Muss man denn als Rollstuhlfahrer unbedingt nach Indien reisen?

Im Zusammenhang mit dem 20-Jahr-Jubiläum von Procap Reisen wurde ich angefragt, ob ich nicht einen Text über meine Reiseerfahrungen und -motive beisteuern könnte. – Ich konnte:

Es ist das Unterwegssein, das mich immer wieder glücklich macht. On the road again. Wie oft ging mir das durch den Kopf, wenn ich wieder mal zu einer Reise aufbrach! Es klang in meinen Ohren wie ein veritabler Freiheitsruf und liess mein Herz höher schlagen. Natürlich kann man auch an den Bielersee reisen – oder ins Tessin. Doch so richtig Freude macht das Reisen erst, wenns auch wirklich einschenkt. Tausend Kilometer müssen es schon sein, damit das On the Road-Gefühl wirklich aufkommt. Mindestens tausend Kilometer! Und wenn ich nicht wenigstens einen Monat unterwegs bin – lieber sind mir zwei, drei Monate –, so habe ich das Gefühl, gar nicht richtig on the Road gewesen zu sein. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich mit dem Film «Easy Rider» gross geworden bin. Vielleicht ist es auch nur eine Marotte.

Dass ich im Rollstuhl bin, erschien mir in diesem Zusammenhang immer als Nebensache. Bitte nicht verallgemeinern! Da habe ich den Vorteil, dass ich seit früher Kindheit das Rollstuhldasein gewohnt bin. Und dass ich doch recht selbständig und gesundheitlich robust bin. Man macht dann von seinem Rollstuhl nicht mehr so viel Aufhebens. Er ist eine Tatsache, grad so wie andere mit Schuhgrösse 45 leben müssen. Ich würde meinen lieben Bruder mit vier Rädern, Alurahmen und Carbonfaser-Seitenschutz glatt vergessen, wenn ich nicht von meiner Umgebung immer wieder daran erinnert würde.

Allerdings macht der Rollstuhl das Reisen nicht einfacher. Deshalb war ich bis vor wenigen Jahren meist mit Freunden oder Bekannten unterwegs. Je nach Konstitution dieses Begleiters gab es praktisch keine Hindernisse mehr. So habe ich mir reisend die unterschiedlichsten Ecken dieser Welt erobert: Ecuador, Neuseeland, Vietnam. Ich könnte noch mehr aufzählen. Doch die Masse allein machts nicht aus. Und wie gesagt, mindestens zwei Monate mussten es schon sein.

Wie man sich leicht vorstellen kann, muss die Chemie zwischen Begleiter und mir stimmen. Mitunter ist das die grösste Herausforderung beim Reisen im Rollstuhl. Denn die Abhängigkeit unterwegs ist sehr viel grösser als zuhause, wo ja alles auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist – na ja, fast alles … Doch unterwegs in fernen Ländern, jedenfalls in diesen, die mich locken, ist Rollstuhlgängigkeit klein geschrieben – sehr klein. Das kann ganz schön auf den Geist gehen. Und wenn bei diesem doch recht einseitigen Abhängigkeitsverhältnis die Chemie nicht stimmt, geht man sich bald gegenseitig auf den Geist.

Ich habe deshalb in den letzten Jahren die Vorzüge des Reisens ganz auf eigene Faust entdeckt. Das ist reisetechnisch nochmals eine ganz neue Dimension: auf sich gestellt, frei, allem und jedem unterwegs radikal ausgesetzt. Es gibt niemanden, hinter dem du dich verstecken kannst. Ja, so reise ich nun, als lonesome Rider on the Road. Einfach genial!

