Die Geburt eines Buches

Nun ist also mein Buch geboren. Es ist 14 Zentimeter lang und bringt 0,28 Kilogramm auf die Waage. Ein kleines, hübsches Ding, das im Gegensatz zu den Menschenkindern bereits ausgewachsen ist, wenn es zur Welt kommt – na ja, weitgehend ausgewachsen … Der Entwicklungsprozess findet vor der Geburt statt. Diesen Vorgang möchte ich hier kurz beschreiben.

Der Anstoss zum Buch gab mein Bruder. Er hat zu einem Blogeintrag, den ich während meiner Indienreise im Winter 2015 erstellt hatte, einen Kommentar geschrieben – was vorher und nachher nie mehr vorkam: «Schöne und berührende Texte. Schreibe ein Buch über die Eindrücke von Indien!» Natürlich fiel dieser Vorschlag nicht auf unvorbereiteten Boden. Immer wieder hatte ich mit dem Gedanken gespielt, ein Buch zu schreiben. – Weil ich ein Leben lang geschrieben hatte. Womöglich weil ich keine eigenen Kinder habe und mich in einem gewissen Sinn verewigen wollte, noch ein Zeichen setzen wollte. Vielleicht aber auch einfach nur, weil es mich wundernahm, wie es ist, ein Buch zu veröffentlichen. Solche Dinge sind eben nicht monokausal …

Das Grobkonzept zum Buch fügte sich schnell zusammen. Viele Texte waren ja schon vorhanden und brauchten nur sinnvoll zusammengeschnurpft zu werden. Wenn ich unterwegs bin, insbesondere in Indien, schreibe ich gern und viel, weil das Schreiben Erholung ist, Erholung von der wuseligen, manchmal betörenden, manchmal erschreckenden, meist aber anstrengenden indischen Lebenswelt. Fürs Schreiben kann ich mich ins geliebte Alleinsein zurückziehen, ohne weitere Erklärungen abgeben zu müssen. Texte gab es also zuhauf.

Verlagssuche und ein Wunder

Für die Suche nach einem Verlag erstellte ich ein Kurzkonzept, ein Exposée zum Buch, das in meinem Kopf langsam Form annahm, legte ein paar Beispieltexte dazu – natürlich jene, die mir am besten gefielen. Ein Begleitbrief und stichwortartige Angaben zu meiner Biografie – und fertig war das Dossier, mit dem ich auf Verlagssuche ging. Nun ja, ein bisschen schwanger ging ich natürlich schon mit der Buchidee. Und die Zweifel, ob das alles etwas wird und ob es tatsächlich wert ist, einige Bäume fällen zu lassen, damit mein Buch erscheinen konnte, die Zweifel waren ständige Begleiter und sind es, ich gestehe, heute noch. Sie gehören offenbar zu meinem Leben, wie etwa die Sehnsucht nach Weite um mich und in mir – oder wie etwa auch der Rollstuhl.

Und dann geschah ein kleines Wunder: Der erste Verlag, den ich anschrieb, der Verlag Johannes Petri – ein kleiner Basler Verlag, Teil (Imprint) des grösseren Schwabe Verlags – zeigte ernsthaftes Interesse. Damit begann ein Abenteuer, das bis heute fortdauert. Erste Gespräche über die Ausstattung und Auflage des geplanten Buches folgten. Eine Offerte zu den Produktionskosten des Buches und zu den Leistungen des Verlags (Lektorat, Marketing, Vertrieb) wurde erstellt. Einen guten Teil der Produktionskosten musste ich beibringen. Ein üblicher Umstand bei einem unbekannten Autoren.

