Nach dem langen Schweigen

Mein letzter Eintrag auf diesem Blog ist lange her und wurde noch in Südindien geschrieben. – Ich lebe noch und bin inzwischen wohlbehalten in die Schweiz zurückgekehrt. Dies zu eurer Beruhigung. Ja, und es war wunderbar: zwei Monate Sonnenschein mit Temperaturen um die dreissig Grad. Dieser Winter war für mich also durchaus erträglich. Dem Vernehmen nach soll er in Europa bitterkalt gewesen sein.

Doch das ist nur die eine, eher oberflächliche Seite meiner Indienreise. Unter der Oberfläche wurde ich – wie immer in Indien – an meine Grenzen geführt, als Rollifahrer und als Mensch – was ja auch dasselbe ist. Nicht in Auroville, wo ich die ersten vier Wochen verbrachte, wurden mir die Schranken, die sich für einen Rollstuhlfahrer in Indien ergeben, um die Ohren gehauen – dort bewege ich mich inzwischen wie ein Fisch im Wasser –, sondern im zweiten Teil der Reise, wo wir viel unterwegs waren. (Ich habe davon berichtet). Auf unserer Reise durch Südindien musste ich weitgehend auf meine Selbständigkeit verzichten. Denn Rollstuhlfahrer sind in der indischen Lebenswelt nicht vorgesehen – und selbständige Rollifahrer schon gar nicht. Der öffentliche Raum in den Städten ist zuweilen selbst für Fussgänger eine Zumutung. Und auch die Häuser sind kaum zugänglich. Und wenn sie es sind, dann eher zufälligerweise. Das heisst zum Beispiel, dass ich unterwegs je nach Unterkunft nicht selbständig ins Badezimmer komme, weil die Schwelle zu hoch ist. Oder ich kann nicht alleine nach draussen gehen. Da wird es schwierig, seine eigenen Wege zu gehen …

Doch gerade dies, eigene Wege zu gehen, ist inzwischen «mein liebstes Hobby» geworden. Es geht gar nicht mehr ohne. Und nun musste ich also fast einen Monat lang darauf verzichten, mehr noch: meine heiss geliebte Autonomie aufgeben. Das kam mir schräg rüber, emotional schräg rüber: Mein Selbstvertrauen schwand mit jedem Hindernis, das sich mir in den Weg stellte. Und es gab fast nur Hindernisse unterwegs in Südindien.

Das kannte ich ja bereits; bin nicht das erste Mal nach Indien gereist. Und doch wurde ich von der Vehemenz des Erlebten überrascht. Das Selbstvertrauen schwand und machte einem untergründigen Selbsthass Platz. Oder war es Selbstmitleid? Oder beides? Oder ist beides dasselbe, wenn man mit zugekniffenen Augen darauf schaut? Jedenfalls litt mein Selbstverständnis übers Mass. (Zur Entlastung meiner Mitreisenden sei hier angefügt, dass mein innerlich angeschlagener Zustand, den sie womöglich gar nicht bemerkt haben, nichts mit ihrem Verhalten zu tun hatte. Meinen Autonomieverlust konnten sie unmöglich wettmachen.)

Zurück in der Schweiz

Auch der Einstieg hier, zurück in der Schweiz, war nicht einfach. Wie eine lähmende Provokation stand während Wochen die Frage im Raum: «Und was nun?» Das Buch war geschrieben. Ein nächstes ist nicht in Sicht. Die eine oder andere Aufgabe ist zwar noch unerledigt. Zugegeben! Doch wenn ich mich frage, was mir noch unter den Nägeln brennt, was noch unbedingt in diesem Leben getan werden möchte, so komme ich gegenwärtig in Verlegenheit, weiss keine Antwort und wage doch nicht zu antworten: Nichts!

Vielleicht deshalb auch mein längeres Schweigen hier auf dem Blog. Ich war so etwas von uninspiriert. Und bin es noch. «Wird schon wieder kommen», kann ich mir sagen. «So lehrt es die Erfahrung.» Und ich komme ja auch langsam wieder in die Gänge. Ideen tauchen auf am Horizont – auch die Lust, sie zu verwirklichen. Zwar verfliegen damit nicht einfach meine Selbstzweifel. Doch sie werfen nicht mehr gar so lange Schatten.

Einen neuen Wind brachte auch der Bescheid des Verlages zu den Verkaufszahlen meines Buches: Bis Ende 2016 wurden knapp 1’100 Exemplare verkauft. Eine Zahl, die – es ist nicht zu leugnen – zu meiner inneren Gesundung beiträgt …

Das also zu meiner Befindlichkeit nach meinem langen Schweigen. Nun aber genug der Nabelschau. Bald soll es in diesem Blog wieder um ganz andere Dinge gehen.

