Bernie Sanders – der revolutionäre Sozialdemokrat

Bernie Sanders‘ neu erschienenes Buch «Our Revolution: A Future to Believe in» ist so etwas wie sein politisches Vermächtnis. Der spanische Journalist Ibán García del Blanco hat es gelesen und eine interessante Rezension geschrieben. Übersetzung aus dem Spanischen: Walter B.

Letzte Weihnachten schickte mir ein Bekannter, der mich gut mag, aus dem Land des Brexit das kürzlich erschienene autobiografische Werk von Bernie Sanders: «Our Revolution: A Future to Believe in».[1] Ich gestehe, ich bin kein Anhänger solcher Bücher, die oft statt Ideen zu transportieren andere Ziele anstreben. Nachdem ich das Buch gelesen habe, denke ich, dass es hier anders ist.

Es handelt sich um Neubearbeitungen von Texten, die unabhängig voneinander entstanden sind, was gelegentlich dazu führt, dass sich einzelne Abschnitte wortwörtlich wiederholen. Doch die Texte kommen authentisch daher, zeugen von erfrischendem Humor und helfen zweifellos, die soziologische Wirklichkeit Nordamerikas und das Phänomen Trump zu verstehen.

Erste Lektion: In dieser globalisierten Welt sind sich die Probleme der Demokratien ähnlich. Trotz aller theoretischen Unterschiede der Modelle, stehen die Schwierigkeiten vielenorts im Zusammenhang mit unserem angeschlagenen Wohlfahrtsstaat. Sanders zeigt schön auf, wie sich die Einkommensverteilung zwischen der privilegiertesten Klasse und der ehemals stolzen amerikanischen Mittelklasse entwickelt hat, und führt den Wendepunkt hin zur Ungleichheit auf den Beginn von Reagans Deregulierungen zurück. Weltweit brach der Kapitalismus ab den 1980er Jahren die Vereinbarung mit der Mittelklasse über die Verteilung der Einkommen. Auch der Ökonome Manuel Escudero[2] zeigt das klar auf. Von da an sind wir bis zur heutigen Ungleichheit gelangt, die unsere Institutionen untergräbt und uns in eine Dystopie führt. «Sie machen keine Fehler», sagt Bernie, «der wirtschaftliche Kuchen ist weiter gewachsen. Bloss bleiben den Armen und der Mittelklasse immer kleinere Stücke.»

Es ist erschreckend, dass seine erste Rede für die Primärwahlen im Mai 2015 in Vermont so getreu beschreibt, wo unser Land heute steht. Nach der Einleitung «Heute beginnen wir eine politische Revolution», stellt er die Grundzüge seines Programms vor.

