Auf Du und Du mit Krankheit und Tod

Der Basler Schriftsteller und Dramatiker Frank Geerk (17. Januar 1946 – 7. Februar 2008) litt die letzten zwanzig Jahre seines Lebens an einer schleichend voranschreitenden Krankheit. Den schweren Ball, den ihm das Schicksal zuwarf, nahm der Dichter – zuerst zögerlich, dann immer leichteren Herzens – auf und begann Krankheit und Tod als Motor für seine innere Entwicklung zu begreifen. In seinem Tagebuch lässt sich das wunderbar nachvollziehen. – Eine Leseempfehlung.

Heute mehrere Stunden in Frank Geerks Tagebuch gelesen, das 2003 unter dem Titel «Die Welt ist das Auge des Sehers» veröffentlicht worden ist. Zur selben Zeit wie die Aufzeichnungen entstand eine Vielzahl von Aquarellen, die im selben Band abgedruckt sind. Der Autor und Maler lebte zu jener Zeit in Ramonchamp, einem kleinen Dorf in den Vogesen, und war von seiner Krankheit bereits stark gezeichnet. In den Einträgen kommt eine ungewöhnlich tiefe und produktive Auseinandersetzung mit seiner Krankheit zum Ausdruck.

Man könnte das Tagebuch in einem Zuge lesen, so ungekünstelt und schlicht ist es geschrieben. Gleichzeitig ist die Sprache präzise und teils poetisch. Zum einen rapportiert Geerk die Herangehensweise und Erfahrungen beim Aquarellieren, das er erst kürzlich und nach vielen Jahren wieder aufgenommen hat und nun täglich betreibt. Das Sprechen fällt ihm krankheitsbedingt immer schwerer. So findet er in der Malerei zu neuem Ausdruck. Durch sie erschliessen sich ihm neue Kommunikations- und Erkenntniswege: «Ich suche mir irgendeinen Gegenstand, der mich besonders fasziniert. Im Umgang mit ihm findet zunächst Identifikation statt, dann immer tiefere Sympathie und Verständnis. Dieser Prozess gipfelt in einem Akt der Liebe, der das Innerste nach aussen kehrt und das Ding in seinem wahren Wesen zeigt; das ist der Akt des Malens. – Jeder Bild ist ein Liebesakt.»

Ein Forscher in Sachen Krankheit und Tod

Routiniert legt er auch Zeugnis ab von seinem Umgang mit der Krankheit und dem nahenden Tod. Mit geradezu wissenschaftlicher Neugier stellt er sich den Zumutungen und Ängsten, welche seine Krankheit, die sogenannte Multiple System-Atrophie, mit sich bringt. Die Texte lesen sich wie das Tagebuch eines Forschers, der ein ihm unbekanntes Land bereist. Die Sprache ist ebenso klar wie dicht. Liebevoll werden manche Episoden des Alltags eingeflochten. Etwa die wiederholten Versuche, eine Maus, die Geerk inzwischen allerdings ins Herz geschlossen hat und Putzi nennt, aus seinem Haus zu spedieren, da sie es sich in seiner Küche bequem, allzu bequem gemacht hat. Hartnäckig kehr Putzi immer wieder zurück. Die Maus zu töten kommt längst nicht mehr in Frage. So arrangiert er sich und lebt fortan mit Putzi in Hausgemeinschaft.

Doch hauptsächlich beschäftigen sich die Aufzeichnungen mit seiner Krankheit und seiner Wandlung hin zum Seher – so bezeichnet er sich selbst –, unterstützt durch seine täglichen Mal-Aktivitäten.

Da ich mir vorgenommen habe, einen Text über Frank Geerks Umgang mit Krankheit und Tod zu schreiben, markiere ich die Textstellen, die mir wichtig erscheinen, mit Haftnotizen. Bald sind es so viele, dass ich besser die Stellen markieren würde, die mir nicht wichtig erscheinen. Vorbildhaft setzt sich Frank Geerk mit Krankheit und Tod auseinander, in dem Sinne, dass er beidem, Krankheit und Tod, einen Sinn abzuringen vermag, einen Anstoss zur Selbsterziehung auch, zur inneren Entwicklung, die ohne die Krankheit und das Bewusstsein des nahenden Todes ausbleiben würde. Ich kenne bloss einen einzigen anderen Menschen, nämlich B., die mit ihrer Krankheit in ähnlich fruchtbarer Weise umzugehen im Stande ist.

Natürlich bleiben Trauer und Entsetzen über seine Krankheit nicht aus, ebensowenig Verzweiflung. Doch mit der Zeit obsiegt die Gewissheit, dass die Krankheit einen Sinn hat und die Heilung letztlich darin besteht, eben diesen Sinn zu ergründen und zu klären. Es gibt Hoffnung auf Heilung, wenn man nur redlich danach forscht, was die Krankheit einem sagen will: «Um zu genesen, sind alle Hilfsmittel recht. Operationen und Medikamente, warum nicht? Und doch wäre wichtiger, den Sinn der Krankheit zu erkennen und anzuerkennen. – Es gibt keine Krankheit, es gibt nur Verwandlung.» Oder: «Seit ich die Krankheit als alchemistischen Erkenntnisprozess deute, beschenkt sie mich reicher denn je. Darin liegt eben die Macht der Interpretation: sie beeinflusst Verlauf und Wesen.» Selbst der Tod wird zur Nebensache: «So reich beschenkt mich diese Krankheit, dass ich inzwischen gar nicht mehr auf Genesung schiele. Ist der Tod der Preis, zahl ich ihn gern.» Und weiter: «Meine Symptome, Hausgeister meines Körpers, die emsig darüber wachen, dass ich mich weiterentwickle. Und sie nehmen zu! Ich sehe schon das Endstadium vor mir: der Körper erstarrt, die Seele erleuchtet.»

«Alle Angst ist Todesangst»

Eine wichtige Spur im Tagebuch – und in den letzten Jahren seines Lebens ist der fruchtbare Umgang mit dem Tod und mit der Todesangst: «Gewiss, der Tod erscheint grauenhaft, aber hat auch das lichte Gesicht der Erlösung. Eine Welt ohne Tod? Grauen an sich! Eine Welt ohne Alternative, ohne Ausweg und ohne Freiheit.» Ein Buch gegen die Todesangst nimmt er sich vor zu schreiben: «Ein Buch in Form von Reden. Es beginnt mit der Demaskierung aller menschengemachten Ängste, auf denen ganze Herrschaftssysteme aufgebaut sind […]; es folgen Beispiele aus der Natur, aus denen hervorgeht, dass alles nur ein Wandel ist, der Tod in Wahrheit eine Brutstätte des Lebens; und es gipfelt schliesslich in einer zeitgemässen Jenseitsvision […] Der Schlüsselsatz ist und bleibt: alle Angst ist Todesangst.» Das Buch muss noch geschrieben werden.

Keine Frage, mindestens ein Empfinden für Transzendenz, für ein Jenseits von Geburt und Tod muss vorhanden sein, damit ein angstfreier Bezug zu Krankheit und Tod überhaupt möglich wird. Schmerz und Leiden, auch Behinderung wären ohne die Möglichkeiten der inneren Entwicklung, die damit einhergehen können – sie erfolgt durchaus nicht automatisch –, einfach nur sinnlos, eine bizarre Zumutung für das menschliche Dasein. Sobald hingegen eine Entwicklung des Menschen über den Tod hinaus vorstellbar wird, bekommen Behinderung, Krankheit und Tod eine andere, weitergehende Bedeutung.

Frank Geerk in seinem Tagebuch dazu: «Der Rationalismus erklärt die Welt als ein mechanistisches Gefüge. Nur was sich wägen und messen lässt, zählt. Das soll also nun vernunftmässig sein! Dabei macht jeder die tägliche Erfahrung, dass mit diesem Weltbild längst nicht alle Phänomene erklärt werden können. Lasse ich auch seelische und geistige Erfahrungen zu, bewege ich mich also keineswegs auf dem Gebiet des Irrationalismus, im Gegenteil, ich strebe eine Art höheren Rationalismus an. – Die Imagination und Phantasie sind Erkenntnismittel, ohne die auch die exakte Naturwissenschaft nicht auskommt. Wo immer sie Neuland auftut, bedient sie sich solcher Mittel.»

Angesichts eines erweiterten Welt- und Menschenbildes, das sich der Transzendenz, der Spiritualität nicht grundsätzlich verschliesst, verliert der Tod, der letztlich für uns alle unausweichlich ist, sein tonnenschweres Gewicht. Freundet man sich mit ihm an – oder verdrängt ihn zumindest nicht aus seinem Bewusstsein –, so bereichert er – entgegen der weit verbreiteten Auffassung – das Leben in hohem Mass: «Wir leben vom Tod. Und zwar auf allen Ebenen. Auf der physischen vom Tod dessen, was wir an Nahrung zu uns nehmen; auf der seelischen Ebene gibt uns erst die Vergegenwärtigung unserer Sterblichkeit wahre Empfindungstiefe; und auf der geistigen Ebene ist der Tod Ansporn für alle Entwicklung, die über den Tag hinausweist. – Wir hätten allen Grund ein freundschaftliches Verhältnis zum Tod zu entwickeln. Warum fällt uns das so schwer?»

Frank Geerk

Die Welt ist das Auge des Sehers

Tagebuch und Aquarelle

Loeper Literaturverlag, Karlsruhe 2003

ISBN 3-86059-090-1

Interview mit Antonio Orejudo über den Tod von García Márquez

Ein Interview der etwas anderen Art: Statt in den Chor der allgemeinen Bestürzung über den Tod von Gabriel García Márquez einzustimmen, nimmt Antonio Orejudo, der spanische Schriftsteller und Literaturkritiker, – bei aller Achtung gegenüber dem kolumbianischen Schriftsteller – den gesellschaftlichen Umgang mit Literatur und den Literaturbetrieb auf die Schippe. Übersetzung: Walter B.

Hat Ihnen García Márquez gefallen?
Ja, mich dünkt er ein ausserordentlicher Erzähler. Ich erinnere mich an das Staunen, mit dem ich «Hundert Jahre Einsamkeit» gelesen habe, und an die Angst, mit der ich das Buch sehr viel später erneut las, denn ich fürchtete, der Text könnte schlecht gealtert sein. Doch ich war überrascht, wie er all seine Kraft behalten hat. Nur wenige Bücher halten einer zweiten Lektüre stand, geschweige denn einer dritten oder vierten. Allerdings ist das die Nagelprobe, um herauszufinden, ob wir ein gutes Buch vor uns haben. Wenn ein Roman nicht imstande ist, die Zeit zu überdauern: Weg damit! Es ist mir klar, dass es cooler ist, ein anderes Buch von García Márquez als gerade «Hundert Jahre Einsamkeit» zu empfehlen. Mir hätte es jedenfalls gefallen, dieses Buch zu schreiben.

Die Bestürzung, die sein Tod hervorgerufen hat, ist überraschend.
Mich dünkt das eher lächerlich als überraschend. Der Schmerz, den die Familienangehörigen und Freunde der physischen Person Don Gabriel García Márquez wegen dessen Todes erleiden müssen, ist nichts als logisch. Aber die hysterischen Bekundungen des Bedauerns von einigen Verlegern und Lektoren … – was soll ich sagen? – lässt mich fremdschämen.

Finden Sie sie nicht aufrichtig?
Es ist offenbar eine Überreaktion, ein pawlowscher Reflex auf den Reiz der Medien. Leider hatte ich nicht das Glück, Don Gabriel persönlich kennen zu lernen. Deshalb kann ich wegen seines Todes nicht mehr empfinden als bei irgend jemandem, den ich in der Schule gelesen habe. Was mich tatsächlich schmerzt: dass er nun zu schreiben aufgehört hat. Aber damit hat er schon vor einiger Zeit aufgehört. Der Schriftsteller ist schon vor Jahren gestorben. Bedauern empfand ich bereits, als ich wusste oder ahnte, dass ich nie wieder einen Roman lesen würde, der von ihm geschrieben war. Übrigens frage ich mich, wie viele von denen, die den Tod des Schriftstellers wie Klageweiber betrauert haben, seine Werke aus dem Internet heruntergeladen haben, ohne etwas dafür zu bezahlen.

Ach, das mussten Sie jetzt mal loswerden! Finden Sie, das ist hier der beste Augenblick, um sich über das Herunterladen von geschützten Werken auszulassen? Wir halten schliesslich noch so etwas wie Totenwache.
Gewiss! Das dünkt mich ein sehr guter Augenblick. Ich finde es eine bodenlose Heuchelei, das Werk von García Márquez zu lesen, ohne ihm für seine Arbeit etwas zu zahlen, und dann seinen Tod zu beweinen. Die beste Art, einen Schriftsteller zu feiern, sein Leben und sein Schreiben zu feiern, ist, seine Werke zu lesen und dafür auch zu bezahlen – nicht indem man über seinen Tod greint.

Ich glaube nicht, dass García Márquez das Geld von den illegalen Downloads seines Werks wirklich brauchte.
Ich wusste gar nicht, dass Sie darüber befinden können, ob eine Vergütung ausreicht … Sie wären ein ausgezeichneter Präsident des Arbeitgeberverbands.

Warum so grimmig? Wären Sie denn gerne der Tote gewesen?
Natürlich nicht. Ich will nicht sterben. Aber dieser Zirkus behagt mir überhaupt nicht. Der Wirbel stört mich, den der Tod eines Schriftstellers verursacht – ausgerechnet in einer Welt, in der die Literatur nur mehr eine überflüssige Kunst darstellt.

Und wem oder was geben Sie dafür die Schuld?
In erster Linie den Zeitungen, die nun alle Nachrufe auf García Márquez abdrucken, die sie seit Jahren im Kühlschrank gehortet haben. Und zweitens beruhigen wir doch nur unser schlechtes Gewissen als schlechte Leser, indem wir den Tod der Schriftsteller beweinen. Als Motto für die nächste öffentlich finanzierte Lesekampagne schlage ich vor: Liebe Leserinnen, liebe Leser, lesen Sie mehr und weinen Sie weniger!

Oder glauben Sie womöglich, dass die Bestürzung über den Tod von García Márquez eine Verschwörung der Zeitungen ist?
Ich habe nicht von einer Verschwörung gesprochen. Was ich sage, ist, dass die Zeitungen, die Medien im allgemeinen, begierig nach Ereignissen sind, weil sie davon leben. Deshalb werden diese zwischendurch, wenn es gerade keine Ereignisse gibt, erfunden. Aber der Tod eines berühmten Schriftstellers ist keine Erfindung. Er geschieht und ist eine einzigartige Gelegenheit, Seite um Seite mit Nekrophilem zu füllen. Die Zeitungen bewundern den Tod, aber auch die extremen Publikationen oder Verkäufe oder den Literaturpreis. All dies sind Nachrichten. Eine andere Sache ist das Lesen, diese einsame Aufgabe, die zuweilen anstrengend ist und keine unmittelbare Wirkung hat. Diesen Mumpitz interessiert in den Zeitungen immer weniger.

Der Tod ist also eine Möglichkeit, ein Geschäft zu machen. Merken Sie das erst jetzt?
Nein, das wusste ich schon vorher. Ich sage es Ihnen jetzt, weil Sie mich danach gefragt haben. Der Tod ist fabelhaft für die Lebenden. Weil nun – Achtung! – überarbeitete Ausgaben von García Márquez erscheinen werden, Gesamtausgaben, bisher Unveröffentlichtes, Briefe und Manuskripte, die in der Truhe lagen – womöglich bis es zum Familienstreit kommt. Ein Schriftsteller ist ein Schwein: Er bringt seinen vollen Nutzen erst, wenn er tot ist. Vom Schnörrchen bis zum Schwänzchen – alles ist Gabo.[1]


Anmerkungen:

[1] Dieser Kalauer lässt sich kaum angemessen ins Deutsche übersetzen. Das Original lautet: Desde el morro hasta el rabo, todo es Gabo. Unter Gabo, dem Kosenamen für Gabriel, ist García Márquez in Lateinamerika weitherum bekannt.

Das Original des Textes ist auf dem Blog Autoentrevistas Antonio Orejudo bei eldiario.es erschienen. Hier veröffentlicht der Romancier und Literaturkritiker Interviews – mit sich selbst …

Hier geht es zu seinem Blog (aufs Bild klicken!):

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