Wildwuchs-Festival: Ein Jubiläum unter besonderen Umständen

Wildwuchs feiert sein zwanzigjähriges Bestehen. Vom 27. Mai bis 6. Juni gibt es zehn Tage lang in und um Basel Theater, Tanz, Performance, Zirkus, Akrobatik, Spaziergänge, Musik und mehr zu erleben. Und das ist alles andere als selbstverständlich. – Eine Ankündigung, auch in eigener Sache.

Wie plant man in diesen Zeiten ein Festival? Man rechnet mit allem und bäckt kleinere Brötchen. Alles andere wäre tollkühn. Nun steht also das Programm des kommenden Wildwuchs-Festivals. Und schon ein erster Blick zeigt: Kleinere Brötchen sind nicht zwingend weniger herzhaft. Dazu Gunda Zeeb, die künstlerische Leiterin des Festivals: «Auch wenn vieles, was in der Vergangenheit ein Festival ausgemacht hat – grosse internationale Produktionen, volle Säle, lebendige Nachgespräche, volle Festivalzentren und persönliche Begegnungen mit KünstlerInnen – im Moment so nicht möglich ist, feiern wir doch mit einem abwechslungsreichen Programm aus Performance, Theater, Tanz und anderem die Diversität unserer Gesellschaft und die Kraft der Kunst.»

Die Vielfalt unserer Gesellschaft in der Kunst abzubilden sowie Kunst und Kultur allen zugänglich zu machen, ist das Hauptanliegen von Wildwuchs seit zwanzig Jahren – mit einem grossen Festival alle zwei Jahre und immer mehr Veranstaltungen während des Jahres, so dass die Kernbotschaft nach und nach besser gehört und schliesslich zur Normalität wird: ein offener, diskriminierungsfreier Kulturbetrieb für alle, ob in den Zuschauerrängen oder auf der Bühne. Dann braucht es Wildwuchs nicht mehr und kann als Verein getrost aufgelöst werden.

Doch so weit sind wir noch nicht. Noch sind weite Teile der Gesellschaft vom Kultur- und Kunstbetrieb ausgeschlossen, sei es aufgrund ihrer Behinderung, aufgrund ihrer Herkunft oder ihres Aufenthaltsstatus oder sei es, weil sie sich Kunst und Kultur schlicht nicht leisten können. Wildwuchs möchte dafür sensibilisieren und Abhilfe schaffen.

Mein kleiner Beitrag

Das war Motivation genug für mich, im Vorstand des Vereins Wildwuchs mitzuwirken. Seit jeher hat mich das Spannungsfeld zwischen Kunst und (Gesellschafts-)Politik beschäftigt (siehe etwa da oder da). Den Ausschluss vom Kulturbetrieb habe ich am eigenen Leib erfahren. Zwar ist es in den letzten Jahren besser geworden, was den Zugang zur Kultur betrifft. Doch noch kann der Verein Wildwuchs nicht aufgelöst werden …

Auch künstlerisch kann ich beim aktuellen Festival etwas beisteuern: Im Rahmen eines musikalisch-literarischen Rundgangs durch das Museum der Kulturen werde ich mit einer Kurzlesung zum Thema Sterben und Tod einen Beitrag zur Belebung der Ausstellung leisten. Mir gleich tun es fünf weitere Menschen mit und ohne Behinderung sowie ein musikalisches Duo, das von Station zu Station führen wird. Teilnahme leider nur auf Anmeldung und mit beschränkter Anzahl.


Hier lang gehts zum Gesamtprogramm des Wildwuchs-Festivals.
Und hier zum Programmpunkt des musikalisch-literarischen Rundgangs im Museum der Kulturen.

Zu den Bilder:

Kunst ohne Jöö-Effekt

Das Festival Wildwuchs, seit 2001 kontinuierlich und kraftvoll präsent, hat sich die soziale Inklusion aller Menschen auf die Fahne geschrieben. Erst eine vielfältige, farbige Gesellschaft, so die Überzeugung der Veranstaltenden, von der niemand aufgrund seiner Behinderung oder seiner Herkunft ausgegrenzt wird, ist eine gesunde, robuste Gemeinschaft. Wie in der Natur: je vielfältiger, desto kräftiger.