  • Wirtschaft, Einkommen und Ungleichheit. Es liegt etwas äusserst Unheilvolles in der Tatsache, dass ein Prozent der Bevölkerung der USA fast so viel besitzt wie neunzig Prozent – oder dass 99 Prozent der neuen Einkommen direkt diesem einen Prozent der Privilegierten zufliessen.
    Die Botschaft Sanders an die Millionäre: Ihr könnt nicht alles haben. Ihr könnt nicht weiterhin von Steuervergünstigungen profitieren, während es Kinder gibt, die Hunger leiden. Ihr könnt nicht weiterhin eure Gewinne auf den Kaimaninseln verstecken, während an allen Ecken und Enden unseres Landes grosse Bedürftigkeit herrscht. Eure Habsucht muss ein Ende haben. Ihr könnt nicht weiterhin von allen Vorteilen profitieren, ohne jegliche Verantwortung zu übernehmen. Die Vereinigten Staaten brauchen ein gerechtes und fortschrittliches Steuersystem.
    Trotz der technologischen Explosion und der rasanten Produktivitätssteigerung ist das mittlere Jahreseinkommen einer Familie 5’000 Dollar tiefer als noch 1999. Die offizielle Arbeitslosenquote widerspiegelt in keiner Weise die Anzahl der Menschen, die bereits vom System abgekoppelt sind. Sie widerspiegelt nicht die 17 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, die unter den Schwarzen noch viel höher liegt, oder die 45 Millionen Personen, die in Armut leben. Viele davon arbeiten, aber mit nicht existenzsichernden Löhnen.
  • Die Macht der Lobbys über die Institutionen. In der Folge eines Urteils des Obersten Gerichtshofs wurden die Grenzen für Wahlkampfspenden aufgehoben. Damit öffnet sich ein weites Feld uneingeschränkter Einflussnahme der grossen Multis auf die KandidatInnen. Im Gegensatz zu nationalistischen Bewegungen, die vorgeben, dieselben Prinzipien zu verteidigen, stellt sich Sanders seltsamerweise nicht grundsätzlich gegen die Wahlkampffinanzierung, sondern plädiert für eine öffentliche, angemessene und egalitäre Finanzierung, um so der Korruption entgegenzuwirken.
  • Klimawandel. Die wissenschaftliche Gemeinde ist sich einig: Der Klimawandel hat bereits heute verheerende Folgen für die Welt. Wenn wir unsere Energieversorgung nicht mutig transformieren, wird es zu Katastrophen kommen, zu Hungersnöten, Überschwemmungen, Epidemien, zur Übersäuerung der Ozeane. Und diesen Kampf müssen die USA anführen.
  • Arbeit, Arbeit, Arbeit. Ein keynesianischer Sanders setzt auf einen neuen New Deal: ein massives Programm zur Erneuerung und Reparatur der landesweiten Infrastruktur, das bis zu 13 Millionen Arbeitsstellen schaffen kann. Trump nimmt diese Idee in sein Programm auf, allerdings mit Änderungen.
  • Handel. Keine weiteren Freihandelsabkommen. Seltsam, wie die diesbezüglichen Ängste von ausserhalb nun in die USA zurückschwappen und Sanders, Clinton und sogar Trump vereinen. Wie wir gesehen haben, löst Letzterer sogar Verträge auf, die bereits unterzeichnet waren.
  • Löhne. Der landesweite Mindestlohn von 7,25 Dollar pro Stunde reicht nicht zum Leben. Er soll innerhalb von fünf Jahren auf 15 Dollar angehoben werden. Die Stadt Los Angeles hat eine solche Erhöhung des Mindestlohnes bereits vorgenommen. Eine Kuriosität in den USA. Das Ziel der Nation soll es sein, dass ein Vollzeitarbeiter von seiner Lohn leben kann. Nicht wirklich revolutionär. Oder? Ausserdem schlägt Sanders Massnahmen vor, um die Lohngleichheit zwischen Mann und Frau zu erreichen. Die Frauen verdienen für dieselbe Arbeit 78 Cents pro Dollar eines Mannes.
  • Wall Street reformieren. Die Wall Street darf nicht weiter eine Insel sein, auf der mit riskanten Anlagen Milliarden verspielt werden, während zugleich auf Rettung durch den öffentlichen Sektor gehofft wird. Wenn eine Bank zu gross ist, um unterzugehen, ist sie auch zu gross, um zu existieren. Nordamerika braucht Banken, die Teil der Realwirtschaft sind.
  • Öffentliches Gesundheitswesen für alle, Schutz für die Verletzlichsten. Was Sanders in seinem Buch über die medizinische Versorgung schreibt, lässt einen die Haare zu Berg stehen. Paradoxerweise ist die Situation ausgerechnet in jenen Staaten deutlich schlechter, die mehrheitlich republikanisch wählen. Anderseits ist dort die Wahlbeteiligung auch am tiefsten. Sanders setzt sich für ein noch ambitionierteres System als Obamacare ein: für ein landesweites Programm zum Schutz der Kinder.
  • Ausbildung für alle. Grundbildung mit einem Minimum an Qualität, bezahlbare Universitäten und ein Ende der Studiendarlehen, welche die Studenten für Jahrzehnte belasten.
  • Krieg und Frieden. Wir leben in einer komplexen Welt, und es gibt sehr wohl Bedrohungen. Doch die USA müssen verantwortlich handeln: Keine Abenteuer wie im Irak mehr! Wir müssen den IS rigoros bekämpfen. Aber nicht nur. Es muss eine internationale Koalition unter der Führung von moslemischen Staaten gebildet werden, die nicht nur den Terrorismus besiegt, sondern auch Bedingungen für einen anhaltenden Frieden schafft.

