Die «TagesWoche» – endlich!

Die Zeit wurde lang, wenn man als notorischer Zeitungsleser in der Nordwestschweiz auf eine Alternative zur «Basler Zeitung» wartete. Denn dieses Monopolblatt wurde immer ungehemmter zur SVP-Postille – ein zunehmend unappetitliches Monopol, das  nun endlich Schnee von gestern ist. Denn ab sofort gibt es die «TagesWoche», gleichsam eine Nordwestschweizer Zweitmeinung, die allerdings mit ihrer wöchentlichen Printausgabe und dem tagesaktuellen Onlineportal ein etwas anderes Feld beackert als die olle Tante «BaZ» und auch nicht als Anti-«BaZ» verstanden werden will. – Eine kleine Blattkritik.

Über den Namen der neuen Zeitung lässt sich streiten. Hat er tiefere Bedeutung oder klingt er bloss gut, insbesondere als Kürzel «TaWo»? Doch Namen sind Schall und Rauch. Wichtiger sind Inhalte. Und diesbezüglich bin ich von der «TagesWoche» durchaus angetan: Themenvielfalt, Sprache und Gestaltung der Printausgebe stimmen zuversichtlich. Wie ein luftiges Magazin kommt die «Zeitung aus Basel» – so ihr Untertitel – daher. In einem ausführlichen Artikel bewertet Redaktionsleiter Urs Buess den Ausgang der eidgenössischen Wahlen. Parallel dazu wird eingeschätzt, was die neue, gestärkte Mitte für den Fortgang der parlamentarischen Arbeit an einigen Schlüsselthemen bedeuten mag. In Kommentaren, Interviews und Berichten werden brandheisse – na ja, bestimmt aber aktuelle – Themen der Region aufgegriffen: Jugendgewalt, die Brandkatastrophe von Schweizerhalle vor genau 25 Jahren, die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise auf die Region. Der Auslandteil ist etwas dünn, was wohl dem doch recht kleinen Redaktionsstab von 17 Personen geschuldet ist. Auch Sport, Kultur und «Leben» fehlen als Ressorts nicht und haben naturgemäss einen engen Bezug zur Nordwestschweiz. Der Veranstaltungskalender mit redaktionellen Einsprengseln ist ganz schön ausführlich – und gestalterisch höchst unübersichtlich. Das kann noch besser werden. Überhaupt ist die ganze Zeitung noch etwas brav und zurückhaltend. Doch wer will als neuer Gast denn gleich mit der Türe ins Haus fallen? Die erste Ausgabe einer völlig neuen Zeitung ist halt fast noch eine Nullnummer, eine Art Suchbewegung, ein Versprechen … Aber dieses Versprechen klingt süss und lässt auf journalistische Substanz hoffen – etwas, das ich in Basel zunehmend vermisst habe.

Aussergewöhnliche Entstehungsgeschichte
Aussergewöhnlich ist die Entstehungsgeschichte der «TagesWoche». Sie hängt eng mit dem Niedergang der «Basler Zeitung» zusammen. Nachdem die Basler Mediengruppe «National Zeitung und Basler Nachrichten AG» verkauft wurde und in rechtsbürgerliche Hände geriet, nachdem Markus Somm, ehemaliger Chefredaktor der «Weltwoche» und Intimus von Christoph Blocher, zum Chefredaktor der BaZ gekürt wurde und erste Kostproben seiner pamphletischen Schreibe in Kommentarform erschienen, setzte bei den Leserinnen und Abonnenten eine Absetzbewegung ein, und der Ruf nach einer Alternative wurde laut. Hier und hier habe ich darüber berichtet. Rund um die Künstler- und Aktivistengruppe «Kunst und Poltik» kristallisierten sich die Empörung über den rechtsbürgerlichen Mediencoup, aber auch die konkrete Suche nach Alternativen. Unter dem knalligen Titel «Rettet Basel!» wurde ein viel beachteter Aufruf zur Schaffung einer neuen Tageszeitung in der Region Basel lanciert. Erste Gespräche wurden geführt, erste Abklärungen gemacht. Dann war es lange still – bis vor knapp einem Jahr bekannt wurde, dass die Basler Mäzenin Beatrice Oeri einen namhaften Geldbetrag für ein neues Zeitungsprojekt gesprochen hattte, wie es heisst, ein zweistelliger Millionenbetrag, der das wirtschaftliche Überleben der neuen Zeitung für die nächsten vier, fünf Jahre sichern soll. Offen bleibt die bange Frage, ob ohne das äusserst grosszügige Mäzenatentum eine Alternative überhaupt möglich gewesen wäre.

Printausgabe und Onlineportal: das Konzept
Aussergewöhnlich ist auch das Konzept der «TagesWoche»: Jeweils freitags eine Printausgabe im «halbrheinischen» Format (26 x 36 cm) und ein Onlineportal, das täglich aktualisiert wird – selbstverständlich auch übers Wochenende. Und dabei wird das Onlineportal nicht zum Anhängsel der Printausgabe. Vielmehr fliessen auch Online-Inhalte und bestimmt auch Diskussionen zurück in die Printausgabe. Überhaupt ist geplant, die «TagesWoche»-Community in die Wahl der Themen und die Entwicklung von Inhalten einzubeziehen. So besteht unter dem Motto «Die Redaktion sucht …» das Gefäss des Storyboards, wo Erfahrung und Wissen der LeserInnen gezielt in die redaktionelle Arbeit einfliessen können. Neben der Web 2.0-üblichen Kommentarmöglichkeit zu jedem Artikel, was allerdings eine Registrierung voraussetzt, werden natürlich auch die sozialen Medien stark gewichtet – bis hin etwa zur gemeinsamen Berichterstattung von Redaktion und LeserInnen in Echtzeit über Twitter zum Beispiel während eines Fussballspiels des FCB. An entsprechender Stelle auf der Webseite steht dann ein News-Feed, wo die Meldungen mitverfolgt werden können. Das braucht sich natürlich nicht auf Fussballspiele zu beschränken und eröffnet ein weites Feld der Crowdsource-gestützten Berichterstattung in Echtzeit. Schön auch die kleine und nützliche Funktion der «Rückseite», ein Gadget, das die Artikelgeschichte (Autor, wann veröffentlicht, wann geändert, welche Quellen) übersichtlich darstellt.

Die «Basler Zeitung» schweigt
Und die olle Tante BaZ? Am Tag des Erscheinens der «TagesWoche» schweigt sie eisern. Die neue Konkurrenz ist ihr keine Zeile wert. Und am Folgetag erscheint ein giftiger Gastkommentar, der die erste Printausgabe in der Luft zerreisst. Originalton: «Die Vorerwartungen, zusätzlich angepeitscht durch die enthemmten ‹Rettet Basel›-Scharfmacher, waren extrem hoch.» Eine solche Reaktion – insbesondere das anfängliche Verschweigen des neuen Medienprodukts – ist nur noch kindisch.

Trotzdem: Jetzt, mit der neuen «TagesWoche», ist man versucht, die «Basler Zeitung» endgültig links – pardon: rechts – liegen zu lassen. Man gibt sie auf, statt um sie zu kämpfen. Man überlässt sie ihrem Schicksal. Und das ist sehr schade. Das reut mich, denn immerhin ist (und bleibt) sie ein zentraler medialer Teil der Basler Identität, und die Gefahr steigt, dass diese Identität in Richtung SVP getrieben und geschubst wird. Das Drama ist noch nicht zu Ende.

Doch einstweilen freue ich mich über die Alternative in der Nordwestschweiz.

Hier geht es zum Onlineportal der «TagesWoche»:

Die Printausgabe müsst ihr schon selber kaufen.

Basler Zeitung mit zunehmendem Rechtsdrall

Die Meinungsvielfalt in Ehren. Doch was wir in der Basler Zeitung immer öfter vorgesetzt bekommen, hat mit Meinungsvielfalt ebenso wenig zu tun, wie Lüge und Demagogie mit der Wirklichkeit. Ein empörendes Beispiel stand am 11. März in einem Interview mit Dieter Spiess, dem Präsidenten der Baselbieter SVP. Im Zusammenhang mit der befürchteten Flüchtlingswelle aus Nordafrika kann er unwidersprochen behaupten:

„Warum gehen diese Leute [die Flüchtlinge] nicht nach Amerika oder Kanada? Weil ihnen hier [in der Schweiz] das Geld nachgeschossen wird.“

Das Geld wird den Flüchtlingen in der Schweiz schon lange nicht mehr nachgeworfen, Herr Spiess. Im Gegenteil! Mit dem Entzug der kantonalen Nothilfe, die ein absolutes Minimum für die Existenz darstellt – ein Minimum übrigens, wie man es den Schweizer Bürgern (noch) nicht zumuten würde –, werden selbst gefährdete Flüchtlinge so weit vergrämt, dass sie möglichst die Schweiz verlassen.

Doch wir sind beim Niedergang der Basler Zeitung. In derselben Ausgabe und an prominentester Stelle, nämlich auf den Seiten 1, 2 und 3, werden „Berechnungen“ von Ökonomen der Basler Universität ausgebreitet, die den Beitritt der Schweiz zur Europäschen Union schon aus ökonomischer Sicht als absurdes Unterfangen erscheinen lassen. Die Argumentation geht so: Ein Beitritt der Schweiz zur EU würde diese in den nächsten zehn Jahren 900 Milliarden Franken kosten. Mit dieser Summe beziffern die Ökonomen den wirtschaftlichen Gegenwert für den Verzicht auf direktdemokratische Rechte. „So viel müssten die Schweizer theoretisch erhalten, damit sie wieder gleich zufrieden wären wie vor der Einschränkung ihrer Rechte.“

Eine wundersame Schätzung! Ich wusste gar nicht, dass man demokratische Rechte in Geld aufwiegen kann. Je weniger Rechte ich habe, umso mehr lasse ich mich das kosten … Was ist das für eine Logik? Und was sind das für Wissenschafter? Doch die Stossrichtung der absurden Beweisführung ist natürlich klar: Ein EU-Beitritt ist des Teufels – und zudem für uns Schweizer unbezahlbar. Wer kann schon in heutigen Zeiten binnen zehn Jahre 900 Milliarden Franken aufwerfen?

Eigentlich könnte ich eine solche Posse schulterzuckend zur Seite legen und mich Sinnvollerem und anderen Tageszeitungen zuwenden. Doch das ist ja gerade mein Problem: als leidenschaftlicher Zeitungsleser fehl mir hier in der Nordwestschweiz schlicht eine Alternative – zumindest wenn ich mich zufälligerweise auch für die Region interessiere, in der ich lebe. Seit der Wende bei der Basler Zeitung wird mir – im Namen der Meinungsvielfalt – zunehmend eine rechtsbürgerliche Meinung unter die Nase gerieben, der ich mich nur entziehen kann, indem ich Verzicht übe: Verzicht auf die Lektüre der regionalen Zeitung und damit Verzicht auf einige wichtige Aspekte meiner Verbundenheit mit der Region.

Und das ist eine Zumutung, die ich irgend einem dahergelaufenen Investor zu verdanken habe, der fand, es sei sicher lohnend, in den publizistisch gesteuerten Meinungsumschwung einer ganzen Region zu investieren – und ich weiss nicht einmal mit Sicherheit, wer das ist …

***

Nachtrag:

Deshalb unterstütze ich mit ganzem Herzen die Petition für Medientransparenz, initiiert von Kunst und Politik.

Zappenduster: Die „Basler Zeitung“ und Christoph Blocher

Eben noch dachte ich: Schlimmer kann es nicht kommen (siehe meinen Artikel Die Wende bei der Basler Zeitung). Doch es kann …

Wenn man dem heutigen Artikel der „NZZ am Sonntag“, Blocher bestimmt Kurs der „Basler Zeitung“, glauben kann, sieht es in absehbarer Zeit medientechnisch zappenduster aus in der Nordwestschweiz. Was sich da anbahnt, ist zwar für die Medienbranche von heute nichts Aussergewöhnliches. Im Gegenteil, es ist fast schon Mainstream. Doch da dieser Mainstream plötzlich so nahe an mich heran kommt und unerbittlich mein bisheriges Leibblatt erfasst – nicht dass es mein Lieblingsblatt wäre, aber ich hab nun mal keine Alternative, wenn ich über die Stadt Basel informiert sein will –, weil also die Medien-Melioration penetrant nahe kommt, beginnt es weh zu tun und lässt mich ziemlich ratlos zurück.

Die Fakten kurz in Stichworten (für Details empfehle ich den Originalartikel von NZZ am Sonntag):

  • Ab nächstem Jahr soll die Mediengruppe Basler Zeitung eine Rendite von zehn Prozent abwerfen (was im Medienbereich fast schon unverschämt anmutet).
  • Zu diesem Zweck wird Christoph Blocher beziehungsweise der Firma Robinvest, deren Verwaltungsratspräsident er ist, ein umfassendes Beratermandat erteilt.
  • Es ist nicht auszuschliessen, dass die Mediengruppe zerschlagen werden wird, so dass die Filetstücke – dazu zählt offenbar das Quasi-Monopolblatt BaZ  – behalten und weiterentwickelt, während die weniger (bis nicht-)rentablen Teile (Beteiligungen und Druckerei) verscherbelt oder liquidiert werden – was einen grösseren Stellenabbau zur Folge hätte.
  • Dazu passt, dass die Holding der Mediengruppe vor kurzem nach Zug verlegt wurde. Auch das bestimmt aus Gründen der Kostenoptimierung.

Dass Christoph Blocher damit auch politisch und Inhaltlich auf die „Basler Zeitung“ Einfluss erhält, ist durch die beschriebenen Vorgänge nicht automatisch gegeben. Doch da Markus Somm, der neue Chefredaktor der BaZ und Intimus von Christoph Blocher – er veröffentlichte 2009 eine Biografie mit dem fast schon liebevollen Titel „Christoph Blocher. Der konservative Revolutionär“ – die Basler Zeitung bereits jetzt konsequent in rechtskonservative Gewässer steuert, braucht es diesen unmittelbaren Einfluss gar nicht mehr.

Im Namen der Basler Mediengruppe, „National Zeitung und Basler Nachrichten AG“, spiegelt sich die langjährige Hypothek der Nordwestschweizer Medienlandschaft wider. Die Aktiengesellschaft entstand im Zuge der „Fusion“ der „National Zeitung“ und der „Basler Nachrichten“. Fusion ist übrigens als Bezeichnung nicht korrekt: „Die National-Zeitung AG übernahm die Aktiven und Passiven der Basler Berichtshaus AG (des Verlagshauses der Basler Nachrichten), die darauf liquidiert wurde“ (Zitat aus Wiki-Artikel zur Basler Zeitung). Aus dieser Übernahme ging die Basler Zeitung hervor.

Wie es aussieht, schliesst sich der Kreis und die Basler Zeitung wird vollends zum rein wirtschaftlich ausgerichteten, neoliberalen Medienprojekt, und zwar was publizistischen Inhalt wie unternehmerische Haltung anbetrifft. Es wird zappenduster in der Nordwestschweiz – es sei denn ein alternatives Tageszeitungsprojekt bricht die Monopolstellung der Basler Zeitung.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen …

PS: Warum eigentlich macht die Basellandschaftliche Zeitung keine Anstalten, auch die Stadt Basel publizistisch zu umwerben und so zu einer Tageszeitung beider Basel – und damit zu einer Alternative zur BaZ – aufzusteigen?

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