Fragt mich nicht, weshalb es die letzten Jahre Indien sein musste! Ich weiss es selbst nicht genau. Vielleicht auch wieder eine Frage der Sozialisation: Zu jener Zeit, als ich jung war, gab es diese Indien-Freaks, die – möglichst auf dem Landweg – nach Indien reisten, oft nach Goa. Und dort dann – ebenso oft – absumpften. Indien wollte ich – es ist gar nicht so lange her – partout aus eigener Anschauung kennenlernen, und auf eigene Faust. Ohne abzusumpfen natürlich.

Nun, es war nicht besonderer Mut oder gar Tollkühnheit, die mir diese erste Reise nach Indien ermöglichte, sondern eine sorgfältige Organisation. Das Hauptproblem ist die Unterkunft. Ohne ein Zimmer oder ein Häuschen, in dem ich mich selbständig bewegen kann und wo ich eine Dusche nehmen kann, bin ich aufgeschmissen. Ich wusste: Wenn ich so etwas finde, zum Beispiel in Südindien, vielleicht noch in einem spannenden Gebiet, dann habe ich schon viel gewonnen. Ich muss dazu noch sagen, dass ich jeweils meinen Swiss Trac, mein Rollstuhl-Zuggerät (siehe Foto) mit auf die Reise nehme. Ich bin damit recht mobil. Eine Batterieladung des Gerätes reicht bis zu dreissig Kilometer weit. Tatsächlich habe ich dann ein wunderbares Häuschen im Wald von Auroville in der Nähe von Pondicherry, Tamil Nadu, gefunden. Dieser besondere Ort bildete für alle folgenden Reisen in Indien die Basistation, von wo aus ich immer grössere Kreise zog, je besser ich mit den Gepflogenheiten der indischen Welt bekannt wurde.

Auf meiner letzten Reise vergangenen Winter führten mich die grösser werdenden Kreise durch ganz Indien, teils mit dem Zug, teils mit dem Auto. Ich hatte mich für diese «grosse Reise» durch Indien gleichwohl wieder mit jemandem zusammen getan, der Indien bestens kannte und mich – beinahe schon problemlos – jeweils in den Zug hieven konnte – und dann auch wieder raus. Indien ist nicht rollstuhlgängig. In keiner Weise. Zwischendurch war es echt schwierig. Natürlich kann man sich fragen: Muss man denn als Behinderter unbedingt nach Indien reisen? Meine Antwort: Ja, man muss. Da mache ich keine Abstriche. Gar keine!

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Im Gespräch mit einem Ladenbesitzer in Pushkar, Rajasthan.
Foto: Beat Schaub


Der Text ist online erschienen bei der TagesWoche als interessanter Mischtext mit eingeschobenen Textstücken von Christoph Meury über Procap Reisen. War zwar nicht so geplant und ist alles ein bisschen textlastig herausgekommen. Doch das Resultat lässt sich sehen.

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Dialog über Inklusion in der «TagesWoche»

In den letzten Wochen hat sich zwischen Christoph Meury und mir ein Dialog per E-Mail zum Thema Integration und Inklusion von Menschen mit Behinderung ergeben. In der «TagesWoche» vom 4. September 2015 wurde dieser veröffentlicht. Hier ein paar Müsterchen daraus:

Das Bild des Behinderten, der zwar unsere Unterstützung verdient, aber nicht ganz für voll genommen wird, ist in den Hinterköpfen noch vorhanden. Und das wirkt sich eben zum Beispiel so aus, dass man zwar den Zuschauerraum von Barrieren befreit, nicht aber die Bühne. Oder dass in höheren Positionen in Wirtschaft und Verwaltung recht wenige Behinderte anzutreffen sind. Das hat hauptsächlich mit Barrieren im Kopf zu tun – durchaus auch im Kopf der Betroffenen selbst.

Ohne tabulose Inklusion werden sich Behinderte und Nichtbehinderte stets zunächst fremd gegenüberstehen, wie Bewohner zweier verschiedener Welten. Entsteht trotzdem eine Beziehung, ein Austausch auf Augenhöhe, der vielleicht weiter gepflegt wird, so verschwindet das Fremde nach und nach – und damit auch das verkrampfte Bemühen, ja nicht in ein Fettnäpfchen zu treten oder den Behinderten irgendwie zu verletzen. Als ob Behinderte besondere Sensibelchen wären.

