Was uns zu Menschen macht

In einem kurzen, berührenden Text wendet sich Ignacio Escolar, der Gründer und Geschäftsleiter des spanischen Online-Portals eldiario.es, an seine Leserinnen und Leser. Er spricht ihnen Mut zu und beschwört die Gemeinschaft der Menschen in schwierigen Zeiten. Übersetzung aus dem Spanischen: Walter B.

Ignacio Escolar

«Heute Abend um acht Uhr werde ich wieder auf dem Balkon Beifall spenden, mit Tränen in den Augen und gerührt, wie Tausende Menschen, die täglich von ihren Häusern aus zeigen, dass wir in dieser Situation zueinander halten. Dass wir keine Angst haben, auch wenn wir uns Sorgen machen. Dass wir nicht alleine sind, obschon wir uns alleine fühlen. Dass die Solidarität stärker ist als der Egoismus. Dass wir unsere Dankbarkeit denen gegenüber bezeugen, die mit ihrem Leben spielen – für unser Leben. Dass wir als Gesellschaft obsiegen werden.

In den schwersten Krisen kommt alles Menschliche zum Vorschein: das Schlimmste wie das Beste. Etwa die Unvernunft jener, die zu ihrem Haus ans Meer fahren und so womöglich die Krankheit weiterverbreiten; oder der Egoismus anderer, die im Spital Gesichtsmasken stehlen; oder die Verantwortungslosigkeit jener, die zum Sport in die Bergen oder an den Strand fahren, als hätten wir Ferien. Aber sie sind in der Minderzahl. Es sind nur wenige. Denn die Mehrheit der SpanierInnen zeigt sich in vorbildlicher Weise verantwortlich.

Ich bin stolz auf meine Landsleute und auch auf meine KollegInnen von eldiario.es, wie sie sich verantwortlich zeigen, nun, da Information wichtiger ist denn je. Seit einer Woche arbeiten wir alle von zu Hause aus. Das sind sehr intensive Tage. Hinzu kommt eine andere Schwierigkeit: Mehrere Mitglieder der Redaktion in Madrid haben Corona-typische Symptome.

Ich bin einer von ihnen: trockener Husten, Kopfschmerzen, etwas Fieber. Am Samstag war es am schlimmsten. Heute geht es mir schon etwas besser. Nichts Schlimmes – auch in der Redaktion nicht.

Ich habe mich nicht testen lassen. Und ich bin nicht sicher, ob das bei Tausenden weiteren Corona-Infiszierten wirklich anders ist. Ich wollte nicht zum Arzt gehen, weil ich wusste, dass viele Menschen diesen viel nötiger haben als ich. Ich brauche auch keinen Arzt oder irgend einen Test, um zu wissen, was ich zu tun habe: zu Hause bleiben und nicht nach draussen gehen, nicht das Risiko eingehen, die Krankheit weiterzuverbreiten.

Das Schlimmste waren nicht die Symptome, die schon wieder abklingen. Am schlimmsten traf mich die Isolierung, das Gefühl, so weit weg von den anderen zu sein. Einer der besten Momente des Tages ist um 9.30 Uhr die Sitzung mit den Leiterinnen und Leitern der Redaktion von eldiario.es. Wir treffen uns per Videokonferenz, um unsere Berichterstattung abzustimmen. Wir sehen uns gegenseitig. Es ist ein Arbeitstreffen. Doch wir lachen auch, machen Spässe, und immer wieder kommen wir ins Stocken, weil ein Kind kichert oder ruft und so seinen Vater oder seine Mutter unterbricht und vom Arbeiten abhält.

Deshalb breche ich in Tränen aus, wenn ich dieses Video sehe, in dem uns das Pflegepersonal für den täglichen gemeinsamen Applaus dankt. Oder das andere von Charo ((Link)), eine Seniorin, welche die Ausgangssperre alleine durchlebt, in einem Haus, das geräumt werden soll, und für die all ihre NachbarInnen vom Innenhof aus ein Geburtstagslied singen.

Ich nehme an, es ist das, was uns zu Menschen macht: die Notwendigkeit, uns aufeinander zu beziehen, uns gesellschaftlich zusammenzuschliessen, Solidarität mit den Nächsten zu leben. Deshalb weine ich jeden Abend um acht. Weil dieser Applaus uns daran erinnert, dass wir nicht nur Individuen sind, dass wir nicht alleine sind, dass wir das gemeinsam durchstehen werden.»


Hier geht es zum Original des Textes auf eldiario.es.

«Die Schweiz ist ein Verbrecherstaat»

Die Schweiz gerät europaweit zunehmend in ein schiefes Licht, besonders bei jenen Menschen, die unter dem gnadenlosen Spardiktat zu leiden haben. So bezeichnet – zum Beispiel – der spanische Journalist Ignacio Escolar,  ein vielgelesener politischer Analyst und  Leiter von eldiario.es, in einem gehässigen Kommentar die Schweiz als Verbrecherstaat. – Sein Kommentar und seine spätere Relativierung, übersetzt von Walter B.

