Erhöhtes Sterberisiko für MigrantInnen auf der zentralen Mittelmeerroute

Laut einem Bericht der Internationalen Organisation für Migrationn (IOM) sind die absoluten Zahlen der dokumentierten Toten und Vermissten auf der zentralen Mittelmeerroute zwar zurückgegangen. Trotzdem ist das Sterberisiko entlang dieser Route deutlich gestiegen. Den Bericht gelesen hat Icíar Gutiérrez. Übersetzung aus dem Spanischen: Walter B.

Da sie es leid waren, weiter zu warten, entschieden sie sich, den Rio Bravo zu durchqueren, um in die USA zu gelangen. Das Bild der leblosen Körper von Óscar Ramírez und seiner 23 Monate alten Tochter Valeria[1] ist zu einem weiteren Symbol für die Tragödie an den Grenzen geworden. Ihre Namen reihen sich ein in eine Liste von Tausenden Migrantinnen und Migranten, die auf der Suche nach einem besseren Leben ihr Leben veloren haben. Allerdings haben nicht alle einen Namen, die auf der Liste stehen. Ihre Körper wurden entweder nicht aufgefunden, ihre sterblichen Überreste nicht identifiziert, oder sie erscheinen gar nicht in den Erhebungen zu den Todesfällen.

Seit 2014 sind laut einem Bericht des Global Migration Data Analysis Centre der Internationalen Organisation für Migration (IOM) vom Juni 2019 weltweit mehr als 32’000 Personen bei ihrem Versuch zu emigrieren ums Leben gekommen oder verschwunden. Fast 1’600 davon, insgesamt 1’593, waren Minderjährige.

Hohe Dunkelziffer

Die Unterorganisation der Vereinten Nationen gibt allerdings zu bedenken, dass «diese Zahlen wahrscheinlich sehr viel tiefer sind als die tatsächliche Anzahl der Toten», da es viele Todesfälle und Verschwundene gebe, von denen man nie erfährt, da viele Leichen nie gefunden oder identifiziert werden. «Das hat verschiedene Gründe: zum einen weil die Todesfälle in entlegenen Regionen geschehen, zum anderen weil die lokalen Behörden die Erhebung solcher Daten nicht so wichtig nehmen oder ihnen dafür die nötigen Mittel fehlen», stellt die IOM fest.

Die Fachorganisation macht darauf aufmerksam, wie notwendig es ist, die Erhebung der Daten über die Todesfälle und das Verschwinden solcher Personen zu verbessern, insbesondere von Minderjährigen, auf welche die IOM ihr besonderes Augenmerk legt. «Das Verschwinden oder der Tod von Mädchen und Jungen auf ihrem Weg in die Emigration muss uns allen Sorge bereiten», betont Ann Singelton, die Mitherausgeberin des Berichts. «Es ist dringend nötig, eine empirisch fundierte Politik und entsprechende Programme zu entwerfen und umzusetzen, damit diese Todesfälle verhindert und Migrantenbuben und ‑mädchen geschützt werden können», betont die leitende Forscherin der Universität Bristol.

Betrachtet man die verschiedenen Regionen, so bleiben die Migrationswege über das Mittelmeer die tödlichsten. Zwischen 2014 und 2018 starben mehr als 17’900 Personen bei ihrem Versuch, dieses irregulär zu überqueren. Nach den Angaben der IOM blieben in diesen letzten vier Jahren die sterblichen Überreste von fast 12’000 ertrunkenen MigrantInnen ungeborgen.

«Es gibt viele Herausforderungen bei der Dokumentation der Todesfälle und Vermissten unter den MigrantInnen, die das Mittelmeer überqueren», schreiben die AutorInnen des Berichts. «Auf den Meeresrouten findet man oft keine Leichen. (…) Die einzigen verfügbaren Informationen stammen häufig von den überlebenden MigrantInnen. Allerdings können diese Angaben schwanken und sind schwierig zu überprüfen», unterstreicht die internationale Organisation, die in diesem Zusammenhang darauf hinweist, dass die von den NGOs gesammelten Angaben eine wertvolle Informationsquelle darstellen, wo offizielle Quellen begrenzt sind. Diese Woche hat die Gruppe «Caminando Fronteras» angeprangert, dass nur ein Viertel der sterblichen Überreste der 1’020 MigrantInnen geborgen wurden, die im Laufe des Jahres 2018 und der ersten vier Monate dieses Jahres bei ihrem Versuch, irregulär nach Spanien zu gelangen, umgekommen sind.