Da gibt es noch einiges zu tun – auch in der Schweiz. Was in England fast schon selbstverständlich ist – die Teilhabe von Menschen mit Behinderung am Kulturbetrieb, und zwar nicht nur im Zuschauerraum, sondern auch auf der Bühne –, braucht in der Schweiz besondere Förderung. Das Wildwuchs-Festival will genau dies tun. Mit Produktionen aus den Sparten Tanz, Theater, Performance, mit Konzerten, Podiumsgesprächen, Lesungen, mit geführten Spaziergängen und einer Vielzahl weiterer Formate – Wildwuchs eben – werden Brücken gebaut, die es nach wie vor braucht, damit Kunst von und mit Menschen mit Behinderung immer mehr selbstverständlicher Teil des Kulturbetriebs wird.

Wider die Schubladen

Gunda Zeeb, die künstlerische Festivalleiterin, hält gar nichts vom Etikett «Behindertenkunst» in Abgrenzung zur Kunst sogenannt Nichtbehinderter. «Der Künstler auf der Bühne tritt ja nicht unter einer einzigen Identität, etwa als Mensch mit Behinderung, auf und trägt diese wie eine Fahne vor sich her, sondern er macht einfach Kunst – um der Kunst willen. Seine Behinderung ist ein Merkmal unter vielen, z.B. dass er ein Mann mittleren Alters ist oder eine bestimmte Herkunft hat.» Gerade um Vorurteile abzubauen und das Schubladendenken aufzulösen, wurde dieses Kulturfestival ins Leben gerufen. Das Publikum soll packende Kunst erleben. Dass sie von und mit Kunstschaffenden mit Behinderung produziert wird, ist zwar nicht nebensächlich, wirkt sich aber in keiner Weise auf die Qualität aus. Bedenklich im Grunde genommen, dass dies in heutiger Zeit überhaupt erwähnt werden muss! Doch Schubladen sind eben langlebig.

Austausch und Ermächtigung

Keine Kunst mit Jöö-Effekt also am Wildwuchs-Festival. Vielmehr ein Mix aus professionellen regionalen Produktionen und internationalen Gastspielen. Unter den Letzteren sticht die südafrikanische «Unmute Dance Company» mit ihrem Tanzstück «Ashed» hervor. Darin werden die Grenzen zwischen den erstarrten Körpern, wie man sie in Pompeji nach der Vulkankatastrophe gefunden haben könnte, und höchst lebendigen Tanzenden mit und ohne Behinderung erkundet und überbrückt. Das Stück setzt sich mit dem heutigen Südafrika auseinander und ist hochpolitisch, indem es die zunehmende Erstarrung der südafrikanischen Gesellschaft seit der Abschaffung der Apartheid zum Thema macht.

Die Veranstaltungen mit und rund um die «Unmute Dance Company» stehen für ein wichtiges Merkmal des Wildwuch-Festivals, das neben den eigentlichen Produktionen Raum für Erfahrungsaustausch und Ermächtigung geben will, z.B. mit einem Podiumsgespräch über die «Zugänglichkeit im Kreationsprozess», in dem die Situation von Künstlerinnen und Künstlern mit Behinderung in Südafrika und der Schweiz verglichen werden soll – und was in der jeweiligen Gesellschaft Vielheit und Anderssein bedeutet. Zudem wird es einen Workshop für Tanzschaffende geben, geleitet vom Basler Choreografen und Tänzer Alessandro Schiattarella und seinem Berufskollegen Andile Vellem von der «Unmute Dance Company».

Bereichernde Vielfalt

Es lohnt sich, die ganze Bandbreite des Festivals zu nutzen, also nicht nur die Bühnenproduktionen anzusehen, sondern etwa auch am Audio-Walk «Widerhall an der Grenze» mitzumachen, der durch Basels Volta-Quartier führt und für die Diversität der Schweizer Migrationsgesellschaft sensibilisiert – mit überraschenden Live-Interventionen der Quartierbevölkerung. Nicht erst seit diesem Jahr sind Produktionen rund um Flucht und Migration ein zweiter Schwerpunkt des Festivals.