Warum es mich immer wieder nach Südindien zieht

Liebe Barbara

Du fragst mich, was es denn sei, das mich immer wieder nach Südindien zieht. Dir dafür handfeste, belastbare Gründe zu nennen, die auch morgen noch gelten, ist gar nicht so einfach. Ist es der Duft von Jasmin, der frühmorgens durchs offene Fenster in mein Zimmer dringt, mich aus dem Schlaf küsst und gleich zu Beginn mit dem Tag versöhnt, auch wenn ich die Traumwelt nur äusserst ungern verlasse? Oder sind es die Klänge einer mir fremden Musik, die der Wind beim Eindunkeln jeweils heranträgt, mal betörend sanft, als käme die Musik aus anderen Sphären auf unsere Erde nieder und verzauberte sie, dann wieder aufdringlich scheppernd, als stünden nicht allzu weit entfernt ein paar altersschwache Lautsprecher, die ihr Bestes geben. Beides, der Jasminhauch am Morgen und die verstörend-betörenden Klänge bekommen jedoch erst durch die südliche Wärme ihre Kraft, ihren Charme. Eine milde Wärme, die dich umschmeichelt und das Sein erleichtert.

Bild: Market Scene in Mysore, von Rainer Voegeli, CC-Lizenz via flickr

Bedenkt man die viele Widersprüche hier in Indien, das Unzulängliche vielenorts, bedenkt man auch das echt Beklagenswerte, das einen vielenorts entgegenspringt, könnte man an Indien verzweifeln und ihm den Rücken kehren. Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Und da komme ich in echte Erklärungsnot. Die indischen Zumutungen faszinieren mich. Oder vielmehr: Wie die Menschen hier mit den Zumutungen ihres Alltags umgehen, ist schlicht grandios. 

Ein Beispiel: Im November 2016 wurde über Nacht in ganz Indien ein guter Teil des Bargelds für ungültig erklärt und durch neue Noten ersetzt, angeblich um gegen das viele Schwarzgeld vorzugehen. Ausgerechnet! Die informelle Wirtschaft läuft ausschliesslich über Bargeld und macht in Indien den grössten Teil der Gesamtwirtschaft aus. Den einfachen Leuten wurde förmlich der Teppich unter den Füssen weggezogen. Ihre Reaktion: Sie stehen geduldig bei den Geldautomaten an, um sich neue, gültige Noten abzuholen. Wo ein Automat solche ausspuckt, bilden sich lange Schlangen bis auf die Strasse hinaus. Kurze Zeit später ist er leer. Kein Murren, keine Proteste. Vielmehr schickt man sich ins scheinbar Unvermeintliche. Schliesslich tragen alle dasselbe Schicksal – und tun es in Würde. 

Ich kann mir nicht helfen: Das Leben scheint mir hier echter, grundsätzlicher, wesentlicher. Es ist, wie wenn Indien am Anfang eines Prozesses stünde – trotz seiner Kultur, die direkt an Urzeiten anknüpft –, den Europa bereits hinter sich gebracht hat und nun an dessen Ende steht. Das gilt natürlich auch für die wirtschaftliche Entwicklung – aber nicht nur. Und die Menschen können strahlen und lachen, dass einen das Herz aufgeht. Man nimmt sich wahr, man kümmert sich. Das ist keine Absage an Europa. Das ist ein Plädoyer für Indien. 

Du siehst, liebe Barbara, es gibt ganz unterschiedliche Gründe und Motive, weshalb ich immer wieder hier in Südindien lande. Ein wichtiger Grund ist natürlich auch Auroville. Ohne diesen wunderbaren Ort der Ruhe und des Strebens, des Suchens und des Aufbruchs wäre ich wohl nie nach Südindien gekommen. Auroville bietet mir Schutz und einen gewissen Komfort. Ich kann mich hier im Rollstuhl weitgehend selbständig bewegen. Und die Umgebung, der Spirit des Ortes, regt mich auch zur inneren Suche an.


Bild: Unterwegs in Auroville

Erste Tage in Auroville

Die ersten Stunden, die ersten Tage hier in Auroville fühlen sich wunderbar an – wie wenn ich nach Hause käme. 

