Wie ich mit Bloggen begann – und wie geht es weiter?

Bildschirmaufnahme aus den Anfängen meines Blogs

Nach einer längeren Pause mag es an der Zeit sein, nach den Ursprüngen und Motiven meines Schreibens im Internet zu forschen, um wieder Tritt zu fassen – oder es endgültig sein zu lassen. Denn einerseits motiviert das Bloggen ungemein: Ob ich meine Texte ins Web-All schleudere oder in die mittlere Schublade meines Schreibpultes, macht einen Unterschied. Anderseits wird das eigene Schreiben in eine bestimmte Richtung gedrängt, wenn ich einen Blog führe. Das Medium formt den Inhalt, und zwar mehr, als mir das zunächst bewusst war.

Es begann im Januar 2010, also vor mehr als elf Jahren, und gab meinem Schreiben einen unvergleichlichen Schub. Sieben bis zehn Texte pro Monat entstanden zu jener Zeit – neben einer anspruchsvollen 70-Prozent-Stelle und einem deutlich aufwendigeren Sozialleben als heute. Keine Ahnung, wie ich das alles unter einen Hut brachte! Und es machte auch noch Freude, grosse Freude.

Bloggen war damals zwar keine Pioniertat mehr, hatte aber noch den Ruch von etwas Exklusivem. Ich veröffentlichte ein Sammelsurium von poetischen Kürzesttexten, (Reise-)Tagebucheinträgen und bald auch etwas längeren politischen Texten. Ganz am Anfang stand dieses Bekenntnis. Am meisten Reaktionen und Klicks erhielt ich für politische Texte. Spitzenreiter und Longseller ist der Beitrag Gemüse für Europa – aus Sklavenhand mit inzwischen 15’073 Klicks und 16 Kommentaren (Stand 30.4.2021).

Klicks und Kommentare spornen an

Klicks und Kommentare sind gleichsam das Entgelt für Blogger, die keine kommerziellen Interessen verfolgen. Sie sind eine Art Währung, die auch mein Schreiben beflügelt. So verschob sich der Schwerpunkt meines Blogs auf politische Texte, im Idealfall mit zugespitztem Titel. Dies geschah zunächst halbbewusst, zumindest nicht aus strategischen Gründen und belohnte mich mit vielen Klicks und Kommentaren. Doch war es wirklich das, was ich mit meinem Schreiben wollte: meine politischen Auffassungen lautstark kundtun? Wollte ich einen dezidiert linken Politblog führen – letztlich bloss, weil das am meisten Klicks einbringt? Trotz der Versuchung blieb ich dem ursprünglichen Konzept treu: «Poetisches und Nüchternes, Persönliches und Globales, Philosophisches und Banales. Sprachliches und Bildliches, Sammelsurium und Besonderes, alles und nichts …» – Wenn man das überhaupt ein Konzept nennen kann.

In den letzten Jahren musste ich – wohl nicht zuletzt, weil ich keinen Blog führen mochte, der nicht so richtig in eine Schublade passt – punkto Klickzahlen zurückbuchstabieren. Wen wundert’s? Im Oktober 2011 gab es weltweit lächerliche 173 Millionen Blogs[1], heute sollen es um die 1,5 Milliarden sein. Die Konkurrenz ist also gross. Man muss sich derzeit schon ins Zeug legen, um nicht im Grundrauschen des Web-Alls unterzugehen. Ohne soziale Medien (Facebook, Twitter & Co.) geht diesbezüglich gar nichts mehr.

Und jetzt?

Da lasse ich lieber die Finger von. So stehe ich also vor der Wahl, das Bloggen nach einer längeren Pause wieder aufzunehmen, im Bewusstsein, kleine Brötchen zu backen, die aber von einer treuen und langsam wachsenden Gemeinde dankbar entgegengenommen werden. Oder ich höre auf damit, und es bleibt ungewiss, ob ich mich überhaupt noch zum Schreiben zusammenraufen kann.

