Postkarte aus Auroville

Matrimandir im Zentrum der «Stadt»

Wenn ich von Auroville aus schreibe, so ist es im Wesentlichen Wald, der mich umgibt, ein lichter, immergrüner Wald voller Schmetterlinge und Vogelstimmen. Das kräftige Grün der Blätter und das ebenso kräftige Ziegelrot des Erdreichs machen das Auge satt, und das Ohr ist erfüllt von ein paar charakteristischen Vogelstimmen, wie der des Brain Fever, der seine eigenartige Melodie wie eine dreiste Behauptung in die Welt schmettert, so dass man sie nie wieder vergisst.

Auroville hat sich dem Abenteuer des Bewusstseins verschrieben. Äusserlich zeigt sich das am Matrimandir, der goldenen Kugel im Zentrum der werdenden Stadt, deren Räume ganz der Sammlung und Meditation gewidmet sind. Es zeigt sich aber auch im praktischen Feld: Manche zukunftsweisende Impulse gehen von Auroville aus oder werden hier gepflegt und weiterentwickelt. Stichworte dazu: Wiederaufforstung, Ökologie, Recycling und Wassermanagement, Permakultur, innovative Schulen, unkonventionelle Architektur und Bauweisen, gemeinwirschaftliches Geld- und Sozialwesen. Das alles ist bei weitem nicht perfekt, aber es ist eine Entwicklung in die richtige Richtung erlebbar.

Gäbe es Auroville nicht, die Welt wäre um einen Hoffnungsschimmer ärmer. Es ist – um nur ein Beispiel zu nennen – einer der wenigen Orte, in denen die Artenvielfalt in den letzten fünfzig Jahren um ein Vielfaches gestiegen ist und noch steigt.

Zwischenstand in Auroville, Südindien

Liebe Freunde und Bekannte, liebe LeserInnen dieses Blogs

Nun bin ich seit gut fünf Wochen in Südindien, eine Woche davon auf Reise nach Kerala, der Rest in Auroville. Erst jetzt komme ich so richtig an und beginne mich wohl zu fühlen. Der Einstieg in diese andere und doch altbekannte Welt war dieses Mal nicht einfach: Zu Beginn gab es überraschend viel Regen, und es war in der Folge unangenehm feucht, ein Waschküchenklima, das im deftigen Gegensatz stand zum Schweizer Winter, aus dem ich eben kam. Zudem begleitete mich seit dem Abflug in Frankfurt eine hartnäckige Schlaflosigkeit, die ich erst mit – für meine Verhältnisse – starken Medikamenten vertreiben konnte. Der Arzt, den ich deswegen konsultierte, stellte hohen, sehr hohen Blutdruck fest. Bis heute ringe ich darum, den Blutdruck zu bändigen und zu einem natürlichen, nicht durch Medikamente herbeigeführten Schlaf zu kommen.

Wie im Altersheim

Das Guesrhouse Arka, in dem ich zwar komfortabel und sehr günstig untergebracht bin, hat den Charme eines Altersheims, in dem ab 20 Uhr Bettruhe herrscht. Nachts in Auroville unterwegs zu sein, ist für mich gar nicht so einfach, da nur ein paar wichtige Strassen beleuchtet sind. Ansonsten ist es rundum stockdunkel. Auroville ist grob gesagt ein grosses Waldgebiet. Und in der Finsternis gleichen sich alle Strässchen und Wege aufs Haar. Das heisst, dass ich ab 18 Uhr so etwas wie Hausarrest habe.

Doch genug der Klage! «Discover India! Discover yourself!» Diesen Wurf von einem touristischen Werbespruch mache ich mir zu eigen und entdecke jeden Tag – nun ja, jeden zweiten Tag – Südindien neu und damit auch mich selbst. Denn jeden Tag kommt es zu Begegnungen, die es in sich haben.