Doch der Flug und die anschliessende Taxifahrt von Chennai nach Auroville hatten es in sich: Der Umstieg in Muscat, Oman – wir hatten bereits sechseinhalb Stunden Flug hinter uns – verlief chaotisch und  wäre fast gescheitert: Wir wurden angewiesen, in einem Wartebereich für Behinderte und Gebrechliche zu warten, die übliche Sonderroutine. Doch als der Zeitpunkt immer näher rückte, wo wir hätten einsteigen müssen, passierte einfach nichts. Endlich gelang es mir, einen der Verantwortlichen anzusprechen, die inzwischen wie aufgescheuchte Wespen herumschwirrten: «Just wait!» war ihre kurze Antwort. Zum Verzweifeln … Erst in letzter Minute wurden wir – eine gebrechliche ältere Dame, ein ebensolcher Herr und ich, je mit Begleiter – ins Flugzeug gebracht, das bereits voll besetzt war und auf den Abflug warteten. Solche Situationen liebe ich … Die letzten sechs freien Plätze für uns waren wild über alle Sitzreihen verstreut. Einige Passagiere mussten umplatziert werden, damit wir zusammen sitzen konnten. Wie Sardinen waren wir eingepfercht, und das fast vier Stunden lang. 

Ankunft in Chennai

Überraschend reibungslos hingegen verlief die Ankunft in Chennai. Sogar mein eigener Rollstuhl wurde hergebracht, so dass es mir erspart blieb, in eines der Ungetüme steigen zu müssen, die vom Flughafen gestellt werden. Das ist wichtiger, als sich die Leserin, der Leser vielleicht vorstellen können. In einem solchen Panzer von Flughafen-Rollstuhl verliere ich jegliche Autonomie und bin zu weitgehender Passivität verurteilt. Man fühlt sich ein bisschen wie ein Stück Dreck auf vier Rädern. Drum war ich sehr froh, dass ich direkt in meinen eigenen Rollstuhl steigen konnte. So fühlte ich mich ganz.  

Verstörend die ersten Eindrücke auf der Taxifahrt: Unzählige Bäume hatten den Zyklon Vardah nicht überlebt und lagen am Strassenrand. Tausende gefällte oder gekappte Bäume sahen wir auf der Fahrt entlang der Küste Richtung Süden. Das Laub hing noch frisch an den Ästen. Plakate und Fassadenverkleidungen, Bauabschrankungen und Blachendächer: alles zerfetzt, so dass die städtische Infrastruktur noch heruntergekommener wirkte als sonst schon. Anderseits – und das beelendete mich fast noch mehr – boomt Chennai wie viele andere indische Städte in einer fast schon beängstigenden Weise: Gigantische Gebäudekomplexe werden hochgezogen, laut unserem Taxifahrer alles «IT-Farms». Gleich daneben entstehen Wohnsilos für die Angestellten, die sich in der Bauart kaum unterscheiden. Das alte Indien geht vor die Hunde. Und es dünkt einen, die Menschen sind stolz drauf.

Bargeldfreies Auroville 

Erst nach einer Stunde Fahrt sieht man keine Sturmschäden mehr. Ab hier gibt es auch weniger Boomschäden. Je näher wir Pondicherry kommen, umso mehr erkenne ich «mein» Indien wieder und fühle mich bald schon zu Hause. Kommt Auroville in Sichtweite, geht mir richtig das Herz auf. Welcome back home!

Inzwischen sind wir bereits mehrere Tage hier. Tagsüber ist es angenehm warm, aber nicht heiss, und abends wird es für hiesige Verhältnisse kühl. Die Einheimischen nennen das einen eher kalten Winter. Für uns, Eric und mich, ist es der ideale Einstieg in Südindien, zumindest klimatisch. Frühsommerlich würde ich es nennen.

Bei der gesamtindischen Knappheit an Bargeld – ich berichtete darüber – ist es noch ganz praktisch, dass Auroville sowieso danach strebt, bargeldfrei zu funktionieren. Als Gast, der länger als ein paar Tage bleibt, kann man sich leicht eine Aurocard besorgen, eine Art Kreditkarte für Auroville, die man beim Financial Service via eigener Kreditkarte aufladen kann. Bei dieser Gelegenheit sind auch höchstens 2’000 Rupien in bar erhältlich. Das sind knapp dreissig Franken. Und die reichen hier weit.

Kuilapallayam erfahren

Heute den ganzen Tag unterwegs: hauptsächlich in Kuillapalayam, einem Tamilendorf nahe Auroville. Heute haben wir Kuilapallayam «erfahren». Hier einige Eindrücke:

Abflug verschoben

Eigentlich wäre wir jetzt in Südindien – eigentlich … Der Flug ab Zürich nach Chennai, dem früheren Madras, an der Ostküste Südindien war auf gestern Abend geplant. Der Rückflug von Kochi, also von der Westküste Südindiens, zurück nach Zürich ist am 7. Februar 2017.

