Kunst ohne Jöö-Effekt

Das Festival Wildwuchs, seit 2001 kontinuierlich und kraftvoll präsent, hat sich die soziale Inklusion aller Menschen auf die Fahne geschrieben. Erst eine vielfältige, farbige Gesellschaft, so die Überzeugung der Veranstaltenden, von der niemand aufgrund seiner Behinderung oder seiner Herkunft ausgegrenzt wird, ist eine gesunde, robuste Gemeinschaft. Wie in der Natur: je vielfältiger, desto kräftiger.

Da gibt es noch einiges zu tun – auch in der Schweiz. Was in England fast schon selbstverständlich ist – die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Kulturbetrieb, und zwar nicht nur im Zuschauerraum, sondern auch auf der Bühne –, braucht in der Schweiz besondere Förderung. Das Wildwuchs-Festival will genau dies tun. Mit Produktionen aus den Sparten Tanz, Theater, Performance, mit Konzerten, Podiumsgesprächen, Lesungen, mit geführten Spaziergängen und einer Vielzahl weiterer Formate – Wildwuchs eben – werden Brücken gebaut, die es nach wie vor braucht, damit Kunst von und mit Menschen mit Behinderung immer mehr selbstverständlicher Teil des Kulturbetriebs wird.

Wider die Schubladen

Gunda Zeeb, die künstlerische Festivalleiterin, hält gar nichts vom Etikett «Behindertenkunst» in Abgrenzung zur Kunst sogenannt Nichtbehinderter. «Der Künstler auf der Bühne tritt ja nicht unter einer einzigen Identität, etwa als Mensch mit Behinderung, auf und trägt diese wie eine Fahne vor sich her, sondern er macht einfach Kunst – um der Kunst willen. Seine Behinderung ist ein Merkmal unter vielen, z.B. dass er ein Mann mittleren Alters ist oder eine bestimmte Herkunft hat.» Gerade um Vorurteile abzubauen und das Schubladendenken aufzulösen, wurde dieses Kulturfestival ins Leben gerufen. Das Publikum soll packende Kunst erleben. Dass sie von und mit Kunstschaffenden mit Behinderung produziert wird, ist zwar nicht nebensächlich, wirkt sich aber in keiner Weise auf die Qualität aus. Bedenklich im Grunde genommen, dass dies in heutiger Zeit überhaupt erwähnt werden muss! Doch Schubladen sind eben langlebig.

Austausch und Ermächtigung

Keine Kunst mit Jöö-Effekt also am Wildwuchs-Festival. Vielmehr ein Mix aus professionellen regionalen Produktionen und internationalen Gastspielen. Unter den Letzteren sticht die südafrikanische «Unmute Dance Company» mit ihrem Tanzstück «Ashed» hervor. Darin werden die Grenzen zwischen den erstarrten Körpern, wie man sie in Pompeji nach der Vulkankatastrophe gefunden haben könnte, und höchst lebendigen Tanzenden mit und ohne Behinderung erkundet und überbrückt. Das Stück setzt sich mit dem heutigen Südafrika auseinander und ist hochpolitisch, indem es die zunehmende Erstarrung der südafrikanischen Gesellschaft seit der Abschaffung der Apartheid zum Thema macht.

Die Veranstaltungen mit und rund um die «Unmute Dance Company» stehen für ein wichtiges Merkmal des Wildwuch-Festivals, das neben den eigentlichen Produktionen Raum für Erfahrungsaustausch und Ermächtigung geben will, z.B. mit einem Podiumsgespräch über die «Zugänglichkeit im Kreationsprozess», in dem die Situation von Künstlerinnen und Künstlern mit Behinderung in Südafrika und der Schweiz verglichen werden soll – und was in der jeweiligen Gesellschaft Vielheit und Anderssein bedeutet. Zudem wird es einen Workshop für Tanzschaffende geben, geleitet vom Basler Choreografen und Tänzer Alessandro Schiattarella und seinem Berufskollegen Andile Vellem von der «Unmute Dance Company».

Bereichernde Vielfalt

Es lohnt sich, die ganze Bandbreite des Festivals zu nutzen, also nicht nur die Bühnenproduktionen anzusehen, sondern etwa auch am Audio-Walk «Widerhall an der Grenze» mitzumachen, der durch Basels Volta-Quartier führt und für die Diversität der Schweizer Migrationsgesellschaft sensibilisiert – mit überraschenden Live-Interventionen der Quartierbevölkerung. Nicht erst seit diesem Jahr sind Produktionen rund um Flucht und Migration ein zweiter Schwerpunkt des Festivals.

Das Abschlusswochenende findet in der UPK, der Universitären Psychiatrischen Klinik in Basel statt. Mit Ausstellungen, einer Mach-Bar, Hörspaziergängen und verschiedenen Performances von Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung, entstanden unter Anleitung von professionellen Kunstschaffenden, soll das Publikum an einem Ort willkommen geheissen werden, der mit einigen Tabus belegt ist. Ein idealer Ort also, um das Wildwuchs-Festival, das sich dem Brückenbau verschrieben hat, ausklingen zu lassen.