Das Abschlusswochenende findet in der UPK, der Universitären Psychiatrischen Klinik in Basel statt. Mit Ausstellungen, einer Mach-Bar, Hörspaziergängen und verschiedenen Performances von Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung, entstanden unter Anleitung von professionellen Kunstschaffenden, soll das Publikum an einem Ort willkommen geheissen werden, der mit einigen Tabus belegt ist. Ein idealer Ort also, um das Wildwuchs-Festival, das sich dem Brückenbau verschrieben hat, ausklingen zu lassen.


Das Wildwuchs-Festival findet vom 1. bis 11. Juni in der Kaserne Basel und an weiteren Orten statt.

Dieser Artikel erscheint in der «ProgrammZeitung», der monatlichen Kulturzeitschrift für Basel und die Region.

Bilder: Unmute Dance Company, ⓒ Betalife Productions

Leise Hoffnung für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung in Basel-Stadt

Soll man sich auf Signale aus der Politik abstützen? Oder lässt man das nicht vielleicht doch lieber bleiben – zumal in Wahlen anstehen? Im Vorfeld des zweiten Stammtisches des Aktionskomitees Behindertengleichstellung und auch am Stammtisch selbst waren jedenfalls Signale erkennbar, die Anlass zu der leisen Hoffnung sein können, die Wiedereinführung der verwaltungsinternen Fachstelle für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung in Basel-Stadt komme wieder aufs Tapet. – Ein Gastkommentar von Christoph Meury.

Das Aktionskomitee für den Erhalt der Fachstelle für Gleichstellung von Menschen mit Behinderung hat am 28. September zu einem weiteren Stammtisch eingeladen. Die zweite öffentliche Runde war ein Stammtisch mit PolitikerInnen der Grünen, BastA!, GLP, LDP, SP und FDP. Kurz vor den Herbstwahlen war dies eine spannende Ausgangslage mit einer hohen Politikerdichte. Die potentiellen Regierungsrätinnen, respektive Stadtpräsidentinnen – Heidi Mück, Martina Bernasconi, Elisabeth Ackermann – drängten förmlich ans Mikrophon. Die Botschaften waren erfreulich. Alle hatten sie großes Verständnis für die Anliegen behinderter MitbürgerInnen. Auch die anwesenden GrossratskandidatInnen: Anna Götensted (LPD), Béatrice Alder (BastA!), Luca Urgese (Präsident der Basler FDP) und Michaela Seggiani (Vizepräsidentin SP Basel-Stadt) konnten positive Signale aussenden. Das kam bei den Anwesenden gut an und hätte auch den Abwesenden Freude gemacht. Schade, dass in dieser Stammtisch-Runde der Aufmarsch der Menschen mit einer Behinderung spärlich war. Persönlich verstehe ich dies zwar durchaus, ist es doch mühsam und leicht deprimierend, wenn man zum x-ten Mal seine Anliegen öffentlich darlegen und um Verständnis bitten muss. Trotzdem, eine direkte Konfrontation mit PolitikerInnen ist natürlich eine einmalige Gelegenheit mit den zukünftigen Entscheidungsträgern auf Augenhöhe zu kommunizieren. Sonja Häsler und Walter Beutler haben diese Möglichkeit stellvertretend genutzt. Die beiden RollstuhlfahrerInnen fungieren diesbezüglich als Sprachrohr für die 25’000 behinderten Menschen in Basel-Stadt. Auch Xaver Pfister hat mit einem engagierten Votum für die Anliegen von psychisch beeinträchtigen Menschen geworben. Stephan Settelen, der Gastgeber der Stammtischrunde und Geschäftsführer und Mitinhaber der Settelen AG, konnte anhand der Berufsintegration seines Sohnes zeigen, dass eine solche Integration, trotz Widerständen (oder eher Verwaltungsträgheiten) möglich und nötig ist. Alle Direkt- oder Indirektbetroffenen können anhand von Beispielen zeigen, dass es bis zur alltäglichen und ungehinderten Inklusion behinderter Menschen noch ein weiter Weg ist. Aber immerhin, man ist auf dem Weg. Soweit eine erste Zwischenbilanz.

Zweiter Stammtisch des ak Behindertengleichstellung mit PolitikerInnen der Grünen, BastA!, GLP, LDP, SP und FDP.

Zweiter Stammtisch des ak Behindertengleichstellung mit PolitikerInnen der Grünen, BastA!, GLP, LDP, SP und FDP.

