Hügeln und nehme jede noch so kleine Erhebung mit geschärftem Blick wahr. Erst jetzt merke ich, dass ich seit bald fünf Wochen keinen einzigen Hügel gesehen habe, und frage mich, warum ich das als Mangel empfinde. Ist es, weil Hügel und Berge die Landschaft reicher, vielgestaltiger machen? Oder weil sie die Möglichkeit bieten, übers Land und womöglich in die Weite zu schauen? Oder ist es einfach nur, weil ich Hügel von zuhause gewöhnt bin?

Fahrt durch eine Orgie in Grün

Erst kurz vor der Grenze zu Kerala beginnt der Aufstieg in die Berge. Und hier beginnt auch ein ausgedehntes Waldgebiet in einer Art, wie ich es noch selten erlebt habe (sogenannter immergrüner Trockenwald): Kaum ein Baum gleicht dem anderen. Es müssen Hunderte von Arten sein, die hier wachsen, darunter Baumriesen mit einem Stammdurchmesser von bis zu drei, vier Metern, vielleicht auch mehr. Dominierende Farbe ist ein sattes dunkles Grün. Nur im dichten Unterholz ist zuweilen helleres, saftigeres Grün auszumachen. Nicht selten besteht das Unterholz aus kleinen Bambusarten. Durch diese Orgie in Grün schlängelt sich eine schmale, holprige Strasse, auf der wir – durchaus zu meiner Freude – nur langsam vorwärts kommen. In den Dörfern dominieren Bananenstauden. Einzelne Bäume mit ausladender Krone stehen an markanter Stelle, darunter kleine Verkaufsbuden, wie man sie in ganz Südindien antrifft, oder Jeeps, die hier ebenso als Taxi dienen wie die dreirädrigen Autorikschas. Einen regionalen öffentlichen Verkehr scheint es nicht zu geben.

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Blick über das Periyar-Naturschutzgebiet (Foto: indiawaterportal.com via flickr)

Touristenfalle Thekkady
Thekkady ist in der Hochsaison voller Touristen, die ins nahe Periyar-Naturschutzgebiet wollen, wo es Tiger und wild lebende Elefantenherden geben soll. Natürlich bekommen sie (die Touristen) diese (die Tiger und Elefanten) kaum zu Gesicht. Vielmehr bewegen sie sich zu festgesetzten Zeiten und überhöhten Preisen auf ausgetrampelten Pfaden durch die äusserste Peripherie des Gebietes. Die Saison geht dem Ende zu. Es hat nur noch wenige Touristen. Entsprechend scharf sind die Händler – hauptsächlich Kaschmiris, die hier vor den politischen Verwerfungen in ihrer Heimat Zuflucht gefunden haben – auf jeden einzelnen … Ich lege mir ein dickes Fell zu, bin ich doch wegen des Tracs, dem Rollstuhlzuggerät, die Sensation im Dorf.

Mit blauem Auge davongekommen
Der Trac wird mir etwas später auch zum Verhängnis. Das kam so: Ich liess vier Buben unterschiedlichen Alters abwechselnd auf dem Trac reiten. Der älteste war hinter mir und schob den Rollstuhl. Dabei musste er die Geldbörse in meiner Rückentasche entdeckt haben. Dass sie nicht geschlossen war, ist ein unverzeihlicher Fehler … Mit einem Mal stieben alle davon und rannten ins Gelände. Zwar wunderte ich mich, dass ihr Interesse so plötzlich nachliess, schrieb das aber ihrer Kindesnatur zu. Erst eine knappe Stunde später entdeckte ich, dass die Brieftasche weg war. Neben einigem Geld war auch die Kreditkarte und die Postcard drin … Erst dann erinnerte ich mich auch, dass die Kinder beim Davonrennen etwas in der Hand hatten, das sie bald fortwarfen. Das musste meine Brieftasche gewesen sein. Auch erinnerte ich mich an ihre kindliche Freude – wie wenn sie ein Eis geschenkt bekommen hätten –, als sie sich in Sprüngen davonmachten.
In der Hoffnung, wenigstens meine Brieftasche und womöglich die Karten zu finden, versuchte ich, Leute zu mobilisieren, die mir beim Suchen halfen. Vergebens! Niemand konnte Englisch oder verstand mein Anliegen, das ich mit Gesten auszudrücken versuchte. So fuhr ich selber ins recht unwegsame Gelände und fand zu meiner Erleichterung bald die Brieftasche. Allerdings war sie leer – bis auf die Kreditkarte. Immerhin! Inzwischen sind auch Englisch sprechende Einheimische hinzugestossen und haben einen Polizeioffizier mobilisiert. Um es kurz zu machen: Auch der restliche Inhalt der Brieftasche wurde gefunden – ausser das Bargeld: etwa 10’000 Rupien, was ungefähr 170 Franken entspricht. Insgesamt bin ich mit einem blauen Auge davon gekommen. Von einer Anzeige habe ich abgesehen, nachdem ein junger Mann mir erklärte, wie die Polizei mit den Kindern und ihren Familien verfahren würde. Zudem scheute ich die ganze Prozedur, die eine Anzeige mit sich bringen würde.