In Amerika wurde an der Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten seit 2014 eine steigende Zahl von Toten verzeichnet – bei einer Gesamtzahl von 1’907 Toten und Vermissten in den letzten fünf Jahren. In Asien rechnet man mit fast 2’200 Personen, die im Südosten des Kontinents umgekommen sind, davon mindestens 1’723 moslemische Rohingyas, die in Myanmar verfolgt werden. Der Mittlere Osten verzeichnet in diesem Zeitraum 421 Tote, die Mehrzahl, nämlich 145, im Jahr 2018.

Das Mittelmeer ist am gefährlichsten

Die IOM betont, dass zwischen 2017 und 2018 die Zahl der dokumentierten Toten und Vermissten weltweit von 6’280 auf 4’734 gesunken ist. Der Hauptgrund für diesen Rückgang liegt bei der geringeren Anzahl von Migrantinnen und Migranten, die über die zentrale Mittelmeerroute die italienischen Küsten zu erreichen versucht. Gemäss den Angaben sank diese Zahl von 144’000 im Jahr 2017 auf weniger als 46’000 im 2018.

Trotzdem gibt die Organisation – ebenso wie andere Organisationen der UNO, zum Beispiel das UNHCR (Hochkommissariat für Flüchtlinge) – zu bedenken, dass das Sterberisiko, die Todesrate entlang dieser Route im 2018 zugenommen hat, also dem Jahr, als Italien seine Häfen für Seenot-Rettungsschiffe geschlossen hat. «Selbst die zurückhaltendsten Schätzungen gehen davon aus, dass eine von 35 Personen, die das Zentrale Mittelmeer überquerten, im 2018 umgekommen ist, verglichen mit einer von 50 im Jahr 2017», heisst es.

Anderseits richtet die IOM ihre besondere Aufmerksamkeit auf die Zunahme der dokumentierten Todesfälle entlang der Route des westlichen Mittelmeers, die nach Spanien führt. Diese Zahl schoss im letzten Jahr in die Höhe, von 224 im Jahr 2017 auf 811 im 2018, und zwar in dem Masse wie auch die Anzahl Personen stieg, welche diesen Weg übers Mittelmeer nahmen, um nach Europa zu gelangen.

Bessere Erhebung der Todesfälle und Vermissten

Im Bericht wird daran erinnert, dass es «oft schwierig ist, Angaben über vermisste MigrantInnen, aufgeschlüsselt nach ihrem Alter, zu bekommen». Die IOM möchte ihre Erhebungen zu den Todesfällen und den Vermissten unter MigrantInnen, darunter jene von Minderjährigen, auf globaler Ebene ausbauen, «mit dem Ziel, gerade aus jenen Quellen und Regionen, aus denen bisher ziemlich spärlich Informationen flossen, vermehrt Daten zu erhalten».

Als eine der Massnahmen, um die Datenerhebungen zu verbessern, werden die lokalen, regionalen und nationalen Behörden aufgefordert, «die Angaben über Todesopfer auf den Migrationswegen zu vereinheitlichen und öffentlich zu machen». «Die nationalen Regierungen können mehr tun, um Todesfälle zu verhindern und jene zu registrieren, die geschehen», unterstreicht die Fachorganisation.

Ebenso empfiehlt sie, die neuen Technologien zu nutzen, um die Erhebung der Fallzahlen zu verbessern, und legt dabei ein besonderes Augenmerk auf die Zusammenarbeit mit den Organisationen der Zivilgesellschaft sowie den Verwandten der vermissten MigrantInnen. «Diese können eine Quelle von Informationen sein, die sich erst noch einfacher verifizieren lassen.» Hierbei wird betont, dass es zudem für den Umgang mit dem Schmerz, den jede Tragödie an den Grenzen bei den Verwandten hinterlässt, hilfreich sein kann, wenn man weiss, was seinen Liebsten zugestossen ist. «Wenn die Angehörigen der Verschwundenen bei der Erhebung und Verifizierung der Daten mitwirken können, kann ihnen das helfen, mit dem Verlust fertig zu werden.»


Anmerkungen:

[1] Das Bild ging um die Welt und braucht hier nicht nochmals gezeigt zu werden. Wer es sehen will, kann die Suchmaschine seines Vertrauens in Gang setzen.

Bildnachweis: «Rettungseinsatz 28.5.2016 Seawatch 2» von Brainbitch, CC-Lizenz via flickr

Das spanische Original des Textes ist auf eldiario.es erschienen.

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