 

Zurück zu den PolitikerInnen. Bei der Nachfrage um die Abschaffung der Fachstelle für Gleichstellung von Menschen mit Behinderung war das Unbehagen greifbar. Martina Bernasconi von den Grünliberalen hat gegen die Weiterführung der Fachstelle und für die mickrige Sparübung im Grossen Rat votiert, ist aber nachträglich der Meinung, dass sie schlecht beraten wurde und den Beteuerungen von Guy Morin leider blind vertraut habe. Durch die Vehemenz des Widerstandes sensibilisiert, würde sie zukünftig anders entscheiden. Das ist doch immerhin löblich. Nicht von der Hand zu weisen ist der Hinweis, dass der Streichungsentscheid von Guy Morin ziemlich unprofessionell vonstatten ging. Es wurde moniert, dass es über die Arbeit der Fachstelle nie einen verbindlichen Rechenschaftsbericht gegeben hat. Das hat Nachwirkungen bis heute. Noch immer wissen die PolitikerInnen nicht genau wofür diese Stelle steht, respektive stand. Die Wahrnehmung ist sehr diffus. Martin Haug, der ehemalige Leiter der Fachstelle, war anwesend und hätte auf Nachfrage Klärung verschaffen können. Etwas konsterniert wirkte lediglich Luca Urgese. Er ist dezidiert der Meinung, dass in der Behindertenhilfe bereits sehr viel getan wird und daher nicht alle Wünsche erfüllbar seien.

Apropos diffuse Wahrnehmungen. Das gilt auch für die entsprechenden verfassungsmäßigen Verpflichtungen. Gesetzliche Vorgaben, welche Diskriminierungen aufgrund einer Behinderung auf allen staatlichen Ebenen verbieten und Vorgaben welche Bund, Kantone und Gemeinden gesetzlich verpflichten Benachteiligungen von Menschen mit Behinderung zu beseitigen, werden von den PolitikerInnen nicht oder nur bedingt als rechtsverbindlich und verpflichtend wahrgenommen. Das gilt auch für die UNO-Behindertenrechtskonvention, welche beispielsweise die Schaffung von Anlaufstellen vorschreibt. Anmerkung: Die Fachstelle für die Gleichstellung von Menschen wäre prädestiniert gewesen, diese völkerrechtlich verbindliche Aufgabe zu übernehmen. Martin Haug hat nochmals eindringlich auf die vorhandenen gesetzlichen Rahmenbedingungen verwiesen und konnte damit auch aufzeigen, dass eine entsprechende, departementsinterne Stelle notwendig ist.

Die PolitikerInnen und die Verwaltung haben auf dem Papier entsprechend den gesetzlichen Vorgaben eine Bringschuld. In der Theorie und auf dem Papier ist der Umgang mit Fragen zur Integration und Inklusion von behinderten Menschen soweit fortschrittlich. In der Praxis ist dies alles aber offensichtlich noch nicht angekommen. Den anwesenden PolitikerInnen scheinen die vorhandenen gesetzlichen Verpflichtungen nicht wirklich bewusst zu sein. Eine Dringlichkeit scheint nicht gegeben. Sie sehen sich lieber in der Rolle des geduldigen und verständnisvollen Zuhörers. Die Anliegen der Behinderten würden wohlwollend entgegengenommen, je nach politischer Couleur werden diese Anliegen dann eher im Bereich der Wünsche und als ein «Nice-to-have» abgebucht, oder im Grundsatz akzeptiert und umgesetzt. Sehr rasch (viel zu rasch) werden die bösen Finanzen als Hinderungsgrund für reale Umsetzungen genannt. Was für Basel ja nicht wirklich stimmen kann. Zur Zeit «schwimmt» die Stadt förmlich im Geld. Die Überschüsse bewegen sich im dreistelligen Millionenbereich.

