Kürzlich an einem Tag im Mai

Wenn es je ein Paradies gegeben hat, so muss es an einem Maientag wie jenem neulich stattgefunden haben: Durch Gärten und Gehölz dringt das Lied der Amsel an mein Ohr – nein, direkt ans Herz. Es lässt mich wohlig schaudern. Keine Melodie bewegt mich mehr. Keine Melodie weckt tiefgründigere Erinnerungen. Die Amsel muss eine Botin des Paradieses sein.


Bild von TheOtherKev auf Pixabay

Beim Blättern im Tagebuch

 

 

Vor einiger Zeit warst du der wichtigste Mensch in meinem Leben. Du kommst deshalb auch in meinem Tagebuch vor. Nur du – und ich … Wenn ich in dieses Jahr zurückblättere, staune ich wieder ob dieser Ausschliesslichkeit, ob dieser Vehemenz der Gefühle. In Lichtgeschwindigkeit waren wir aufeinander zugeflogen – so hast du es beschrieben –, waren heftig aufeinandergeprallt und wieder auseinandergestoben. Der Blick ins Paradies war erschütternd und wunderbar – ich weiss seither, dass es das Paradies gibt –, doch die lange Wanderung, die darauf folgte, durch den Kontinent des Schmerzes, war ein hoher Preis für die schmerzlich schönen Augenblicke des Glücks. Mein Tagebuch zeugt davon bis auf den heutigen Tag. Nicht dass die Schmerzen mehr lodern würden – die Zeit lässt Gras darüber wachsen –, vielmehr ist eine leise Wehmut in allen Dingen, so als wäre das ganze Jahr über ein bisschen Herbst. Und ohne diese leise Trauer könnte ich ja nicht mehr sein; sie ist das Salz meines Lebens, macht es reich und tief.


Bild (CC-Lizenz): Markus Rödder

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