Dazwischengekommen ist der Zyklon Vardah, der unweit nördlich von Chennai mit grosser Wucht aufs Land traf, gegen zwanzig Todesopfer forderte und viel Zerstörung hinterliess. Vom Weltraum aus sieht das fast schon ästhetisch aus:

zyclon_chennai

Zudem hat der Wirbelsturm in Chennai den Mangel an Bargeld verschärft, da viele Geldautomaten wegen Stromunterbrüchen nicht mehr laufen oder – wenn sie laufen – wegen der unterbrochenen Verkehrswege nicht nachgefüllt werden können. Seit gut einem Monat herrscht in ganz Indien schon Bargeldnot, da die Regierung die 500- und 1’000-Rupien-Scheine für ungültig erklärt und damit ein Chaos ausgelöst hat.

Um Pondicherry und in Auroville, dem ersten Ziel unserer Reise, gibt es laut Auskünften von Bekannten keine Schäden durch den Wirbelsturm. Und Bargeld ist dort auch erhältlich, wenn auch nach wie vor in beschränktem Umfang.

Wir werden also mit drei Tagen Verspätung am Donnerstag, 15. Dezember, von Zürich nach Chennai fliegen und dort – wenn denn alles klappt – abgeholt werden. Trotz der Hindernisse freue ich mich drauf.

Alles Weitere später …

Begegnungen – Ein südindischer Bilderbogen

Die Tage sind so dicht – und voller flüchtiger und bedeutsamer, voller kleiner und grosser Begegnungen, wobei nicht von vornherein feststeht, welche nun gross und welche klein zu nennen ist.

Oder ist jene kurze Episode mit dem streunenden Hund klein zu nennen? Zunächst sah ich nur, dass er hinkte. Ich war entlang der Strasse zwischen Kuilapallayam und Auroville unterwegs, als er mir auf derselben Strassenseite entgegenkam. Sie ähneln sich, die Strassenhunde in ganz Südindien: Von eher kleiner Gestalt, tragen sie ein kurzes, helles Fell, durch das die Haut stellenweise rosa durchscheinen kann. So auch bei diesem Hund. Sein linker Hinterlauf war stark entzündet und über seine ganze Länge deutlich geschwollen. Zudem hatte das Bein eine seltsam durchscheinende wässrig-rötliche Farbe und musste in diesem Zustand unglaubliche Schmerzen bereitet haben. Das Bein schien mir unrettbar verloren, wenn auch noch keine Fäule zu erkennen war. Als Strassenhund ohne Herrchen oder Frauchen hatte er niemanden, der sich um ihn kümmerte. Das beste, was ihm passieren konnte, war wohl ein baldiger, kurzer Tod. Mit dieser flüchtigen Begegnung wurde mir – einmal mehr – das Leiden der Kreatur vor Augen geführt – und dass hier nur der Mensch Linderung schaffen könnte, indem er das Tier einfinge und es nach allen Regeln der Veterinärkunst behandelte.

Zu Gast bei Murugan und Familie
Die Begegnungen mit Murugan und seiner Familie sind jeweils ein Fest. Murugan ist Tamile und lebt mit seiner Familie in einfachsten, aber würdigen Verhältnissen in Kuilapallayam, Tamil Nadu. Wir haben uns vor zwei Jahren kennengelernt und pflegen seither eine verlässliche Freundschaft, die intensiv gepflegt und immer wieder zelebriert wird – hauptsächlich von Seiten Murugans. Manchmal wird es mir fast etwas zu viel … Wenn etwa Murugan zu Besuch kommt – meistens überraschenderweise –, so bringt er stets ein kleines Geschenk mit, zum Beispiel etwas zu essen, das seine Frau vorbereitet hat, oder Früchte. Die Idee ist nun nicht, dass wir es gemeinsam verspeisen, sondern das Geschenk ist allein für mich bestimmt. Würde ich ihn nicht immer wieder bremsen, Murugan würde mich mit Früchten und anderen Speisen nur so überhäufen. Unmöglich, dies alles zu vertilgen! Wenn ich bei Murugans Familie zu Gast bin, muss ich jeweils alleine speisen. Es wäre ganz gegen die Sitte, gemeinsam mit dem Gast zu speisen. Vielmehr bereitet die Gastgeberin das Essen vor, schöpft dem Gast – und zieht sich zurück, sofern das irgend möglich ist. Erst wenn der Gast fertig gegessen hat, setzt sich auch der Gastgeber hin und isst etwas. Mehrere Male habe ich versucht, diese für mein Verständnis befremdliche Sitte aufzuweichen. Vergeblich! Erst als wir alle, Murugan, seine Familie und ich, bei dessen Schwiegereltern zu Gast waren, konnte ich einmal – ein einziges Mal – gleichzeitig und gemeinsam mit Murugan und Familie speisen. Zum Abschied werde ich den Spiess umdrehen, die ganze Familie in ein Restaurant einladen – und mich dazusetzen …

Das freundliche Gespenst [Read more…]

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