Das Aktionskomitee für den Erhalt der Fachstelle für Gleichstellung von Menschen mit Behinderung hat im Vorfeld der Wahlen bei den KandidatInnen aller Parteien (Regierung & Stadtpräsidium) eine Umfrage lanciert: Interessant sind die brieflichen Antworten der fünf amtierenden RegierungsrätInnen und der zwei neu Kandidierenden. In der Theorie sind die Anliegen von Menschen mit Behinderung auf der Regierungsebene präsent. Alle Befragten haben adäquate Antworten und großes Verständnis für die Anliegen für Menschen mit Behinderung. [Siehe inbesondere die Antwort des Stadtpräsidenten Guy Morin im Anhang. Anm. Walter B.] Das ist gut so. Fazit der 2. Stammtischrunde: Jetzt gilt es diese Anliegen in die Praxis umzusetzen und im Alltag zu implementieren. Konsequent und ohne wenn & aber. Aber auch nicht irgendwann, sondern hier & jetzt.

Christoph Meury
Kulturprojekte & journalistische Arbeiten
Projektberater «Impulszentrum Holdenweid» bei Hölstein
Mitglied des AK Behindertengleichstellung

Antwort des Stadtpräsidiums auf die Anfrage des ak Behindertengleichstellung:

offener_brief_rr_antwort

 

Einladung zum Stammtisch Behindertengleichstellung

1. Stammtisch

«100 Tage ohne Fachstelle für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung»

Mittwoch, 13. April 18:00 – 20:00 Uhr

in der Garage der Firma Settelen AG, Türkheimerstrasse 17, 4055 Basel

Chateau_Settelen

Kommen Sie und diskutieren Sie mit!

Diskutieren Sie mit Entscheidungsträgern aus der Verwaltung sowie mit Urs Müller-Walz, Alt-Grossrat BastA!, Patrick Hafner Grossrat SVP, Sarah Wyss Grossrätin SP / AK-Mitglied, Otto Schmid Grossrat SP / AK-Mitglied, Sibylle und Michael Birkenmeier (Theaterkabarett Birkenmeier), Dr. Noortje Vriends (ehemalige Leiterin Fachstelle Förderung und Integration der Volksschule Basel-Stadt, Inés Mateos Expertin für Bildung und Diversität / AK-Mitglied, Xaver Pfister Theologe / AK-Mitglied, Brian McGowan Rollstuhlfahrer Ehemaliger Leiter Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern / AK-Mitglied, Maria Müller Rollstuhlfahrerin Kommunikationsdesignerin / AK-Mitglied, Sonja Häsler Rollstuhlfahrerin (2011 Weltmeisterin Rollstuhl-Badminton), Pina Dolce blinde Künstlerin, Traude Loebert Fachfrau für Schriftgutverwaltung.

Kommen Sie und feiern Sie mit uns die Geburt des «Stammtisch Behindertengleichstellung»!

Menschen mit und ohne Behinderung, betroffene Eltern,
PolitikerInnen und Unternehmende nehmen Stellung zur Schliessung der
Fachstelle für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung.

Moderation: Linda Muscheidt Burri,
Kommunikation+coaching
Der Anlass ist barrierefrei
Eintritt frei, Kollekte.

Wer etwas sagen möchte, meldet sich durch Handerheben. Der Stammtisch ist kein Podium,
sondern ein moderiertes Forum, eine moderierte Vollversammlung.

Der Stammtisch Behindertengleichstellung ist Austausch von Menschen
mit und ohne Behinderung und sammelt alle Anliegen, die
Gleichstellung und Nachteilsausgleich einfordern.

Der Stammtisch Behindertengleichstellung wird eine Plattform für
verschiedene Aktionen und Begegnungen zwischen Menschen mit
und ohne Behinderung.

Der Stammtisch Behindertengleichstellung verfolgt mit dem Aktionskomitee
die Ziele der abgeschafften Fachstelle und wird sich bei Verwaltung,
Politik und in der Öffentlichkeit unbequem und lautstark
dafür einsetzen.

Alle Informationen zum Aktionskomitee und zum Stammtisch auf
der Homepage www.ak-behindertengleichstellung.ch

Soziale Inklusion Behinderter – eine radikale Forderung?

469820940_9989bd3fcf_z

Ich musste ja schon leer schlucken, als ich das erste Mal begriff, wie radikal der Inklusionsgedanke wirklich ist. Ich, ein abgebrühter Behinderter – pardon: Mensch mit Behinderung –, seit über fünfzig Jahren im Rollstuhl, im Spital und in Heimen aufgewachsen, später fast schon krankhaft freiheitsliebend und selbständig. Ich also musste leer schlucken, als ich das Credo der Inklusion zur Kenntnis nahm: Keine Sonderlösungen!

