Leise Hoffnung für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung in Basel-Stadt

Soll man sich auf Signale aus der Politik abstützen? Oder lässt man das nicht vielleicht doch lieber bleiben – zumal in Wahlen anstehen? Im Vorfeld des zweiten Stammtisches des Aktionskomitees Behindertengleichstellung und auch am Stammtisch selbst waren jedenfalls Signale erkennbar, die Anlass zu der leisen Hoffnung sein können, die Wiedereinführung der verwaltungsinternen Fachstelle für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung in Basel-Stadt komme wieder aufs Tapet. – Ein Gastkommentar von Christoph Meury.

Das Aktionskomitee für den Erhalt der Fachstelle für Gleichstellung von Menschen mit Behinderung hat am 28. September zu einem weiteren Stammtisch eingeladen. Die zweite öffentliche Runde war ein Stammtisch mit PolitikerInnen der Grünen, BastA!, GLP, LDP, SP und FDP. Kurz vor den Herbstwahlen war dies eine spannende Ausgangslage mit einer hohen Politikerdichte. Die potentiellen Regierungsrätinnen, respektive Stadtpräsidentinnen – Heidi Mück, Martina Bernasconi, Elisabeth Ackermann – drängten förmlich ans Mikrophon. Die Botschaften waren erfreulich. Alle hatten sie großes Verständnis für die Anliegen behinderter MitbürgerInnen. Auch die anwesenden GrossratskandidatInnen: Anna Götensted (LPD), Béatrice Alder (BastA!), Luca Urgese (Präsident der Basler FDP) und Michaela Seggiani (Vizepräsidentin SP Basel-Stadt) konnten positive Signale aussenden. Das kam bei den Anwesenden gut an und hätte auch den Abwesenden Freude gemacht. Schade, dass in dieser Stammtisch-Runde der Aufmarsch der Menschen mit einer Behinderung spärlich war. Persönlich verstehe ich dies zwar durchaus, ist es doch mühsam und leicht deprimierend, wenn man zum x-ten Mal seine Anliegen öffentlich darlegen und um Verständnis bitten muss. Trotzdem, eine direkte Konfrontation mit PolitikerInnen ist natürlich eine einmalige Gelegenheit mit den zukünftigen Entscheidungsträgern auf Augenhöhe zu kommunizieren. Sonja Häsler und Walter Beutler haben diese Möglichkeit stellvertretend genutzt. Die beiden RollstuhlfahrerInnen fungieren diesbezüglich als Sprachrohr für die 25’000 behinderten Menschen in Basel-Stadt. Auch Xaver Pfister hat mit einem engagierten Votum für die Anliegen von psychisch beeinträchtigen Menschen geworben. Stephan Settelen, der Gastgeber der Stammtischrunde und Geschäftsführer und Mitinhaber der Settelen AG, konnte anhand der Berufsintegration seines Sohnes zeigen, dass eine solche Integration, trotz Widerständen (oder eher Verwaltungsträgheiten) möglich und nötig ist. Alle Direkt- oder Indirektbetroffenen können anhand von Beispielen zeigen, dass es bis zur alltäglichen und ungehinderten Inklusion behinderter Menschen noch ein weiter Weg ist. Aber immerhin, man ist auf dem Weg. Soweit eine erste Zwischenbilanz.

Zweiter Stammtisch des ak Behindertengleichstellung mit PolitikerInnen der Grünen, BastA!, GLP, LDP, SP und FDP.

Zweiter Stammtisch des ak Behindertengleichstellung mit PolitikerInnen der Grünen, BastA!, GLP, LDP, SP und FDP.

 