Geldsuche – und ein zweites Wunder

So ging ich auf Sponsorensuche, wobei von Anfang klar war, dass ich einen Teil des Geldes für die Produktionskosten über ein Crowdfunding organisieren wollte – weil ich wissen wollte, ob und wie das funktioniert. Neben einem Begleitbrief, der jeweils auf die Empfängerin und deren Stiftungszweck zugeschnitten sein soll, gehören die Kostenaufstellung (Verlagskalkulation), der Projekt-/Finanzierungsplan, das Buchexposée und möglichst ein Verlagsgutachten dazu. Entscheidend ist, dass man die Stiftungen, die man anschreibt, sorgfältig auswählt. Das Gesuch muss mit dem Stiftungszweck hundertprozentig korrespondieren. Sonst kann man sich die Mühe sparen. Ich ging schrittweise vor. So konnte ich bei den erfolgversprechendsten Stiftungen abklären, ob sie nicht Hauptsponsor werden wollten, was die Sponsorensuche natürlich sehr vereinfacht hätte.

Erleichternd kam bei mir wohl hinzu, dass ich den Rollstuhl ins Spiel bringen konnte. Denn von Anfang an war klar, dass dieser – beziehungsweise der Umstand, dass ich als Rollstuhlfahrer Indien bereist hatte – ein wichtiges Verkaufsargument, eine Art Alleinstellungsmerkmal für das Buch sein würde. Nicht zuletzt auch im Sinne eines Mutmachers, sich nicht von vornherein von äusseren Umständen entmutigen zu lassen, sondern das scheinbar Unmögliche auszuprobieren. Mit dieser Anlage konnte ich auch Stiftungen im Behindertenbereich anschreiben.

Das zweite Wunder war, dass das Finanzierungsziel bald in greifbare Nähe rückte. Dies war der Augenblick, wo ich daran ging, das Manuskript des Buches zusammenzustellen, zu ergänzen und für das Lektorat vorzubereiten. Im April dieses Jahres war es soweit, das Rohmanuskript ging ins Lektorat. Es folgte eine Zeit der Textreifung, die ich besonders genoss, wenn sie auch viel Arbeit bedeutete. Der Buchtitel wurde viele Male in Frage gestellt und wieder auf Schild gehoben, die Bilder ausgewählt – denn was ist ein Reisejournal ohne Bilder –, Legenden, Klappentexte, ein Vorwort mussten geschrieben sein, und, und, und …

Dann kam der Umbruch und ein neuer Vorschlag für den Buchumschlag. Nun wurde es sehr konkret, vieles fand parallel statt: die Finanzierung musste weiter vorangetrieben werden, das Crowdfunding bei 100-days.net aufgegleist, erste Verkaufsmassnahmen besprochen, Nachbesserungen beim Text und beim Umbruch vorgenommen werden. Die Veröffentlichung eines Buches ist vielschichtiger als gedacht.

Nun ist das Buch geboren. Aufatmen und loslassen! Nun gehört das Buch nicht mehr mir, sondern den Leserinnen und Lesern. Es folgt die Zeit der Lancierung, der Platzierung auf dem Buchmarkt – des Staubaufwirbelns –, was hauptsächlich Aufgabe des Verlages ist, aber auch mich auf neue Weise fordert. Gespräche mit Journalisten, Buchvernissage, Lesungen, Auftritte im Fernsehen, ja, im Fernsehen (Tele Basel, Tele Züri), nicht mein Lieblingsmedium, aber das Medium, mit dem man heute die Menschen erreicht. Trotzdem: Aufatmen und loslassen! Es entsteht Raum für Neues.

Das ist mein Buch:

buchcoverIndien aus einer ungewöhnlichen Perspektive

Im Winter 2015 bereiste der Autor mit dem Rollstuhl während dreier Monate Indien. Tagebuchaufzeichnungen, Notizen und Blogeinträge zu dieser Reise bilden das Rohmaterial für das vorliegende Buch. Daraus wurde ein geschickt komponiertes und sprachlich sorgfältiges Mosaik aus Journaleinträgen, Relexionen und Betrachtungen zur indischen Lebenswelt.

