Verhüllungsverbot in der Schweiz: Eine Lösung sucht das Problem

Seit Jahren kämpft das Egerkinger Komitee zusammen mit rechtsbürgerlichen bis rechtextremen MitstreiterInnen «gegen die Islamisierung der Schweiz», ist also klar antimuslimisch. Ihr neuster Streich: «Ja zum Verhüllungsverbot», eine Initiative, welche die Verhüllung des Gesichts im öffentlichen Raum verbieten will und dabei hauptsächlich auf den Gesichtsschleier der muslimischen Frau und die Burka zielt. Damit ernten die Initianten selbst in progressiven und feministischen Kreisen Sympathien. – Ein Aufruf, sich nicht vereinnahmen zu lassen.

Frauen! Lässt euch nicht vor den Karren der Muslimfeinde spannen! Dass sie sich für die Freiheitsrechte muslimischer Frauen einsetzen, ist eine Mär. Dazu reicht ein Blick auf die illustre Schar der Träger der Initiative «Ja für das Verhüllungsverbot»: zur Hauptsache das Egerkinger Komitee, die «Schweizerzeit» und die Eidgenössisch-Demokratische Union, allesamt stockkonservative Organisationen, die nicht als Vorkämpfer für die Frauenrechte bekannt sind und sich bestimmt noch heute gegen das Frauenstimmrecht sperren würden, stünde es zur Disposition.

Hilfreich ist auch ein Blick auf die Wirklichkeit in unserem Land, denn die Initianten bewirtschaften ein Problem, das es gar nicht gibt. Gemäss einer wissenschaftlich fundierten Schätzung wohnen um die dreissig Nikab-Trägerinnen in der Schweiz und keine einzige Frau, die eine Burka trägt. Hinzu kommen einzelne Touristinnen, in ihrer Mehrzahl aus den Ölmonarchien, die Interlaken «unsicher» machen. Wegen diesem Randphänomen möchten die Initianten das Verhüllungsverbot in der Bundesverfassung festschreiben …

Gute Chancen für die Initiative

Das Bittere: Die Initiative hat gute Chancen, von den Schweizer Simmberechtigten angenommen zu werden – aller Voraussicht nach weil manche Frauenbewegte die Initiative als hilfreich betrachten, die Freiheitsrechte der muslimischen Frauen zu befördern. Das Gegenteil ist der Fall! Einmal mehr soll über den Körper der Frau und was sie mit ihm tut, gesetzlich befunden werden. Einmal mehr initiiert von einem Gremium konservativer Männer. Gratuliere! Das kommt wie ein Trojanisches Pferd daher, um auch linke, frauenbewegte Kreise für ein erzkonservatives und rassistisches Anliegen zu gewinnen. Ob man dem Initiativkomitee so viel strategisches Kalkül zutrauen kann?

Tatsache ist, dass mit dem neuen Verfassungsartikel und dem Ausführungsgesetz keine einzige Muslimin in der Schweiz aus den Klauen der Unterdrückung befreit werden wird. Das Gegenteil könnte der Fall sein: dass Frauen, die freiwillig und selbstbestimmt den Nikab tragen – was gemäss Andreas Tunger-Zanetti, Geschäftsführer des Zentrums für Religionsforschung an der Universität Luzern, für die Schweiz zutrifft –, sich weniger in der Öffentlichkeit bewegen. Und wenn man wirklich ein Zeichen gegen die Unterdrückung der Frau im fundamentalistischen Islam setzen will, so ist das geradezu absurd mit einem Verfassungsartikel in der Schweiz. Zielführender wäre hier, die Handelbeziehungen mit einigen Golfmonarchien zu überdenken, etwa die Waffenexporte in diese Länder.

Völlig grotesk wird das Ansinnen der Initianten, wenn man die allzu plakative Plakatkampagne betrachtet: Mit dem Verhüllungsverbot soll tatsächlich der Extremismus gestoppt werden. Mitgemeint ist selbstverständlich der Terrorismus. Es ist völlig schleierhaft, wo hier ein logischer Zusammenhang besteht. Doch wen kümmert’s? Populismus und Demagogie können getrost auf die Logik pfeifen. Hauptsache, es wird Stimmung erzeugt!