Dies ist keine abschliessende Liste aller Ideen Sanders. Es gibt viele weitere, etwa zur Situation der Minderheiten, zum Kampf gegen den Diskurs des Hasses, zum Schutz der Diversität, zu einer fortschrittlichen Migrationspolitik. Einige dieser Ideen sind ausführlicher ausgearbeitet, andere nur angedeutet. Und dann gibt es auch solche, über die man diskutieren kann. Insgesamt ist nichts Revolutionäres an Sanders Programm, der sich offen zur Sozialdemokratie und zum Erbe von Franklin D. Roosevelt bekennt. Heutzutage ist es schon revolutionär, ein Sozialdemokrat zu sein. Die Wurzeln des klassischen demokratischen Sozialismus wiederzuentdecken gleicht in Zeiten der Verengung ideologischer Räume einem Bannstrahl gegen den ungezähmten Kapitalismus von heute.

Es hat auch nichts Überraschendes, dass ein Senator von 73 Jahren es geschafft hat, um seine Person eine Welle von Begeisterung und demokratischer Teilhabe zu verbreiten und Millionen von jungen Menschen zu politisieren. Er ist schlicht der einzige, der den Mut gehabt hat zu sagen, dass es nun genug sei. Zudem sei der König nackt.[3] (Tatsächlich sind es Tausende von Kindern in den ärmsten Elendsvierteln.) Das Establishment der Demokraten lag falsch, als es mit allen Mitteln den Sieg von Hillary Clinton anstrebte, während die massive Mobilisierung rund um Sanders ganz andere Signale aussandte. Für mich ist klar, dass Sanders heute Präsident wäre, wenn es zu einer Ausmarchung zwischen ihm und Trump gekommen wäre. Keine Frage, dass sich viele fortschrittliche Amerikaner ins eigene Bein geschossen haben, als sie in dummerweise Clinton angriffen. Ebenso gewiss ist es auch, dass ein ausgeprägteres politisches Bewusstsein vorausgesehen hätte, dass passieren würde, was passiert ist.

Schulz in Deutschland hat verstanden: Die Sozialdemokratie ist entweder links oder sie ist gar nicht mehr. Es geht nicht mehr um die Alternative zwischen «Verantwortung» oder «Chaos», sondern um jene zwischen Neoliberalismus oder Wandel. Und wenn die Sozialdemokratie nicht den Wandel verkörpert und am Schluss der Wandel auch kommt, wird es Chaos geben.


Anmerkungen:

[1] Erscheint in deutscher Übersetzung im Juni 2017 bei Ullstein: Bernie Sanders, «Unsere Revolution. Wir brauchen eine gerechte Gesellschaft» (ISBN-13 9783550050077)

[2] Spanischer Ökonome und Sondergesandter des United Nations Global Compact, einem weltweiten Pakt, der wischen der UNO und immer mehr Unternehmen geschlossen wird, um die Globalisierung sozialer und ökologischer zu gestalten.

[3] Der Autor bezieht sich hier auf das Märchen «Des Kaisers neue Kleider» von Hans Christian Andersen, in dem betrügerische Weber einem Kaiser vorgaukeln, sie hätten ihm ein edles Kleid gewoben, das nur von Leuten gesehen werden könne, «die ihres Amtes würdig und nicht dumm» seien. Dabei ist der König nackt, was allerdings weder er noch das Volk zugeben wollen.

Bild: Phil Roeder, CC-Lizenz via flickr.

Das Original der Buchrezension von Ibán García del Blanco ist auf dem Blog Tribuna Abierta bei eldario.es erschienen.
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«Macht und Politik sind heute voneinander geschieden»

Was früher zusammengehörte, hat sich immer mehr voneinander getrennt: Während die Politik im Wesentlichen lokal agiert, hat sich die Macht verflüssigt, vom Lokalen abgekoppelt und agiert global – mit fatalen Folgen für die Politik. So äussert sich der Sozialwissenschafter Zygmunt Bauman in einem Interview mit der spanischen Onlineportal eldiario.es. Übersetzung: Walter B.

Zygmunt_Bauman_by_KubikAls wir in der Stiftung Rafael Pino zu einem Treffen mit dem polnisch-britischen Soziologen und Philosophen Zygmunt Bauman empfangen werden, bittet man als erstes die Fotografen, auf das fortgeschrittene Alter des Professors Rücksicht zu nehmen. Nur wenig später widerlegt Bauman seine vermeintliche Gebrechlichkeit. Ein grosser, gertenschlanker Herr in Schwarz durchquer ungeachtet des winterlichen Nieselregens mit aufrechtem Gang die ganze Terrasse und kommt auf uns zu. Seine geradlinige Erscheinung wird nur durch einzelne weisse Haarbüschel durchbrochen, die allseits von seinem kleinen Kopf abstehen.

Er scheint nur aus Nerven zu bestehen, ausgeglichen, ja, aber aus reinen Nerven, was sich etwa darin ausdrückt, dass seine langen Arme und hyperaktiven Hände nur mit Hilfe einer kleinen Pfeife und einem Feuerzeug zur Ruhe kommen. Dann wird sein Blick gesammelter und sucht unruhig Kontakt zu uns Journalisten, die wir um ihn herum absitzen.

Er ist umgänglich, ironisch und weder um ein Lächeln noch um einen Spass verlegen. Dieser freundliche Charakter steht im Gegensatz zu seinem pessimistischen Blick auf die Welt, gestützt von einer Vielzahl von Daten, die sein Buch «¿La riqueza de unos nos beneficia a todos?» enthält [etwa: «Nützt der Reichtum der einen uns allen?»], das soeben bei Paidós in spanischer Übersetzung erschienen ist. «Natürlich nicht», wird er während des Gesprächs ein ums andere Mal als Antwort auf die rhetorische Frage im Titel sagen und lange Ausführungen folgen lassen.

Bekanntlich verwendet Bauman den Begriff des Liquiden, Verflüssigten, um das Ende jeglicher Gewissheiten und der Integrität jener Institutionen zu bezeichnen, von denen man gemeinhin annimmt, dass sie die Grundlage unseres Lebenssystems darstellen. Noch beängstigender ist aber, dass seines Erachtens die Erfahrung ihren Wert verliert.

Das ganze gesammelte Wissen verliert seinen Nutzen, so sagt er, wenn man sich in einer verflüssigten Gesellschaft bewegt, in der die Arbeit ihren Wert verloren hat, ebenso wie das Wohlwollen, die Uneigennützigkeit und die Bindungsfähigkeit, und in welcher der Mitbürger im besten Fall reiner Konsument ist.

«Die Summe der Einkäufe eines Landes ist das Mass seines Glücks.» Dies ein Satz aus seinem neuen Buch. Der Autor erinnert daran, wie Expräsident George W. Bush, als die Zwillingstürme fielen, zu den Amerikanern sagte, um sie zu beruhigen: «Geht wieder einkaufen!»

Für Bauman hat die Zukunft nichts Erfreuliches: «Das Bild der künftigen Ungleichheit ist nicht wirklich vielversprechend.» Und diese Diagnose enthält wie alle anderen Überlegungen, auf die er sich einlässt, kein bisschen Optimismus. Auch getraut er sich nicht, einen möglichen Ausweg aus der grossen Krise aufzuzeigen. Womöglich kann man nur noch darauf hoffen, dass letztlich doch noch der gesunde Menschenverstand die Oberhand gewinnt und verhindert, dass wir an einen Punkt ohne Umkehr kommen. Vielleicht bemüht sich Bauman deshalb darum, äusserst didaktisch vorzugehen und keine einzige Frage summarisch zu beantworten.

Neueste Untersuchungen zeigen, dass die Lebensqualität der Gesellschaft als Ganzes nicht mit dem mittleren Einkommen korreliert, sondern mit dem Grad der Ungleichheit.

Schon auf den ersten, an statistischem Material so reichen Seiten erhält man eine lapidare Antwort auf die Frage im Titel Ihres Buches.

Wir können den Zustand der Welt einschätzen, indem wir statistische Daten heranziehen und einen Mittelwert errechnen. Es fehlt uns nicht an Statistiken, die uns einen Durchschnittswert liefern. Aber den mittleren Menschen gibt es nicht. Er ist eine Fiktion: Die Menschen aus Fleisch und Blut leben in Ungleichheit. Sie leben nicht in Gleichheit. Sie sind intelligent und können durchaus feststellen, dass es sehr zweifelhaft ist zu behaupten, der Reichtum verbessere ihre Lebensqualität. Denn während es einigen Leuten tatsächlich besser geht, geht es anderen umso schlechter. Und die Leute reagieren nicht auf die generelle Höhe des mittleren Wohlstands, sondern auf die Unterschiede in der Bevölkerung. Neueste Untersuchungen, inbesondere eine erhellende Studie von Richard Wilkinson und Kate Picket ((Link nicht mehr verfügbar)), zeigen, dass die Lebensqualität der Gesellschaft als Ganzes – nicht die der einen oder anderen Gruppe, sondern die allgemeine Lebensqualität, die beeinträchtigt sein kann durch pathologische Erscheinungen wie Alkoholismus oder Teenagerschwangerschaften, letztlich durch alle Krankheiten der Gesellschaft – dass die Lebensqualität der Gesellschaft als Ganzes nicht mit dem mittleren Einkommen korreliert, sondern mit dem Grad der Ungleichheit. [Read more…]