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Der Ort des Geschehens (eigenes Foto)

Was für ein Schicksal wurde da in Gang gesetzt?
Später durchzuckten mich folgende Fragen: War nicht ich der eigentlich Schuldige, Verantwortliche, der aus Fahrlässigkeit einem Burschen die Gelegenheit bot, förmlich hinterrücks zu Geld zu kommen? Wer weiss, wie ihn die Armut drückte? Und war er nicht fast ebenso unfreiwillig zum Dieb geworden wie seine jüngeren Spielkameraden zu Komplizen? Was für ein Schicksal wurde durch diesen Vorfall in Gang gesetzt?

Nachtrag:
In Cochin sprach mich ein Mann an, ein einheimischer Fahrer, der am Tag zuvor in Tekkady war. Die Geschichte sei in der Zeitung gestanden …

Eine Reise nach Portugal – und in die Zukunft Spaniens

Portugal ist auf seinem Weg Richtung wirtschaftlichen und sozialen Abgrund den Spaniern ein Schritt voraus. Dies stellt Rosa María Artal, spanische Journalistin und Schriftstellerin, in einem kurzen Bericht über ihre Reise nach Lissabon fest. Ihre Reise ist deshalb so etwas wie eine Reise in die Zukunft, die Spanien zu erwarten hat. Übersetzung: Walter B.

Das beliebteste Weihnachtsgeschenk war hausgemachte Konfitüre. So erzählt die Journalistin Pilar del Río, die Witwe von José Saramago. Aufmerksam und herzlich, wie die Portugiesen nun mal sind, wollten sie in diesen Tagen nicht auf ein Geschenk verzichten. Da das Geld nicht für mehr reichte, kochten sie zuhause Früchte ein. Portugal ist uns Spaniern ein Jahr voraus in der Ära der Austerität und der Sparmassnahmen. – Beide Völker sind Gefangene einer Geldgier, die keine Strafe zu befürchten hat.

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Lissabon, vom Mirador de Santa Justa aus gesehen

Nein! Noch ist das Elend nicht im Zentrum von Lissabon angekommen. Es ist sogar weniger sichtbar als in Madrid. Aber die Situation wird einhellig als «sehr schlecht» beurteilt. Es werde «nichts mehr» verkauft. In den Strassen von Spaniens Hauptstadt sieht man mehr Bettler als in jenen von Lissabon. Aber auch hier gibt es sie: bei der Essensverteilung von einem Wagen aus in einer schlecht beleuchteten Strasse, im verlassenen Restaurant, nun bewohnt von jungen Hausbesetzern, im etwas entfernteren Park, wo Obdachlose ihr «Zuhause» gefunden haben. Oder etwa die in Trauer gekleidete Frau, die um Geld für eine Suppe bittet, da sie «seit zwei Tagen nichts gegessen» habe. Ich gebe ihr die übliche Summe. Und sie antwortet voller Würde und Wut: «Mit einem Euro kann ich mir keine Suppe kaufen.»

