Graswurzelbewegungen im ländlichen China

Die Landflucht in China wird als grösste Völkerwanderung der Geschichte angesehen. Um deren Ursachen und unbarmherzigen Folgen etwas entgegenzusetzen und dem ländlichen China neues Leben einzuhauchen, organisieren sich Querdenker und Stadtfllüchtlinge in Netzwerken, Kooperativen und anderen Gemeinschaften. Erik de Haese, Mitglied des Europäischen BürgerInnenforums, hat solche Orte besucht und darüber einen Bericht verfasst. Übersetzung aus dem Französischen: Walter B.

«Manchmal kommen die Eltern von weit her, um ihre Kinder von hier wegzuholen. Sie wollen auf keinen Fall, dass ihr Kind Bauer wird. Früher war es schlimmer. Da waren wir noch eher eine Lebensgemeinschaft.» Shi Yan ist um die dreissig, immer ruhig und überlegt und lächelt zuweilen zurückhaltend. Sie ist schnell zu einer der Ikonen des Umweltbewusstseins in China geworden. Während eines Praktikums in einer amerikanischen Landwirtschaftsgemeinschaft[1] vor acht Jahren wurde ihr bewusst, dass Ernährungssicherheit nur über die Aufwertung des bäuerlichen Lebensstils zu erreichen ist. Heute bewirtschaftet sie ihren Hof Shared Harvest am Stadtrand von Peking und ist zudem Präsidentin des nationalen Netzwerks mit mehr als fünfhundert Gemeinschaftshöfen, die über eine halbe Million Chinesinnen und Chinesen mit Nahrungsmitteln versorgen. Shi Yan schätzt, dass vierzig Prozent der PekingerInnen sich Produkte aus solidarischer Landwirtschaft leisten könnten, obschon sie zwei- bis dreimal teurer als die üblichen Landwirtschaftsprodukte sind.

Shi Yan, Gründerin von Shared Harvest

Auf dem Bauernhof steht die Arbeit im Mittelpunkt. Man steht früh auf und geht früh ins Bett. Das Menu besteht aus hauseigenen Produkten, ist zwar nicht sehr abwechslungsreich, aber gesund, lecker und saisonal. Die Essschalen werden mit Weizenkleie abgewaschen, die anschliessend den Schweinen verfüttert wird. Was für ein Gegensatz zum verschwenderischen Umgang mit Nahrungsmitteln, die für immer mehr Stadtbewohnerinnen und -bewohner im Überfluss vorhanden sind! Hier auf dem Hof weist der anhaltende Zustrom von jungen Praktikantinnen und Praktikanten auf das grosse Bedürfnis hin, aktiv an einem Wandel mitzuwirken. Obschon die Mithilfe auf Freiwilligkeit beruht, trägt ein bescheidenes, aber faires Entgelt dazu bei, dass eine respektvolle Landwirtschaft nicht als gleichbedeutend mit Sklaventum oder Elend angesehen wird. Zudem hilft es den Eltern, den Schritt ihrer Kinder zu akzeptieren.

In Kunming, der «Stadt des Frühlings», 2’000 Kilometer weiter südlich treffen wir Zhongren. Während der Dürre im Jahr 2010 tat er sich mit Freunden zusammen und belieferte die bedrängten Bauern mit Wasser. Nachdem der Regen wiederkam, begründeten sie die erste Landwirtschaftsgemeinschaft der Stadt. Die Gruppe führt ausserhalb der Stadt zwar ihren eigenen Hof, aber einen grossen Teil der Produkte liefern die Bauern der Umgebung, und zwar in etwa nach dem Modell des fairen Handels. Statt dass sie anderswo einträglichere Arbeit suchen müssen, können so die Bauern auf dem Land bleiben. Gleichzeitig fördert die Landwirtschaftsgemeinschaft den biologischen Anbau. Heute wird der Kundenkreis mit zwei Läden und einem Verkaufssystem über das Smartphone immer grösser.

Tingtings Traum

Unweit der Stadt folgen wir Tingting, einer jungen Akademikerin mit einem schüchternen, aber warmherzigen Lächeln, durch die teils gepflästerten, teils ungepflästerten Gässchen von Damoyu, einem kleinen Dorf, das von der ethnischen Minderheit der Yi bewohnt wird. Die vielen, vielen Staustunden im Bus zwischen ihrer Wohnung und der Universität haben mitgeholfen, auf das gesicherte Einkommen als Forscherin an der Universität zu verzichten und zusammen mit ihrem Mann ihre Ideen rund um soziales Unternehmertum und Ökologie in die Tat umzusetzen. [Read more…]

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