Keine Sonderlösungen! So einfach und doch so radikal. So einfach liesse sich Inklusion verwirklichen: Indem man die Sonderlösungen aus der Welt schafft und die gesellschaftlichen Strukturen, die bis heute weitgehend auf Separation ausgelegt sind, so umgestaltet, dass Behinderte selbstverständlicher Teil der Gesellschaft werden können. Einfacher gehts fast nicht. Und doch kann man sich das heute noch kaum vorstellen. Vorbehalte und Zweifel sind schnell zur Hand. Allenfalls ist man bereit, Inklusion als Ideal zu akzeptieren, das – womöglich – irgendwann in einer besseren Zukunft verwirklicht werden kann.

Obschon: Ist das wirklich ein radikales Postulat? Kann man die Forderung, Behinderte müssten ganz normaler, selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft sein, ohne Diskriminierung, ohne gesellschaftliche Nachteile aufgrund ihrer Behinderung, ohne Aussonderung – kann man eine solche Forderung als radikal bezeichnen? Müsste man nicht das Gegenteil, die Separation, die Sonderlösungen als radikalen Eingriff verstehen – und seien die Motive noch so ehrenwert?

Ich selber habe meine Kindheit bis ins Schulalter im Spital verbracht. Das war Anfang der 1960er Jahre. Die ersten paar Monate waren medizinisch begründet. Ich hatte Kinderlähmung gehabt und musste mich von der Infektion und den starken Lähmungen erholen. Die restlichen fünf Jahre waren eine gut gemeinte, aber im Rückblick unnötige Sonderlösung. Man hatte meine Eltern dazu überredet, fast schon dazu gedrängt, mich doch im Spital zu lassen. Dort hätte ich die beste Förderung und Pflege. Zuhause würde ich mit meinen besonderen Bedürfnissen als körperbehindertes Kind die Familienstruktur übermässig durcheinanderbringen. So hat man damals gedacht. Das war nichts Aussergewöhnliches. Und meine Eltern liessen sich überreden …

Später kam ich nahtlos in ein Schulheim für körperbehinderte Kinder. Erst sehr viel später erkannte meine Mutter, wie sehr sie und mein Vater dem Zeitgeist erlegen waren und aus vermeintlich guten Gründen in etwas einwilligten, das ihren innersten Regungen zuwiderlief. Bis ins hohe Alter fragte sie mich immer wieder, ob ich mich nicht von ihnen in Stich gelassen gefühlt hätte – und ob ich ihr verzeihen könne.

Man verstehe mich richtig! Ich hadere nicht mit dem Schicksal. Im Gegenteil! Aber unsere Familiengeschichte erhielt doch eine herbe Note. Nicht so sehr, weil ich nicht zuhause aufwuchs. Sondern weil das alles nicht nötig gewesen wäre.

Dies zur Illustration, wie hemdsärmlig, ja unbedarft, aber durchaus in hehrer Absicht man damals einen so radikalen Eingriff vornahm, der eine Familie auseinanderriss. Womöglich werden auch heutige Sonderlösungen im Rückblick dereinst als hemdsärmlig und letztlich unnötig eingestuft werden müssen, als Auswüchse des Zeitgeistes.

P.S.

Inklusion ist übrigens nicht einfach ein weiterer Anspruch der Menschen mit Behinderung an die Gesellschaft. Inklusion ist nicht bloss der durchaus nachvollziehbare Wunsch, «auch dazugehören zu wollen». Vielmehr ist Inklusion auch im ureigenen Interesse der Gesellschaft selbst. Diese wird nämlich gerade durch Vielfalt und Durchmischung farbiger, kräftiger, lebendiger, ja überlebensfähiger als eine gleichgeschaltete, normierte, grauschwarze Gesellschaft. In der Natur spricht man von Biodiversität als Massstab für deren Gesundheit. In Bezug auf die Gesellschaft kann man in ähnlichem Sinne von Soziodiversität sprechen.


Dieser Text ist im HandicapForum 1/2016 erschienen.

Bild (CC-Lizenz): «qe07 (14)» von KLHint via flickr

%d Bloggern gefällt das: