In Erinnerung an Hans Bollhalder (7. August 1949 – 24. September 2015)

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Hans Bollhalder bei der Tanzvorführung «Hanzt» im Oktober 2005 mit den Tanztheater Beweggrund.
 (Bild: © Raphaël de Riedmatten)

Wen wundert’s, dass du müde geworden bist? Ein Leben in deinem verzwickten Körper hätte mich wohl schon viel früher erschöpft – obschon auch ich weiss, was es bedeutet, in einem behinderten Körper zu leben. Aber deiner, seit Jahren von Schmerzen bedrängt, zudem in hohem Mass hilflos, undienlich, aber dein Körper war eine Zumutung für den, der ihn bewohnt – für dich. Doch du hast ihn meist ohne Murren bewohnt. Wenn du gemurrt hast, dann gegen das Heimwesen, gegen die Betreuungsindustrie, der man als Schwerbehinderter nach wie vor ausgeliefert ist – und gegen Bevormundung und dass man als Schwerbehinderter immer wieder kämpfen muss, um ernst genommen zu werden.

Von deinen jungen Jahren weiss ich kaum etwas, bloss ein paar Bruchstücke: dass du schon als Kleinkind bei einer Pflegemutter und dann in Heimen aufwuchsest, heimatlos wegen deiner Behinderung. Als Jüngling und später als Erwachsener wurdest du in deiner Intelligenz immer wieder unterschätzt und warst in Ausbildung und Beruf letztlich unterfordert, vielleicht weil man sich nur schwer vorstellen konnte, dass in einem so versehrten Körper ein wacher Geist lebt. Vielleicht auch, weil für Schwerbehinderte keine berufliche Laufbahn vorgesehen war.

Du hast immer politisch gedacht und warst in jüngeren Jahren in der Bewegung für selbstbestimmtes Leben aktiv. Wohnen mit persönlicher Assistenz, also ausserhalb von Institutionen, war dein wichtigstes Anliegen. In frühen Jahren hast du damit experimentiert, danach jahrzehntelang vergeblich davon geträumt. Dass es dir letztlich nicht gelungen ist, auf Dauer ausserhalb von Heimen und selbstbestimmter zu leben, macht wohl die Tragik deines Lebens aus. Denn du musstest erfahren, dass trotz Fortschritten bei der Finanzierung eines Lebens mit persönlicher Assistenz Schwerbehinderte immer noch durch die Maschen fallen. Die aufwendige Assistenz wird von niemandem finanziert, es sei denn, man nimmt diese Unterstützung in einer bestehenden Institution in Anspruch. Wegen deinem hohen Pflegebedarf warst du in den Heimen gefangen. Und so hast du dich auch gefühlt, als Gefangener, der immer wieder und vergeblich versucht hat auszubrechen.

Kein Wunder, warst du ein unbequemer «Pflegling»! Deine Dickköpfigkeit kam dir zuweilen auch in die Quere. Mit Diplomatie wäre manchmal mehr zu erreichen gewesen. Doch was weiss ich? Vielleicht hast du ja die Diplomatie jahrelang ausgereizt – ohne Erfolg. In deiner Lage braucht es eine schöne Portion Mut, unbequem zu sein und nicht den braven, dankbaren Behinderten zu mimen. Du erinnerst mich in manchem an den schwerstbehinderten Kunstmaler und «Sozialflüchtling» Christoph Eggli, der nach Bali ausgewandert war, um den Schweizer Heimen zu entkommen, und den seine bekanntere, ebenfalls behinderte Schwester Ursula Eggli so charakterisiert hat: «… der mutige Kläffer Christoph, der alle verärgert, der alle angreift, der alle kritisiert, die um ihn herum leben, auch wenn er für jede Handreichung von ihnen abhängig ist.»

Nun, du warst zwar kein Kläffer. Aber dein Bedürfnis nach Autonomie war ähnlich ausgeprägt.

