Auf Du und Du mit Krankheit und Tod

Der Basler Schriftsteller und Dramatiker Frank Geerk (17. Januar 1946 – 7. Februar 2008) litt die letzten zwanzig Jahre seines Lebens an einer schleichend voranschreitenden Krankheit. Den schweren Ball, den ihm das Schicksal zuwarf, nahm der Dichter – zuerst zögerlich, dann immer leichteren Herzens – auf und begann Krankheit und Tod als Motor für seine innere Entwicklung zu begreifen. In seinem Tagebuch lässt sich das wunderbar nachvollziehen. – Eine Leseempfehlung.

Heute mehrere Stunden in Frank Geerks Tagebuch gelesen, das 2003 unter dem Titel «Die Welt ist das Auge des Sehers» veröffentlicht worden ist. Zur selben Zeit wie die Aufzeichnungen entstand eine Vielzahl von Aquarellen, die im selben Band abgedruckt sind. Der Autor und Maler lebte zu jener Zeit in Ramonchamp, einem kleinen Dorf in den Vogesen, und war von seiner Krankheit bereits stark gezeichnet. In den Einträgen kommt eine ungewöhnlich tiefe und produktive Auseinandersetzung mit seiner Krankheit zum Ausdruck.

Man könnte das Tagebuch in einem Zuge lesen, so ungekünstelt und schlicht ist es geschrieben. Gleichzeitig ist die Sprache präzise und teils poetisch. Zum einen rapportiert Geerk die Herangehensweise und Erfahrungen beim Aquarellieren, das er erst kürzlich und nach vielen Jahren wieder aufgenommen hat und nun täglich betreibt. Das Sprechen fällt ihm krankheitsbedingt immer schwerer. So findet er in der Malerei zu neuem Ausdruck. Durch sie erschliessen sich ihm neue Kommunikations- und Erkenntniswege: «Ich suche mir irgendeinen Gegenstand, der mich besonders fasziniert. Im Umgang mit ihm findet zunächst Identifikation statt, dann immer tiefere Sympathie und Verständnis. Dieser Prozess gipfelt in einem Akt der Liebe, der das Innerste nach aussen kehrt und das Ding in seinem wahren Wesen zeigt; das ist der Akt des Malens. – Jeder Bild ist ein Liebesakt.»

Ein Forscher in Sachen Krankheit und Tod

Routiniert legt er auch Zeugnis ab von seinem Umgang mit der Krankheit und dem nahenden Tod. Mit geradezu wissenschaftlicher Neugier stellt er sich den Zumutungen und Ängsten, welche seine Krankheit, die sogenannte Multiple System-Atrophie, mit sich bringt. Die Texte lesen sich wie das Tagebuch eines Forschers, der ein ihm unbekanntes Land bereist. Die Sprache ist ebenso klar wie dicht. Liebevoll werden manche Episoden des Alltags eingeflochten. Etwa die wiederholten Versuche, eine Maus, die Geerk inzwischen allerdings ins Herz geschlossen hat und Putzi nennt, aus seinem Haus zu spedieren, da sie es sich in seiner Küche bequem, allzu bequem gemacht hat. Hartnäckig kehr Putzi immer wieder zurück. Die Maus zu töten kommt längst nicht mehr in Frage. So arrangiert er sich und lebt fortan mit Putzi in Hausgemeinschaft.

Doch hauptsächlich beschäftigen sich die Aufzeichnungen mit seiner Krankheit und seiner Wandlung hin zum Seher – so bezeichnet er sich selbst –, unterstützt durch seine täglichen Mal-Aktivitäten.