Zwar lebte ich die letzten Monate ganz gut ohne Bloggen. Doch es verging kein Tag, wo ich nicht dachte, wie schön es wäre, mir wieder mal einen herzhaften, redlichen Text von der Seele zu schreiben und damit nach aussen zu treten. Es ist nun mal das, was ich am besten kann und am liebsten tue, wenn ich nicht von einem Schreibstau heimgesucht werde,

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Anmerkung:

[1] https://blog.content.de/2014/03/28/content-schock/blogbeitrag/

Abschied

Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Freunde und Bekannte

Ich habe mich entschlossen, das Bloggen sein zu lassen – zumindest vorläufig und bis auf weiteres. Nicht dass mir die Themen ausgingen. Im Gegenteil! Sie springen mich förmlich von allen Seiten an. Und ich könnte immerzu weiterfahren mit Kommentaren zum Zeitgeschehen, mit Tagebucheinträgen, mit Sprachsplittern. Das Bloggen ist eine spannende Sache und hat meinem Schreiben Flügel verliehen. Immerhin sind in den letzten gut drei Jahren gegen 250 Texte entstanden, die bald 100’000 Klicks und über 600 Kommentare ausgelöst haben.

Doch ich merke, dass da noch mehr und anderes in mir schlummert, das sprachlich zum Ausdruck kommen möchte. Und diesem Mehr, diesem Anderen soll mit diesem Schritt Raum geschaffen werden. Denn das Bloggen entwickelt – zumindest bei mir – auch einen gewissen Sog, eine bestimmte Dynamik, etwa in Richtung schnelle, vielleicht manchmal auch übereilte Texte. Oder man schielt bei der Auswahl der Themen und der Art und Weise, wie man diese behandelt, auf die Zahl der potentiellen Klicks, die der Text auslösen könnte. Poesie hat es da schwer, politisch knackige Texte hingegen klicken sich leichter. Gleichzeitig ist das Bloggen sehr zeitaufwendig. Denn man ist ja nicht alleine im Blog-All. Und als Blogger möchte man am Puls der Blog-Welt sein. Da tut sich ein offenes Feld auf, auf dem man sich auch leicht verlieren kann.

Und noch etwas erfüllt mich beim Bloggen nicht ganz: So gross und unglaublich vielfältig das Blog-All ist, es ist Teil des virtuellen Raums. Und diesen Raum empfinde ich nach wie vor als nicht ganz wirklich. Er ist ein Paralleluniversum zur Wirklichkeit und spiegelt diese unglaublich facettenreich. – Aber er ist nicht ganz Wirklichkeit. So zumindest meine Empfindung. Drum versuche ich nun den Sprung zurück in die Wirklichkeit. Ein Experiment mit offenem Ausgang …

Ich werde nicht verstummen. Vielleicht werde ich auf meine alten Tage noch ein berühmter Schriftsteller – obwohl, die Zeit der berühmten Schriftsteller (der berühmten, nicht der kommerziell erfolgreichen) scheint mir abgelaufen –, oder man findet nach meinem Tod eine Truhe voller sprachlicher Perlen, voller Gold und Tand und sieht sich gezwungen, einen Nachlassverwalter einzusetzen.

Nun denn: Bis demnächst in einem anderen Theater!

Walter B

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Bild «Goodbye» von Magic Madzik via Flickr (CC-Lizenz)

Bloggen als Flucht?

Es ist noch nicht so lange her, dass ich das Bloggen und Posten im Internet entdeckt habe. Ein riesiger Raum öffnet sich mir, spannend, vielfältig, unüberschaubar – einerseits … Anderseits komme ich oft fast nicht mehr los von diesem Fenster in den Cyberspace. Stunden um Stunden klick ich mich durch Posts und Pages, durch Foren und Blogrolls. Ständig drohe ich mich zu verzetteln. Einen eigenen Text zu verfassen, wird zur wohltuenden Konzentrationsübung. Das zentriert … Trotzdem: Wie viel Zeit ich vor meinem laufenden Computer verbringe! Die Zeit rast – wie wenn sie sich im virtuellen Raum auflösen würde.

Und dann frage ich mich, inwieweit Bloggen eine Flucht ist, um mich von der Wirklichkeit nicht berühren zu lassen. Um mich an ihr nicht schmutzig zu machen. Ich setze zwischen mich und der Wirklichkeit eine Maschine, die ich weitestgehend unter Kontrolle habe. Kommt mir diese Wirklichkeit zu nah, kann ich den Knopf drücken …

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