Der Betrug lässt sich nicht aufrechterhalten

In einem bewegenden Kommentar auf dem Blog zona crítica demaskiert die spanische Journalistin und Autorin Olga Rodríguez den Amok laufenden Kapitalismus als breit angelegten Betrug an der Bevölkerung. Doch weil die Profiteure immer mehr ihre Maske fallen lassen, wird die Täuschung nicht ewigen Bestand haben. – Übersetzung: Walter B.

Jede Person hat das Recht auf einen Lebensstandard, der ihr und ihrer Familie Gesundheit und Wohlergehen gewährleistet, einschliesslich Nahrung, Kleidung, Wohnung, medizinische Versorgung und notwendige soziale Leistungen sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Behinderung oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust ihres Lebensunterhalts durch Umstände, auf die sie keinen Einfluss hat. (Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte)

  • Der Elendsindex erreicht laut Angaben von dieser Woche in unserem Land [Spanien] bereits 26,4%. Das sind 15,5% mehr als noch vor fünf Jahren.
  • Die Ungleichheit zwischen den Einkommen spanischer Familien steigt. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist so gross wie noch nie.
  • Weltweit besitzt 1% der Bevölkerung 43% des gesamten Reichtums. 10% kontrollieren 83% des Reichtums.
  • Laut einem diese Woche veröffentlichten Berichts des Tax Justice Network schleuste die globale ökonomische Elite zwischen 2005 und 2010 mindestens 16,7 Billionen Euro am Fiskus vorbei. (Eine pessimistischere Schätzung geht von 25,6 Billionen Euro aus.)
  • Etwa 6,3 Billionen dieser unversteuerten Gelder gehören 92’000 Personen, das heisst 0,001% der Weltbevölkerung. Das bedeutet gemäss diesem Bericht, dass die Ungleichheit sehr viel grösser ist, als die üblichen Berechnungen zeigen.
  • Laut Zahlen, die diese Woche vom Forschungszentrum des amerikanischen Kongresses veröffentlicht wurden, besass im Jahr 2010 die Hälfte der Bevölkerung der Vereinigten Staaten gerade mal 1,1% des Reichtums des Landes. Im Jahr 2007 waren es 2,5%. Auch dies bestätigt, dass die Armen immer ärmer werden. Laut demselben Bericht besassen im Jahr 2010 die reichsten zehn Prozent 74,5% des Reichtums.

***

Die da oben wollen, dass wir es für normal halten, dass 1% der Bevölkerung 43% des weltweiten Reichtums besitzt. Dass wir annehmen, eine andere Welt sei nicht möglich und das heutige Modell sei universell, die logische Folge des Weltenlaufs und eine unausweichliche Ordnung, die den Reichtum und das Verhältnis zwischen den Individuen regelt. Was aktuell schief laufe, sei auf den exzessiven Missbrauch einiger weniger schwarzer Schafe zurückzuführen, nichts, das sich nicht mit ein paar Reformen ausbügeln liesse, Reformen, um die Gefrässigkeit des Systems zu zähmen, das an sich vernünftig sei, für Wohlstand sorge und den Geiz nicht grundsätzlich befördere.

Sie wollen, dass wir uns nur ein Leben vorstellen können, wo man wohlweislich schweigt und demütig den Kopf senkt, wo man in Kauf nimmt, dass die da oben auf gewisse Art das Recht haben, uns ein bisschen auszubeuten und ab und zu auch zu demütigen – und viel mehr zu verdienen als wir, und sei es auf Kosten unserer Arbeit.

Sie wollen, dass wir einen einzigen Traum träumen, der nur ein bestimmtes Verlangen kennt, so wie es uns die vielen Medien suggerieren: das Verlangen nach Macht, Geld und Status – und daher das Verlangen nach Sieg. Die schöne, unerreichbare Welt der Elite und der Marken – wir sollen uns wünschen, genau dorthin zu gelangen. Wir sollen die bestehenden Hierarchien verteidigen und ebenso den Umstand, dass es nun mal unterschiedliche Kategorien von Menschen gibt: niedere und höhere, je nach wirtschaftlicher und sozialer Situation. Wieviel du hast, soviel bist du wert.

Sie wollen, dass wir glauben, dieses Modell sei so rein und genau wie eine Partitur von Mozart und funktioniere ganz von alleine, indem es sich, sofern nötig, selbst korrigiert. Der natürliche Lauf des Kapitals mache uns immer reicher und glücklicher, denn Geld rufe nach Geld, und je mehr es davon gebe, umso mehr würden wir konsumieren und dadurch wiederum Reichtum erzeugen.

Sie wollen, dass wir in ein wirtschaftliches und soziales Organisationsmodell vertrauen, das soziale Gerechtigkeit und die Umverteilung des Reichtums nicht zu seinen Zielen zählt. Beides aber ist Voraussetzung, dass unsere Welt ein besserer, bewohnbarere Ort wird. Bei alledem wollen sie, dass wir glauben, sie bereicherten sich zu unserem Wohle. Die weltweiten Gesamtwerte, die Summe des Reichtums sind ihnen wichtig. Und der Reichtum steigt. Er konzentriert sich immer mehr in immer weniger Händen – aber er steigt. Und das sei es, was zählt.

Sie wollen, dass wir in Kauf nehmen, dass einige Rechte der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte utopisch bleiben, schlicht nicht realisierbar. Wir könnten sie uns nicht leisten.

Aber immer mehr Menschen durchschauen die gegenwärtige Farce und glauben, dass man die bestehende Ordnung umwälzen muss, um das Wohl aller und nicht nur einiger weniger zu befördern. Nur so können wir unseren Kindern sagen: «Wir haben versucht, diesen Wahnsinn zu stoppen.»

Die da oben können sich an der Macht festbeissen, sie auf ewig für sich beanspruchen. Sie haben die Mittel dazu. Sie steuern die Medien, das Geld, die grossen Organisationen. Doch was sie zwangsweise verlieren, ist ihre Glaubwürdigkeit: Das Blendwerk, die Lüge ist durchschaut. Und wenn die Maskerade als solche erkannt ist, kann sie nicht mehr täuschen. Deshalb lässt sich der Betrug nicht ewig aufrechterhalten.

Wachstum ≠ Fortschritt

Endlich wird von höchster Stelle bestätigt, was vielen schon lange schwant und manchen Gewissheit ist: Fortschritte bei der menschlichen Entwicklung sind auch ohne rasches Wirtschaftswachstum möglich – und starkes Wachstum führt nicht unbedingt zu besseren Entwicklungsbedingungen für die Menschen. Dies macht der neueste Bericht der Vereinten Nationen zur menschlichen Entwicklung klar: „Eines der überraschendsten Ergebnisse der Forschung zu menschlicher Entwicklung in jüngster Zeit ist die fehlende signifikante Korrelation zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Verbesserungen im Gesundheits- und Bildungsbereich.“[1]

Auch demokratische Teilhabe und gerechte Verteilung sind ohne grosses Wirtschaftswachstum möglich, und die grössten Entwicklungsfortschritte geschehen mitunter in Ländern ohne rasantem Wirtschaftswachstum, zum Beispiel in Nepal und Tunesien, wobei Entwicklung anhand des Human Development Index (HDI) abgebildet wird, der die Lebensqualität des Menschen umfassender wiedergibt als etwa das Bruttoinlandprodukt, das zum Beispiel die Weltbank beim Ländervergleich verwendet.

Der Human Development Index widerspiegelt neben wirtschaftlichen Faktoren auch solche der Lebenserwartung und des Bildungsgrades. Neu sollen auch Ungleichheiten in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Einkommen in den Index einfliessen, denn Durchschnittswerte sind gerade in diesen Zeiten der sich öffnenden Einkommensschere oft trügerisch.

Womöglich trägt die Entzauberung des Wirtschaftswachstums als Entwicklungsmotor dazu bei, vermehrt den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, gerade im Wirtschaftlichen, was ja durchaus ein Gebot der Logik und der Vernunft wäre.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen …


Fussnote:

[1] Kurzfassung des Human Development Report in deutscher Übersetzung, S. 14. (PDF, 3,5 MB)

Weiterführende Links:

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