Da ich mir vorgenommen habe, einen Text über Frank Geerks Umgang mit Krankheit und Tod zu schreiben, markiere ich die Textstellen, die mir wichtig erscheinen, mit Haftnotizen. Bald sind es so viele, dass ich besser die Stellen markieren würde, die mir nicht wichtig erscheinen. Vorbildhaft setzt sich Frank Geerk mit Krankheit und Tod auseinander, in dem Sinne, dass er beidem, Krankheit und Tod, einen Sinn abzuringen vermag, einen Anstoss zur Selbsterziehung auch, zur inneren Entwicklung, die ohne die Krankheit und das Bewusstsein des nahenden Todes ausbleiben würde. Ich kenne bloss einen einzigen anderen Menschen, nämlich B., die mit ihrer Krankheit in ähnlich fruchtbarer Weise umzugehen im Stande ist.

Natürlich bleiben Trauer und Entsetzen über seine Krankheit nicht aus, ebensowenig Verzweiflung. Doch mit der Zeit obsiegt die Gewissheit, dass die Krankheit einen Sinn hat und die Heilung letztlich darin besteht, eben diesen Sinn zu ergründen und zu klären. Es gibt Hoffnung auf Heilung, wenn man nur redlich danach forscht, was die Krankheit einem sagen will: «Um zu genesen, sind alle Hilfsmittel recht. Operationen und Medikamente, warum nicht? Und doch wäre wichtiger, den Sinn der Krankheit zu erkennen und anzuerkennen. – Es gibt keine Krankheit, es gibt nur Verwandlung.» Oder: «Seit ich die Krankheit als alchemistischen Erkenntnisprozess deute, beschenkt sie mich reicher denn je. Darin liegt eben die Macht der Interpretation: sie beeinflusst Verlauf und Wesen.» Selbst der Tod wird zur Nebensache: «So reich beschenkt mich diese Krankheit, dass ich inzwischen gar nicht mehr auf Genesung schiele. Ist der Tod der Preis, zahl ich ihn gern.» Und weiter: «Meine Symptome, Hausgeister meines Körpers, die emsig darüber wachen, dass ich mich weiterentwickle. Und sie nehmen zu! Ich sehe schon das Endstadium vor mir: der Körper erstarrt, die Seele erleuchtet.»

«Alle Angst ist Todesangst»

Eine wichtige Spur im Tagebuch – und in den letzten Jahren seines Lebens ist der fruchtbare Umgang mit dem Tod und mit der Todesangst: «Gewiss, der Tod erscheint grauenhaft, aber hat auch das lichte Gesicht der Erlösung. Eine Welt ohne Tod? Grauen an sich! Eine Welt ohne Alternative, ohne Ausweg und ohne Freiheit.» Ein Buch gegen die Todesangst nimmt er sich vor zu schreiben: «Ein Buch in Form von Reden. Es beginnt mit der Demaskierung aller menschengemachten Ängste, auf denen ganze Herrschaftssysteme aufgebaut sind […]; es folgen Beispiele aus der Natur, aus denen hervorgeht, dass alles nur ein Wandel ist, der Tod in Wahrheit eine Brutstätte des Lebens; und es gipfelt schliesslich in einer zeitgemässen Jenseitsvision […] Der Schlüsselsatz ist und bleibt: alle Angst ist Todesangst.» Das Buch muss noch geschrieben werden.

Keine Frage, mindestens ein Empfinden für Transzendenz, für ein Jenseits von Geburt und Tod muss vorhanden sein, damit ein angstfreier Bezug zu Krankheit und Tod überhaupt möglich wird. Schmerz und Leiden, auch Behinderung wären ohne die Möglichkeiten der inneren Entwicklung, die damit einhergehen können – sie erfolgt durchaus nicht automatisch –, einfach nur sinnlos, eine bizarre Zumutung für das menschliche Dasein. Sobald hingegen eine Entwicklung des Menschen über den Tod hinaus vorstellbar wird, bekommen Behinderung, Krankheit und Tod eine andere, weitergehende Bedeutung.

Frank Geerk in seinem Tagebuch dazu: «Der Rationalismus erklärt die Welt als ein mechanistisches Gefüge. Nur was sich wägen und messen lässt, zählt. Das soll also nun vernunftmässig sein! Dabei macht jeder die tägliche Erfahrung, dass mit diesem Weltbild längst nicht alle Phänomene erklärt werden können. Lasse ich auch seelische und geistige Erfahrungen zu, bewege ich mich also keineswegs auf dem Gebiet des Irrationalismus, im Gegenteil, ich strebe eine Art höheren Rationalismus an. – Die Imagination und Phantasie sind Erkenntnismittel, ohne die auch die exakte Naturwissenschaft nicht auskommt. Wo immer sie Neuland auftut, bedient sie sich solcher Mittel.»

Angesichts eines erweiterten Welt- und Menschenbildes, das sich der Transzendenz, der Spiritualität nicht grundsätzlich verschliesst, verliert der Tod, der letztlich für uns alle unausweichlich ist, sein tonnenschweres Gewicht. Freundet man sich mit ihm an – oder verdrängt ihn zumindest nicht aus seinem Bewusstsein –, so bereichert er – entgegen der weit verbreiteten Auffassung – das Leben in hohem Mass: «Wir leben vom Tod. Und zwar auf allen Ebenen. Auf der physischen vom Tod dessen, was wir an Nahrung zu uns nehmen; auf der seelischen Ebene gibt uns erst die Vergegenwärtigung unserer Sterblichkeit wahre Empfindungstiefe; und auf der geistigen Ebene ist der Tod Ansporn für alle Entwicklung, die über den Tag hinausweist. – Wir hätten allen Grund ein freundschaftliches Verhältnis zum Tod zu entwickeln. Warum fällt uns das so schwer?»

Frank Geerk

Die Welt ist das Auge des Sehers

Tagebuch und Aquarelle

Loeper Literaturverlag, Karlsruhe 2003

ISBN 3-86059-090-1

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Auroville am Scheideweg

Nun bin ich zum dritten Mal hier in Auroville. Irgend etwas muss also dran sein an diesem Ort, dass es mich immer wieder hierhin zieht. Natürlich: Man kann diesen Flecken, wo seit über vierzig Jahren ein Experiment mit höchst ungewissem Ausgang stattfindet, auch einfach als bequemen Ausgangspunkt für seine Indienerlebnisse benutzen: Der Reisende findet hier eine Vielzahl von Guest Houses für jeden Geschmack und jedes Budget: von der Baumhütte aus Palmwedeln bis zum gediegenen Bungalow in einem japanischen Garten. Es gibt zwei Kinos, in denen Filme für den westlichen Geschmack laufen, auch Konzerte, Vorträge, Therapie- und Wellnessangebote, Bibliotheken, Restaurants (auch) mit westlicher Küche, einfache Cafés unter Bäumen und, und, und. Indien light für Warmduscher sozusagen …

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Idyllischer Garten: Afsanahs Guest House in Auroville

Ein Traum wird Wirklichkeit
Doch Auroville ist mehr. An seinem Anfang stand ein Traum. Wie der Traum nach und nach verwirklicht wurde, habe ich andeutungsweise hier beschrieben. Was ist heute aus diesem Traum geworden? Beobachtet man, so wie ich, das gesellschaftliche Experiment von aussen und spricht mit unterschiedlichsten Menschen – mit Aurovillianern, mit Freunden von Auroville, die immer wieder hierhin zurückkehren, mit Skeptikern, mit Tamilen, Touristen, die das erste Mal hier sind –, so erhält man den Eindruck, dass Auroville ein kleines Paradies mit grossem Potential ist – einem Potenzial das zutiefst gefährdet ist. Natürlich, die Pionierphase ist längst vorbei. Man muss sie gesehen haben, die Bilder aus jener Anfangszeit nach 1968: das Leuchten, ja, das Feuer in den Augen der ersten AurovillianerInnen – zum grossen Teil junge Hippies und Aussteiger aus aller Welt –, die praktisch aus dem Nichts und mit höchst bescheidenen Mitteln damit begannen, diesem öden, vom Monsun ausgewaschenen und von der tropischen Sonne versengten Flecken Erde neues Leben abzutrotzen. Millionen von Bäumen wurden gepflanzt und gemeinsam erste öffentliche Gebäude der Stadt aufgebaut, einer Stadt, die in ihrer Kontur einem Spiralnebel gleichen sollte.

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Ein Planungsmodell der Stadt und deren grober Zonenplan
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Der sicherste Ort

Der sicherste Ort, den es für mich gibt, ist in mir drinnen, tief in mir drinnen – so tief, dass ich ihn zuweilen aus den Augen verliere und so lebe, als gäbe es ihn nicht. Ich bin dann ein Heimatloser in einer mir fremden Welt, ausgesetzt auf einem unbekannten Planeten und ohne Schutz vor Stürmen und all den anderen Zumutungen des Lebens. Doch dann erinnere ich mich wieder an diesen sturmsicheren Ort und weiss augenblicklich, dass alles gut wird.

Schon als Kind wusste ich von diesem Ort. Er fühlte sich damals an wie ein grosser, geräumiger Raum in mir drinnen, über dessen Dimension ich mir nicht sicher war. Nicht ausgeschlossen, dass dieser Seelenraum so weit war wie das Weltall selbst – oder noch weiter. Und es war dort still, so überwältigend still wie nirgendwo sonst. Nicht eine leere Stille war das, nicht die Abwesenheit von Lärm. Vielmehr war da ein erfülltes, tröstliches Schweigen, ein Seelenfrieden, wie ihn das kleine Kind erfassen mag, wenn es nach langen Entbehrungen den stillen Atem seiner Mutter am Ohr verspürt. Das Tosen der Welt erschöpft sich in diesem Schweigen. Auch emotionale Stürme, Ängste, Leidenschaften, Trauer verklingen in dieser weiten Stille, verblassen zu abstrakten Begriffen. Wenn Begriffe dort überhaupt eine Bedeutung haben.

Noch jedesmal, wenn ich in tiefer Not war, öffnete sich dieser Raum wie von selbst und die Not wurde gelindert – oder sie verlor ihren Schrecken angesichts der sich öffnenden Weite. Ganz gleich, was dann äusserlich auch geschehen mochte, ich nahm es eher verwundert zur Kenntnis, als dass es mich wirklich betraf.

Der sicherste Ort, den ich kenne, ist in mir drinnen. Dort ist meine Zuflucht, meine Heimat.

Auroville – ein Traum wird Wirklichkeit

Im Februar 1968 findet nahe eines Banyanbaumes, der in einer ansonsten recht öden Gegend ca. zwanzig Kilometer nördlich von Pondicherry in Südindien steht, die «Grundsteinlegung» von Auroville statt. Delegationen aus 121 Ländern und 23 indischen Teilstaaten schütten zu diesem Zweck Erde aus ihrem Herkunftsland in eine Urne und unterstreichen so den internationalen Charakter der künftigen Stadt. Auch die Unesco und der indische Staat unterstützen das Projekt. Dereinst soll die Stadt etwa 50’000 EinwohnerInnen beherbergen und sich in Form eines Spiralnebels vom Zentrum aus in die Landschaft erstrecken. Das geografische Zentrum ist eben dieser Banyanbaum. Als spirituelles Zentrum der Stadt soll ein Ort der Konzentration und Meditation entstehen, eine Art Tempel, umgeben von zwölf Gärten unterschiedlichen Charakters: der Matrimandir.

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Das Modell der Stadt in Form eines Spiralnebels

Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg. Man stelle sich vor: Ein paar hundert Aussteiger, Geistessucher und mehr oder weniger Verrückte – hauptsächlich aus Europa und den Vereinigten Staaten – mit viel Idealismus und Jugendkräften scharen sich um «die Mutter», die bereits in hohem Alter steht und wenige Jahre später stirbt, und lassen sich von ihrer spirituell inspirierten Idee einer künftigen Stadt der menschlichen Einheit, des Friedens und der Harmonie begeistern. Sie setzen alles daran, den Traum Wirklichkeit werden zu lassen.
Zunächst werden Bäume gepflanzt: nicht Tausende, nicht Zehntausende, sondern über eineinhalb Millionen. Denn das Land ist verödet. Der Monsun spült beachtliche Teile der fruchtbaren Erde ins nahe Meer und hinterlässt tiefe Canyons. Kommt hinzu, dass das Regenwasser innert Kürze abgeflossen ist und so seine lebensspendende Kraft gar nicht erst entfalten kann. Es werden deshalb Rückhaltebecken gebaut, Dämme und Kanäle. All dies geschieht mit einfachsten Mitteln – das meiste ist Handarbeit – und aus einer unmittelbaren Notwendigkeit heraus. Später werden diese Erfahrungen indienweit in einige Wiederaufforstungsprogramme einfliessen.

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So sah das Gebiet von Auroville zur Zeit seiner Gründung aus.

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… Und so sieht es heute aus.

Auch der Bau des Matrimandirs wird bald an Angriff genommen. Allein der Aushub der Grube für das Fundament dauert drei Jahre … Dieser Bau entspricht nicht einer äusseren, sondern einer inneren Notwendigkeit – wie überhaupt neben der harten alltäglichen Arbeit der Urbarmachung und Besiedlung des Landstriches die innere Arbeit, der integrale Yoga des Sri Aurobindo, von Anfang an ein hohes Gewicht erhält.
Wenn ich heute, 45 Jahre nach dessen Gründung, Auroville – als Gast nur und mit loyaler, aber kritischer Distanz – betrachte, so entsteht in mir hohe Achtung vor dem Fortschritt dieses Experiments. Natürlich: Viele Ideale sind (noch) nicht erreicht, und Widersprüche und Unzulänglichkeiten gibt es zuhauf. (In einem späteren Beitrag komme ich näher darauf zu sprechen.) Doch ich habe den Eindruck, dass Auroville auf gutem Weg ist und seinen hoch gesteckten Zielen Schritt für Schritt näher kommt. Auch erlebe ich in vielen der Menschen, die ich bisher kennen gelernt habe,  ein ehrliches, redliches Streben nach Zielen jenseits des Horizontes, wie ihn das gegenwärtige Gesellschaftsmodell vorgibt.

Harald Walach: «Spiritualität – Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen»

Auf dieses Buch habe ich gewartet – lange gewartet. Es will das Thema Spiritualität, das seit der Aufklärung in die «Schmuddelecke der Gesellschaft» verdrängt wurde, ins helle Licht einer wissenschaftlichen, also möglichst unbefangenen Auseinandersetzung rücken. Und das Vorhaben scheint mir durchaus geglückt. – Die Würdigung eines klugen Buches, das über weite Strecken auch noch Lesevergnügen bereitet.

Harald Walach, der Autor des Buches, ist Professor für Forschungsmethodik komplementärer Medizin und Heilkunde sowie Leiter des Instituts für Transkulturelle Gesundheitsforschung an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Als Wissenschaftler ist er einer der wenigen, die es wagen, Spiritualität öffentlich und in wissenschaftlicher Absicht ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Mehr noch: In seiner Kernthese, die dem vorliegenden Buch zugrundeliegt, erachtet er eine reflektierte Spiritualität als Voraussetzung für den Fortgang unserer modernen Kultur: «Wenn wir die Aufklärung konsequent fortführen, ist eine undogmatische Spiritualität die natürliche, ja die notwendige Konsequenz für unsere Kultur und ihre Rationalität. Ohne eine solche Spiritualität sehe ich wenig Hoffnung, weder für unsere Kultur, noch für ihre Rationalität, noch für die Aufklärung.»

Diesen Satz darf man sich ruhig auf der Zunge zergehen lassen. Er ist Balsam für eine suchende Seele in der heutigen Zeit. Denn trotz aller Rationalität, trotz aller Wissenschaft und trotz allem vernunftgesteuerten Handeln steht unsere Kultur an einem Abgrund, der noch nie so tief war und unser Menschsein grundsätzlich in Frage stellt. Gleichzeitig züngeln von überall her religiöse und andere Fundamentalismen als Heilsversprechen und Rettungsanker hervor und versuchen die Menschen in einen Bewusstseinszustand zu versetzen, wie er vor dem geschichtlichen Auftreten der Aufklärung weit verbreitet gewesen sein muss. In diesem Spannungsfeld müssen wir heute – individuell wie kollektiv – einen Weg des Ausgleichs finden, der nicht nur die Argumente der Vernunft, sondern auch die innere Erfahrung der Transzendenz berücksichtigt – und kulturwirksam macht.

Wegmarken im Spannungsfeld zwischen Vernunft und Transzendenz
Harald Walach zeigt in seinem Buch die Wegmarken dazu auf. Und das tut er sehr sorgfältig und dennoch gut verständlich, ja, zuweilen mit ausgesprochenem Witz. Zunächst stellt er seine eigenen Voraussetzungen, seinen kulturellen und Wissenshintergrund dar und klärt grundlegende Begriffe wie Spiritualität, spirituelle Erfahrung, Religiosität, Glaube, Doktrin, Dogma usw. Allein die Reflexion und gegenseitige Abgrenzung dieser Begriffe sind ein kleines Meisterwerk und sorgen für transparente und wasserdichte Grundlagen seiner weiteren Ausführungen. Überhaupt werden durch das ganze Buch viele Begriffe, die dem Leser, der Leserin nicht oder nur vage bekannt sein könnten, an Ort und Stelle oder – etwas ausführlicher – in einem Glossar charakterisiert. Auch das dient einer wohltuend transparenten Gedankenführung.

Danach folgt ein Kapitel zur Geschichte der Wissenschaft und zum folgenreichen Durchbruch der Aufklärung. Diese ist für den Autor nicht ein rein historisches und damit abgeschlossenes Ereignis. Im Gegenteil: «Aufklärung bedeutet immer auch Befreiung von Bevormundung, vor allem von solcher Bevormundung, die sich auf vage Autorität, unvernünftige Systeme und reine Machterhaltung stützt und nicht dem Gemeinwohl dient. In diesem Sinn ist die Aufklärung auch heutzutage noch lange nicht am Ende.»

Hier kommt der Autor auf ein zentrales Missverständnis der Aufklärung zu sprechen: Doktrin und Dogma der damals übermächtigen Religion wurden durch die Aufklärung durchaus zu Recht zurückgedrängt. Beides hat im Licht der Vernunft nichts zu suchen. Doch man meinte, sich damit auch der Spiritualität, also des individuellen Bedürfnisses nach Transzendenz, entledigt zu haben, das sich jenseits von Doktrin und Dogma bewegt und auf individueller Erfahrung beruht. Doch so begriffene Spiritualität ist nichts grundsätzlich Vernunftsfremdes: «Denn Spiritualität als menschliches Grundbedürfnis lässt sich genausowenig wegdiskutieren wie [etwa] Sexualität. […] Die letzten Dinge – die Frage nach Sinn und Zweck des Lebens, die Frage nach Aufgabe, Werten und ihrer Verfehlung – sie lassen sich nicht verdrängen. Sie kommen in Verkleidungen und Verzerrungen wieder auf uns zu.»

Wissenschaft des Bewusstseins
Walach spricht sich deshalb für eine undogmatische und reflektierte Spiritualität aus – und für eine Wissenschaft, eine Kartografie des Bewusstseins. Was er darunter versteht und wie das in den bestehenden Wissenschaftsbetrieb einfliessen könnte, skizziert er ausführlich in einem zentralen Kapitel des Buches. Eine undogmatische, reflektierte Spiritualität wäre mehr als «eine mögliche Beschäftigungstherapie für existenziell ausgehöhlte und alternde Zeitgenossen». Sie wäre «ein Erkenntnisprogramm, das idealerweise sogar das Erkenntnisprogramm der Wissenschaft im Sinn der Aufklärung ergänzen und erweitern könnte, ja sogar müsste».

In diesem Kapitel wird auch die spirituelle Praxis – also Konzentrationsübungen bis hin zu Kontemplation und Meditation – (natur-)wissenschaftlich beleuchtet: Was passiert neurologisch und physiologisch bei der Meditation? Lassen sich gesundheitliche Auswirkungen nachweisen? Und was geschieht psychologisch? Verändert sich die Persönlichkeit durch regelmässiges Meditieren? Diese und weitere Fragen werden zwar nicht abschliessend beantwortet. Es werden aber Wege aufgezeigt, wie mit ihnen wissenschaftlich umgegangen werden kann – und auch seit Jahren umgegangen wird. Es gibt also bereits gesicherte und ermutigende Erkenntnisse zur Wirkung von Meditation und spirituellen Übungen auf Körper, Seele und Geist des Menschen.

Da sich Walach einer «undogmatischen, reflektierten» Spiritualität verpflichtet fühlt, darf in diesem Buch ein Kapitel über «Zerrformen, Gefahren und Abgrenzungen» nicht fehlen. Denn zweifellos kommt man schnell auf intellektuelles Glatteis, wenn Spiritualität allzu pauschal abgehandelt wird, ohne den Begriff von Bedeutungszonen abzugrenzen, wo Vereinnahmung und Irrationalität herrschen und die Aufklärung einen schweren Stand hat. Eines der grossen Leistungen des Buches sehe ich gerade darin: Es ist ein verlässlicher, intellektuell redlicher Wegweiser in diesem Spannungsfeld von Irrationalität und individueller Erfahrung von Transzendenz, im Spannungsfeld von doktrinärer Wissenschaftsgläubigkeit und der Evidenz von meditativen Erfahrungen.

Spiritualität als Kulturfaktor
Am Schluss des Buches kommt der Autor auf die Sinnkrise der heutigen Welt zu sprechen, auf die vielfältige Gefahr des Fundamentalismus – und auf die Notwendigkeit, eine zeitgemässe Spiritualität in unserer Kultur zu verankern. Für die unterschiedlichsten Lebensbereiche sieht er darin ein Potenzial zur Bereicherung, ja Gesundung der Verhältnisse. So bringt zum Beispiel echte spirituelle Erfahrung notwendigerweise den Egoismus ins Wanken. Gier und Eigennutz haben keinen Bestand angesichts einer Einheiterfahrung in der Meditation. Das könnte zum Beispiel die Inspirationsquelle für intelligentere Konzepte des Wirtschaftens sein … «Man sollte sich durchaus das Denkexperiment erlauben, zu überlegen, was geschehen würde oder geschehen wäre, wenn ähnlich grosse Ressourcen in die genauere Erforschung des Bewusstseins, seiner Möglichkeiten und Grenzen, in die Bedeutung aussergewöhnlicher Erfahrungen des Bewusstseins und vor allem der spirituellen Einheitserfahrung und ihrer Nutzbarmachung investiert worden wäre. Möglicherweise hätten wir dann heute keine Atombombe, keine Atomkraftwerke, keine Sekundenkleber und Raumschiffe, aber vielleicht ein besseres Sozialgefüge, eine friedlichere Welt und andere Errungenschaften, von denen wir nicht einmal zu träumen wagen.»

Ja, auf dieses Buch habe ich gewartet – lange gewartet. Es zeugt von einem redlichen Erkenntnisbemühen und hinterfrägt Dogmen, die tief in unserer vermeintlich aufgeklärten Kultur verankert sind. Zudem gibt es Orientierungshilfe auf dem Weg zu einer reflektierten Spiritualität.

 

Harald Walach
«Spiritualität – Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen»

288 Seiten, Pappband mit Schutzumschlag
Drachen Verlag, Klein Jasedow 2011
ISBN: 978-3-927369-56-6

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