Undine und der Hafen St. Johann

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Undine ist ein weiblicher Wassergeist, eine halbgöttliche Nymphe, die in der Mythologie den Lokal- oder Elementargeistern zugeordnet ist. Es gibt Baumnymphen, Waldnymphen, Berg- und Höhlennymphen. Es gibt Grotten- und Talnymphen – und eben Undine, die Wassernymphe. Sie ist jung und hübsch. Und da sie eine niedere, unvollständige Gottheit ist, hat sie keine Seele. Die erhält sie erst, wenn sie sich mit einem Menschen vermählt. Und wird ihr der Gatte untreu, so bringt sie ihm den Tod. – Soweit die Mythologie.

Undine hiess aber auch das Bauprojekt des neuen Rheinuferwegs beim ehemaligen Basler Hafen St. Johann zwischen Dreirosenbrücke und der Landesgrenze. Der Weg für Fussgänger, Stadtwanderer und Radfahrerinnen schafft eine durchgängige Verbindung nach St. Louis und Huningue und weiter über die Dreiländerbrücke nach Weil. Auf Basler Seite heisst der neue Weg Elsässerrheinweg. Das umfangreiche Bauprojekt wurde erst nach langjähriger Planung möglich – und nachdem sich die Stadt Basel und Novartis darauf geeinigt hatten, dass Novartis das Gelände des Hafens St. Johann von der Stadt Basel erwerben und in den Firmen-Campus integrieren kann, das gesamte Rheinufer bis zur Landesgrenze aber der Stadtallmend zugeschlagen wird. Beide Seiten hatten also etwas davon: die Novartis ein kompakteres Campusgelände und die Stadt einen durchgängigen Rheinuferweg. Ein Interessensausgleich wie bei einer Vermählung. Beide Seiten bringen ihre Mitgift ein.

All diese Tatsachen und Mythen gehen mir durch den Kopf, als ich das erste Mal den neuen Rheinuferweg betrete und Richtung St. Louis wandere. Da räkelst du dich also, Undine, am Rheinufer, und dein betörender Gesang klingt nach über den Wassern. Ich meine ihn zu hören zwischen Schiffshorn und Industriegesirre, zwischen dem leisen Rauschen des Rheins und dem Gebimmel der Fahrräder. Wunderbar bist du anzuschauen mit deinen sanft geschwungenen Formen in Stein, die dem strömenden Wasser abgelauscht sind. Nun bist du also ganz bei uns, ganz in der Erdenwelt angekommen – hast eine Seele bekommen, Undine. Nun bist du vollständig. Möge der Bund fürs Leben ewig halten, damit kein Unglück über uns komme!


Der «Stadtwanderer» erscheint monatlich als Kolumne in der «ProgrammZeitung».

Bild: Undine 06 von Georges Nijs, CC-Lizenz via flickr

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