Tamás

Vor gut einem Jahr habe ich Tamás ein letztes Mal gesehen. Er ist ein Strassenmusiker aus Ungarn, den ich über Jahre immer wieder in Basels Gassen angetroffen habe. Mit seinen melodiösen und melancholischen Liedern hat er mich jeweils zum Innehalten und Hinhören gebracht. Bald kam es auch zu Gesprächen: er in gebrochenem Deutsch, ich in Hochdeutsch. Die meisten seiner wunderschönen Lieder sind selbstgemacht. Dazu begleitet er sich mit der Gitarre.

Fast etwas versteckt sass er damals auf einer Treppe im Schatten einer Bauabschrankung. Ich war auf dem Weg zum Bahnhof. Beinahe hätte ich ihn übersehen. Im letzten Augenblick bemerke ich ihn und steuere spontan und weil wir uns inzwischen etwas besser kennen, auf ihn zu. In seinem narbigen Gesicht lag schon immer, leicht verborgen zwar, eine Melancholie, dieselbe, wie sie auch in seinen Liedern erklingt. Doch heute scheint er richtig niedergeschlagen.

Er sei müde und habe einen schlechten Tag gehabt, erzählt er. «Von der Strassenmusik kann ich nur noch ganz knapp leben. Zudem machen meine Stimmbänder nicht mehr mit. Singen geht fast nicht mehr. Doch ich habe keine andere Wahl.» Achthundert Franken monatlich sei das Minimum, von dem er leben könne. Ein äusserst prekäres Minimum, wenn man in Basel lebt. «Und das erreiche ich meist nur knapp. Ich muss wohl in eine andere Stadt ziehen. Doch wohin? Zurück nach Ungarn geht nicht, da mich dort zwei Jahre Gefängnis erwarten.» Und das komme für ihn nicht in Frage. Mehr noch: Seine Frau lebe in Ungarn und bäte ihn, nach Hause zu kommen. «Auch Kinder haben wir. Doch ich kann wegen der Gefängnisstrafe nicht zurück. Ich muss mich im restlichen Europa durchschlagen – überall, bloss nicht zu Hause. Es ist unmöglich, etwas Geld zur Seite zu legen. Was ich mit meinen Liedern verdiene, reicht immer weniger zum Leben. Vielleicht sollte ich Panflöte spielen lernen. Das würde meiner Stimme gut tun. Und man hört mich besser. Ich erreiche die Leute besser. Ich sehe sonst keine Chance und weiss nicht mehr, was ich tun soll. Manchmal habe ich Hunger. Aber zumindest habe ich ein kleines Zimmer für hundert Franken. Das will ich nur ungern aufgeben. Weisst du, wo ich eine günstige Panflöte kaufen kann?» «Versuche es am Samstag auf dem Flohmarkt. Aber schau, ob sie auch spielbar und tonrein ist», empfehle ich ihm. Das wolle er tun, antwortet er. Und sein Gesicht füllt sich wieder mit Leben. Er gehe am Samstag auf den Flohmarkt. Vielleicht habe er ja Glück und finde ein brauchbares Instrument. Er werde schnell lernen und freue sich darauf. «Ich glaube, eine Panflöte ist meine Chance.» Tamás setzt nun alle Hoffnung auf die Panflöte.

Seither habe ich ihn nie mehr gesehen. Doch wenn ich in den Strassen Basels Panflötenklänge höre, kann ich nicht anders als nachzusehen, wer hier spielt.

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Der Schreibtisch – Blick in meine Alltagswelt

Dreh- und Angelpunkt meines Lebens ist seit vielen Jahren mein Schreibtisch. Dieser hat die stattliche Grösse von vielleicht drei Quadratmetern und gleicht, recht betrachtet, einer vielfältigen Landschaft, ja einer Welt im Kleinen, die sich vor meinen Augen mal lieblich, mal herausfordernd ausbreitet, wenn ich mich hinsetze. Vor mir in klassischem Grün die Schreibunterlage, unter deren Rändern oben und rechts sich manches ansammelt – einzelne Briefmarken oder Einzahlungsscheine, die sich bis zum nächsten Zahlungstermin stapeln. Auch eine Karte für Notizen liegt bereit. Allein anhand dieser Karten liesse sich eine Chronologie meines Lebens aufstellen. Denn seit Jahren kritzle ich sie voll mit Stichwörtern zu kleinen oder grossen Pendenzen und achte darauf, dass nirgens weisse, unbeschriebene Stellen übrig bleiben. Dann lege ich sie zu den anderen vollgekritzelten Karten und versehe sie mit einer Laufnummer. Inszwischen bin ich bei der Nummer 243 angelangt.

In einem Halbmond, durch die Reichweite meines rechten Arms festgeschrieben, liegen auf meinem Schreibpult mehrer Stapel von Büchern und anderem Zeugs. Ganz links beginnt dieses Halbrund mit Musiknoten, hauptsächlich für klassische Gitarre – Fernando Sor und Konsorten – sowie für südamerikanische Gitarrenmusik. Es folgen die beiden Stapel mit den Büchern, die ich zurzeit lese, teils parallel, teils hintereinander. Vier, fünf Bücher sind auf jedem Stapel, wobei einzelne sich bestens oben halten können, bis sie zu Ende gelesen sind. Andere sinken im Stapel kaum merklich nach unten. Bei ihnen ist die Leselust entweder auf natürliche Weise versandet oder durch ein «wichtigeres» Buch verdrängt worden. Von Zeit zu Zeit werden die untersten Bücher entsorgt – zurück ins Bücherregal oder ins Brockenhaus.

Diesen beiden Bücherstapeln folgt ein Zettelkasten, Typ Patenkind. Will heissen, eines meiner Patenkinder hat einst einen rohen Holzkasten, wie man ihn in Bastelläden finden mag, liebevoll und knallig bunt mit dickflüssigen Farben bemalt und mir zu Weihnachten geschenkt. Wie lange mochte das her sein? Der Zettelkasten macht sich gut, ist aber kaum in Betrieb. Ein Relikt aus anderen Zeiten, das nicht wegzudenken ist. Es folgt ein Keramikbecher, hellrosa glasiert und mit Bleistiften verschiedener Härten, Kugelschreibern, Filzstiften und Füllfedern vollgestopft. Auch die meisten Schreibutensilien sind Relikte aus anderer Zeit, ausser die Rot- und die Grünstifte, die ich beim Redigieren und Korrekturlesen von Texten verwende. Mein wichtigstes Schreibgerät ausser dem Computer liegt griffbereit rechts neben der Schreibunterlage: ein Tintenroller der Marke Parker. Dieser Edelschreiber mag mich als kleinbürgerlichen Schreiberling entlarven, unterstellt man diesen doch gerne, sie glaubten, es genügte ein «anständiges» Schreibgerät – vielleicht dazu noch eine «anständige» Bildung –, um einen guten Text verfassen zu können. Wie man so hört, ist das Gegenteil der Fall: Die eindringlichsten Texte entstünden dort, wo Not herrscht. Äussere Not kann da nicht gemeint sein, jedenfalls nicht die grosse Not. Die gebiert nur Verweiflung und Resignation – und Wut. Aber keine Texte. Und vor der inneren Not ist selbst der Kleinbürger nicht gefeit.

Durchs Nadelör meiner Texte

Dann folgt auf dem Pult mein Hausaltar in Kleinformat, bestehend aus einer handgemalten Karte, eine grosse Sonne in einem noch grösseren Himmel. An die Karte angelehnt ein Wollzwerg, wie ihn die Anthroposophen lieben, dazu ein paar Halbedelsteine, teils geschliffen, teils roh, zum Beispiel ein Lapislazuli. Auf diesem ansehnlichen, tiefblauen Brocken steht ein kleiner Engel aus Ton. Daneben ein Messing-Buddha, Rosenquarz, Bernstein mit diversen Einschlüssen und eine Bauchfeder, bunt schillernd, von einem Eichelhäher.

Bevor mir der schreiberische Schnauf ausgeht, schnell das Halbrund vollenden: etwas zurückversetzt Kerzenständer mit Stummelkerze, angestaubt. Daneben, wieder in der vorderen Reihe: doppelstöckige Pendenzen-Ablagen aus Plastik – sogenannte Briefkörbe –, auf der sich manche Pendenz auf wundervolle Weise wie von selbst erledigt. Schliesslich ganz rechts ein Stapel Notizbücher, die einen verstaubt, die anderen regelmässig in Gebrauch. Die verstaubten sind die interessanteren.

Vor dieser Landschaft sitze ich praktisch jeden Tag und wälze grosse Fragen oder lasse mich von Ängsten kleinkriegen. Hier kommt in Form von Büchern die Welt zu mir auf Besuch. Und ich gehe durch das Nadelör meiner Texte auf die Welt zu, umarme sie, wenn es mir möglich ist, oder distanziere mich, falls ich es für nötig erachte.

Ein Schreibprojekt

Es gärt in mir ein Schreibprojekt, von dem ich nicht weiss, ob ich es werde verwirklichen können: Es soll ein autobiografischer Roman sein. Das Romanhafte gibt mir mehr Möglichkeiten, künstlerisch mit dem Stoff meines Lebens umzugehen – und lässt den Leser, die Leserin im Ungewissen, was nun wahr ist und was erfunden, was verjährt und was Heldenepos.

Doch wie schreibt man einen Roman? Fange ich einfach mit dem ersten Satz an und lasse mich von der Inspiration treiben? Oder wie auch immer diese schwer zu beschreibende Kraft heisst, die einen, als wäre man ein Blinder, an einen unbekannten Ort führt, ohne dass man später weiss, wie man dorthin gelangt ist. Oder schmiedet man Pläne wie ein Architekt und giesst diese in Beton aus Worten, so dass ein Gebilde entsteht, ein grosses oder kleines Haus, lieblich oder schroff in den Himmel ragend. Und dieses Gebilde wird gemeinhin als Roman erkannt. Letztere Variante ist mir nicht geheuer. Bin weniger ein Konstrukteur denn ein Flaneur, der mit Worten um sich wirft.

Auf Du und Du mit Krankheit und Tod

Der Basler Schriftsteller und Dramatiker Frank Geerk (17. Januar 1946 – 7. Februar 2008) litt die letzten zwanzig Jahre seines Lebens an einer schleichend voranschreitenden Krankheit. Den schweren Ball, den ihm das Schicksal zuwarf, nahm der Dichter – zuerst zögerlich, dann immer leichteren Herzens – auf und begann Krankheit und Tod als Motor für seine innere Entwicklung zu begreifen. In seinem Tagebuch lässt sich das wunderbar nachvollziehen. – Eine Leseempfehlung.

Heute mehrere Stunden in Frank Geerks Tagebuch gelesen, das 2003 unter dem Titel «Die Welt ist das Auge des Sehers» veröffentlicht worden ist. Zur selben Zeit wie die Aufzeichnungen entstand eine Vielzahl von Aquarellen, die im selben Band abgedruckt sind. Der Autor und Maler lebte zu jener Zeit in Ramonchamp, einem kleinen Dorf in den Vogesen, und war von seiner Krankheit bereits stark gezeichnet. In den Einträgen kommt eine ungewöhnlich tiefe und produktive Auseinandersetzung mit seiner Krankheit zum Ausdruck.

Man könnte das Tagebuch in einem Zuge lesen, so ungekünstelt und schlicht ist es geschrieben. Gleichzeitig ist die Sprache präzise und teils poetisch. Zum einen rapportiert Geerk die Herangehensweise und Erfahrungen beim Aquarellieren, das er erst kürzlich und nach vielen Jahren wieder aufgenommen hat und nun täglich betreibt. Das Sprechen fällt ihm krankheitsbedingt immer schwerer. So findet er in der Malerei zu neuem Ausdruck. Durch sie erschliessen sich ihm neue Kommunikations- und Erkenntniswege: «Ich suche mir irgendeinen Gegenstand, der mich besonders fasziniert. Im Umgang mit ihm findet zunächst Identifikation statt, dann immer tiefere Sympathie und Verständnis. Dieser Prozess gipfelt in einem Akt der Liebe, der das Innerste nach aussen kehrt und das Ding in seinem wahren Wesen zeigt; das ist der Akt des Malens. – Jeder Bild ist ein Liebesakt.»

Ein Forscher in Sachen Krankheit und Tod

Routiniert legt er auch Zeugnis ab von seinem Umgang mit der Krankheit und dem nahenden Tod. Mit geradezu wissenschaftlicher Neugier stellt er sich den Zumutungen und Ängsten, welche seine Krankheit, die sogenannte Multiple System-Atrophie, mit sich bringt. Die Texte lesen sich wie das Tagebuch eines Forschers, der ein ihm unbekanntes Land bereist. Die Sprache ist ebenso klar wie dicht. Liebevoll werden manche Episoden des Alltags eingeflochten. Etwa die wiederholten Versuche, eine Maus, die Geerk inzwischen allerdings ins Herz geschlossen hat und Putzi nennt, aus seinem Haus zu spedieren, da sie es sich in seiner Küche bequem, allzu bequem gemacht hat. Hartnäckig kehr Putzi immer wieder zurück. Die Maus zu töten kommt längst nicht mehr in Frage. So arrangiert er sich und lebt fortan mit Putzi in Hausgemeinschaft.

Doch hauptsächlich beschäftigen sich die Aufzeichnungen mit seiner Krankheit und seiner Wandlung hin zum Seher – so bezeichnet er sich selbst –, unterstützt durch seine täglichen Mal-Aktivitäten.

Da ich mir vorgenommen habe, einen Text über Frank Geerks Umgang mit Krankheit und Tod zu schreiben, markiere ich die Textstellen, die mir wichtig erscheinen, mit Haftnotizen. Bald sind es so viele, dass ich besser die Stellen markieren würde, die mir nicht wichtig erscheinen. Vorbildhaft setzt sich Frank Geerk mit Krankheit und Tod auseinander, in dem Sinne, dass er beidem, Krankheit und Tod, einen Sinn abzuringen vermag, einen Anstoss zur Selbsterziehung auch, zur inneren Entwicklung, die ohne die Krankheit und das Bewusstsein des nahenden Todes ausbleiben würde. Ich kenne bloss einen einzigen anderen Menschen, nämlich B., die mit ihrer Krankheit in ähnlich fruchtbarer Weise umzugehen im Stande ist.

Natürlich bleiben Trauer und Entsetzen über seine Krankheit nicht aus, ebensowenig Verzweiflung. Doch mit der Zeit obsiegt die Gewissheit, dass die Krankheit einen Sinn hat und die Heilung letztlich darin besteht, eben diesen Sinn zu ergründen und zu klären. Es gibt Hoffnung auf Heilung, wenn man nur redlich danach forscht, was die Krankheit einem sagen will: «Um zu genesen, sind alle Hilfsmittel recht. Operationen und Medikamente, warum nicht? Und doch wäre wichtiger, den Sinn der Krankheit zu erkennen und anzuerkennen. – Es gibt keine Krankheit, es gibt nur Verwandlung.» Oder: «Seit ich die Krankheit als alchemistischen Erkenntnisprozess deute, beschenkt sie mich reicher denn je. Darin liegt eben die Macht der Interpretation: sie beeinflusst Verlauf und Wesen.» Selbst der Tod wird zur Nebensache: «So reich beschenkt mich diese Krankheit, dass ich inzwischen gar nicht mehr auf Genesung schiele. Ist der Tod der Preis, zahl ich ihn gern.» Und weiter: «Meine Symptome, Hausgeister meines Körpers, die emsig darüber wachen, dass ich mich weiterentwickle. Und sie nehmen zu! Ich sehe schon das Endstadium vor mir: der Körper erstarrt, die Seele erleuchtet.»

«Alle Angst ist Todesangst»

Eine wichtige Spur im Tagebuch – und in den letzten Jahren seines Lebens ist der fruchtbare Umgang mit dem Tod und mit der Todesangst: «Gewiss, der Tod erscheint grauenhaft, aber hat auch das lichte Gesicht der Erlösung. Eine Welt ohne Tod? Grauen an sich! Eine Welt ohne Alternative, ohne Ausweg und ohne Freiheit.» Ein Buch gegen die Todesangst nimmt er sich vor zu schreiben: «Ein Buch in Form von Reden. Es beginnt mit der Demaskierung aller menschengemachten Ängste, auf denen ganze Herrschaftssysteme aufgebaut sind […]; es folgen Beispiele aus der Natur, aus denen hervorgeht, dass alles nur ein Wandel ist, der Tod in Wahrheit eine Brutstätte des Lebens; und es gipfelt schliesslich in einer zeitgemässen Jenseitsvision […] Der Schlüsselsatz ist und bleibt: alle Angst ist Todesangst.» Das Buch muss noch geschrieben werden.

Keine Frage, mindestens ein Empfinden für Transzendenz, für ein Jenseits von Geburt und Tod muss vorhanden sein, damit ein angstfreier Bezug zu Krankheit und Tod überhaupt möglich wird. Schmerz und Leiden, auch Behinderung wären ohne die Möglichkeiten der inneren Entwicklung, die damit einhergehen können – sie erfolgt durchaus nicht automatisch –, einfach nur sinnlos, eine bizarre Zumutung für das menschliche Dasein. Sobald hingegen eine Entwicklung des Menschen über den Tod hinaus vorstellbar wird, bekommen Behinderung, Krankheit und Tod eine andere, weitergehende Bedeutung.

Frank Geerk in seinem Tagebuch dazu: «Der Rationalismus erklärt die Welt als ein mechanistisches Gefüge. Nur was sich wägen und messen lässt, zählt. Das soll also nun vernunftmässig sein! Dabei macht jeder die tägliche Erfahrung, dass mit diesem Weltbild längst nicht alle Phänomene erklärt werden können. Lasse ich auch seelische und geistige Erfahrungen zu, bewege ich mich also keineswegs auf dem Gebiet des Irrationalismus, im Gegenteil, ich strebe eine Art höheren Rationalismus an. – Die Imagination und Phantasie sind Erkenntnismittel, ohne die auch die exakte Naturwissenschaft nicht auskommt. Wo immer sie Neuland auftut, bedient sie sich solcher Mittel.»

Angesichts eines erweiterten Welt- und Menschenbildes, das sich der Transzendenz, der Spiritualität nicht grundsätzlich verschliesst, verliert der Tod, der letztlich für uns alle unausweichlich ist, sein tonnenschweres Gewicht. Freundet man sich mit ihm an – oder verdrängt ihn zumindest nicht aus seinem Bewusstsein –, so bereichert er – entgegen der weit verbreiteten Auffassung – das Leben in hohem Mass: «Wir leben vom Tod. Und zwar auf allen Ebenen. Auf der physischen vom Tod dessen, was wir an Nahrung zu uns nehmen; auf der seelischen Ebene gibt uns erst die Vergegenwärtigung unserer Sterblichkeit wahre Empfindungstiefe; und auf der geistigen Ebene ist der Tod Ansporn für alle Entwicklung, die über den Tag hinausweist. – Wir hätten allen Grund ein freundschaftliches Verhältnis zum Tod zu entwickeln. Warum fällt uns das so schwer?»

Frank Geerk

Die Welt ist das Auge des Sehers

Tagebuch und Aquarelle

Loeper Literaturverlag, Karlsruhe 2003

ISBN 3-86059-090-1

Nach dem langen Schweigen

Mein letzter Eintrag auf diesem Blog ist lange her und wurde noch in Südindien geschrieben. – Ich lebe noch und bin inzwischen wohlbehalten in die Schweiz zurückgekehrt. Dies zu eurer Beruhigung. Ja, und es war wunderbar: zwei Monate Sonnenschein mit Temperaturen um die dreissig Grad. Dieser Winter war für mich also durchaus erträglich. Dem Vernehmen nach soll er in Europa bitterkalt gewesen sein.