Zurück zu den PolitikerInnen. Bei der Nachfrage um die Abschaffung der Fachstelle für Gleichstellung von Menschen mit Behinderung war das Unbehagen greifbar. Martina Bernasconi von den Grünliberalen hat gegen die Weiterführung der Fachstelle und für die mickrige Sparübung im Grossen Rat votiert, ist aber nachträglich der Meinung, dass sie schlecht beraten wurde und den Beteuerungen von Guy Morin leider blind vertraut habe. Durch die Vehemenz des Widerstandes sensibilisiert, würde sie zukünftig anders entscheiden. Das ist doch immerhin löblich. Nicht von der Hand zu weisen ist der Hinweis, dass der Streichungsentscheid von Guy Morin ziemlich unprofessionell vonstatten ging. Es wurde moniert, dass es über die Arbeit der Fachstelle nie einen verbindlichen Rechenschaftsbericht gegeben hat. Das hat Nachwirkungen bis heute. Noch immer wissen die PolitikerInnen nicht genau wofür diese Stelle steht, respektive stand. Die Wahrnehmung ist sehr diffus. Martin Haug, der ehemalige Leiter der Fachstelle, war anwesend und hätte auf Nachfrage Klärung verschaffen können. Etwas konsterniert wirkte lediglich Luca Urgese. Er ist dezidiert der Meinung, dass in der Behindertenhilfe bereits sehr viel getan wird und daher nicht alle Wünsche erfüllbar seien.

Apropos diffuse Wahrnehmungen. Das gilt auch für die entsprechenden verfassungsmäßigen Verpflichtungen. Gesetzliche Vorgaben, welche Diskriminierungen aufgrund einer Behinderung auf allen staatlichen Ebenen verbieten und Vorgaben welche Bund, Kantone und Gemeinden gesetzlich verpflichten Benachteiligungen von Menschen mit Behinderung zu beseitigen, werden von den PolitikerInnen nicht oder nur bedingt als rechtsverbindlich und verpflichtend wahrgenommen. Das gilt auch für die UNO-Behindertenrechtskonvention, welche beispielsweise die Schaffung von Anlaufstellen vorschreibt. Anmerkung: Die Fachstelle für die Gleichstellung von Menschen wäre prädestiniert gewesen, diese völkerrechtlich verbindliche Aufgabe zu übernehmen. Martin Haug hat nochmals eindringlich auf die vorhandenen gesetzlichen Rahmenbedingungen verwiesen und konnte damit auch aufzeigen, dass eine entsprechende, departementsinterne Stelle notwendig ist.

Die PolitikerInnen und die Verwaltung haben auf dem Papier entsprechend den gesetzlichen Vorgaben eine Bringschuld. In der Theorie und auf dem Papier ist der Umgang mit Fragen zur Integration und Inklusion von behinderten Menschen soweit fortschrittlich. In der Praxis ist dies alles aber offensichtlich noch nicht angekommen. Den anwesenden PolitikerInnen scheinen die vorhandenen gesetzlichen Verpflichtungen nicht wirklich bewusst zu sein. Eine Dringlichkeit scheint nicht gegeben. Sie sehen sich lieber in der Rolle des geduldigen und verständnisvollen Zuhörers. Die Anliegen der Behinderten würden wohlwollend entgegengenommen, je nach politischer Couleur werden diese Anliegen dann eher im Bereich der Wünsche und als ein «Nice-to-have» abgebucht, oder im Grundsatz akzeptiert und umgesetzt. Sehr rasch (viel zu rasch) werden die bösen Finanzen als Hinderungsgrund für reale Umsetzungen genannt. Was für Basel ja nicht wirklich stimmen kann. Zur Zeit «schwimmt» die Stadt förmlich im Geld. Die Überschüsse bewegen sich im dreistelligen Millionenbereich.

Das Aktionskomitee für den Erhalt der Fachstelle für Gleichstellung von Menschen mit Behinderung hat im Vorfeld der Wahlen bei den KandidatInnen aller Parteien (Regierung & Stadtpräsidium) eine Umfrage lanciert: Interessant sind die brieflichen Antworten der fünf amtierenden RegierungsrätInnen und der zwei neu Kandidierenden. In der Theorie sind die Anliegen von Menschen mit Behinderung auf der Regierungsebene präsent. Alle Befragten haben adäquate Antworten und großes Verständnis für die Anliegen für Menschen mit Behinderung. [Siehe inbesondere die Antwort des Stadtpräsidenten Guy Morin im Anhang. Anm. Walter B.] Das ist gut so. Fazit der 2. Stammtischrunde: Jetzt gilt es diese Anliegen in die Praxis umzusetzen und im Alltag zu implementieren. Konsequent und ohne wenn & aber. Aber auch nicht irgendwann, sondern hier & jetzt.

Christoph Meury
Kulturprojekte & journalistische Arbeiten
Projektberater «Impulszentrum Holdenweid» bei Hölstein
Mitglied des AK Behindertengleichstellung

Antwort des Stadtpräsidiums auf die Anfrage des ak Behindertengleichstellung:

offener_brief_rr_antwort

 

Einladung zum Stammtisch Behindertengleichstellung

1. Stammtisch

«100 Tage ohne Fachstelle für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung»

Mittwoch, 13. April 18:00 – 20:00 Uhr

in der Garage der Firma Settelen AG, Türkheimerstrasse 17, 4055 Basel

Chateau_Settelen

Kommen Sie und diskutieren Sie mit!

Diskutieren Sie mit Entscheidungsträgern aus der Verwaltung sowie mit Urs Müller-Walz, Alt-Grossrat BastA!, Patrick Hafner Grossrat SVP, Sarah Wyss Grossrätin SP / AK-Mitglied, Otto Schmid Grossrat SP / AK-Mitglied, Sibylle und Michael Birkenmeier (Theaterkabarett Birkenmeier), Dr. Noortje Vriends (ehemalige Leiterin Fachstelle Förderung und Integration der Volksschule Basel-Stadt, Inés Mateos Expertin für Bildung und Diversität / AK-Mitglied, Xaver Pfister Theologe / AK-Mitglied, Brian McGowan Rollstuhlfahrer Ehemaliger Leiter Fachstelle Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen der Stadt Bern / AK-Mitglied, Maria Müller Rollstuhlfahrerin Kommunikationsdesignerin / AK-Mitglied, Sonja Häsler Rollstuhlfahrerin (2011 Weltmeisterin Rollstuhl-Badminton), Pina Dolce blinde Künstlerin, Traude Loebert Fachfrau für Schriftgutverwaltung.

Kommen Sie und feiern Sie mit uns die Geburt des «Stammtisch Behindertengleichstellung»!

Menschen mit und ohne Behinderung, betroffene Eltern,
PolitikerInnen und Unternehmende nehmen Stellung zur Schliessung der
Fachstelle für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderung.

Moderation: Linda Muscheidt Burri,
Kommunikation+coaching
Der Anlass ist barrierefrei
Eintritt frei, Kollekte.

Wer etwas sagen möchte, meldet sich durch Handerheben. Der Stammtisch ist kein Podium,
sondern ein moderiertes Forum, eine moderierte Vollversammlung.

Der Stammtisch Behindertengleichstellung ist Austausch von Menschen
mit und ohne Behinderung und sammelt alle Anliegen, die
Gleichstellung und Nachteilsausgleich einfordern.

Der Stammtisch Behindertengleichstellung wird eine Plattform für
verschiedene Aktionen und Begegnungen zwischen Menschen mit
und ohne Behinderung.

Der Stammtisch Behindertengleichstellung verfolgt mit dem Aktionskomitee
die Ziele der abgeschafften Fachstelle und wird sich bei Verwaltung,
Politik und in der Öffentlichkeit unbequem und lautstark
dafür einsetzen.

Alle Informationen zum Aktionskomitee und zum Stammtisch auf
der Homepage www.ak-behindertengleichstellung.ch

Soziale Inklusion Behinderter – eine radikale Forderung?

469820940_9989bd3fcf_z

Ich musste ja schon leer schlucken, als ich das erste Mal begriff, wie radikal der Inklusionsgedanke wirklich ist. Ich, ein abgebrühter Behinderter – pardon: Mensch mit Behinderung –, seit über fünfzig Jahren im Rollstuhl, im Spital und in Heimen aufgewachsen, später fast schon krankhaft freiheitsliebend und selbständig. Ich also musste leer schlucken, als ich das Credo der Inklusion zur Kenntnis nahm: Keine Sonderlösungen!

Keine Sonderlösungen! So einfach und doch so radikal. So einfach liesse sich Inklusion verwirklichen: Indem man die Sonderlösungen aus der Welt schafft und die gesellschaftlichen Strukturen, die bis heute weitgehend auf Separation ausgelegt sind, so umgestaltet, dass Behinderte selbstverständlicher Teil der Gesellschaft werden können. Einfacher gehts fast nicht. Und doch kann man sich das heute noch kaum vorstellen. Vorbehalte und Zweifel sind schnell zur Hand. Allenfalls ist man bereit, Inklusion als Ideal zu akzeptieren, das – womöglich – irgendwann in einer besseren Zukunft verwirklicht werden kann.

