Abflug verschoben

Eigentlich wäre wir jetzt in Südindien – eigentlich … Der Flug ab Zürich nach Chennai, dem früheren Madras, an der Ostküste Südindien war auf gestern Abend geplant. Der Rückflug von Kochi, also von der Westküste Südindiens, zurück nach Zürich ist am 7. Februar 2017.

Dazwischengekommen ist der Zyklon Vardah, der unweit nördlich von Chennai mit grosser Wucht aufs Land traf, gegen zwanzig Todesopfer forderte und viel Zerstörung hinterliess. Vom Weltraum aus sieht das fast schon ästhetisch aus:

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Zudem hat der Wirbelsturm in Chennai den Mangel an Bargeld verschärft, da viele Geldautomaten wegen Stromunterbrüchen nicht mehr laufen oder – wenn sie laufen – wegen der unterbrochenen Verkehrswege nicht nachgefüllt werden können. Seit gut einem Monat herrscht in ganz Indien schon Bargeldnot, da die Regierung die 500- und 1’000-Rupien-Scheine für ungültig erklärt und damit ein Chaos ausgelöst hat.

Um Pondicherry und in Auroville, dem ersten Ziel unserer Reise, gibt es laut Auskünften von Bekannten keine Schäden durch den Wirbelsturm. Und Bargeld ist dort auch erhältlich, wenn auch nach wie vor in beschränktem Umfang.

Wir werden also mit drei Tagen Verspätung am Donnerstag, 15. Dezember, von Zürich nach Chennai fliegen und dort – wenn denn alles klappt – abgeholt werden. Trotz der Hindernisse freue ich mich drauf.

Alles Weitere später …

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Mein Freund, der Rolli – Persönliches zur Kulturgeschichte des Rollstuhls

Wer wie ich seit über fünfzig Jahren im Rollstuhl sitzt, kann über dieses Kulturgut mit Rädern etwas erzählen. Und weil ich zu meiner Behinderung und dem Rollstuhl ein eher unverkrampftes Verhältnis habe, kommt das auch noch ganz schön locker rüber. Denn es ist nicht wirklich hilfreich, daraus eine todernste Sache zu machen. – Episoden und Ansichten aus meinem Rollstuhlleben. (Achtung Überlänge!)

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Ein alter Rollstuhl in Szene gesetzt. «The star» von Michael Kötter, CC-Lizenz via flickr

 

In meiner Kindheit gab es im Gegensatz zu heute noch keinen kindgerechten Rollstuhl. Die Kinder im Spital, die nicht laufen konnten, obschon sie es vom Alter her hätten können müssen, wurden herumgetragen, auf einem Schragen mit Rädern herumtransportiert oder liegen gelassen, im Bett oder auf einer Decke auf dem Fussboden. Ich selbst entkam Anfang der 1960er Jahre im Kinderspital Basel, wo ich bis ins Schulalter lebte, diesem trüben Schicksal der kindlichen Eingrenzung dank der Idee eines findigen Schreiners. Der Vater eines Schicksalsgefährten im selben Alter, der ebenfalls wegen Kinderlähmung im Spital war, schreinerte uns beiden eine Art Rollbrett, auf dem wir bäuchlings liegen konnten, mit zwei kleinen, fixen Rollen hinten und zwei ebenso kleinen, aber steuerbaren vorne. Dort, wo unsere Arme für die Fortbewegung Freiheit brauchten, war das Brett halbmondförmig ausgespart.

Bald schon beherrschten wir diese Rollbretter in geradezu beängstigender Weise. Beängstigend für die Fussgängerinnen und Fussgänger, von denen wir hauptsächlich Schuhe und Strümpfe wahrnahmen und denen wir nach Möglichkeit auswichen. Doch jene Fusswesen waren ebenso wie wir in steter Bewegung. Bald waren wir auch ausserhalb unseres Schlafsaals unterwegs, auf den Korridoren und in anderen Sälen. Geschlossene Türen allerdings waren ein echtes Hindernis, weil die Klinke ausserhalb unserer Reichweite war. So kam es, dass man uns mit der Zeit, wie man es bei Katzen tut, die Türe auftat und einen Spalt weit offen liess. Unsere Kreise wurden immer grösser. Wir eroberten uns auf den Rollbrettern Raum für Raum, indem wir nach Türen Ausschau hielten, die mindestens einen Spalt weit offen standen. Und in einem Kinderspital gibt es einige Türen – nicht nur geschlossene.

Mein erster Rollstuhl

Von SORG Rollstuhltechnik GmbH+Co.KG - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, $3

Einen modernen Kinderrollstuhl wie diesen gab es noch nicht. (Von SORG Rollstuhltechnik GmbH+Co.KG – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0)

Doch ich komme vom Thema ab, meinem ganz persönlichen Blick auf die Kulturgeschichte des Rollstuhls, der, wie gesagt, in meiner frühen Kindheit durch Abwesenheit glänzte. Natürlich ist es ein Unterschied, ob ein wie auch immer gelähmtes Kind im Vorschulalter selbständig die Welt entdecken kann oder nicht – und wie gross die Kreise sind, die es selbständig ziehen kann. Das wird seine Weltläufigkeit für den Rest des Lebens prägen. Wohl deshalb ist man heute darauf bedacht, schon Kleinkinder mit einem Rollstuhl zu versorgen. Und vielleicht nur dank des Rollbrettes wurde mein Blick in die Welt schon in früher Kindheit leidlich weit, weiter vielleicht sogar als der Blick vieler Kinder, die in einer ganz normalen Familie, aber unter strenger Obhut ihrer Eltern aufwuchsen und ein nicht minder eingegrenztes Leben erleiden mussten wie meine gelähmten Spitalkinder ohne Rollstuhl und Rollbrett.

Ich glaube mich besonders befugt, einen Blick auf die Kulturgeschichte des Rollstuhls zu werfen, weil der Rolli einer meinen besten und treusten Freunde war und ist. Ich habe ein zärtliches Verhältnis zu ihm – nicht zuletzt, weil ich von ihm abhängig bin, ganz und gar abhängig. Der Rollstuhl ist Teil meines Körpers geworden, Teil meines Körperempfindens gar. Steht der Rollstuhl still, so stehe auch ich still. Hat er einen Plattfuss, so habe ich einen Plattfuss. Und dieses innige Verhältnis dauert nun schon fast ein Leben lang, um die fünfzig Jahre. Wichtige fünfzig Jahre – für mich wie für die Kulturgeschichte des Rollstuhls.

Meinen ersten Rollstuhl bekam ich im Kindergartenalter. Er bestand aus verchromten Stahlrohren, zwei grossen Rädern mit ebenso verchromten Greifreifen und klobigen Feststellbremsen, zwei kleineren, gespeichten Vollgummirädern vorne, einer ausladenden Sitzfläche aus dickem Leinen, überzogen mit dunkelblauem plastifiziertem Gewebe, einer ebensolchen Rückenlehne, einzeln aufklappbaren Fussbrettern, Wadenband, Griffen und Fussrasten hinten … Habe ich etwas vergessen? Ach ja: Da der Stuhl als faltbar galt, befand sich zwischen den beiden grossen Rädern ein hochkomplexes Gestänge, das alleine womöglich über zehn Kilogramm wog. Der Rollstuhl war gross, viel zu schwer und kaum eigenhändig zu bewegen – obschon er dafür gedacht war. Und zusammenklappen liess er sich auch nur mit grösster Anstrengung, seitens einer erwachsenen Person wohlverstanden – obschon nicht zuletzt darin Sinn und Zweck des Rollstuhls bestand. Zwischen Sitzfläche und Rückenlehne gab es einen grossen Spalt, durch den ich hätte verschwinden können, irgendwohin ins verchromte Gestänge zwischen den Rädern. Kurz: Der Stuhl war nicht zu gebrauchen. Trotzdem war ich mächtig stolz. Denn ich war von nun an kein «Bodensurri» mehr, sondern ein aufrecht sitzender Junge, der ebensoviel an Würde gewonnen hatte, wie er an Beweglichkeit verlor. Das prägte mein Bild vom Erwachsenwerden: Man tauscht Bewährtes, Liebgewonnenes ein gegen eine glitzernde Verheissung, die oft nicht hält, was sie verspricht.

Von der Hierarchie der Rollstuhlfahrer [Read more…]

Zurück aus Indien – Eine Nachlese

Seit zwei Wochen bin ich nun zurück. Und schon verblasst die Erinnerung an die wunderbare Zeit in Indien, an eine Zeit, die sich doch, wie ich gemeint hatte, mit einer gewissen Vehemenz in mein Gedächtnis eingebrannt hatte. Nein! Es ist, als würde ich aus einem seltsamen und doch berührenden Traum aufwachen. Verwundert blicke ich darauf zurück und versuche, möglichst viele Bilder festzuhalten, bevor der Traum vollends verklingt. ­– Hier ein paar davon.

Shiva ist überall
Schöpferische Zerstörung um mich her. Oder ist es blanke Zerstörung – ohne das Schöpferische? Die Einfallstrasse nach Pondicherry sieht jedenfalls so aus, wie wenn eine Bombe eingeschlagen wäre. Am Strassenrand Gräben, daneben aufgehäufte Erde und Kies. Die Fussgänger weichen auf die Fahrbahn aus – was lebensgefährlich sein kann. Ein Lastwagen steht quer auf der Strasse und lädt umständlich Kies ab, während sich die Autos und Busse in beiden Richtungen stauen. Kein Polizist weit und breit. Durch die dabei entstehende Staubwolke kämpfen sich Motorräder. Es werden immer mehr. Ganze Schwärme von knatternden, zweirädrigen Insekten werden aus der Staubwolke geboren und strömen mir entgegen. Staubgeruch und Dieselwolken, Hupen und Motorengebrüll hüllen mich vollends ein. – Bis es ganz still wird und nur noch ein leises, inneres Vibrieren mich daran erinnert, dass ich noch am Leben bin. Nun ist es Jasminduft, der mich erfrischt, und zarter himmlischer Gesang um mich her. Nun weiss ich, dass genau diese Sphärenharmonie in jenem Höllenlärm steckt. Und dahinter ist Stille, unendliche Stille und Freude …

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Im Raumschiff
Im Zentrum von Auroville steht ein Raumschiff: der Matrimandir. Zwar hat ihn noch niemand wirklich fliegen gesehen. Doch keine Frage: Dieses seltsame und erstaunliche Gebilde transportiert die Menschen hin zum Kosmos und den Kosmos hin zu den Menschen. Wie das? Ich habe es selbst erlebt: Auf einem weissen Stuhl mit Tragestangen wurde ich von vier jungen Einheimischen in die kreisrunde Meditationshalle getragen. (Der Matrimandir ist alles andere als rollstuhlgängig.)

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Die Halle misst etwa fünfundzwanzig Meter im Durchmesser und ist ganz in einem crèmefarbenen Weiss gehalten. Darüber eine Kuppel, durch die am Zenit ein gebündelter Sonnenstrahl senkrecht herunterfällt. Auf einem Metallgestell am Boden steht eine Glaskugel (Ø = 70 cm), die diesen Sonnenstrahl auffängt beziehungsweise weiter nach unten leitet, durch den ganzen Baukörper des Matrimandir hindurch, also durch die ganze, leicht abgeflachte Kugel, die die Aussenhülle darstellt. Und unter dieser Kugel befindet sich ein kleiner Teich, leicht trichterförmig gebaut und mit Lotusblütenblättern aus Marmor belegt, die wie Dachziegel angeordnet sind. Über diese Lotusblätter gleitet von der Peripherie her eine dünne Schicht Wasser bis zum Zentrum. Dort steht wieder eine, aber deutlich kleinere Glaskugel, auf die der gebündelte Sonnenstrahl letztlich trifft. (Zur Verdeutlichung siehe Querschnittzeichnung des Matrimandir.)

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Der Kosmos kommt im Matrimandir also via Sonnenlicht zum Menschen. Und wie kommt der Mensch im Matrimandir hin zum Kosmos? Durch die Kraft der Konzentration und der Gedankenruhe. Ich habe es selbst erlebt.

Du sollst dir kein Bildnis machen …
Der indische Götterglaube hat etwas Diesseitsorientiertes, Lebensfrohes, zuweilen geradezu rauschhaft Massloses. Er stellt sich so dem manchmal rigorosen Entsagungseifer der monotheistischen Religionen deutlich gegenüber. Als Beispiel hier der Bilderrausch an der Fassade des Minakshi-Tempels in Madurai, Südindien. (Foto: Hector Garcia via flickr.)

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Darshan im Sri Aurobindo-Ashram, Pondicherry

20130227-130001.jpgEs ist Morgen im französischen Viertel von Pondicherry. Im Gegensatz zum Rest der Stadt ist es hier aufgeräumt, ja geradezu herausgeputzt – und fast schon sonntäglich still. Nur von ferne hört man das Brodeln der indischen Stadt: vereinzeltes Hupen eines Lastwagens, das gezähmte Rattern eines Presslufthammers und ab und zu ein entfernter Ruf.
Ich bin eingeladen zum Darshan zu Ehren «der Mutter», die am Vortag Geburtstag hatte. Ein Darshan ist einer Art Sprechstunde bei einem Heiligen (Wikipedia: «segensreicher Anblick eines Gottes oder Heiligen»), in diesem Fall eben im Zimmer der 1973 verstorbenen Mirra Alfassa. Der eigentliche Darshan fürs Publikum fand am Vortag statt. Heute sind die Gebrechlichen und Behinderten eingeladen – eben auch ich. Denn das Zimmer der «Mutter» befindet sich hoch oben in einem der Hauptgebäude des Ashrams und ist nur über verwinkelte, teils steile und enge Treppen erreichbar. Damit auch den Gebrechlichen und den Menschen mit einer Gehbehinderung der Segen der «Mutter» nicht verwehrt bleibt, stehen unzählige Studenten bereit, die entweder Unterstützung leisten oder Leute wie mich gar hochtragen. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen …
Die Gasse vor dem Seiteneingang ist mit schattenspendenden Tüchern überdacht: ein bunter, patchworkartiger Baldachin, der für angenehme Temperaturen sorgt. Darunter in der allergrössten Mehrzahl ältere bis sehr alte InderInnen, teils in vorsintflutlichen Rollstühlen, teils an Stöcken gehend oder am Arm einer Begleiterin, eines Begleiters. Die jüngeren Behinderten lassen sich an einer Hand abzählen.
Während die FussgängerInnen bereits anstehen, um Einlass zu bekommen, sind die RollstuhlfahrerInnen auf der gegenüberliegenden Strassenseite aufgereiht. Ich geselle mich – eher notgedrungen – zu ihnen und warte. Bald schon bin ich an der Reihe. Ich setze mich auf einen klobigen Holzstuhl, der für meinen Transport hergebracht wurde, und werde von zwei Studenten hochgetragen: zunächst durch einen belebten Innenhof des Ashrams, dann eine erste Treppe hoch auf eine weite Veranda. Verschnaufpause. Danach eine steilere Treppe hoch zu einer zweiten Plattform. Zum ersten Mal seit Wochen bin ich der Erdoberfläche enthoben. Ich geniesse den Blick über die Dächer der Umgebung und in die Weite der Stadt, fühle mich dem Himmel deutlich näher. Zur gleichen Zeit wischen sich die beiden armen Männer den Schweiss ab und erholen sich. Die letzten paar Stufen sind die schwierigsten. Sie führen verwinkelt und durch mehrere Engstellen ins Zimmer der «Mutter».
Auf der einen Seite steht ein breites Bett, darauf ein Bildnis der «Mutter», davor ein Schemel mit einem Paar Hausschuhen drauf. Überall stehen Vasen mit frischen Blumen. Das Zimmer scheint seit ihrem Tod unverändert. Auf der anderen Seite des Raumes sitzen etwa zwanzig Darshan-Gäste, die tröpfchenweise herein- und wieder hinausgetragen werden. Die Zeit ist knapp bemessen. Meine Nachbarin, eine ältere Inderin, protestiert zaghaft, als sie schon wieder hochgehoben wird – zu zaghaft. Auch ich bin bald wieder draussen, bekomme im Vorbeischweben noch einen Handzettel mit einem Zitat der «Mutter» in die Hand gedrückt und finde mich bald wieder in niedrigeren Gefilden, dafür in meinem gewohnten Rollstuhl, meinem alten Kameraden.
Soweit zu den äusseren Vorgängen. Mich persönlich hat das Darshan innerlich wenig berührt, ich muss es gestehen. Vielleicht war ich von den äusseren Vorgängen zu sehr abgelenkt, vom weiten Blick über die Stadt etwa oder von der älteren Ashram-Mitarbeiterin, die als Hüterin der Schwelle ins innerste Heiligtum, «Mutters» Zimmer eben, Einlass gewährte und dabei die Studenten immmer wieder lehrerhaft dazu ermahnte, beim Tragen den Rücken gerade zu halten. Trotzdem war ich von der Stimmung im Zimmer auch berührt, hauptsächlich von jener stillen Ergebenheit der meist indischen BesucherInnen, die an Devotion grenzt und die uns «aufgeklärte» Europäer oft seltsam berührt, ganz so als wäre dies ein Verstoss gegen die Errungenschaften der Aufklärung.


Bildnachweis:

Sri Aurobindo-Ashram in Pondicherry von balaji chankar, via fotopedia (cc-Lizenz)

Auroville – ein Traum wird Wirklichkeit

Im Februar 1968 findet nahe eines Banyanbaumes, der in einer ansonsten recht öden Gegend ca. zwanzig Kilometer nördlich von Pondicherry in Südindien steht, die «Grundsteinlegung» von Auroville statt. Delegationen aus 121 Ländern und 23 indischen Teilstaaten schütten zu diesem Zweck Erde aus ihrem Herkunftsland in eine Urne und unterstreichen so den internationalen Charakter der künftigen Stadt. Auch die Unesco und der indische Staat unterstützen das Projekt. Dereinst soll die Stadt etwa 50’000 EinwohnerInnen beherbergen und sich in Form eines Spiralnebels vom Zentrum aus in die Landschaft erstrecken. Das geografische Zentrum ist eben dieser Banyanbaum. Als spirituelles Zentrum der Stadt soll ein Ort der Konzentration und Meditation entstehen, eine Art Tempel, umgeben von zwölf Gärten unterschiedlichen Charakters: der Matrimandir.

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Das Modell der Stadt in Form eines Spiralnebels

Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg. Man stelle sich vor: Ein paar hundert Aussteiger, Geistessucher und mehr oder weniger Verrückte – hauptsächlich aus Europa und den Vereinigten Staaten – mit viel Idealismus und Jugendkräften scharen sich um «die Mutter», die bereits in hohem Alter steht und wenige Jahre später stirbt, und lassen sich von ihrer spirituell inspirierten Idee einer künftigen Stadt der menschlichen Einheit, des Friedens und der Harmonie begeistern. Sie setzen alles daran, den Traum Wirklichkeit werden zu lassen.
Zunächst werden Bäume gepflanzt: nicht Tausende, nicht Zehntausende, sondern über eineinhalb Millionen. Denn das Land ist verödet. Der Monsun spült beachtliche Teile der fruchtbaren Erde ins nahe Meer und hinterlässt tiefe Canyons. Kommt hinzu, dass das Regenwasser innert Kürze abgeflossen ist und so seine lebensspendende Kraft gar nicht erst entfalten kann. Es werden deshalb Rückhaltebecken gebaut, Dämme und Kanäle. All dies geschieht mit einfachsten Mitteln – das meiste ist Handarbeit – und aus einer unmittelbaren Notwendigkeit heraus. Später werden diese Erfahrungen indienweit in einige Wiederaufforstungsprogramme einfliessen.

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So sah das Gebiet von Auroville zur Zeit seiner Gründung aus.

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… Und so sieht es heute aus.

Auch der Bau des Matrimandirs wird bald an Angriff genommen. Allein der Aushub der Grube für das Fundament dauert drei Jahre … Dieser Bau entspricht nicht einer äusseren, sondern einer inneren Notwendigkeit – wie überhaupt neben der harten alltäglichen Arbeit der Urbarmachung und Besiedlung des Landstriches die innere Arbeit, der integrale Yoga des Sri Aurobindo, von Anfang an ein hohes Gewicht erhält.
Wenn ich heute, 45 Jahre nach dessen Gründung, Auroville – als Gast nur und mit loyaler, aber kritischer Distanz – betrachte, so entsteht in mir hohe Achtung vor dem Fortschritt dieses Experiments. Natürlich: Viele Ideale sind (noch) nicht erreicht, und Widersprüche und Unzulänglichkeiten gibt es zuhauf. (In einem späteren Beitrag komme ich näher darauf zu sprechen.) Doch ich habe den Eindruck, dass Auroville auf gutem Weg ist und seinen hoch gesteckten Zielen Schritt für Schritt näher kommt. Auch erlebe ich in vielen der Menschen, die ich bisher kennen gelernt habe,  ein ehrliches, redliches Streben nach Zielen jenseits des Horizontes, wie ihn das gegenwärtige Gesellschaftsmodell vorgibt.

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