Die letzten Jahre hast du hauptsächlich im Bett verbracht. Du warst zunehmend isoliert. Das Pflegepersonal war über weite Strecken dein einziger menschlicher Kontakt, der Fernseher dein Tor zur Welt. Doch seelisch bliebst du erstaunlich robust. Du konntest lachen ohne Bitterkeit. Und wenn du von den Frauen schwärmtest, huschte ein sanftes, sehnsüchtiges Lächeln über das Gesicht von Hans im Glück. Über den Lauf der schweizerischen Politik konntest du dich mächtig erzürnen. Statt dass du mit der Faust auf den Tisch schlugst, wölbte der Zorn deine Augenbrauen in beängstigender Weise, und es schlugen Blitze aus deinen Augen hervor, die womöglich in Herrliberg oder Bundesbern registriert werden konnten.

Doch deine Bettlägerigkeit war auch ein Rückzug. Du hast vor der unerbittlichen Wirklichkeit resigniert. Als sich das selbständige Leben mit Assistenz, ja, die freie Wahl einer Institution für den letzten Lebensabschnitt definitiv als Illusion erwies, hast du immer mehr deine Stimme verloren, dann deine Zuversicht und schliesslich dein Leben. Du bist müde geworden. Und nun bist du, wenn ich das richtig einschätze – frei.


Die Trauerfeier findet am Mittwoch, 14. Oktober 2015, um 10.15 Uhr auf dem Friedhof Fichten in 4153 Reinach, BL, statt.

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Inklusion – ein Paradigmenwechsel im Sozialen

Die Reife einer Gesellschaft zeigt sich darin, wie weit sie das Faustrecht, das Recht des Stärkeren hinter sich gelassen hat. Gerade der Umgang mit den schwächsten Mitgliedern einer Gesellschaft, mit den Kindern, den Alten, den Behinderten, ist hier ein Gradmesser. Ein wichtiger Schritt bei der Überwindung des Rechts des Stärkeren ist die Inklusion, die selbstverständliche gesellschaftliche Zugehörigkeit auch von Menschen, die nicht der Norm entsprechen, zum Beispiel von Menschen mit Behinderung. – Ein Rückblick und ein Ausblick.

Es ist gar noch nicht so lange her, da sonderte man Behinderte aus dem sogenannt normalen Leben aus. Und oft genug steckte dahinter sogar so etwas wie guter Wille. Ich habe das am eigenen Leib erfahren. Als ich im Jahr 1959 im Kinderspital Basel mit Kinderlähmung angesteckt wurde und danach an den Beinen gelähmt war, behielt man mich bis ins Schulalter, also gut fünf Jahre, im Spital. Zu Beginn war das medizinisch begründet. Doch danach befand man, ich hätte im Spital doch die bestmögliche Betreuung, genau das, was ich bräuchte. Zudem würde ich mit meinen besonderen Bedürfnissen meine angestammte Familie – neben den Eltern waren da noch drei ältere Geschwister – zu sehr belasten. In diesem Sinn wurden meine Eltern bearbeitet – bis sie nachgaben. Das war im letzten Jahrhundert …

Aussonderung statt Eingliederung
Später sprach man von der Eingliederung der Behinderten. Eine ganze Betreuungsindustrie entstand und schrieb sich dies auf die Fahne. Eingliederungsstätten, Ausbildungsheime und Wohnzentren entstanden. Sie entsprachen offenbar einem Bedürfnis. Allerdings blieb die Eingliederung – sei es bei der Arbeit oder beim Wohnen – eher die Ausnahme. Nicht nur das gesellschaftliche Umfeld war noch nicht so reif, dass es die Menschen mit Behinderung in seiner Mitte willkommen heissen konnte, nein, auch entwickelte der Betreuungssektor, inzwischen zu einem namhaften, staatlich subventionierten Wirtschaftsfaktor angewachsen, eine Eigendynamik, die teilweise dem Bedürfnis der Behinderten nach Selbständigkeit zuwiderlief. Böse Zungen sprachen von einer Aussonderungsindustrie.