Wie können behinderte Menschen ein eigenständiges und unabhängiges Leben führen, wenn sie von zahlreichen Hilfestellungen abhängig sind?

Selbstverständlich ist es schwieriger, eigenständig zu bleiben, wenn man stark auf Unterstützung angewiesen ist. Wer beisst schon die Hand, die ihn füttert? (…) Es braucht da einen ziemlich störrischen Geist. Der Kunstmaler Christoph Eggli oder die Psychologin Aiha Zemp waren solche Charaktere – und sie haben es beide ziemlich weit gebracht. Ansonsten sind unsere Heime voll von Menschen, die weit unter ihrem Potenzial leben – weil ihnen oft aus gutem Willen viel zu viel abgenommen und erspart wird. Das kann man Hospitalismus nennen.

Ich sehe nur, dass im Behindertenwesen, in dem, was manche vielleicht nicht ganz zu Unrecht «Betreuungsindustrie» nennen, eine schwer durchschaubare Gemengelage von halbbewussten und gänzlich unbewussten – vielleicht teilweise auch voll bewussten – Eigeninteressen besteht, die das Potenzial der Behinderten irgendwie einzäunt und nicht voll zur Geltung kommen lässt.

Ich glaube, Inklusion kommt nicht von selbst, sondern ist ein emanzipatorischer und damit gesellschaftspolitischer Prozess. (…) Auch die Gesellschaft hat ein natürliches Bedürfnis nach Diversität, nach Farbigkeit – oder sollte es zumindest haben. Denn sie ist so robuster, weniger anfällig auf Krankheiten. Vielleicht kann man analog zur Biodiversität von Soziodiversität sprechen, welche die Gesellschaft stärkt. Ausgrenzung und Ghettoisierung waren noch nie fruchtbar.

Das ganze Gespräch ist auch online erschienen, angereichert durch eine Fotostrecke zur Zugänglichkeit des Basler Rathauses für Rollstuhlfahrer – mit mir als Fotomodell. Auch hier ein Müsterchen.

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Gespräch im Rathaussaal mit Herrn Zumbach, Abwart. Im Hintergrund Christoph Meury (Bild: Hans-Jörg Walter, TagesWoche).

Der schwarze Ritter der Medienvielfalt

Auf dem Platz Basel ist ein Ringen um Medienvielfalt im Gange, das exemplarischen Charakter hat – und groteske Blüten treibt. Im Ring stehen die Stiftung für Medienvielfalt, Ermöglicherin und, via die Neue Medien Basel AG, Besitzerin der TagesWoche, sowie die MedienVielfalt Holding, die neue Besitzerin der Basler Zeitung. Doch wer glaubt, dass damit die Medienvielfalt gesichert ist, täuscht sich.

Medienvielfalt ist ein demokratisches Projekt. Ohne sie verarmt die Demokratie, weil die gesellschaftlichen Fragen nicht mehr in einem grösseren Rahmen und annähernd voraussetzungslos diskutiert werden können und weil die Bürger durch einseitige Information lenkbarer werden. Eine Verarmung der Medienvielfalt hat unmittelbar und zwingend eine Verarmung der Demokratie zur Folge.

Und diese Verarmung ist seit längerem im Gange. In Basel zeigt sich das so:

  • 1977 findet hier die erste grosse Zeitungsfusion der Schweiz statt. Die National-Zeitung – die Anfang der Sechzigerjahre von einer rein bürgerlichen zu einer gesellschaftskritischen, linksliberalen Zeitung wurde – und die Basler Nachrichten – von jeher ein liberal-konservatives Blatt – verschmelzen zur einzigen Tageszeitung in Basel, der Basler Zeitung. Konnte die Leserschaft in Basel bisher zwischen zwei publizistischen Gegenpolen wählen, musste sie sich fortan mit einer einzigen Zeitung begnügen – oder auf ein ausserregionales Blatt ausweichen. Die neue Basler Zeitung versuchte denn auch, es allen recht zu machen und wurde zu einer mittelmässigen Forumszeitung. Gleichzeitig mit der «Fusion» – die rein rechtlich eine Übernahme der Basler Nachrichten durch die National-Zeitung war – wurde das Mitbestimmungsrecht der Redaktion stark beschnitten und gleichzeitig die publizistische Macht des Verlags und des Verwaltungsrats gestärkt.
  • Februar 2010: Die Aktienmehrheit der Basler Zeitung Medien geht von der Verlegerfamilie Hagemann an Tito Tettamanti und Martin Wagner. Die Holdinggesellschaft der Mediengruppe verlegt ihren Sitz nach dem steuergünstigen Zug und heisst von nun an Watt Capital Holding AG. Soweit so banal …
  • Weniger banal ist die Einsetzung von Markus Somm, ehemaliger Chefredaktor der Weltwoche und Intimus von Christoph Blocher, als Chefredaktor. Fortan steuert die Basler Zeitung einen zunehmend rechtsbürgerlichen bis liberal-reaktionären Kurs. In der Redaktion kommt es zu einer entsprechenden Flurbereinigung, teils auf freiwilliger Basis, teils forciert, und erste Proteste unter der angestammten Leserschaft werden laut.
  • Ende November 2010: Nach Tausenden von Abokündigungen, gegen zwanzigtausend Unterschriften unter einen Aufruf von Rettet Basel «gegen die SVPisierung der Schweizer Presselandschaft» und Protestaktionen werfen Tito Tettamanti und Martin Wagner das Handtuch und verkaufen – angeblich – die Basler Zeitung Medien an den in Basel hoch angesehenen Unternehmer Moritz Suter. Doch die wahren Geldgeber bleiben vorläufig im Dunkeln, der Rechtsdrall der Zeitung bleibt erhalten, ja, verschärft sich noch.
  • Mitte April 2011: Als Reaktion auf die Vorgänge um die Basler Zeitung wird die Stiftung für Medienvielfalt «für ein vielfältiges Medienangebot zugunsten einer offenen und toleranten Gesellschaft» gegründet. Als ihre Hauptaufgabe ermöglicht sie die Herausgabe der Tageswoche, die ab Ende Oktober 2011 erscheint. Zwar versteht sich die Tageswoche nicht als «Anti-BaZ», wird aber weitherum als solche wahrgenommen. Eine publizistische Zweitmeinung im Raum Basel ist sie allemal. Hauptgeldgeberin der Stiftung für Medienvielfalt ist übrigens Beatrice Oeri, Spross einer bekannten Basler Mäzenatenfamilie. Sie führt mit ihrem privaten finanziellen Engagement zugunsten öffentlicher Interessen eine bewährte Basler Tradition fort. Und ohne die komfortable Ausstattung der Stiftung mit ihrem Geld gäbe es wohl bis auf weiteres im Raum Basel keine Alternative zur Basler Zeitung.
  • Mitte Dezember 2011: Moritz Suter tritt überraschend von all seinen Ämtern bei der Basler Zeitung zurück. Nun wird publik, dass ein Grossteil der Aktien der Basler Zeitung Medien seit dem Abgang von Tito Tettamanti in den Händen von Rahel Blocher, einer Tochter des SVP-Strategen Christoph Blocher lag. Dieser hatte eine Beteiligung stets abgestritten, was ja auch der rein juristischen Wahrheit entsprach …
  • Zwei Tage später: Tito Tettamanti übernimmt erneut das Szepter bei den Basler Zeitung Medien. Als Mehrheitsaktionär der ad hoc gegründeten MedienVielfalt Holding (mit Sitz im steuergünstigen Zug), welche die BaZ mit allem Drum und Dran erneut übernimmt, tritt er dezidiert als Retter der Medienvielfalt auf.

Die MedienVielfalt Holding will publizistische Macht
Trotz des inflationären Besitzerwechsels in den letzten zwei Jahren sind zwei Dinge konstant geblieben: der rechtsliberale Kurs der Basler Zeitung, hauptsächlich getragen von ihrem Chefredaktor Markus Somm, und die wirtschaftlichen Probleme des Konzerns, der sich in früheren Zeiten der Expansionsgelüste eine überdimensionierte Druckerei angeschafft hatte, die dem Konzern jetzt wie ein (defizitärer) Klotz am Bein hängt. Und genau dies ist ein zentrales Problem: Wer die Basler Zeitung «retten» will, muss ein erhebliches finanzielles Potenzial mitbringen. Und wer dieses Potenzial hat, macht gewöhnlich aus seinem finanziellen Engagement ein ideologisches Projekt.

Es ist deshalb auch nicht verwunderlich, dass sich die MedienVielfalt Holding zwar die Medienvielfalt auf die Fahne geschrieben hat, aber tatsächlich nach publizistischer Macht strebt. Schaut man sich den Verwaltungsrat und einzelne Aktionäre an, so wird deutlich, was für ein Machtimpuls hier am Werk ist: Nur ein paar Müsterchen:

  • Verwaltungsrat Robert Nef: Leiter des privaten Liberalen Instituts, das sich für die Freiheit der Besitzenden einsetzt, früher eindringlich vor dem Kommunismus warnte und heute den Sozialstaat grundsätzlich in Frage stellt.
  • Verwaltungsrat Georges Bindschedler: gewichtiger Aktionär und Förderer des Schweizer Monats, einer Zeitschrift, in der «mit elitären und auch antidemokratischen Tönen die Leistungsgesellschaft beschworen» wird (Zitat WoZ, siehe Quellen).
  • Aktionär Daniel Model: Umtriebiger Unternehmer und Utopist, der von einem reaktionären Freistaat im Thurgau träumt und in seinem Unternehmen über knapp 3’000 MitarbeiterInnen gebietet.

Die Liste einschlägig bekannter Leute – es sind hauptsächlich Männer – im Verwaltungsrat und Aktionariat der MedienVielfalt Holding liesse sich beliebig verlängern. (Genaueres dazu im Artikel «Die Vielfalt, die sie meinen» der Wochenzeitung, siehe Quellen.) In der Optik von Tito Tettamanti und den Seinen ist der Medienmainstream von links bestimmt, weshalb es zum Ausgleich und zur Belebung der Medienvielfalt auch Meinungsblätter von rechts brauche. Die Basler Zeitung sei nur ein erstes Projekt in diesem Sinne. Die Holding könne durchaus auch anderswo aktiv werden.

Und was geht das mich an?
Der hetzerische Ton und die teils geradezu menschenverachtenden Kommentare der neuen Basler Zeitung trägt nichts, aber auch gar nichts Konstruktives zur Lösung der gesellschaftlichen Probleme bei. Vielmehr verschärft sie diese, indem sie ein Klima des Gegeneinanders, der Ausgrenzung und der Polarisierung schafft. Und dies ist bereits deutlich spürbar. Denn die BaZ ist nach wie vor das regionale Leitmedium – und wird es bis auf weiteres auch bleiben. Dass nun die neue Holding als Retterin der Medienvielfalt auftritt, empfinde ich als schlechten Witz und erinnert mich an den Roman «1984» von Georges Orwell, in dem eine neue Sprache geschaffen wird, der Neusprech, um den Blick auf die Wirklichkeit zu verschleiern.

Echte Medienvielfalt lässt sich nur auf demokratischem Weg verwirklichen. Die Medien gehören in die Hände ihrer KonsumentInnen. Deshalb ist auch die Stiftung für Medienvielfalt als Trägerin der Tageswoche eher eine Notlösung denn ein Zukunftsmodell.


Quellen:

Gebt mir meine Tante BaZ zurück!

Die Ereignisse rund um die «Basler Zeitung» überschlagen sich. Heute ist das Blatt erneut mit Stumpf und Stiel verkauft worden – als handelte es sich um eine Prostituierte … (Pardon! Das Bild lässt sich einfach nicht mehr aus meinem Kopf verscheuchen.) Erneuter Besitzer (Freier!) ist Tito Tettamanti, der die BaZ vor eineinhalb Jahren schon mal besass und sich, als er in der Region auf empörte Ablehnung stiess, verärgert zurückzog, nicht ohne Basel vorzuwerfen, es sei eine scheinheilige Provinzstadt geworden, wo geistige Monokultur herrsche. Ebendiese Monokultur will er jetzt mit seiner neu gegründeten «MedienVielfalt Holding AG» aufbrechen. (Es sei reiner Zufall, dass seine AG ähnlich heisst wie die «Stiftung für Medienvielfalt», die Trägerin der neuen, als Alternative zur BaZ lancierten «TagesWoche».)

Herr Tettamanti und seine Gefolgsleute haben ein klares Ziel: Sie wollen eine rechtsbürgerliche Tageszeitung – gegen den mehrheitlichen Willen der angestammten LeserInnen – durchboxen und deren Bestand auf absehbare Zeit sichern. Dazu muss das ganze Firmenkonglomerat mitsamt diverser Grossdruckereien saniert werden. Dafür ist Filippo Leutenegger, eben eingesetzter Verwaltungsratspräsident besagter Holding, goldrichtig. Der Mann fürs Grobe weiss den Stahlbesen zu führen und ist als Reinemacher in der Medienindustrie einschlägig bekannt. Sein Mittun wird die Region etliche Arbeitsplätze kosten.

Was hat das alles mit mir zu tun? Als notorischer Zeitungsleser, der von der BaZ nicht lassen kann – nicht zuletzt weil sie als Tageszeitung in der Region noch immer ein Quasimonopolblatt ist –, werde ich zu Schlagzeilen, Kommentaren und Weltdeutungen genötigt, die ich nun wirklich – ich kann nicht anders – zum grossen Teil jenseits des guten Geschmacks empfinde. Seit Markus Somm als Chefredaktor installiert ist – und das soll dem Vernehmen nach auch so bleiben –, werden mir die abstrusesten Welt- und Menschenbilder um die Ohren gehauen, so dass ich mir oft schon die Augen gerieben habe und mich fragen musste: Lebe ich wirklich auf einem so völlig anderen Planeten als dieser Herr Somm?

Nein! Das ist nicht Medienvielfalt. Das ist Meinungsmache – oft mit geradezu hetzerischer Färbung. Nein! Das ist nicht redlicher Journalismus. Das ist Pamphletismus der übleren Sorte!

«Rettet Basel!», eine Aktion der Plattform «Kunst und Politik», hat deshalb zur Kundgebung «gegen die Blocher-BaZ» aufgerufen. Und ich werde hingehen:

  • weil es mich empört, dass man einer ganzen Region seine Meinung aufdrängen kann, wenn man das nötige Kleingeld dazu hat,
  • weil ich nicht will, dass man meine olle Tante BaZ wie eine Zwangsprostituierte behandelt und unter alternden, aber wirtschaftlich potenten Herren herumreicht,
  • weil die «Basler Zeitung» nicht als Instrument zur SVPisierung der Nordwestschweiz missbraucht werden darf,
  • weil echte Medienvielfalt anders aussieht und
  • weil echte Medienvielfalt eine Voraussetzung für echte Demokratie ist,
  • weil ich meine BaZ zurückhaben will.

***

Für weitere Informationen auf den Aufruf klicken!

Die «TagesWoche» – endlich!

Die Zeit wurde lang, wenn man als notorischer Zeitungsleser in der Nordwestschweiz auf eine Alternative zur «Basler Zeitung» wartete. Denn dieses Monopolblatt wurde immer ungehemmter zur SVP-Postille – ein zunehmend unappetitliches Monopol, das  nun endlich Schnee von gestern ist. Denn ab sofort gibt es die «TagesWoche», gleichsam eine Nordwestschweizer Zweitmeinung, die allerdings mit ihrer wöchentlichen Printausgabe und dem tagesaktuellen Onlineportal ein etwas anderes Feld beackert als die olle Tante «BaZ» und auch nicht als Anti-«BaZ» verstanden werden will. – Eine kleine Blattkritik.

Über den Namen der neuen Zeitung lässt sich streiten. Hat er tiefere Bedeutung oder klingt er bloss gut, insbesondere als Kürzel «TaWo»? Doch Namen sind Schall und Rauch. Wichtiger sind Inhalte. Und diesbezüglich bin ich von der «TagesWoche» durchaus angetan: Themenvielfalt, Sprache und Gestaltung der Printausgebe stimmen zuversichtlich. Wie ein luftiges Magazin kommt die «Zeitung aus Basel» – so ihr Untertitel – daher. In einem ausführlichen Artikel bewertet Redaktionsleiter Urs Buess den Ausgang der eidgenössischen Wahlen. Parallel dazu wird eingeschätzt, was die neue, gestärkte Mitte für den Fortgang der parlamentarischen Arbeit an einigen Schlüsselthemen bedeuten mag. In Kommentaren, Interviews und Berichten werden brandheisse – na ja, bestimmt aber aktuelle – Themen der Region aufgegriffen: Jugendgewalt, die Brandkatastrophe von Schweizerhalle vor genau 25 Jahren, die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise auf die Region. Der Auslandteil ist etwas dünn, was wohl dem doch recht kleinen Redaktionsstab von 17 Personen geschuldet ist. Auch Sport, Kultur und «Leben» fehlen als Ressorts nicht und haben naturgemäss einen engen Bezug zur Nordwestschweiz. Der Veranstaltungskalender mit redaktionellen Einsprengseln ist ganz schön ausführlich – und gestalterisch höchst unübersichtlich. Das kann noch besser werden. Überhaupt ist die ganze Zeitung noch etwas brav und zurückhaltend. Doch wer will als neuer Gast denn gleich mit der Türe ins Haus fallen? Die erste Ausgabe einer völlig neuen Zeitung ist halt fast noch eine Nullnummer, eine Art Suchbewegung, ein Versprechen … Aber dieses Versprechen klingt süss und lässt auf journalistische Substanz hoffen – etwas, das ich in Basel zunehmend vermisst habe.

Aussergewöhnliche Entstehungsgeschichte
Aussergewöhnlich ist die Entstehungsgeschichte der «TagesWoche». Sie hängt eng mit dem Niedergang der «Basler Zeitung» zusammen. Nachdem die Basler Mediengruppe «National Zeitung und Basler Nachrichten AG» verkauft wurde und in rechtsbürgerliche Hände geriet, nachdem Markus Somm, ehemaliger Chefredaktor der «Weltwoche» und Intimus von Christoph Blocher, zum Chefredaktor der BaZ gekürt wurde und erste Kostproben seiner pamphletischen Schreibe in Kommentarform erschienen, setzte bei den Leserinnen und Abonnenten eine Absetzbewegung ein, und der Ruf nach einer Alternative wurde laut. Hier und hier habe ich darüber berichtet. Rund um die Künstler- und Aktivistengruppe «Kunst und Poltik» kristallisierten sich die Empörung über den rechtsbürgerlichen Mediencoup, aber auch die konkrete Suche nach Alternativen. Unter dem knalligen Titel «Rettet Basel!» wurde ein viel beachteter Aufruf zur Schaffung einer neuen Tageszeitung in der Region Basel lanciert. Erste Gespräche wurden geführt, erste Abklärungen gemacht. Dann war es lange still – bis vor knapp einem Jahr bekannt wurde, dass die Basler Mäzenin Beatrice Oeri einen namhaften Geldbetrag für ein neues Zeitungsprojekt gesprochen hattte, wie es heisst, ein zweistelliger Millionenbetrag, der das wirtschaftliche Überleben der neuen Zeitung für die nächsten vier, fünf Jahre sichern soll. Offen bleibt die bange Frage, ob ohne das äusserst grosszügige Mäzenatentum eine Alternative überhaupt möglich gewesen wäre.

Printausgabe und Onlineportal: das Konzept
Aussergewöhnlich ist auch das Konzept der «TagesWoche»: Jeweils freitags eine Printausgabe im «halbrheinischen» Format (26 x 36 cm) und ein Onlineportal, das täglich aktualisiert wird – selbstverständlich auch übers Wochenende. Und dabei wird das Onlineportal nicht zum Anhängsel der Printausgabe. Vielmehr fliessen auch Online-Inhalte und bestimmt auch Diskussionen zurück in die Printausgabe. Überhaupt ist geplant, die «TagesWoche»-Community in die Wahl der Themen und die Entwicklung von Inhalten einzubeziehen. So besteht unter dem Motto «Die Redaktion sucht …» das Gefäss des Storyboards, wo Erfahrung und Wissen der LeserInnen gezielt in die redaktionelle Arbeit einfliessen können. Neben der Web 2.0-üblichen Kommentarmöglichkeit zu jedem Artikel, was allerdings eine Registrierung voraussetzt, werden natürlich auch die sozialen Medien stark gewichtet – bis hin etwa zur gemeinsamen Berichterstattung von Redaktion und LeserInnen in Echtzeit über Twitter zum Beispiel während eines Fussballspiels des FCB. An entsprechender Stelle auf der Webseite steht dann ein News-Feed, wo die Meldungen mitverfolgt werden können. Das braucht sich natürlich nicht auf Fussballspiele zu beschränken und eröffnet ein weites Feld der Crowdsource-gestützten Berichterstattung in Echtzeit. Schön auch die kleine und nützliche Funktion der «Rückseite», ein Gadget, das die Artikelgeschichte (Autor, wann veröffentlicht, wann geändert, welche Quellen) übersichtlich darstellt.

Die «Basler Zeitung» schweigt
Und die olle Tante BaZ? Am Tag des Erscheinens der «TagesWoche» schweigt sie eisern. Die neue Konkurrenz ist ihr keine Zeile wert. Und am Folgetag erscheint ein giftiger Gastkommentar, der die erste Printausgabe in der Luft zerreisst. Originalton: «Die Vorerwartungen, zusätzlich angepeitscht durch die enthemmten ‹Rettet Basel›-Scharfmacher, waren extrem hoch.» Eine solche Reaktion – insbesondere das anfängliche Verschweigen des neuen Medienprodukts – ist nur noch kindisch.

Trotzdem: Jetzt, mit der neuen «TagesWoche», ist man versucht, die «Basler Zeitung» endgültig links – pardon: rechts – liegen zu lassen. Man gibt sie auf, statt um sie zu kämpfen. Man überlässt sie ihrem Schicksal. Und das ist sehr schade. Das reut mich, denn immerhin ist (und bleibt) sie ein zentraler medialer Teil der Basler Identität, und die Gefahr steigt, dass diese Identität in Richtung SVP getrieben und geschubst wird. Das Drama ist noch nicht zu Ende.

Doch einstweilen freue ich mich über die Alternative in der Nordwestschweiz.

Hier geht es zum Onlineportal der «TagesWoche»:

Die Printausgabe müsst ihr schon selber kaufen.

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