Die Texte behandeln Gesellschaft und Religion ebenso wie die Freuden und Tücken, die ein Rollstuhlfahrer in diesem Land erfährt. Vor uns entsteht ein vielfarbiges Bild einer ungewöhnlichen Indienreise, ergänzt mit Fotos, Routenplänen und, wo nötig, knapp gehaltenen Sachinformationen. Das Buch ist kein herkömmlicher Reiseführer. Es möchte den Leser – ob mit oder ohne Beeinträchtigung – dazu ermutigen, doch das Unkonventionelle, ja das scheinbar Unmögliche zu wagen.

Walter Beutler, 1956 in Basel geboren, ist Übersetzer, Blogger und Weltenreisender. Wegen Kinderlähmung ist er zudem seit früher Kindheit Rollstuhlfahrer. Bis vor kurzem übte er seinen Brotberuf als Sachbearbeiter und Korrektor in einer Druckerei aus. Seit er sich ganz dem Schreiben widmen kann, publiziert er regelmässig Kolumnen und redaktionelle Beiträge in der «ProgrammZeitung» und in verschiedenen Medien. Zudem schreibt er einen vielgelesenen Blog.

Walter Beutler
Mit dem Rollstuhl ans Ende der Welt
Meine Reise durch Indien
2016. 155 Seiten, 21 Abbildungen in Farbe, 2 Karten. Gebunden.
sFr. 25.– / € (D) 25.–
ISBN 978-3-03784-105-1

Verlag Johannes Petri, Basel

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In eigener Sache: Das Buch

Liebe Leserin, lieber Leser dieses Blogs, liebe Abonnentinnen, Follower, Zwischendurch-mal-Hineinschauende, liebe Mitreisende im Web-All

In den letzten Wochen und Monaten habe ich nicht allzuviel Zeit und Kraft in diesen Blog investiert. Die meisten Posts waren Zweitausstrahlungen von Texten, die in der ProgrammZeitung oder im HandicapForum veröffentlicht worden waren. Der Grund für meine Zurückhaltung: Ich war anderweitig beschäftigt. Sorry!

Ich hab nämlich geschrieben … Zugegeben: Die Entschuldigung ist nicht gerade originell. Doch ich habe mir halt gedacht: Schreiben ist ja vielleicht das Letzte, das ihr mir übelnehmen werdet, wenn ich mich einfach so davonschleiche.

Ich wollte mich im Printbereich ausprobieren, wollte schauen, ob ich dort etwas zu melden habe, oder ob ich «nur» für das Web-All tauge, das ebenso unermesslich wie flüchtig ist, ebenso metaphysisch wie weltbewegend. Ist das gedruckte Wort wirklicher als das Wort, das über den Bildschirm flimmert? Wird es anders wahrgenommen, anders gelesen? Und schreibe ich einen Text anders, wenn er in Druck geht, als wenn er per Klick veröffentlicht wird?

Ich bin Kolumnist geworden, hab einige journalistische Texte veröffentlicht – und kann mich bald Buchautor nennen. Was für ein Aufstieg! Doch darum ging es mir nicht. Vielmehr wollte ich mich ausprobieren: Was macht mir Freude? Wie kann ich die anderen am besten mit meinen Texten erreichen und berühren?

Dies also zu meiner Entschuldigung.

Und nun zu meinem Buchprojekt:

Im Herbst 2016 wird beim Verlag Johannes Petri unter dem Titel «Mit dem Rollstuhl ans Ende der Welt» mein erstes Buch, ein Journal meiner jüngsten Indienreise erscheinen.

Aus der Ankündigung des Verlages:

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Im Winter 2015 bereiste der Autor mit dem Rollstuhl während dreier Monate Indien. Tagebuchaufzeichnungen, Notizen und Blogeinträge zu dieser Reise bilden das Rohmaterial für das vorliegende Buch. Daraus wurde ein geschickt komponiertes und sprachlich sorgfältiges Mosaik aus Journaleinträgen, Reflexionen und Betrachtungen zur indischen Lebenswelt.