Der nächste grosse gesellschaftliche Schritt war das hehre Ziel der Integration, was zunächst nur ein moderneres Wort für Eingliederung war, also von der Idee her eigentlich nichts Neues. Doch diesmal war der gesellschaftliche Boden besser bereitet. Zum Beispiel war ab 2004 in der Schweiz das Behindertengleichstellungsgesetz in Kraft, worüber vorgängig landesweit abgestimmt wurde. Es handelte sich dabei um den moderateren Gegenvorschlag des Bundesrates zur Volksinitiative «Gleiche Rechte für Behinderte», die in ihren Forderungen nach Gleichstellung und gesellschaftlicher Teilhabe wesentlich weiter ging. Das Bewusstsein der Menschen ohne Behinderung war diesbezüglich also bereits etwas geschärft. Die Behinderten begannen nun die Gesellschaft zu infiltrieren. Man sah sie vermehrt auf öffentlichen Plätzen und auch an verantwortlichen Stellen. Sie traten selbstbewusster auf und forderten mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Vom Zweiklassensystem …
Doch das Konzept der Integration geht immer noch von einem Zweiklassensystem aus: Es gibt die (noch) nicht Dazugehörigen, die in die «normale» Gesellschaft eingegliedert werden sollen und – das hingegen ist neu – von der Gesellschaft nun auch faktisch willkommen geheissen werden, indem sie sich für die Aufnahme der Behinderten in ihrer Mitte fit macht. Ziel der Integration ist die Normalisierung der Lebensumstände der Menschen mit Behinderung. Sie sollen die Möglichkeit erhalten, eine Arbeitsstelle einzunehmen. Sie sollen die Wahl haben, auch ausserhalb eines Heimes wohnen zu können. Der öffentliche Raum soll auch für sie uneingeschränkt zugänglich sein. Parallel dazu wird der Gesellschaft auch bewusst, dass Behinderte nicht so sehr wegen ihres Defizits behindert sind, sondern in vielfältiger, oft subtiler Weise von ihrer gesellschaftlichen Umgebung behindert werden.

… zur Inklusion
Der Boden ist nun vorbereitet für einen sozialen Paradigmenwechsel. Oder ist es eine stille Revolution? Der Massstab für gesellschaftliche Teilhabe ist nicht mehr eine Norm – etwa körperliche Unversehrtheit oder Selbständigkeit bei den täglichen Verrichtungen, aber auch ein bestimmter sprachlich-kultureller Hintergrund oder die soziale Herkunft. Vielmehr wird jeder Mensch in seiner Individualität und mit seinen besonderen Fähigkeiten, aber auch Einschränkungen grundsätzlich akzeptiert und als Erweiterung der Gesellschaft wahrgenommen. Vielfalt macht eine Gesellschaft farbiger – und robuster. Ein besonderer Mensch wird gar nicht erst – aus lauter Angst und unter der Behauptung eines «Normalen», das es so gar nicht gibt – ausgegrenzt, um ihn dann mit einigem Aufwand wieder zu integrieren. Vielmehr wird er von Beginn weg willkommen geheissen und die Gesellschaft genau um diese Individualität erweitert. Das nennt sich Inklusion. Und das braucht Mut – und ist vorläufig Zukunftsmusik, ein Ideal … Doch es ist auch ein logischer Schritt in der gesellschaftlichen Entwicklung. Denn die Ausgrenzung führt zu einer Schwächung des Einzelnen und der Gesellschaft als Ganzes. Ein ungeahntes Potenzial liegt brach, solange die Gesellschaft nicht eine Gesellschaft für alle ist. Ich wiederhole: für alle. Denn die Ausgegrenzten sind so oder so Teil unserer Gesellschaft, zumindest physisch, aber meistens und zum Glück auch darüber hinaus – aber eben kein vollwertiger Teil.

UNO-Konvention geht in die richtige Richtung
Nun muss das Ideal der Inklusion mit Leben gefüllt werden – ein langer Prozess, der nicht einfach verordnet werden kann. Inklusion wird an den Brennpunkten des Lebens verwirklicht und nirgendwo sonst: in der Schule, am Arbeitsplatz, im öffentlichen Verkehr, in den Museen, den Kinos, in den Quartieren und den Verwaltungen. Inklusion lebt nur von Mensch zu Mensch. Trotzdem müssen die gesellschaftspolitischen Weichen in die entsprechende Richtung gestellt werden. Die «UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung» kann diesen Prozess anregen, da ihre Kernforderungen genau in diese Richtung gehen: Nichtdiskriminierung, Chancengleichheit, volle Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, Barrierefreiheit. (Eine Arbeitsübersetzung ins Deutsche als Gegenvorschlag zur teilweise irreführenden offiziellen Übersetzung findet man hier [PDF, 180 KB, 25 S.].) In Deutschland wurde die Konvention unterzeichnet und ratifiziert, in der Schweiz noch nicht

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