Der höllische Weg in den indischen IT-Himmel

Nennen wir ihn Rajendran, den Sohn einer befreundeten tamilischen Familie, der in in einem der Dörfer um Auroville unter einfachen Verhältnissen aufgewachsen ist und mich um Rat gebeten hat.Rajendran lebt heute in Chennai zusammen mit anderen jungen Männern in einem Zimmer mit Kochgelegenheit, ist bei einer IT-Firma mit einen Einjahresvertrag gleichsam auf Probe angestellt und verdient 20’000 Rupien monatlich, also rund 280 Franken, was im Dorf ein fast schon traumhaftes Einkommen ist, in der Grossstadt aber rasch zwischen den Fingern zerrinnt. Als App-Designer arbeitet er praktisch Tag und Nacht, mal in der Firma, mal von zu Hause aus. Wann immer ein Projekt ansteht, wird ihm ein Zeitlimit gesetzt, an dem es wenig zu rütteln gibt, eine Deathline im wahrsten Sinne des Wortes. Denn er kann jederzeit entlassen werden, wenn er nicht spurt oder grobe Fehler macht.

Riesiger Konkurrenzdruck

Die IT-Branche in Indien lebt zu einem guten Teil von gut ausgebildeten jungen Menschen – hauptsächlich Männer –, die, um weiter zu kommen, unvorteilhafte Zeitarbeitsverträge eingehen müssen und die digitale Knochenarbeit leisten. Meist werden sie nach Ablauf des Vertrages wie eine ausgepresste Zitrone fortgeworfen, also entlassen, denn von da an werden sie ein echter Kostenfaktor. Und Tausende andere junge Männer sind begierig darauf, einen solchen Einjahresvertrag zu ergattern – und damit zumindest die entfernte Möglichkeit, in den IT-Himmel aufzusteigen.
Rajendran hat nur eine Chance, die Probezeit zu überstehen: Er muss sich unentbehrlich machen. Kann er bleiben, so wäre er es nun, der seinen vier bis fünf Untergebenen die Arbeit zuteilt und die Termine setzt – natürlich unter Druck von weiter oben. Und der Lohn würde drastisch steigen. Rajendran sitzt denn auch in seiner knapp bemessenen Freizeit ebenfalls am Computer, um sein Fachwissen zu erweitern.

Drastische Folgen

Das hat drastische Folgen für seine körperliche und geistige Gesundheit. Er ist dick geworden, kann kaum mehr schlafen und trägt zuweilen eine Halskrause, da die Genickschmerzen manchmal unerträglich sind. Sein Leben ist aus dem Gleichgewicht geraten. Gäbe es nicht den Traum, dereinst, wenn er es zu etwas gebracht hat, in Auroville eine Schule für Kunsthandwerk zu eröffnen, wäre er wohl längst zusammengeklappt.

Was kann ich ihm raten in dieser schwierigen Lage? Rajendran ist entschlossen, den eingeschlagenen Weg zu gehen. Er hat nunmal diesen Beruf gewählt und ist ein gutes Stück voran gekommen. Nach seinen Worten muss er das nächste halbe Jahr bis zum Ablauf der Probezeit durchhalten – überleben, ergänze ich –, dann sähe alles wieder anders aus. Offenbar liefert er gute Arbeit; die Signale «von oben» sind vielversprechend.

Gegengift

So rate ich ihm: «Wenn dein Körper nicht mehr mitmacht, ist alles verloren. Du musst also einen Ausgleich finden, eine Strategie, wie dein Körper, dein Herz und dein Geist wieder zu ihrem Recht kommen – nicht irgendwann in Zukunft, sondern ab heute und selbst im aufreibenden Alltag. Dein Körper braucht Bewegung, dein Herz Freude und dein Geist Entspannung – gleichsam als Gegengift. Finde eine Technik, mit der du innert weniger Minuten von hundert auf null herunterfahren kannst. Die gibt es: Autogenes Training, Meditation und andere Entspannungstechniken. Vielleicht wäre auch Yoga etwas für dich.
Und betrachte das Ganze als Spiel. Du spielst so gut du kannst – aber du spielst. Zwischen deinem Beruf und dir besteht eine Lücke, ein Sicherheitsabstand von mindestens einem Millimeter. Und freue dich am Erreichten! Du hast allen Grund dazu.»

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