Das Wildwuchs-Festival findet vom 1. bis 11. Juni in der Kaserne Basel und an weiteren Orten statt.

Dieser Artikel erscheint in der «ProgrammZeitung», der monatlichen Kulturzeitschrift für Basel und die Region.

Bilder: Unmute Dance Company, ⓒ Betalife Productions

Kulturfest der Enthinderung

Das Festival Wildwuchs macht Behinderungen des Lebens zum Thema.

Alle zwei Jahre herrscht in Basel und Umgebung Wildwuchs – genauer das Festival Wildwuchs. Mit seinen über 40 Produktionen aus Theater, Tanz, Musik, Film, Performance und bildender Kunst bespielt es so unterschiedliche Plätze wie das Kasernenareal und das Männerwohnheim Rheinblick, das Roxy Birsfelden und die Kreativwerkstatt des Bürgerspitals Basel sowie weitere Schauplätze in und um Basel. Im Zentrum stehen körperlich-seelisch-geistige Behinderungen aller Art sowie Flucht und Migration.

Die Idee dahinter: Das Festival «für alle» bietet eine künstlerische Plattform für Themen und Produktionen jenseits des gewöhnlichen, auf Meisterschaft und Perfektion getrimmten Kulturbetriebs. Auch das Sperrige ist willkommen, das Bruchstückhafte, Vorläufige. Statt es auszugrenzen, wird ihm eine Bühne geboten, damit es hervortreten kann, ganz im Sinne der Inklusion, die davon ausgeht, dass erst die Vielfalt – und deren Anerkennung – eine menschliche Gemeinschaft lebendig und stark macht. Das Wildwuchs-Festival will hier Brücken bauen und «kulturelle Zugehörigkeit trotz Verschiedenheit» ermöglichen. Wer nun glaubt, unter einer so offenen Anlage müsse die künstlerische Qualität leiden, kann das gerne am diesjährigen Festival überprüfen. Das Organisationskomitee rund um die künstlerische Leiterin Gunda Zeeb möchte das Gegenteil beweisen.

Verwirrende Vielfalt

Es beginnt mit einem Schwerpunkt zu Flucht und Migration im Theater Roxy. Übers ganze Haus verteilt und während zweier Tage wird dazu ein Feuerwerk mit Bühnenproduktionen und Performances gezündet. Zum Beispiel: Wie fühlt es sich an, wenn man Asyl braucht? Fünf Sans Papiers geben dazu Antworten in Form des Live-Hörspiels «Homeradio wildwuX: Zimmer Frei!». Für einmal müssen sie sich nicht verstecken, sondern zeigen sich, treten auf die Bühne. Mehr noch: Sie sind es, die für einmal die Fragen stellen und entscheiden, wer aufgenommen wird und wer nicht. Denn sie haben in ihrer Wohngemeinschaft ein Zimmer zu vergeben. Das Bühnen-Hör-Stück über Rollentausch und Perspektivenwechsel entstand in Zusammenarbeit mit Radio X, welches das Hörspiel auch ausstrahlen wird.

1-0230 H-A3 - 44Danach verschiebt sich der Schwerpunkt des Festivals zum Thema Be- und Verhinderung – und vom Roxy hin zur Kaserne Basel. Da lässt z.B. der Club Ritalin (s. Abb.) eine energiegeladene Open Air-Performance rund um das Thema ADHS krachen. Das im Volksmund «Zappelphilipp» genannte Syndrom wird mit Hilfe von Tanz, Performance, Sprache und Klangkunst auf seinen Gehalt abgeklopft, und siehe da: ADHS ist die wahre Natur des Menschen, verbindet die Problemjugendlichen mit den Multitasking-erprobten Eliten unseres Landes. Mit solch provokativen Thesen im Hintergrund wird – gleichsam im Hyperaktivitätsmodus – gemeinsam mit dem Publikum ein ADHS-orientiertes Training absolviert. Und am Schluss ist die Frage unausweichlich: Wer ist hier eigentlich gestört: die Betroffenen oder die Gesellschaft – oder alle? Der Club Ritalin entlässt uns ohne Antwort, aber um einige Erfahrungen reicher.

So bunt wie die Themen, so bunt sind auch die Formate zu deren Darstellung. Neben Bühnenproduktionen gibt es Publikumsinterventionen, Podiumsgespräche, eine rollende Wandzeitung, Gesprächsinstallationen etc. … Eine Vielfalt, die geradezu verwirrt. Wildwuchs eben!

Wildwuchs-Festival: Do 4. bis So 14.6, diverse Orte, www.wildwuchs.ch

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Dieser Artikel ist in der Juni-Ausgabe der «ProgrammZeitung» erschienen.

 

Wildwuchs-Festival 2013: Wenn Behinderte stören

Vom 24. Mai bis 2. Juni 2013 findet in Basel die 6. Ausgabe des Wildwuchs-Festivals statt. Es steht unter dem Motto «Wir stören!» und bietet Kunstschaffenden mit und ohne Behinderung aus aller Welt eine Plattform, um Fragen der sozialen Ausgrenzung und des Daseins als Störfaktor künstlerisch, also lustvoll zu erkunden. – Eine dringliche Empfehlung, sich verstören zu lassen.