Wie im Zentrum von Madrid versuchen die Angestellten in leeren Restaurants mit allen Mitteln Kunden zu fangen. Immer wieder stossen sie auf blasierte Spanier, die ihnen erklären: «In Spanien essen wir halt nicht so früh.» Wie wenn das ein Verdienst wäre. Einige Bars begegnen ihrer Not mit Humor: «Iss heute, um zu überleben! Morgen kannst du es möglicherweise nicht mehr.»

Die wunderbare Stadt, Hort des Geschmacks und vieler Baudenkmäler, wird vom Virus Bershka, H&M, Zara und ihrer weit verzweigten Verwandtschaft angegriffen und in der Folge mit jenen Läden überflutet, die alle Grossstädte der Welt so gleichförmig machen – wie wenn sie alle ein grosses und uniformes Einkaufszentrum wären. Aber die Läden sind leer. Im Chiado-Quartier hingegen wird eingekauft, und die Restaurants sind voll. – Die zwei Gesichter einer sozialen Kluft, die immer grösser wird. Nur selten trifft man hier den bronzenen Pessoa alleine an, ohne dass er mit einem Unbekannten einen Kaffee trinken muss, der allerding ausschliesslich in die Kamera blickt, die auf ihn gerichtet ist.

Pessoa im Chiado

Pessoa im Chiado

In einer Fernsehdebatte zwischen Politikern wird Spanien und die Bankia angesprochen, «die ein Loch von 36 Milliarden hat, währen unser Finanzsystem viel besser ist». Den Portugiesen gaben sie es vorher. Die Geschäfte, die Familien sind in der Krise. Soeben mussten sie eine erneute und brutale Erhöhung der Strom- und Gaspreise sowie der Steuern auf ihren Renten erleiden. Und sie müssen eine Mehrwertsteuer von 23% ertragen. Ausser auf Büchern, die nur mit 6% besteuert sind. Nicht wie in Spanien, wo sie uns 21% aufgebrummt haben. Und ihre Löhne sind noch tiefer als unsere.

Der Zentralmarkt von Cais de Sodré

Der Zentralmarkt von Cais de Sodré

Der Zentralmarkt von Cais de Sodré ist immer noch gleich leer wie vor fünf Jahren, als ich ihn im Zusammenhang mit einer Reportage für Informe Semanal besuchte. Die Preise halten sich. Sogar Fleisch und Fisch sind günstiger geworden, günstiger als in Spanien. Sonst ist das Leben in Portugal ebenso teuer wie in Spanien – oder gar noch teurer. Ausser die Taxis. Sie kosten weniger als halb soviel wie in Madrid. Aber sie machen weniger als halb so viele Fahrten wie noch vor zwei Jahren – und arbeiten dafür 13 bis 14 Stunden täglich. «Durchschnittlich zwölf Fahrten, während es damals 28 waren», sagt mir ein Fahrer äusserst erbost.

Die Kürzungen im Gesundheitswesen machen den Portugiesen grosse Sorgen. Eine alte Dame erzählt mir, dass «sie gegen chronische Krankheiten keine Medikamente mehr einfach so herausgeben» und dass sie sich damit behelfe, die ihr verschriebenen Medikamente abwechselnd zu kaufen – einmal gegen Diabetes, dann gegen den hohen Blutdruck und schliesslich gegen Arthrose – und die Behandlung der anderen Krankheiten jeweils während Tagen unterbreche. Ärzte beklagen sich darüber, man beginne ihnen zu untersagen, teure Medikamente gegen Krebs oder Hepatitis B zu verschreiben. Der IWF verlangt noch mehr: Renten- und Gehaltskürzungen bei Staatsangestellten und die Entlassung von zwanzig Prozent der Beamten.

Ein junger Kellner kann das mit den Beamten durchaus nachvollziehen. Und er ist der einzige der vielen, mit denen ich gesprochen habe, der an eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation glaubt – langfristig gesehen …

– Wir Portugiesen «haben über unseren Verhältnissen gelebt», erklärt er.

– «Auch Sie?» frage ich ironisch.

– Nach einigem Überlegen antwortet er mit einem Lächeln: «Sie haben denselben Meister.»

In der Tat wird ein exakter Leitfaden angewendet, der den einzelnen Ländern nach und nach übergestülpt wird. Die Wut der Portugiesen ist spürbar. «Hier gibt es keinen Rechtsstaat.» «Die Korruption ist allgegenwärtig, so dass sie dir sogar den Fahrausweis wegnehmen, um zu Geld zu kommen.» «Ein Hund hat in meinen Augen mehr Wert als ein Politiker.» Als alle Politiker? Nein! Antonio Da Costa, den sozialistischen Bürgermeister von Lissabon, nehmen sie davon aus. Und warum wehren sie sich nicht? «Unser Volk ist halt sehr ruhig», wird mir mehrheitlich erklärt. «Ihr Spanier reagiert besser», antworten andere. «Auf die Strasse zu gehen, bringt gar nichts», sagt jemand. Und bei der Nelkenrevolution? Hat es da nicht geholfen? «Was ist danach geschehen? Man sieht ja, dass ‹der Meister› auch einen sozialen Aufstand besänftigen und ins pure Gegenteil verdrehen kann.» Zuweilen kommt die Wut feinsinnig zum Ausdruck: An einem Gebäude im Chiado hat jemand einen perfekt gestalteten Schriftzug angebracht, der besagt: «Ich denke, aber ich bin nicht.» Wenn man denkt, ist es schwierig, mit dem Sein aufzuhören.

Rúa da Trinidade, 18

Rúa da Trinidade, 18

«Die Leidensfähigkeit der Portugiesen ist unendlich», stellt David Dinis fest, Mitautor des Buches «Rescatados» [Die Geretteten]. Zusammen mit einer anderen hervorragenden Intellektuellen, Clara Ferreira, die ihr Buch «Estado de Guerre» ((Link nicht mehr verfügbar)) [Kriegszustand] vorstellt, debattieren die beiden abendfüllend vor zahlreichem Publikum darüber, was den Portugiesen zurzeit widerfährt. «Der ganze Diskurs von Passos Coelho [der gegenwärtige, konservative Premierminister] zeugt von seiner Geringschätzung gegenüber der Politik. Ihn interessieren nur Zahlen.» «Der Führer der Opposition [Sozialdemokrat] hat kein Blut in den Adern.» Trotzdem glauben sie, dass die Regierungskoalition kurz vor dem Auseinanderbrechen ist und dass die Gegner fest mit Antonio Da Costa rechnen, wenn auch ohne viel Enthusiasmus seitens des Parteiapparates. Das bringt uns nur Vorteile. Die beiden fragen sich, ob man es noch verkraften kann, mit 30 bis 40 Prozent Armut beim Euro zu bleiben. Und sie befürchten trotz allem eine soziale Explosion – und den Aufstieg des Faschismus, so wie in Griechenland. Dinis beendet sein Votum mit der Feststellung: «2013 wird ein gutes Jahr sein – wenn wir es mit 2014 vergleichen.» Alfredo Cunah, der schon den 25. April [der Tag der Nelkenrevolution im Jahr 1974] fotografiert hatte, sagt zu mir: «Es ist wie damals. Du weisst, dass etwas passieren wird.»

Alle Möglichkeiten sind also offen in einer Zeit höchster Spannung, in der die Stricke, die voller schmerzhafter Stacheln sind, immer mehr angezogen werden? Eine Reise in unsere Zukunft? Ist es nicht so, dass diese bereits vor unserer Haustür, dass sie bereits mitten in unserer Küche angekommen ist? Wo wird sie Halt machen? Wird sie überhaupt Halt machen? Denn ein etwas anderer weihnächtlicher Glückwunsch – jener der Stiftung José Saramago – besagt in den Worten von Almeida Garrett, portugiesischer Schriftsteller und Politiker des 19. Jahrhunderts: «Ich frage jene, die sich der politischen Ökonomie verschrieben haben, ich frage die Moralisten, ob sie schon die Zahl der Menschen berechnet haben, die zum Elend verdammt sind, zu unverhältnismässigen Arbeitsleistungen, zu Demoralisierung, Schmach, Unwissenheit und zum Ruin, zu unüberwindbarem Unglück und absoluter Entbehrung – nur um einen einzigen Reichen zu produzieren.»

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Das Original des Berichtes von Rosa María Artal in spanischer Sprache ist auf dem Blog Zona Crítica bei eldario.es erschienen.

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