Die Texte behandeln Gesellschaft und Religion ebenso wie die Freuden und Tücken, die ein Rollstuhlfahrer in diesem Land erfährt. Vor uns entsteht ein vielfarbiges Bild einer ungewöhnlichen Indienreise, ergänzt mit Fotos, Routenplänen und, wo nötig, knapp gehaltenen Sachinformationen. Das Buch ist kein herkömmlicher Reiseführer. Es möchte den Leser – ob mit oder ohne Behinderung – dazu ermutigen, doch das Unkonventionelle, ja das scheinbar Unmögliche zu wagen.


 

Per Crowdfunding möchte ich die verbleibende Finanzierungslücke schliessen. Diese besteht zur Hauptsache aus meinem Anteil an den Kosten der Buchproduktion und der Leistungen des Verlags, wie etwa Vertrieb und Marketing. Sollte aus dem Crowdfunding ein Überschuss resultieren, so werde ich diesen nach Möglichkeit in eine Auflagenerhöhung investieren.

Wer hat noch nicht? Wer möchte gern? Hier geht’s lang zu meiner Projektseite auf der Crowdfunding-Plattform

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Danke für eure Aufmerksamkeit!

 

Mein Freund, der Rolli – Persönliches zur Kulturgeschichte des Rollstuhls

Wer wie ich seit über fünfzig Jahren im Rollstuhl sitzt, kann über dieses Kulturgut mit Rädern etwas erzählen. Und weil ich zu meiner Behinderung und dem Rollstuhl ein eher unverkrampftes Verhältnis habe, kommt das auch noch ganz schön locker rüber. Denn es ist nicht wirklich hilfreich, daraus eine todernste Sache zu machen. – Episoden und Ansichten aus meinem Rollstuhlleben. (Achtung Überlänge!)

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Ein alter Rollstuhl in Szene gesetzt. «The star» von Michael Kötter, CC-Lizenz via flickr

 

In meiner Kindheit gab es im Gegensatz zu heute noch keinen kindgerechten Rollstuhl. Die Kinder im Spital, die nicht laufen konnten, obschon sie es vom Alter her hätten können müssen, wurden herumgetragen, auf einem Schragen mit Rädern herumtransportiert oder liegen gelassen, im Bett oder auf einer Decke auf dem Fussboden. Ich selbst entkam Anfang der 1960er Jahre im Kinderspital Basel, wo ich bis ins Schulalter lebte, diesem trüben Schicksal der kindlichen Eingrenzung dank der Idee eines findigen Schreiners. Der Vater eines Schicksalsgefährten im selben Alter, der ebenfalls wegen Kinderlähmung im Spital war, schreinerte uns beiden eine Art Rollbrett, auf dem wir bäuchlings liegen konnten, mit zwei kleinen, fixen Rollen hinten und zwei ebenso kleinen, aber steuerbaren vorne. Dort, wo unsere Arme für die Fortbewegung Freiheit brauchten, war das Brett halbmondförmig ausgespart.

Bald schon beherrschten wir diese Rollbretter in geradezu beängstigender Weise. Beängstigend für die Fussgängerinnen und Fussgänger, von denen wir hauptsächlich Schuhe und Strümpfe wahrnahmen und denen wir nach Möglichkeit auswichen. Doch jene Fusswesen waren ebenso wie wir in steter Bewegung. Bald waren wir auch ausserhalb unseres Schlafsaals unterwegs, auf den Korridoren und in anderen Sälen. Geschlossene Türen allerdings waren ein echtes Hindernis, weil die Klinke ausserhalb unserer Reichweite war. So kam es, dass man uns mit der Zeit, wie man es bei Katzen tut, die Türe auftat und einen Spalt weit offen liess. Unsere Kreise wurden immer grösser. Wir eroberten uns auf den Rollbrettern Raum für Raum, indem wir nach Türen Ausschau hielten, die mindestens einen Spalt weit offen standen. Und in einem Kinderspital gibt es einige Türen – nicht nur geschlossene.

Mein erster Rollstuhl

Von SORG Rollstuhltechnik GmbH+Co.KG - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, $3

Einen modernen Kinderrollstuhl wie diesen gab es noch nicht. (Von SORG Rollstuhltechnik GmbH+Co.KG – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0)

Doch ich komme vom Thema ab, meinem ganz persönlichen Blick auf die Kulturgeschichte des Rollstuhls, der, wie gesagt, in meiner frühen Kindheit durch Abwesenheit glänzte. Natürlich ist es ein Unterschied, ob ein wie auch immer gelähmtes Kind im Vorschulalter selbständig die Welt entdecken kann oder nicht – und wie gross die Kreise sind, die es selbständig ziehen kann. Das wird seine Weltläufigkeit für den Rest des Lebens prägen. Wohl deshalb ist man heute darauf bedacht, schon Kleinkinder mit einem Rollstuhl zu versorgen. Und vielleicht nur dank des Rollbrettes wurde mein Blick in die Welt schon in früher Kindheit leidlich weit, weiter vielleicht sogar als der Blick vieler Kinder, die in einer ganz normalen Familie, aber unter strenger Obhut ihrer Eltern aufwuchsen und ein nicht minder eingegrenztes Leben erleiden mussten wie meine gelähmten Spitalkinder ohne Rollstuhl und Rollbrett.

Ich glaube mich besonders befugt, einen Blick auf die Kulturgeschichte des Rollstuhls zu werfen, weil der Rolli einer meinen besten und treusten Freunde war und ist. Ich habe ein zärtliches Verhältnis zu ihm – nicht zuletzt, weil ich von ihm abhängig bin, ganz und gar abhängig. Der Rollstuhl ist Teil meines Körpers geworden, Teil meines Körperempfindens gar. Steht der Rollstuhl still, so stehe auch ich still. Hat er einen Plattfuss, so habe ich einen Plattfuss. Und dieses innige Verhältnis dauert nun schon fast ein Leben lang, um die fünfzig Jahre. Wichtige fünfzig Jahre – für mich wie für die Kulturgeschichte des Rollstuhls.

Meinen ersten Rollstuhl bekam ich im Kindergartenalter. Er bestand aus verchromten Stahlrohren, zwei grossen Rädern mit ebenso verchromten Greifreifen und klobigen Feststellbremsen, zwei kleineren, gespeichten Vollgummirädern vorne, einer ausladenden Sitzfläche aus dickem Leinen, überzogen mit dunkelblauem plastifiziertem Gewebe, einer ebensolchen Rückenlehne, einzeln aufklappbaren Fussbrettern, Wadenband, Griffen und Fussrasten hinten … Habe ich etwas vergessen? Ach ja: Da der Stuhl als faltbar galt, befand sich zwischen den beiden grossen Rädern ein hochkomplexes Gestänge, das alleine womöglich über zehn Kilogramm wog. Der Rollstuhl war gross, viel zu schwer und kaum eigenhändig zu bewegen – obschon er dafür gedacht war. Und zusammenklappen liess er sich auch nur mit grösster Anstrengung, seitens einer erwachsenen Person wohlverstanden – obschon nicht zuletzt darin Sinn und Zweck des Rollstuhls bestand. Zwischen Sitzfläche und Rückenlehne gab es einen grossen Spalt, durch den ich hätte verschwinden können, irgendwohin ins verchromte Gestänge zwischen den Rädern. Kurz: Der Stuhl war nicht zu gebrauchen. Trotzdem war ich mächtig stolz. Denn ich war von nun an kein «Bodensurri» mehr, sondern ein aufrecht sitzender Junge, der ebensoviel an Würde gewonnen hatte, wie er an Beweglichkeit verlor. Das prägte mein Bild vom Erwachsenwerden: Man tauscht Bewährtes, Liebgewonnenes ein gegen eine glitzernde Verheissung, die oft nicht hält, was sie verspricht.

Von der Hierarchie der Rollstuhlfahrer [Read more…]

Muss man denn als Rollstuhlfahrer unbedingt nach Indien reisen?

Im Zusammenhang mit dem 20-Jahr-Jubiläum von Procap Reisen wurde ich angefragt, ob ich nicht einen Text über meine Reiseerfahrungen und -motive beisteuern könnte. – Ich konnte:

Es ist das Unterwegssein, das mich immer wieder glücklich macht. On the road again. Wie oft ging mir das durch den Kopf, wenn ich wieder mal zu einer Reise aufbrach! Es klang in meinen Ohren wie ein veritabler Freiheitsruf und liess mein Herz höher schlagen. Natürlich kann man auch an den Bielersee reisen – oder ins Tessin. Doch so richtig Freude macht das Reisen erst, wenns auch wirklich einschenkt. Tausend Kilometer müssen es schon sein, damit das On the Road-Gefühl wirklich aufkommt. Mindestens tausend Kilometer! Und wenn ich nicht wenigstens einen Monat unterwegs bin – lieber sind mir zwei, drei Monate –, so habe ich das Gefühl, gar nicht richtig on the Road gewesen zu sein. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich mit dem Film «Easy Rider» gross geworden bin. Vielleicht ist es auch nur eine Marotte.

Dass ich im Rollstuhl bin, erschien mir in diesem Zusammenhang immer als Nebensache. Bitte nicht verallgemeinern! Da habe ich den Vorteil, dass ich seit früher Kindheit das Rollstuhldasein gewohnt bin. Und dass ich doch recht selbständig und gesundheitlich robust bin. Man macht dann von seinem Rollstuhl nicht mehr so viel Aufhebens. Er ist eine Tatsache, grad so wie andere mit Schuhgrösse 45 leben müssen. Ich würde meinen lieben Bruder mit vier Rädern, Alurahmen und Carbonfaser-Seitenschutz glatt vergessen, wenn ich nicht von meiner Umgebung immer wieder daran erinnert würde.

Allerdings macht der Rollstuhl das Reisen nicht einfacher. Deshalb war ich bis vor wenigen Jahren meist mit Freunden oder Bekannten unterwegs. Je nach Konstitution dieses Begleiters gab es praktisch keine Hindernisse mehr. So habe ich mir reisend die unterschiedlichsten Ecken dieser Welt erobert: Ecuador, Neuseeland, Vietnam. Ich könnte noch mehr aufzählen. Doch die Masse allein machts nicht aus. Und wie gesagt, mindestens zwei Monate mussten es schon sein.

Wie man sich leicht vorstellen kann, muss die Chemie zwischen Begleiter und mir stimmen. Mitunter ist das die grösste Herausforderung beim Reisen im Rollstuhl. Denn die Abhängigkeit unterwegs ist sehr viel grösser als zuhause, wo ja alles auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist – na ja, fast alles … Doch unterwegs in fernen Ländern, jedenfalls in diesen, die mich locken, ist Rollstuhlgängigkeit klein geschrieben – sehr klein. Das kann ganz schön auf den Geist gehen. Und wenn bei diesem doch recht einseitigen Abhängigkeitsverhältnis die Chemie nicht stimmt, geht man sich bald gegenseitig auf den Geist.

Ich habe deshalb in den letzten Jahren die Vorzüge des Reisens ganz auf eigene Faust entdeckt. Das ist reisetechnisch nochmals eine ganz neue Dimension: auf sich gestellt, frei, allem und jedem unterwegs radikal ausgesetzt. Es gibt niemanden, hinter dem du dich verstecken kannst. Ja, so reise ich nun, als lonesome Rider on the Road. Einfach genial!

Fragt mich nicht, weshalb es die letzten Jahre Indien sein musste! Ich weiss es selbst nicht genau. Vielleicht auch wieder eine Frage der Sozialisation: Zu jener Zeit, als ich jung war, gab es diese Indien-Freaks, die – möglichst auf dem Landweg – nach Indien reisten, oft nach Goa. Und dort dann – ebenso oft – absumpften. Indien wollte ich – es ist gar nicht so lange her – partout aus eigener Anschauung kennenlernen, und auf eigene Faust. Ohne abzusumpfen natürlich.

Nun, es war nicht besonderer Mut oder gar Tollkühnheit, die mir diese erste Reise nach Indien ermöglichte, sondern eine sorgfältige Organisation. Das Hauptproblem ist die Unterkunft. Ohne ein Zimmer oder ein Häuschen, in dem ich mich selbständig bewegen kann und wo ich eine Dusche nehmen kann, bin ich aufgeschmissen. Ich wusste: Wenn ich so etwas finde, zum Beispiel in Südindien, vielleicht noch in einem spannenden Gebiet, dann habe ich schon viel gewonnen. Ich muss dazu noch sagen, dass ich jeweils meinen Swiss Trac, mein Rollstuhl-Zuggerät (siehe Foto) mit auf die Reise nehme. Ich bin damit recht mobil. Eine Batterieladung des Gerätes reicht bis zu dreissig Kilometer weit. Tatsächlich habe ich dann ein wunderbares Häuschen im Wald von Auroville in der Nähe von Pondicherry, Tamil Nadu, gefunden. Dieser besondere Ort bildete für alle folgenden Reisen in Indien die Basistation, von wo aus ich immer grössere Kreise zog, je besser ich mit den Gepflogenheiten der indischen Welt bekannt wurde.

Auf meiner letzten Reise vergangenen Winter führten mich die grösser werdenden Kreise durch ganz Indien, teils mit dem Zug, teils mit dem Auto. Ich hatte mich für diese «grosse Reise» durch Indien gleichwohl wieder mit jemandem zusammen getan, der Indien bestens kannte und mich – beinahe schon problemlos – jeweils in den Zug hieven konnte – und dann auch wieder raus. Indien ist nicht rollstuhlgängig. In keiner Weise. Zwischendurch war es echt schwierig. Natürlich kann man sich fragen: Muss man denn als Behinderter unbedingt nach Indien reisen? Meine Antwort: Ja, man muss. Da mache ich keine Abstriche. Gar keine!

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Im Gespräch mit einem Ladenbesitzer in Pushkar, Rajasthan.
Foto: Beat Schaub


Der Text ist online erschienen bei der TagesWoche als interessanter Mischtext mit eingeschobenen Textstücken von Christoph Meury über Procap Reisen. War zwar nicht so geplant und ist alles ein bisschen textlastig herausgekommen. Doch das Resultat lässt sich sehen.

Indien wie im Märchen: Rajasthan

Natürlich ist Rajasthan Teil des heutigen Indien. Und das heutige Indien ist alles andere als märchenhaft. Die diesjährige Reise durch real India hat bei mir diesbezüglich für einige Ernüchterung gesorgt. Trotzdem fühlte ich mich in Rajasthan, das wir für einige wenige Tage besuchten, wie im Märchen – oder genauer: als bewegten wir uns vor den Kulissen einer Märchenwelt. – Indien-Reisetagebuch, letzter Teil.

Wenn man von Delhi Richtung Südwesten reist, wird die Landschaft immer trockener und dürrer. Gleichzeitig werden die Kleider der Frauen immer farbiger, besonders ihre Kopftücher. Ist man in Rajasthan angelangt, sind diese Farben so satt, dass sie in den Augen einen leisen Schmerz verursachen. Rot und Gelb herrschen vor – und alle Farben dazwischen. Es ist, als trotzten die Frauen mit dieser überbordenden Farbigkeit dem unbarmherzigen Sonnenlicht und der Lebensfeindlichkeit der ausgedörrten Landschaft. Es ist, als setzten sie einen Kontrapunkt.