Quellen:

Christoph Eggli (1952 – 2010)

Nicht dass ich Christoph Eggli persönlich gekannt hätte. Doch am Horizont meines Lebens als Rollstuhlfahrer ist er immer wieder aufgetaucht – zunächst als Bruder seiner wohl bekannteren Schwester Ursula Eggli, Schriftstellerin und für kurze Zeit meine Zimmernachbarin im Wohnheim Rossfeld, später als Poltergeist der Behindertenszene und bekennender Homosexueller. Er und seine Schwester waren beide an Muskelschwund erkrankt. Beide waren in hohem Masse auf Assistenz und Pflege angewiesen. Und beide hatten die Prognosen ihrer Ärzte wohl um Jahrzehnte überlebt. Sie starb im Jahr 2008 mit 64 Jahren, Christoph im Sommer 2010.

Unbeugsamer Geist

Christoph in jungen Jahren

Aus der Entfernung bewundert an Christoph habe ich seinen unkonventionellen, unbeugsamen Geist. Er passte einfach in keine Schublade. Ohne ihn und seine MitstreiterInnen würden die Schweizer vielleicht heute noch glauben, Behinderte hätten keine Sexualität und wären Wesen eines anderen Planeten, nämlich Bewohner von Heimen, wo sie auch am besten aufgehoben seien … Er muss mit den Behörden, insbesondere mit der Invalidenversicherung und anderen Exponenten der institutionalisierten Behindertenhilfe, in ewigem Kampf gelegen haben. In der damaligen Zeit war es für einen Schwerstbehinderten, der praktisch rund um die Uhr auf Hilfestellungen und Pflege angewiesen war, ein Ding der Unmöglichkeit, selbstbestimmt und ausserhalb einer Behinderteninstitution zu leben. Keine Versicherung finanzierte das, die IV schon gar nicht.

„Der mutige Kläffer Christoph“

In den 1980er Jahren entstanden die ersten selbstverwalteten Wohngemeinschaften für Menschen mit einer Körperbehinderung, gedacht als Gegenentwurf zu den konventionellen Wohn- und Beschäftigungsheimen. Doch auch solche Selbsthilfe-Einrichtungen entwickelten sich bald zu behäbigen Institutionen und waren ihm auf die Dauer zu eng. Der Anspruch auf Selbstbestimmung und ein eigenes Zuhause war letztlich für ihn nicht verhandelbar. Offensichtlich war er auch für seine nächste Umgebung alles andere als der anspruchslose und dankbare Behinderte. So beschrieb ihn Ursula, seine Schwester, als „… der mutige Kläffer Christoph, der alle verärgert, der alle angreift, der alle kritisiert, die um ihn herum leben, auch wenn er für jede Handreichung von ihnen abhängig ist.“

Auszug nach Bali

Besuch in Bali von Schwester und Freunden

Im Mai des Jahres 2000, nach einer 41-jährigen Karriere in den unterschiedlichsten Heimen und WGs, ist Christoph nach Bali ausgewandert – als „Sozialflüchtling des Schweizer Invalidenheims“. Dort baute er sich eine Existenz auf – nun weitgehend selbstbestimmt und mit minimalster finanzieller Unterstützung aus der Schweiz. Als Geburtsbehinderter wurde ihm keine IV-Rente ins Ausland ausbezahlt. Statt dessen musste er von der Sozialhilfe für AuslandschweizerInnen leben. Unbeirrt richtete er sich in Bali häuslich ein, unterstützt und gepflegt von balinesischen Assistenten und in Gemeinschaft mit Ida, seiner späteren Frau. Um sie zu heiraten, konvertierte er zum Islam und nannte sich fortan Muhammad Adi Putra (Christoph Eggli). Offenbar hatte er mit der Hinwendung zum Islam nicht nur der Form Genüge getan, sondern fand in der neuen Religion auch einen gewissen Halt. Doch auch in dieser Hinsicht wäre es falsch, ihn mit einem süffisanten „Aha“ zu schubladisieren.

Aus Bali hat er sich immer wieder über seinen Blog „Christoph in Bali“ ((Link nicht mehr verfügbar)) bemerkbar gemacht: tagebuchartige und zuweilen spitze Wortmeldungen zu seinem Leben dort und zur Politik im allgemeinen sowie zur Schweizer Behindertenpolitik. Der letzte Eintrag stammt vom 5. Juni 2010, wenige Tage bevor er im Spital Surya Husadha in Denpasar mit 58 Jahren an einer Lungenentzündung starb.

Quelle Bilder: www.ursulaeggli.ch

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