Die Zeiten sind längst vorbei, als Behinderte versteckt wurden, jedenfalls in Europa. Doch ich erinnere mich noch an meine Jugendzeit in Bern – das muss Ende 1960er, Anfang 1970er Jahre gewesen sein –, als die Leitung des dortigen Stadttheaters an die Direktion des Schul- und Wohnheims Rossfeld gelangte und diese inständig bat, doch vom Besuch des Stadttheaters mit Schwerstbehinderten abzusehen. Begründung: Die Besucher des Stadttheaters wären durch den Anblick des teils grotesk verformten Äusseren der Behinderten in ihrem Kunstgenuss gestört. Ich kann mich an keinen Aufschrei erinnern …

Nächste Phase: Normalisierung
Inzwischen sind wir gesellschaftlich einen Schritt weiter: Das Normalisierungsprinzip wird rigoros angewendet – na ja, zumindest propagiert. Das heisst, Menschen mit Behinderung sollen ein möglichst normales Leben führen können. Jegliche finanzielle und sozialpädagogische Unterstützung ist nun daran zu messen, ob sie ein Leben im landesüblichen Rahmen befördert oder im Gegenteil ein Sonderdasein, ja Ausgrenzung begünstigt, kurz: ob sie auf die eigentlichen Behinderung noch eine zusätzliche, gesellschaftliche Behinderung draufsetzt. Der Normalisierungsdruck steigt.

Das ist lobenswert, führt aber auch dazu, dass heute viele Behinderte die bessseren Normalos sind: Möglichst nicht auffallen! Möglichst dem Bild des angepassten, dankbaren Behinderten entsprechen! Lieber eine graue Maus als ein bunter Hund sein!

Dritte Phase: «Wir stören!»
Deshalb finde ich das diesjährige Motto des Wildwuchs-Festivals so erfrischend. «Wir stören!» Das heisst zweierlei: 1. Allein durch unser Dasein als Menschen mit Behinderung stören wir – weil wir in vielerlei Hinsicht und trotz aller Bemühungen nicht der Norm entsprechen (können) und alleine dadurch die Normen als solche in Frage stellen. Das bringt Verunsicherung mit sich – auf beiden Seiten. Eine Verunsicherung, mit der wir praktisch täglich konfrontiert sind und die manchmal erheiternd, manchmal aber auch nur lästig ist. 2. bringt das Motto aber auch zum Ausdruck: Wir wollen stören, wir wollen verunsichern, wir wollen die Normen in Frage stellen – weil sie etwas Unmenschliches an sich haben, weil sie oft lebensfeindlich sind, weil sie nerven …

Diese Deutung finde ich besonders spannend. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass wir bei der diesjährigen Ausgabe des Wildwuchs-Festivals diesbezüglich auf die Rechnung kommen.

  • Zum Beispiel mit der Tanz/Artistik-Performance der britischen Künstlerin Claire Cunningham. Sie bringt Tanz, Trapez und Krücke unter einen Hut und macht aus der vermeintlichen Not eine Tugend: Das Andersartige wird zum ästhetischen Objekt.

M:E (Mobile:Evolution)_1_ © C. Cunningham

Foto: © Claire Cunningham/Colin Hattersley

  • Oder mit der deutschen Performance-/Theatergruppe Monster Truck & Theater Thikwa: Drei SchauspielerInnen mit Down-Syndrom – früher Mongoloide genannt, weil ihr Gesicht oft mongolische Züge aufweist – werden in einer Art Völkerschau als waschechte MongolInnen vorgeführt. Auch Dschingis Khan ist dabei. «Dschingis Khan, der mächtigste Herrscher aller Zeiten, erscheint degradiert zu einer billigen Kirmesattraktion, in der sich Vorstellungen von fremdländischer Exotik mit landläufigen Ideen von geistiger Behinderung vermischen.»

Dschingis Khan_1_ (c) Florian Krauss

Foto: © Ramona Zühlke/Florian Krauss

Das nur zwei Beispiele aus einem überaus vielfältigen Festivalprogramm, das auch weniger Verstörendes zu bieten hat.

Neben Behinderung (und Begabung), Alter (und Demenz) hat das Festival auch einen interkulturellen Schwerpunkt mit Filmen, Konzerten – und Stadtinterventionen im Zusammenhang mit Fremdsein und Migration. So veranstaltet bblackboxx unter dem Titel «LAGER, FEUER, POLIZEI, STÖRUNG, FETISCH, ASYL, KUNST» eine «Open Source Protest Akademie»: Gemeinsam mit dem «Bleiberecht Kollektiv Basel» soll ein Raum geschaffen werden, in dem mit Interessierten Aktion geplant und durchgeführt werden, die im Zusammenhang mit der aktuellen Migrationspolitik und insbesondere mit der anstehenden Abstimmung über die Asylgesetzrevision stehen. Wenn das nicht Störpotenzial hat!

Zum ausführlichen Programm auf untenstehendes Logo klicken:

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