Verkehrte Welt: Die griechische Polizei hat einen Journalisten festgenommen, weil er die Namen von 2’059 Straftätern veröffentlicht hat. Der Journalist heisst Kostas Vaxevanis, und die Täter sind eine ganz schöne Menge Millionäre, die ihr Geld in der Schweiz parkieren, damit sie keine Steuern zahlen müssen. Vaxevanis zeigt auf die Kriminellen, und die Polizei verfolgt ihn wegen «Verletzung ihrer Privatsphäre». Sein Fall weist deutlich auf etwas Offensichtliches hin: dass die Steuerparadiese ohne die Mittäterschaft der übrigen westlichen Regierungen nicht existieren würden. Es sind die Europäische Union, die Vereinigten Staaten und Japan, die es zulassen, dass ihre Finanzoligarchen dem Fiskus entgehen. Es sind unsere Regierungen, die dulden, dass die Schweiz, diese Höhle Ali Babas, ein ehrbares Mitglied der internationalen Gemeinschaft ist und nicht ein isolierter Verbrecherstaat, der von all seinen Nachbarn mit einer Handelsblockade belegt ist. Es ist der Westen, welcher den Schweizer Freibeuterbanken erlaubt, auf unserem Boden Niederlassungen zu eröffnen. Es ist Europa, das hundert Prozent der Schweizer Grenze kontrolliert und gleichzeitig dieser Zufluchtsstätte für Schwarzgeld ermöglicht, sich an das weltweite Finanzsystem anzuschliessen. Die Schweiz lebt davon, die anderen um ihr Geld zu prellen. Doch sie wird in keiner Weise bestraft, da unsere Regierungen und die Finanzeliten unserer Länder aus diesem unmoralischen Geschäft ihren Nutzen ziehen.

Auf der Liste von Vaxevanis stehen zwei konservative Exminister Griechenlands und ein Berater von Antonis Samaras, dem gegenwärtigen griechischen Ministerpräsidenten. Das ist nur ein Beispiel. Bestimmt gibt es weiter griechische Politiker, die ihr Geld in einem Steuerparadies versteckt haben. Der Journalist hat den griechischen Teil eines sehr viel grösseren Datenstamms veröffentlicht, den Hervé Falciani im Jahr 2007 aus der Schweizer Niederlassung der Bank HSBC mitlaufen liess – bei weitem nicht die einzige Bank in der Schweiz.

Falciani sitzt heute in Spanien im Gefängnis, im Gefängnis von Valdemoro, inhaftiert unter der Anklage einer Straftat, die es in unseren Gesetzen gar nicht gibt: wegen Verletzung des Bankgeheimnisses. Der Widerspruch ist schreiend: In Spanien ist es die Pflicht eines jeden, die Justiz in Kenntnis zu setzen, wenn er von einer steuerrechtlichen Straftat erfährt. Weil Falciani genau dies tat, sperrt ihn die spanische Justiz ins Gefängnis.

In Kürze muss die Regierung entscheiden, ob sie ihn an die Schweiz ausliefert oder – wie es die PSOE [Spanische Sozialistische Arbeiterpartei] und die IU [Vereinigte Linke] verlangen – freilässt. Dank Falciani, der seine wertvollen Informationen Frankreich aushändigte, konnte Spanien sechs Milliarden hinterzogene Euros von insgesamt 659 Personen einfordern. Sie stehen auf einer Liste, die in Spanien nie vollständig veröffentlicht wurde.

Falciani hat angeboten, mit Spanien zusammenzuarbeiten, damit weitere Delinquenten aufgespürt werden können, die ihr Geld in der Schweiz verstecken, um dem Fiskus zu entgehen. Wird die Regierung von Rajoy den Handel akzeptieren – dieselbe Regierung, die einer Steueramnestie zugestimmt hat und mit der Schweiz ein Abkommen mit ähnlicher Stossrichtung aushandelt? Ich würde nicht drauf wetten.

Aktualisierung vom 30. Oktober

Das Motto dieses Blogs [Escolar.net] heisst: «In jenem Moment schien es eine gute Idee». Einen Tag später finde ich es keine so gute Idee mehr, diesen Post so zu übertiteln, wie ich es tat. Einige von euch werfen mir zu Recht in euren Kommentaren vor, die Schweiz hätte ihr Bankgeheimnis ziemlich zusammengestutzt, die grossen Mächte, welche die Schweiz kritisierten, unterhielten zudem ihre eigenen Steuerparadiese – die Vereinigten Staaten etwa Delaware oder Grossbritannien Jersey – und es gäbe auf der Welt andere Länder, die viel systematischer vom Steuerbetrug und von Schwarzgeldern lebten als die Schweiz heute – im übrigen ein wohlhabendes Land, das nicht nur von seinen Banken abhängig sei. Das ist richtig. Doch das befreit die Schweiz nicht von ihrer Verantwortung. Und ihre Banken sind nach wie vor die beliebteste Zufluchtsstätte eines grossen Teils der Schwarzgelder – oft auch verbrecherischer Herkunft –, das sich weltweit vor dem Fiskus verstecken will. Das kommt nicht von ungefähr.

Andere hinterfragen das Adjektiv «verbrecherisch». Es geht zurück auf das Wort «Verbrechen», das laut dem Wörterbuch der Real Academía Española bedeutet: 1. schwere Straftat, 2. rechtswidrige oder verwerfliche Tat, und 3. willentliche Tat, um jemanden zu töten oder schwer zu verletzen. Die ersten beiden Bedeutungen stimmen bestens mit dem überein, was ich brandmarken möchte. Der Steuerbetrug ist eine sehr schwere Straftat, vielleicht die Straftat, die unserem Wohlstand am meisten schadet, und zweifellos eine rechtswidrige und verwerfliche Tat. Das ist offensichtlich, doch man erwähnt es selten. Deshalb muss man es anprangern. Die dritte Bedeutung des Wortes – Töten oder Verletzten – trifft allerdings in keiner Weise zu. Auf der Liste der verbrecherischen Länder, die töten oder verletzen, wäre die Schweiz weit von den Spitzenplätzen entfernt. Seit vielen Jahren hat sie nicht mehr an einem Krieg teilgenommen.

In jenem Moment schien es eine gute Idee. Und heute? Ich bereue keine einzige Zeile, die ich in diesem Artikel geschrieben habe. Allerdings würde ich einen anderen Titel wählen. Er legt eine falsche Schlussfolgerung nahe, weil der Begriff «Verbrechen» mit dem Tod in Verbindung gebracht wird. Und es ist nicht das, was ich sagen wollte.

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Anmerkung:
Das Original des Kommentars von Ignacio Escolar ist auf dem Blog Escolar.net erschienen und wurde innerhalb von kurzer Zeit gegen 6’000mal «geliked», also auf Facebook empfohlen.

Fünf Fragen zur europäischen Schuldenkrise

Der spanische Journalist Ignacio Escolar stellt auf seinem Blog Escolar.net fünf eher rhetorische, aber durchaus entblössende Fragen, die ich meinen LeserInnen nicht vorenthalten möchte:

  1. Was für eine belanglose Union stellt Europa dar, wenn es nicht fähig ist, eine Krise zu meistern, die durch die Rettung eines so kleinen Landes wie Griechenland ausgelöst wurde, einem Land, das lediglich zwei Prozent zum EU-weiten Bruttoinlandsprodukt beiträgt?
  2. Warum werden für die Rettung der griechischen Bürger (mit Darlehen von 110 Milliarden Euro) so harsche Bedingungen gestellt, während anderseits die Rettungsmassnahmen für die europäischen Banquiers bedingungslos waren (311,4 Milliarden Euro als direkte Kapitalspritzen, insgesamt 3,7 Billionen Euro, wenn man Bürgschaften, Darlehen und andere Hilfen dazuzählt)? Warum verlangte man für den fahrlässigen Finanzsektor kaum «strukturelle Reformen»?
  3. Welche Beweise brauchen wir noch – nach fast drei Jahren Opfergang, um die Märkte zu «beruhigen», erfolglos notabene –, um einzusehen, dass diese magersüchtige Austeritätspolitik [Sparpolitik] nicht funktioniert? Wenn das Grundproblem die Angst der Investoren vor einem Zahlungsausfall wegen fehlenden Wachstums ist: Wie kann die Lösung dafür in einer Politik liegen, welche die öffentlichen Ausgaben einfriert und in der Folge die wirtschaftliche Erholung abwürgt?
  4. Wie viele «schwarze Montage» brauchen wir noch, bis sich Angela Merkels Hand lockert und der EU sowie der Europäischen Zentralbank ermöglicht, die Spekulanten zu bändigen? Braucht es zwei neue Weltkriege und eine weitere grosse Depression, um die europäische Solidarität zurückzugewinnen?
  5. Wenn, wie die PP [Partido Popular, Volkspartei] sagt, die Schuldenkrise ganz einfach zu lösen sei, indem die Wahlen vorgezogen werden und die Regierung hinausgeschmissen wird: Warum ist dann Portugal, das vor zwei Monaten vorgezogene Wahlen abgehalten und eine sozialistische Regierung durch eine rechte ersetzt hat, inzwischen mit seinen Anleihen auf Ramschniveau angelangt? Und hat Zapatero (oder Rubalcaba) auch Schuld an der Situation in Italien?

Wer überprüfen möchte, ob ich richtig übersetzt habe, findet hier das Original des Beitrags.

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