Obschon: Ist das wirklich ein radikales Postulat? Kann man die Forderung, Behinderte müssten ganz normaler, selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft sein, ohne Diskriminierung, ohne gesellschaftliche Nachteile aufgrund ihrer Behinderung, ohne Aussonderung – kann man eine solche Forderung als radikal bezeichnen? Müsste man nicht das Gegenteil, die Separation, die Sonderlösungen als radikalen Eingriff verstehen – und seien die Motive noch so ehrenwert?

Ich selber habe meine Kindheit bis ins Schulalter im Spital verbracht. Das war Anfang der 1960er Jahre. Die ersten paar Monate waren medizinisch begründet. Ich hatte Kinderlähmung gehabt und musste mich von der Infektion und den starken Lähmungen erholen. Die restlichen fünf Jahre waren eine gut gemeinte, aber im Rückblick unnötige Sonderlösung. Man hatte meine Eltern dazu überredet, fast schon dazu gedrängt, mich doch im Spital zu lassen. Dort hätte ich die beste Förderung und Pflege. Zuhause würde ich mit meinen besonderen Bedürfnissen als körperbehindertes Kind die Familienstruktur übermässig durcheinanderbringen. So hat man damals gedacht. Das war nichts Aussergewöhnliches. Und meine Eltern liessen sich überreden …

Später kam ich nahtlos in ein Schulheim für körperbehinderte Kinder. Erst sehr viel später erkannte meine Mutter, wie sehr sie und mein Vater dem Zeitgeist erlegen waren und aus vermeintlich guten Gründen in etwas einwilligten, das ihren innersten Regungen zuwiderlief. Bis ins hohe Alter fragte sie mich immer wieder, ob ich mich nicht von ihnen in Stich gelassen gefühlt hätte – und ob ich ihr verzeihen könne.

Man verstehe mich richtig! Ich hadere nicht mit dem Schicksal. Im Gegenteil! Aber unsere Familiengeschichte erhielt doch eine herbe Note. Nicht so sehr, weil ich nicht zuhause aufwuchs. Sondern weil das alles nicht nötig gewesen wäre.

Dies zur Illustration, wie hemdsärmlig, ja unbedarft, aber durchaus in hehrer Absicht man damals einen so radikalen Eingriff vornahm, der eine Familie auseinanderriss. Womöglich werden auch heutige Sonderlösungen im Rückblick dereinst als hemdsärmlig und letztlich unnötig eingestuft werden müssen, als Auswüchse des Zeitgeistes.

P.S.

Inklusion ist übrigens nicht einfach ein weiterer Anspruch der Menschen mit Behinderung an die Gesellschaft. Inklusion ist nicht bloss der durchaus nachvollziehbare Wunsch, «auch dazugehören zu wollen». Vielmehr ist Inklusion auch im ureigenen Interesse der Gesellschaft selbst. Diese wird nämlich gerade durch Vielfalt und Durchmischung farbiger, kräftiger, lebendiger, ja überlebensfähiger als eine gleichgeschaltete, normierte, grauschwarze Gesellschaft. In der Natur spricht man von Biodiversität als Massstab für deren Gesundheit. In Bezug auf die Gesellschaft kann man in ähnlichem Sinne von Soziodiversität sprechen.


Dieser Text ist im HandicapForum 1/2016 erschienen.

Bild (CC-Lizenz): «qe07 (14)» von KLHint via flickr

Mein Freund, der Rolli – Persönliches zur Kulturgeschichte des Rollstuhls

Wer wie ich seit über fünfzig Jahren im Rollstuhl sitzt, kann über dieses Kulturgut mit Rädern etwas erzählen. Und weil ich zu meiner Behinderung und dem Rollstuhl ein eher unverkrampftes Verhältnis habe, kommt das auch noch ganz schön locker rüber. Denn es ist nicht wirklich hilfreich, daraus eine todernste Sache zu machen. – Episoden und Ansichten aus meinem Rollstuhlleben. (Achtung Überlänge!)

5998962325_d1601b2949_z

Ein alter Rollstuhl in Szene gesetzt. «The star» von Michael Kötter, CC-Lizenz via flickr

 

In meiner Kindheit gab es im Gegensatz zu heute noch keinen kindgerechten Rollstuhl. Die Kinder im Spital, die nicht laufen konnten, obschon sie es vom Alter her hätten können müssen, wurden herumgetragen, auf einem Schragen mit Rädern herumtransportiert oder liegen gelassen, im Bett oder auf einer Decke auf dem Fussboden. Ich selbst entkam Anfang der 1960er Jahre im Kinderspital Basel, wo ich bis ins Schulalter lebte, diesem trüben Schicksal der kindlichen Eingrenzung dank der Idee eines findigen Schreiners. Der Vater eines Schicksalsgefährten im selben Alter, der ebenfalls wegen Kinderlähmung im Spital war, schreinerte uns beiden eine Art Rollbrett, auf dem wir bäuchlings liegen konnten, mit zwei kleinen, fixen Rollen hinten und zwei ebenso kleinen, aber steuerbaren vorne. Dort, wo unsere Arme für die Fortbewegung Freiheit brauchten, war das Brett halbmondförmig ausgespart.

Bald schon beherrschten wir diese Rollbretter in geradezu beängstigender Weise. Beängstigend für die Fussgängerinnen und Fussgänger, von denen wir hauptsächlich Schuhe und Strümpfe wahrnahmen und denen wir nach Möglichkeit auswichen. Doch jene Fusswesen waren ebenso wie wir in steter Bewegung. Bald waren wir auch ausserhalb unseres Schlafsaals unterwegs, auf den Korridoren und in anderen Sälen. Geschlossene Türen allerdings waren ein echtes Hindernis, weil die Klinke ausserhalb unserer Reichweite war. So kam es, dass man uns mit der Zeit, wie man es bei Katzen tut, die Türe auftat und einen Spalt weit offen liess. Unsere Kreise wurden immer grösser. Wir eroberten uns auf den Rollbrettern Raum für Raum, indem wir nach Türen Ausschau hielten, die mindestens einen Spalt weit offen standen. Und in einem Kinderspital gibt es einige Türen – nicht nur geschlossene.

Mein erster Rollstuhl

Von SORG Rollstuhltechnik GmbH+Co.KG - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, $3

Einen modernen Kinderrollstuhl wie diesen gab es noch nicht. (Von SORG Rollstuhltechnik GmbH+Co.KG – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0)

Doch ich komme vom Thema ab, meinem ganz persönlichen Blick auf die Kulturgeschichte des Rollstuhls, der, wie gesagt, in meiner frühen Kindheit durch Abwesenheit glänzte. Natürlich ist es ein Unterschied, ob ein wie auch immer gelähmtes Kind im Vorschulalter selbständig die Welt entdecken kann oder nicht – und wie gross die Kreise sind, die es selbständig ziehen kann. Das wird seine Weltläufigkeit für den Rest des Lebens prägen. Wohl deshalb ist man heute darauf bedacht, schon Kleinkinder mit einem Rollstuhl zu versorgen. Und vielleicht nur dank des Rollbrettes wurde mein Blick in die Welt schon in früher Kindheit leidlich weit, weiter vielleicht sogar als der Blick vieler Kinder, die in einer ganz normalen Familie, aber unter strenger Obhut ihrer Eltern aufwuchsen und ein nicht minder eingegrenztes Leben erleiden mussten wie meine gelähmten Spitalkinder ohne Rollstuhl und Rollbrett.

Ich glaube mich besonders befugt, einen Blick auf die Kulturgeschichte des Rollstuhls zu werfen, weil der Rolli einer meinen besten und treusten Freunde war und ist. Ich habe ein zärtliches Verhältnis zu ihm – nicht zuletzt, weil ich von ihm abhängig bin, ganz und gar abhängig. Der Rollstuhl ist Teil meines Körpers geworden, Teil meines Körperempfindens gar. Steht der Rollstuhl still, so stehe auch ich still. Hat er einen Plattfuss, so habe ich einen Plattfuss. Und dieses innige Verhältnis dauert nun schon fast ein Leben lang, um die fünfzig Jahre. Wichtige fünfzig Jahre – für mich wie für die Kulturgeschichte des Rollstuhls.

Meinen ersten Rollstuhl bekam ich im Kindergartenalter. Er bestand aus verchromten Stahlrohren, zwei grossen Rädern mit ebenso verchromten Greifreifen und klobigen Feststellbremsen, zwei kleineren, gespeichten Vollgummirädern vorne, einer ausladenden Sitzfläche aus dickem Leinen, überzogen mit dunkelblauem plastifiziertem Gewebe, einer ebensolchen Rückenlehne, einzeln aufklappbaren Fussbrettern, Wadenband, Griffen und Fussrasten hinten … Habe ich etwas vergessen? Ach ja: Da der Stuhl als faltbar galt, befand sich zwischen den beiden grossen Rädern ein hochkomplexes Gestänge, das alleine womöglich über zehn Kilogramm wog. Der Rollstuhl war gross, viel zu schwer und kaum eigenhändig zu bewegen – obschon er dafür gedacht war. Und zusammenklappen liess er sich auch nur mit grösster Anstrengung, seitens einer erwachsenen Person wohlverstanden – obschon nicht zuletzt darin Sinn und Zweck des Rollstuhls bestand. Zwischen Sitzfläche und Rückenlehne gab es einen grossen Spalt, durch den ich hätte verschwinden können, irgendwohin ins verchromte Gestänge zwischen den Rädern. Kurz: Der Stuhl war nicht zu gebrauchen. Trotzdem war ich mächtig stolz. Denn ich war von nun an kein «Bodensurri» mehr, sondern ein aufrecht sitzender Junge, der ebensoviel an Würde gewonnen hatte, wie er an Beweglichkeit verlor. Das prägte mein Bild vom Erwachsenwerden: Man tauscht Bewährtes, Liebgewonnenes ein gegen eine glitzernde Verheissung, die oft nicht hält, was sie verspricht.

Von der Hierarchie der Rollstuhlfahrer [Read more…]

Muss man denn als Rollstuhlfahrer unbedingt nach Indien reisen?

Im Zusammenhang mit dem 20-Jahr-Jubiläum von Procap Reisen wurde ich angefragt, ob ich nicht einen Text über meine Reiseerfahrungen und -motive beisteuern könnte. – Ich konnte:

Es ist das Unterwegssein, das mich immer wieder glücklich macht. On the road again. Wie oft ging mir das durch den Kopf, wenn ich wieder mal zu einer Reise aufbrach! Es klang in meinen Ohren wie ein veritabler Freiheitsruf und liess mein Herz höher schlagen. Natürlich kann man auch an den Bielersee reisen – oder ins Tessin. Doch so richtig Freude macht das Reisen erst, wenns auch wirklich einschenkt. Tausend Kilometer müssen es schon sein, damit das On the Road-Gefühl wirklich aufkommt. Mindestens tausend Kilometer! Und wenn ich nicht wenigstens einen Monat unterwegs bin – lieber sind mir zwei, drei Monate –, so habe ich das Gefühl, gar nicht richtig on the Road gewesen zu sein. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich mit dem Film «Easy Rider» gross geworden bin. Vielleicht ist es auch nur eine Marotte.

Dass ich im Rollstuhl bin, erschien mir in diesem Zusammenhang immer als Nebensache. Bitte nicht verallgemeinern! Da habe ich den Vorteil, dass ich seit früher Kindheit das Rollstuhldasein gewohnt bin. Und dass ich doch recht selbständig und gesundheitlich robust bin. Man macht dann von seinem Rollstuhl nicht mehr so viel Aufhebens. Er ist eine Tatsache, grad so wie andere mit Schuhgrösse 45 leben müssen. Ich würde meinen lieben Bruder mit vier Rädern, Alurahmen und Carbonfaser-Seitenschutz glatt vergessen, wenn ich nicht von meiner Umgebung immer wieder daran erinnert würde.

Allerdings macht der Rollstuhl das Reisen nicht einfacher. Deshalb war ich bis vor wenigen Jahren meist mit Freunden oder Bekannten unterwegs. Je nach Konstitution dieses Begleiters gab es praktisch keine Hindernisse mehr. So habe ich mir reisend die unterschiedlichsten Ecken dieser Welt erobert: Ecuador, Neuseeland, Vietnam. Ich könnte noch mehr aufzählen. Doch die Masse allein machts nicht aus. Und wie gesagt, mindestens zwei Monate mussten es schon sein.

Wie man sich leicht vorstellen kann, muss die Chemie zwischen Begleiter und mir stimmen. Mitunter ist das die grösste Herausforderung beim Reisen im Rollstuhl. Denn die Abhängigkeit unterwegs ist sehr viel grösser als zuhause, wo ja alles auf meine Bedürfnisse zugeschnitten ist – na ja, fast alles … Doch unterwegs in fernen Ländern, jedenfalls in diesen, die mich locken, ist Rollstuhlgängigkeit klein geschrieben – sehr klein. Das kann ganz schön auf den Geist gehen. Und wenn bei diesem doch recht einseitigen Abhängigkeitsverhältnis die Chemie nicht stimmt, geht man sich bald gegenseitig auf den Geist.

Ich habe deshalb in den letzten Jahren die Vorzüge des Reisens ganz auf eigene Faust entdeckt. Das ist reisetechnisch nochmals eine ganz neue Dimension: auf sich gestellt, frei, allem und jedem unterwegs radikal ausgesetzt. Es gibt niemanden, hinter dem du dich verstecken kannst. Ja, so reise ich nun, als lonesome Rider on the Road. Einfach genial!

Fragt mich nicht, weshalb es die letzten Jahre Indien sein musste! Ich weiss es selbst nicht genau. Vielleicht auch wieder eine Frage der Sozialisation: Zu jener Zeit, als ich jung war, gab es diese Indien-Freaks, die – möglichst auf dem Landweg – nach Indien reisten, oft nach Goa. Und dort dann – ebenso oft – absumpften. Indien wollte ich – es ist gar nicht so lange her – partout aus eigener Anschauung kennenlernen, und auf eigene Faust. Ohne abzusumpfen natürlich.

Nun, es war nicht besonderer Mut oder gar Tollkühnheit, die mir diese erste Reise nach Indien ermöglichte, sondern eine sorgfältige Organisation. Das Hauptproblem ist die Unterkunft. Ohne ein Zimmer oder ein Häuschen, in dem ich mich selbständig bewegen kann und wo ich eine Dusche nehmen kann, bin ich aufgeschmissen. Ich wusste: Wenn ich so etwas finde, zum Beispiel in Südindien, vielleicht noch in einem spannenden Gebiet, dann habe ich schon viel gewonnen. Ich muss dazu noch sagen, dass ich jeweils meinen Swiss Trac, mein Rollstuhl-Zuggerät (siehe Foto) mit auf die Reise nehme. Ich bin damit recht mobil. Eine Batterieladung des Gerätes reicht bis zu dreissig Kilometer weit. Tatsächlich habe ich dann ein wunderbares Häuschen im Wald von Auroville in der Nähe von Pondicherry, Tamil Nadu, gefunden. Dieser besondere Ort bildete für alle folgenden Reisen in Indien die Basistation, von wo aus ich immer grössere Kreise zog, je besser ich mit den Gepflogenheiten der indischen Welt bekannt wurde.

Auf meiner letzten Reise vergangenen Winter führten mich die grösser werdenden Kreise durch ganz Indien, teils mit dem Zug, teils mit dem Auto. Ich hatte mich für diese «grosse Reise» durch Indien gleichwohl wieder mit jemandem zusammen getan, der Indien bestens kannte und mich – beinahe schon problemlos – jeweils in den Zug hieven konnte – und dann auch wieder raus. Indien ist nicht rollstuhlgängig. In keiner Weise. Zwischendurch war es echt schwierig. Natürlich kann man sich fragen: Muss man denn als Behinderter unbedingt nach Indien reisen? Meine Antwort: Ja, man muss. Da mache ich keine Abstriche. Gar keine!

DSC09696

Im Gespräch mit einem Ladenbesitzer in Pushkar, Rajasthan.
Foto: Beat Schaub


Der Text ist online erschienen bei der TagesWoche als interessanter Mischtext mit eingeschobenen Textstücken von Christoph Meury über Procap Reisen. War zwar nicht so geplant und ist alles ein bisschen textlastig herausgekommen. Doch das Resultat lässt sich sehen.

%d Bloggern gefällt das: