Muss man denn als Rollstuhlfahrer unbedingt nach Indien reisen?

Im Zusammenhang mit dem 20-Jahr-Jubiläum von Procap Reisen wurde ich angefragt, ob ich nicht einen Text über meine Reiseerfahrungen und -motive beisteuern könnte. – Ich konnte:

Es ist das Unterwegssein, das mich immer wieder glücklich macht. On the road again. Wie oft ging mir das durch den Kopf, wenn ich wieder mal zu einer Reise aufbrach! Es klang in meinen Ohren wie ein veritabler Freiheitsruf und liess mein Herz höher schlagen. Natürlich kann man auch an den Bielersee reisen – oder ins Tessin. Doch so richtig Freude macht das Reisen erst, wenns auch wirklich einschenkt. Tausend Kilometer müssen es schon sein, damit das On the Road-Gefühl wirklich aufkommt. Mindestens tausend Kilometer! Und wenn ich nicht wenigstens einen Monat unterwegs bin – lieber sind mir zwei, drei Monate –, so habe ich das Gefühl, gar nicht richtig on the Road gewesen zu sein. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich mit dem Film «Easy Rider» gross geworden bin. Vielleicht ist es auch nur eine Marotte.

Dass ich im Rollstuhl bin, erschien mir in diesem Zusammenhang immer als Nebensache. Bitte nicht verallgemeinern! Da habe ich den Vorteil, dass ich seit früher Kindheit das Rollstuhldasein gewohnt bin. Und dass ich doch recht selbständig und gesundheitlich robust bin. Man macht dann von seinem Rollstuhl nicht mehr so viel Aufhebens. Er ist eine Tatsache, grad so wie andere mit Schuhgrösse 45 leben müssen. Ich würde meinen lieben Bruder mit vier Rädern, Alurahmen und Carbonfaser-Seitenschutz glatt vergessen, wenn ich nicht von meiner Umgebung immer wieder daran erinnert würde.

Allerdings macht der Rollstuhl das Reisen nicht einfacher. Deshalb war ich bis vor wenigen Jahren meist mit Freunden oder Bekannten unterwegs. Je nach Konstitution dieses Begleiters gab es praktisch keine Hindernisse mehr. So habe ich mir reisend die unterschiedlichsten Ecken dieser Welt erobert: Ecuador, Neuseeland, Vietnam. Ich könnte noch mehr aufzählen. Doch die Masse allein machts nicht aus. Und wie gesagt, mindestens zwei Monate mussten es schon sein.

Wie man sich leicht vorstellen kann, muss die Chemie zwischen Begleiter und mir stimmen. Mitunter ist das die grösste Herausforderung beim Reisen im Rollstuhl. Denn die Abhängigkeit unterwegs ist sehr viel grösser als zuhause, wo ja alles auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist – na ja, fast alles … Doch unterwegs in fernen Ländern, jedenfalls in diesen, die mich locken, ist Rollstuhlgängigkeit klein geschrieben – sehr klein. Das kann ganz schön auf den Geist gehen. Und wenn bei diesem doch recht einseitigen Abhängigkeitsverhältnis die Chemie nicht stimmt, geht man sich bald gegenseitig auf den Geist.

Ich habe deshalb in den letzten Jahren die Vorzüge des Reisens ganz auf eigene Faust entdeckt. Das ist reisetechnisch nochmals eine ganz neue Dimension: auf sich gestellt, frei, allem und jedem unterwegs radikal ausgesetzt. Es gibt niemanden, hinter dem du dich verstecken kannst. Ja, so reise ich nun, als lonesome Rider on the Road. Einfach genial!

Fragt mich nicht, weshalb es die letzten Jahre Indien sein musste! Ich weiss es selbst nicht genau. Vielleicht auch wieder eine Frage der Sozialisation: Zu jener Zeit, als ich jung war, gab es diese Indien-Freaks, die – möglichst auf dem Landweg – nach Indien reisten, oft nach Goa. Und dort dann – ebenso oft – absumpften. Indien wollte ich – es ist gar nicht so lange her – partout aus eigener Anschauung kennenlernen, und auf eigene Faust. Ohne abzusumpfen natürlich.

Nun, es war nicht besonderer Mut oder gar Tollkühnheit, die mir diese erste Reise nach Indien ermöglichte, sondern eine sorgfältige Organisation. Das Hauptproblem ist die Unterkunft. Ohne ein Zimmer oder ein Häuschen, in dem ich mich selbständig bewegen kann und wo ich eine Dusche nehmen kann, bin ich aufgeschmissen. Ich wusste: Wenn ich so etwas finde, zum Beispiel in Südindien, vielleicht noch in einem spannenden Gebiet, dann habe ich schon viel gewonnen. Ich muss dazu noch sagen, dass ich jeweils meinen Swiss Trac, mein Rollstuhl-Zuggerät (siehe Foto) mit auf die Reise nehme. Ich bin damit recht mobil. Eine Batterieladung des Gerätes reicht bis zu dreissig Kilometer weit. Tatsächlich habe ich dann ein wunderbares Häuschen im Wald von Auroville in der Nähe von Pondicherry, Tamil Nadu, gefunden. Dieser besondere Ort bildete für alle folgenden Reisen in Indien die Basistation, von wo aus ich immer grössere Kreise zog, je besser ich mit den Gepflogenheiten der indischen Welt bekannt wurde.

Auf meiner letzten Reise vergangenen Winter führten mich die grösser werdenden Kreise durch ganz Indien, teils mit dem Zug, teils mit dem Auto. Ich hatte mich für diese «grosse Reise» durch Indien gleichwohl wieder mit jemandem zusammen getan, der Indien bestens kannte und mich – beinahe schon problemlos – jeweils in den Zug hieven konnte – und dann auch wieder raus. Indien ist nicht rollstuhlgängig. In keiner Weise. Zwischendurch war es echt schwierig. Natürlich kann man sich fragen: Muss man denn als Behinderter unbedingt nach Indien reisen? Meine Antwort: Ja, man muss. Da mache ich keine Abstriche. Gar keine!

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Im Gespräch mit einem Ladenbesitzer in Pushkar, Rajasthan.
Foto: Beat Schaub


Der Text ist online erschienen bei der TagesWoche als interessanter Mischtext mit eingeschobenen Textstücken von Christoph Meury über Procap Reisen. War zwar nicht so geplant und ist alles ein bisschen textlastig herausgekommen. Doch das Resultat lässt sich sehen.

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Reisepläne

Fragt mich nicht, weshalb es mich immer wieder nach Indien zieht! Ist es hauptsächlich Auroville, die «universelle Stadt», die niemandem gehört und eigentlich ein grosses (wiederaufgeforstetes) Waldgebiet ist, das einzelne Siedlungen und Gemeinschaften beherbergt? Es gibt an diesem Ort viel Natur – und viel Platz. Es lebt ein offener, experimenteller Geist. Und es ist dort für mich als Rollstuhlfahrer für indische Verhältnisse doch recht bequem: Erste barrierefreie Strukturen sind am Entstehen. Es gibt Guest Houses unterschiedlichster Art: von der schlichten Baumhütte für ein paar Rupien, bis zum recht komfortablen Appartement. Einzelne Unterkünfte sind auch für mich brauchbar. Und man bewegt sich dort eben in «Indien light», einer milderen Form von Indien. Das gilt übrigens für ganz Südindien: Es ist sanfter, friedlicher, freundlicher, weniger drastisch auch als das restliche Indiens. Wobei natürlich auch das sehr pauschal gesprochen ist. Indien besteht aus 29 Bundesstaaten – immerhin. Und jeder Staat hat eine eigene Geschichte, eine eigene Bevölkerung, eine eigene Kultur.

Da ist aber noch mehr, das mich an Indien fasziniert: die uralte, dunkle und reiche Kultur, die – zugegeben – auch ihre Schattenseiten hat, aber eben auch ihre lichten; die Menschen, die trotz ihrer Vielzahl deutlich offener, kontaktfreudiger sind als hier bei uns. Es ist wärmer in Indien, nicht nur vom Klima her, auch im Umgang miteinander. Ich spreche hier von meinen ganz subjektiven Erfahrungen, und man könnte jeder Aussage erbitterte Argumente entgegenschleudern – vor allem wenn man Indien nie selbst erlebt hat. Auch das spirituelle Indien interessiert mich.

Nun zu meinen Plänen: Diesmal habe ich vor, auch real India zu bereisen, also das restliche Indien jenseits von Südindien (und Auroville), das ich inzwischen schon recht gut kenne. (Mehr dazu in meinem Tagebuch Indien 2009 und unter dem Stichwort Indien 2013.)

Auroville

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Bild: Magda Wojtyra (CC-Lizenz) via flickr

Ab dem 9. Januar 2015 bin ich in Auroville: Ankommen und Einleben, Freunde und Bekannte besuchen, den aktuellen Puls von Auroville messen – das sind wohl die wichtigsten Eckpunkte hier. Ich werde «nur» etwa einen Monat in Auroville sein.

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Danach, um den 10. Februar, etwa fünftägige Reise nach Kerala. Da der Bus aus naheliegenden Gründen nicht in Frage kommt, werde ich einen Chauffeur anheuern. Das ist zwar nicht billig, aber als Schweizer in Indien kann man sich das schon leisten. Auch diese Reise ist nicht wirklich Neuland. Sie funktioniert … Ideal wäre, wenn ich Rajendran dafür gewinnen könnte, den Taxifahrer, der mich das letzte Mal begleitet hat. Er kennt sich gut aus und kommt mit meinem Rollstuhl und mir bestens zurecht. Inzwischen hat er einen geschärften Blick, welche Unterkunft geeigneter ist und welche weniger. So richtig rollstuhlgängig sind aber die wenigsten. Es geht vielmehr darum, die Einschränkungen möglichst zu minimieren.

Die einzelnen Stationen/Zwischenhalte sind auf der Karte fett hervorgehoben. Auf den Tempel von Chidambaram freue ich mich besonders. Stundenlang möchte ich dort – allerdings etwas zurückgezogen in einer Ecke oder Nische sitzend – einfach nur zuschauen, hören, riechen … Mehr wird es nicht brauchen.

Bildschirmfoto 2015-01-04 um 15.03.18 [Read more…]

Reisen ist Schrumpfen und sich wieder Ausdehnen

Der Schrumpfungsprozess beginnt mit den Reisevorbereitungen, dem Abschiednehmen und erreicht seinen Hoehepunkt mit dem Packen. Im Moment der Abreise bin ich reduziert auf mein Gepaeck, meinen Rollstuhl, den Trac – und mich. Vielleicht ist es das, was ich so liebe am Reisen: die Reduktion auf das Wichtigste – jetzt rein praktisch gesehen, das was ich wirklich brauche, um reisen zu koennen: ein paar Kleider, ein paar Buecher, Seife und so, Geld auch.

Und wenn ich angekommen bin, dehne ich mich wieder aus, vielleicht nicht ganz so wie zuhause und je nach Aufenthaltsdauer mehr oder weniger.

Ich bin in Auroville angekommen und beginne mich auszudehnen.

Werbung in eigener Sache: «Im Gespräch»

Eigentlich stehe ich nicht gern im Rampenlicht. Sobald mehr als zehn Personen ihre Aufmerksamkeit auf mich richten, wird’s für mich ungemütlich. Und sind es mehr als zwanzig, bekomme ich Schweissausbrüche und meine Gedanken spielen verrückt. Es ist dann, als wäre dort, wo normalerweise mein Denken stattfindet. nur noch ein schwarzes Loch …

Doch manchmal muss man in den sauren Apfel beissen. Dies tue ich Ende April anlässlich eines öffentlichen Gesprächs mit Martin Haug, dem baselstädtischen Beauftragten für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung. Natürlich wird es bei diesem Gespräch um Behinderung gehen – aber nicht nur. Es wird um meine ausgedehnten Reisen gehen, schliesslich lautet der Untertitel des Gesprächs: «Weltenreisender Rollstuhlfahrer» – aber nicht nur. Vielmehr werde ich aus dem Nähkästchen meines Lebens erzählen, angeregt durch das ehrliche Interesse und die entsprechenden Fragen von Martin Haug. Dank ihm und seiner ungekünstelten Anteilnahme kann ich mir das überhaupt vorstellen. Mehr noch: Ich freue mich richtig drauf.

Musikalisch eröffnet wird der Abend durch Fabienne Schöpfer, eine junge, ausgezeichnete Gitarristin, die ich – welch ein Zufall – kenne, seit sie geboren ist. Als Kleinkind sass sie zuweilen auf meinen Knien, und ich fuhr sie durch die Wohnung ihrer Eltern.

Kommt also alle an diesen Gesprächsabend! Ich freue mich drauf – auch wenn es am Ende mehr als zwanzig Personen sein sollten …

Für Ortsunkundige: Den Ackermannshof findet man hier.

 

Reisekosten können leider keine übernommen werden. 😉

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