Der russische Arzt

Zum Beispiel mein Arzt, ein Russe mit kantigem Gesicht und der Statur eines Athleten. Vor wenigen Tagen noch ist er auf einem für sein Erscheinungsbild lächerlich kleinen Drehstuhl mir gegenüber gesessen und hat um Lösungen für meine gesundheitlichen Probleme gerungen. Und nun, als ich eines Morgens zufälligerweise bei der Klinik vorbeikomme, wo er seine Praxis hat, steht er mit Hacke und Grabstange vor dem Haus und pflanzt Kakteen und junge Palmen. Die rote Erde ist so stark verkrustet, dass er sie mit aller Kraft für die Bepflanzung vorbereiten muss. Lendenschurz, freier Oberkörper und ein grobes Tuch zum Schutz vor der Sonne um den Kopf gewunden, so präsentiert sich mein russischer Arzt im Vorgarten der Klinik. «Alles muss man selber machen», sage ich lachend zu ihm. Auch er lacht und fordert mich augenzwingernd auf mitzuhelfen. «Please help. You will sleep better.“

Begeisterung für Geschichte

Oder jene französische Nachbarin im Altersheim – pardon: im Guesthouse –, die oft über ein Buch gebeugt ist, wenn ich sie im Garten antreffe. Daneben liegt jeweils die abgespeckte und damit reisetaugliche Variante eines Wörterbuchs. Als ich, der ich ja oft selbst über ein Buch gebeugt bin, sie anspreche, erklärt sie, seit jungen Jahren könne sie nicht anders, als die Geschichte jenes Landes zu studieren, das sie bereise. Den Fokus lege sie dabei nicht auf die offizielle Geschichtsschreibung. Vielmehr interessiere sie die Sicht des kleinen Mannes auf die Geschichte des Landes, das sie gerade bereise. Sie spricht gebrochen Englisch und wechselt ganz gerne auf Französisch. «Hier habe ich ein hervorragendes Buch über die Geschichte Indiens gefunden. Der Verfasser ist ein Tamile, der das Buch in Englisch geschrieben hat. So lerne ich zugleich Englisch.» Das Buch ist bis zum Blattrand vollgekritzelt, sogar die leeren Seiten sind gefüllt mit Anmerkungen und Übersichtstabellen. Ob sie Historikerin sei, frage ich. Nein, sie sei Hausfrau und habe daneben bis zur Pensionierung in einer Kantine gearbeitet, um etwas dazu zu verdienen.

Aufgerüttelt hat mich die Begegnung mit einem jungen Tamilen, etwas über dreissig, der in Chennai lebt und ein IT-Crack werden möchte. Der Weg dorthin ist steinig, ja gnadenlos Doch darüber berichte ich in einem nächsten Eintrag.

Der Feuchte entkommen

Ganz ungewöhnlich für diese Zeit, hat es in Auroville Ende Dezember bis Anfang Januar an mehreren Tagen, teils auch in den Nächten geregnet, zuweilen stundenlang und so intensiv, dass alles, wirklich alles vor Feuchte nur so dampfte und tropfte. Die Zeitung ist latschig, das Betttuch klamm, das Brot schwammig und die Wege matschig, wenn nicht gar unter Wasser.

Für mich bedeutet das zeitweiliger Hausarrest. Das ist nicht weiter tragisch, denn mit meiner Lese- und Schreiberei kann ich mich tagelang vertun, wo immer ich bin. Und wenn es wie hier gleich nebenan eine leidlich ausgestattete Bibliothek gibt, können es von mir aus auch Wochen sein.

Wenn bloss die Feuchte nicht wäre, die dir bis unter die Haut kriecht, dir beim Lesen über die Schultern guckt und mit dir ins Bett schlüpft. Wenn du dich bloss nicht Tag und Nacht fühltest, als wärest du in feuchtwarme Watte gepackt, von der du dich nur für die Dauer einer Dusche befreien kannst – und ein paar zusätzliche Minuten.

Fahrt in die Berge

Es passte deshalb wunderbar, dass für letzten Sonntag (5. Januar 2020) eine Reise nach Kerala mit Zwischenstopp in den Bergen vorgesehen war. Weg vom Schimmel und Konsorte! Weg von Feuchte und Matsch! Wir waren zu viert: neben Veera, unserem Taxifahrer, waren Batu, Murugans Sohn, Claudia, meine Reisegefährtin, und ich mit von der Partie. Eine Tagesreise von Auroville entfernt liegt Kanthaloor, ein kleines, etwas verschlafenes Nest in den Western Ghats. Die letzten eineinhalb Stunden fährst du auf schmalen, löchrigen Strassen, auf denen jede Begegnung mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zum Abenteuer wird. Etwas ausserhalb von Kanthaloor, so richtig «in der Pampa» liegt das Deshadan Eco Valley Ressort: klein, fein, herzlicher Empfang, rustikal und gepflegt, nicht billig, aber ideal, um die Bergwelt aus der Nähe kennen zu lernen und die Feuchte unter der Haut loszuwerden. Abends wird es kühl, die Luft ist unbeschwert und die Nacht still. Nach den feuchten Wochen in Auroville haben wir hier Bedingungen wie in einem Sanatorium.

Die Umgebung des Ressorts, vom Balkon aus aufgenommen.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Gegend bereise. Hier und hier habe ich meine durchaus auch zwiespältige Eindrücke beschrieben.

Schlaraffenland im Zugvogelnest

Nach zwei Nächten im Ressort eine lange Tagesfahrt zu Gabi und Beat, den Freunden und wunderbaren Gastgebern in Kuzhupilly auf Vypin Island, Kerala (Zugvogel in Kerala). Hier ist es wieder warm, sehr warm. Es bläst allerdings eine kühlende Brise, von den Backwaters her am Vormittag und nachmittags vom Meer her. Und obschon wir von Wasser umzingelt sind, ist die Feuchte überhaupt kein Problem.

Strand, wunderbare Gespräche, ein kulinarisches Schlaraffenland mit abenteuerlichen Exkursionen für den Gaumen. Noch bei jeder Malzeit, ob Frühstück, Mittag- oder Abendessen kommt es in deinem Gaumen zu geschmacklich Überraschungen mit Wow-Effekt, von denen du weisst, dass du sie nur hier haben kannst und nirgendwo sonst. Das ist das Zugvogelnest in Kuzhupilly, wie ich es seit längerem kenne und wohin ich mit Freude immer wieder zurückkehre – nicht nur wegen der geschmacklichen Explosionen …

… und Sonnenuntergänge wie aus dem Bilderbuch.

Morgen Samstag geht es wieder zurück nach Auroville in der Hoffnung, dass es dort trockener geworden und dadurch mein wetterbedingter Hausarrest aufgehoben ist.

Wiederbegegnung mit Goupy

Goupy lebt heute im Home Marika, einem kleinen Altersheim unweit von Sharnga Guest House, wo ich wohne. Mitten in einem gepflegten Garten voller Blumen, mit romantischen Kieswegen und einem Lotusteich steht ein beschauliches Haus, in dem vielleicht fünf, sechs Menschen wohnen, die wegen ihres Alters Unterstützung und Pflege brauchen. Nachdem ich erfahren hatte, dass Goupy seit Jahren dort lebt, wuchs in mir der Wunsch, diesen Menschen wiederzusehen.

Ein einziges Mal vor zehn Jahren war ich ihm begegnet. Der gebürtige Franzose war einer der Pioniere Aurovilles und übte – neben der Aufbauarbeit – den Beruf, ja die Berufung des Masseurs aus, eines Masseurs, dem der Ruf vorausging, ein wahrer Heiler zu sein. Ich liess mich von ihm massieren, weniger vielleicht weil ich Heilung suchte, sondern weil ich diesen Menschen kennenlernen wollte. Vor mir stand damals ein durchgeistigtes kleines Männchen, ganz Aufmerksamkeit, ganz Ehrerbietung. Er brachte meinem Körper eine solche Achtung entgegen, wie ich es selbst bis zu jenem Zeitpunkt niemals vermochte. Als er mich nach eineinhalb Stunden entliess, mein Körper butterweich und wie von einem Summen durchdrungen, fragte ich ihn, was die Massage kosten würde. Gott und the Mother würden für sein Fortkommen sorgen. Er brauche nichts. Ich könne aber, wenn ich durchaus wolle, in eines jener Bücher – und er zeigte auf ein Gestell mit etlichen Büchern – einen Schein hineinlegen, was ich auch tat.

Diesem hingebungsvollen, verklärten Menschen bin ich heute also im Home Marika wiederbegegnet. Man sagte mir, er sei dort in Pflege, weil er völlig der Trunksucht erlegen war und dement geworden sei. Zudem habe er sein Gedächtnis verloren. Ich solle ihm bloss kein Geld geben, da er einzig versuchen würde, damit Alkohol zu kaufen. Als ich ankam und nach ihm fragte, bat mich eine junge Tamilin hinters Haus und rief Goupy, der auf einem Balkon im oberen Stockwerk sass. Ein fröhliches Gesicht voller Schalk blickte über die Brüstung und rief «Om! Om! Everything is Om! What a beautiful world!» Danach sang es leise vor sich hin. Ich erinnerte ihn an unsere Begegnung vor zehn Jahren und wie dankbar ich sei, dass er mich gelernt habe, mehr Achtung vor meinem Körper zu haben. Zuerst wollte er gar nicht herunterkommen. Doch die Pflegerin führte ihn sanft zu dem Ort hinter dem Haus, wo ich sass. In der Hand hielt er ein überquellendes Notizbuch, das er mir zeigte. «Mein Gedächtnis», sagte er lachend und sang wieder leise, ganz offensichtlich glücklich und zufrieden. Als ich ihn fragte, ob er noch immer zwischendurch Leute massiere, antwortete er: «Ja, tue ich, wenn jemand kommt und seinen Körper mitbringt. Wenn er ihn nicht mitbringt, massiere ich natürlich nicht.» Und sang weiter sein Loblied auf die schöne Welt.

Murugan

Seit gut sechs Jahren kennen wir uns. Und in dieser Zeit hat sich zwischen Murugan und mir eine Freundschaft entwickelt, die anders ist als andere Freundschaften – nicht besser, nicht weniger gut, eben anders. Murugan ist Tamile, Steinmetz (stonecarver = Stein«schnitzer»), tiefgläubiger Hindu und lebt in einem der Dörfer rund um Auroville im indischen Bundesstaat Tamil Nadu. Es ist also eine Freundschaft über manche Welten und Klippen hinweg, Klippen der Herkunft, der Kultur, der Weltanschauung, des Menschenbildes, auch des wirtschaftlichen Status und der Bildung. Trotzdem funktioniert sie bis heute, obschon selbst die sprachliche Verständigung schwierig ist, da Murugans Englisch eher schlecht denn recht ist und mein Tamilisch nicht einmal das.

Murugan und seine Frau, Muthulakshmi, haben zwei Söhne im Erwachsenenalter und eine Tochter, die eben 18 Jahre alt geworden ist. Aufgewachsen sind die Kinder in einem Häuschen, bestehend aus einem einzigen Raum von vielleicht 15 Quadratmetern mit festen Wänden aus Lehm und einem Dach aus kunstvoll ineinandergeschichteten Palmwedeln. Eher Hütte denn Haus, galt dieser Wohnsitz schon als ganz komfortabel, hatte er doch feste Wände und ein Dach, das während der Monsunzeit einigermassen dicht war, zumindest die ersten Jahre seiner Lebenszeit. Zudem hatte die Familie Strom im Haus, fast schon ein Luxus, allerdings kein fliessendes Wasser. Gekocht wurde vor dem Häuschen auf einer kleinen Feuerstelle. Später konnte die Familie sich einen Gaskocher leisten. Die Feuerstelle wurde noch benutzt, wenn das Gas aufgebraucht war und erst im nächsten Monat neues gekauft werden konnte. Denn der Staat von Tamil Nadu subventioniert armen Familien die Güter des täglichen Bedarfs bis zu einer gewissen Menge, je nach Anzahl Kinder.

Murugan selbst hatte eine schwere Kindheit. Sein Vater war Alkoholiker und äusserst brutal, wenn er betrunken war. Als Murugan neun Jahre alt war, starb seine Mutter infolge der Misshandlungen durch ihren Ehemann. Dieser heiratete bald wieder und verstiess seinen Sohn, der von nun an bei der Grossmutter aufwuchs. Das sollte sich als sein Glück erweisen. Denn seine Grossmutter sorgte dafür, dass er weiterhin zur Schule ging und nicht schon als Junge Geld verdienen musste. Später, als Jugendlicher beobachtete er eines Tages einen Steinbildhauer bei seiner Arbeit und entdeckte seine Liebe zu diesem Handwerk. Allerdings wurde er zunächst nicht zur entsprechenden Schule in Tiruvannamalay zugelassen, da er zu alt war – ein Jahr zu alt, um genau zu sein. Nur seiner eigenen Hartnäckigkeit und der Fürsprache eines älteren Steinmetzes war es zu verdanken, dass er schliesslich doch aufgenommen wurde und bald zum Vorzeigeschüler der Schule wurde. Später nahm ihn sein Fürsprecher unter seine Fittiche, bis Murugan selbst ein Meister seines Fachs wurde.

Nun darf man sich nicht vorstellen, dass Murugan ein Künstler wäre. Vielmehr ist er ein Kunsthandwerker, der seine traditionellen Motive – meist Götterfiguren in festgelegter Darstellungsweise – in kürzester Zeit aus dem Stein bricht und so täglich eine ansehnliche Produktion zustande bringt. Meist sind es höchstens faustgrosse Figuren aus Speckstein oder Marmor, die in einer kleinen Auslage vor Ort zu verkaufen sucht. Die meisten seiner Kunden sind Touristen, die Auroville besuchen. Gerade mal vier Monate im Jahr läuft das Geschäft. Wobei auch in diesen vier Monaten die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Täglich werden vielleicht im Durchschnitt 400 Rupien umgesetzt, das sind nicht ganz sechs Schweizer Franken.

Ein Handwerk, über Jahrzehnte ausgeübt, hinterlässt körperliche Spuren. Das ist in Indien nicht anders als irgendwo auf der Welt. Doch in Indien ist das Handwerkzeug oft deutlich schlichter und die ergonomischen Bedingungen sind nicht die besten: Murugan sitzt zum Arbeiten meist am Boden oder auf einem niedrigen Schemel, wobei ihm die beiden grossen Zehen als eine Art Schraubstock dienen. Allerdings, so betont Murugan, ist dieser Schraubstock aus Fleisch und Blut sehr viel geschmeidiger und anpassungsfähiger als ein gewöhnlicher Schraubstock aus Stahl. Manche Feinheiten im Stein sind nur so zu bewältigen, weil das Werkstück in einem üblichen Schraubstock brechen würde. Das erkauft sich Murugan allerdings mit Schmerzen in den Knien und dem Rücken. Kein Wunder bei einer Arbeitswoche von sechs bis sieben Tagen!

Muthulakshmi, Murugans Frau, arbeitet in einer Soya-Manufaktur in Auroville. Beide Einkünfte zusammen ermöglichen der Familie einen bescheidenen Wohlstand, so dass sie in ein besseres Haus umziehen konnten. Die Hütte dient nunmehr als Werkstatt und Shop.

Unsere Verbindung begann vor sechs Jahren. Gut erinnere ich mich, als ich Murugan zum ersten Mal sah, wie er, vor seinem einfachen Häuschen in Kuilappallayam sitzend, an einer Figur arbeitete. Mit freundlicher Geste und einem hellen Lachen im Gesicht rief er mich zu sich und zeigte mir sein Tageswerk. Wir kamen ins Gespräch, er in gebrochenem Englisch, ich in gebrochenem Englisch – ein Wunder, dass eine tiefere Verständigung überhaupt zustande kam. Später besuchte ich ihn immer wieder, weil ein ungezwungenes Zusammensein möglich war. Nicht als Kunde, vielmehr als Gast fühlte ich mich. Er werkelte jeweils an seinen Figuren, und ich erfuhr viel über sein Leben, über das Leben der TamilInnen in den Dörfern und über seine Familie. Erst Wochen später, als ich bereits wieder in der Schweiz war, schrieb Murugan – beziehungsweise einer seiner Söhne, unterschrieben mit Murugan – mir eine Mail, in der er mich für die Ausbildung seines jüngeren Sohnes um Unterstützung bat. Nach Abklärungen und einer plausiblen Aufstellung der Kosten willigte ich ein. Und seither fliesst halbjährlich ein immer wieder neu ausgehandelter Betrag aufs Bankkonto seiner Frau. Bei einem späteren Wiedersehen schlug ich vor, dass auch die Tochter ihre Schule fortführen und eine Ausbildung machen solle. Ich würde die zusätzlichen Kosten, allerdings immer plausibilisiert, übernehmen.

Kann zwischen einem Mäzen, der ich inzwischen tatsächlich geworden bin – allerdings in bescheidenem Mass, wenn man die fragliche Summe betrachtet –, und den Empfängern dieses Geldes tatsächlich eine Freundschaft entstehen? Oder gibt es zwischen den beiden unterschiedlichen Rollen ein Gefälle, eine Kluft, die eine echte Freundschaft verhindert, zumal ja noch weitere Klippen – der Kultur, des Menschenbildes, des wirtschaftlichen Status – hinzukommen? Ich glaube, wir haben da eine passende Lösung gefunden. Murugan nämlich betrachtet mich in gewisser Weise als seinen Vater, vielleicht sogar als später Ersatz für das, was er als Kind verloren hat. Er betrachtet mich, und das hat er auch schon so ausgesprochen, als Vater der ganzen Familie. So bin ich denn unverhofft doch noch Vater, ja Grossvater geworden … Und wer will bestreiten, dass zwischen Vater und Sohn auch ein freundschaftliches Verhältnis herrschen kann – ein freundschaftliches Verhältnis der anderen Art eben?

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