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Bild: Pushkar, India, von PnP!, CC-Lizenz via flickrDas männliche Pendent dazu ist der Turban, auch dieser oft in satten Farben – oder in Weiss. Allein in Rajasthan soll es um die fünfzig verschiedene Arten geben, wie der Turban gewickelt wird. Bis zu dreissig Meter lang ist das dafür verwendete Tuch. Am Turban lässt sich Herkunft und Stand seines Trägers erkennen. In Pushkar, wo wir ein paar Tage verbrachten, ist die luftige, an ein Korbgeflecht erinnernde Bindeart verbreitet. Turban und das bunte Kopftuch der Frauen sind zwei der Elemente, die mich zuweilen vergessen liessen, dass wir uns in real India befanden, dem Indien der weit verbreiteten Armut und des Überlebenskampfs nach darwinistischem Muster.

Paläste und Kamele

Zwei weitere Elemente der märchenhaften Kulisse Rajasthans sind die Architektur und die Kamele. Es fing damit an, dass wir am Rande von Pushkar in einem Palast wohnten. (Soweit zur Stellung der westlichen Touristen im indischen Überlebenskampf.) In Pushkar wimmelt es von grösseren und kleineren Palästen. Die noble Unterkunft war in keiner Weise rollstuhlgängig. Trotzdem liess ich mich darauf ein, da Rollstuhlgerechtigkeit im Indien der Gegenwart sowieso eine Illusion ist und der Zauber der Umgebung die Nachteile bei weitem aufwog. (Und es waren meine letzten Tage in Indien. Bald würde das Leben wieder ganz anders – auch wieder selbstbestimmter.) Typisch für die märchenhafte Architektur in Rajasthan sind die vielen Erker und die kleinen, durch Säulen getragenen Kuppeln. Typisch auch die ebenmässigen Wand- und Deckenmalereien, meist Blumengirlanden in üppigen Farben, die von Hand in Feinstarbeit aufgebracht werden. Was für eine Geduld und Ausdauer, was für ein Fleiss auch braucht es, um diese Malereien anzufertigen! Das sah in unserem Zimmer dann etwa so aus. Und der Palast besass an die dreissig solche Zimmer.

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Die Kamele respektive Dromedare sind selbstverständlicher Teil des öffentlichen Raums in Rajasthan. Sie werden als Reittiere wie als Zugtiere eingesetzt. Ihr Gesicht hat etwas Stolzes, das sich mit Ironie vermischt. Gerade so als würden sie sich über die Menschen ganz schön lustig machen. Dabei haben sie selbst nicht viel zu lachen, nicht nur in Rajasthan. Doch nur hier habe ich gesehen, dass den Kamelen ein dünner Stab durch die Nüstern getrieben wird, damit sie einfacher zu lenken sind. Dem Vernehmen nach haben sie etwas Störrisches, einen ausgeprägten eigenen Willen. Auch dies ist in ihr seltsames Gesicht geschrieben.

Der Palast der Winde

Danach Jaipur, die Hauptstadt von Rajasthan: malerische Altstadt, Palast der Winde – die Touristenattraktion. Reisecarweise werden die fotografierenden Zaungäste herangekarrt, so dass beim Palast der Winde der Verkehr immer wieder ins Stocken gerät, nachdem ein Car seine bunte Fracht entlassen hat. Natürlich ist der Palast eindrücklich in seiner Bauart. Eindrücklicher noch ist aber sein ursprünglicher Zweck: Er wurde Ende des 18. Jahrhunderts vom damaligen Maharaja erbaut, um seinen unzähligen Haremsdamen, die sich nicht unters gemeine Volk mischen durften, einen Ausblick auf die Festumzüge zu Ehren ebendieses ihres Herrn zu ermöglichen, ohne dass sie selbst gesehen wurden. Die Beobachtungsposten waren so konstruiert, dass ein steter Wind für etwas Abkühlung sorgte. – Immerhin!

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Bildnachweis: Die beiden oberen Bilder: Pushkar, India, von PnP!, CC-Lizenz via flickr; die beiden unteren: Beat Schaub

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