Doch das ist nur die eine, eher oberflächliche Seite meiner Indienreise. Unter der Oberfläche wurde ich – wie immer in Indien – an meine Grenzen geführt, als Rollifahrer und als Mensch – was ja auch dasselbe ist. Nicht in Auroville, wo ich die ersten vier Wochen verbrachte, wurden mir die Schranken, die sich für einen Rollstuhlfahrer in Indien ergeben, um die Ohren gehauen – dort bewege ich mich inzwischen wie ein Fisch im Wasser –, sondern im zweiten Teil der Reise, wo wir viel unterwegs waren. (Ich habe davon berichtet). Auf unserer Reise durch Südindien musste ich weitgehend auf meine Selbständigkeit verzichten. Denn Rollstuhlfahrer sind in der indischen Lebenswelt nicht vorgesehen – und selbständige Rollifahrer schon gar nicht. Der öffentliche Raum in den Städten ist zuweilen selbst für Fussgänger eine Zumutung. Und auch die Häuser sind kaum zugänglich. Und wenn sie es sind, dann eher zufälligerweise. Das heisst zum Beispiel, dass ich unterwegs je nach Unterkunft nicht selbständig ins Badezimmer komme, weil die Schwelle zu hoch ist. Oder ich kann nicht alleine nach draussen gehen. Da wird es schwierig, seine eigenen Wege zu gehen …

Doch gerade dies, eigene Wege zu gehen, ist inzwischen «mein liebstes Hobby» geworden. Es geht gar nicht mehr ohne. Und nun musste ich also fast einen Monat lang darauf verzichten, mehr noch: meine heiss geliebte Autonomie aufgeben. Das kam mir schräg rüber, emotional schräg rüber: Mein Selbstvertrauen schwand mit jedem Hindernis, das sich mir in den Weg stellte. Und es gab fast nur Hindernisse unterwegs in Südindien.

Das kannte ich ja bereits; bin nicht das erste Mal nach Indien gereist. Und doch wurde ich von der Vehemenz des Erlebten überrascht. Das Selbstvertrauen schwand und machte einem untergründigen Selbsthass Platz. Oder war es Selbstmitleid? Oder beides? Oder ist beides dasselbe, wenn man mit zugekniffenen Augen darauf schaut? Jedenfalls litt mein Selbstverständnis übers Mass. (Zur Entlastung meiner Mitreisenden sei hier angefügt, dass mein innerlich angeschlagener Zustand, den sie womöglich gar nicht bemerkt haben, nichts mit ihrem Verhalten zu tun hatte. Meinen Autonomieverlust konnten sie unmöglich wettmachen.)

Zurück in der Schweiz

Auch der Einstieg hier, zurück in der Schweiz, war nicht einfach. Wie eine lähmende Provokation stand während Wochen die Frage im Raum: «Und was nun?» Das Buch war geschrieben. Ein nächstes ist nicht in Sicht. Die eine oder andere Aufgabe ist zwar noch unerledigt. Zugegeben! Doch wenn ich mich frage, was mir noch unter den Nägeln brennt, was noch unbedingt in diesem Leben getan werden möchte, so komme ich gegenwärtig in Verlegenheit, weiss keine Antwort und wage doch nicht zu antworten: Nichts!

Vielleicht deshalb auch mein längeres Schweigen hier auf dem Blog. Ich war so etwas von uninspiriert. Und bin es noch. «Wird schon wieder kommen», kann ich mir sagen. «So lehrt es die Erfahrung.» Und ich komme ja auch langsam wieder in die Gänge. Ideen tauchen auf am Horizont – auch die Lust, sie zu verwirklichen. Zwar verfliegen damit nicht einfach meine Selbstzweifel. Doch sie werfen nicht mehr gar so lange Schatten.

Einen neuen Wind brachte auch der Bescheid des Verlages zu den Verkaufszahlen meines Buches: Bis Ende 2016 wurden knapp 1’100 Exemplare verkauft. Eine Zahl, die – es ist nicht zu leugnen – zu meiner inneren Gesundung beiträgt …

Das also zu meiner Befindlichkeit nach meinem langen Schweigen. Nun aber genug der Nabelschau. Bald soll es in diesem Blog wieder um ganz andere Dinge gehen.

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