Auf Du und Du mit Krankheit und Tod

Der Basler Schriftsteller und Dramatiker Frank Geerk (17. Januar 1946 – 7. Februar 2008) litt die letzten zwanzig Jahre seines Lebens an einer schleichend voranschreitenden Krankheit. Den schweren Ball, den ihm das Schicksal zuwarf, nahm der Dichter – zuerst zögerlich, dann immer leichteren Herzens – auf und begann Krankheit und Tod als Motor für seine innere Entwicklung zu begreifen. In seinem Tagebuch lässt sich das wunderbar nachvollziehen. – Eine Leseempfehlung.

Heute mehrere Stunden in Frank Geerks Tagebuch gelesen, das 2003 unter dem Titel «Die Welt ist das Auge des Sehers» veröffentlicht worden ist. Zur selben Zeit wie die Aufzeichnungen entstand eine Vielzahl von Aquarellen, die im selben Band abgedruckt sind. Der Autor und Maler lebte zu jener Zeit in Ramonchamp, einem kleinen Dorf in den Vogesen, und war von seiner Krankheit bereits stark gezeichnet. In den Einträgen kommt eine ungewöhnlich tiefe und produktive Auseinandersetzung mit seiner Krankheit zum Ausdruck.

Man könnte das Tagebuch in einem Zuge lesen, so ungekünstelt und schlicht ist es geschrieben. Gleichzeitig ist die Sprache präzise und teils poetisch. Zum einen rapportiert Geerk die Herangehensweise und Erfahrungen beim Aquarellieren, das er erst kürzlich und nach vielen Jahren wieder aufgenommen hat und nun täglich betreibt. Das Sprechen fällt ihm krankheitsbedingt immer schwerer. So findet er in der Malerei zu neuem Ausdruck. Durch sie erschliessen sich ihm neue Kommunikations- und Erkenntniswege: «Ich suche mir irgendeinen Gegenstand, der mich besonders fasziniert. Im Umgang mit ihm findet zunächst Identifikation statt, dann immer tiefere Sympathie und Verständnis. Dieser Prozess gipfelt in einem Akt der Liebe, der das Innerste nach aussen kehrt und das Ding in seinem wahren Wesen zeigt; das ist der Akt des Malens. – Jeder Bild ist ein Liebesakt.»

Ein Forscher in Sachen Krankheit und Tod

Routiniert legt er auch Zeugnis ab von seinem Umgang mit der Krankheit und dem nahenden Tod. Mit geradezu wissenschaftlicher Neugier stellt er sich den Zumutungen und Ängsten, welche seine Krankheit, die sogenannte Multiple System-Atrophie, mit sich bringt. Die Texte lesen sich wie das Tagebuch eines Forschers, der ein ihm unbekanntes Land bereist. Die Sprache ist ebenso klar wie dicht. Liebevoll werden manche Episoden des Alltags eingeflochten. Etwa die wiederholten Versuche, eine Maus, die Geerk inzwischen allerdings ins Herz geschlossen hat und Putzi nennt, aus seinem Haus zu spedieren, da sie es sich in seiner Küche bequem, allzu bequem gemacht hat. Hartnäckig kehr Putzi immer wieder zurück. Die Maus zu töten kommt längst nicht mehr in Frage. So arrangiert er sich und lebt fortan mit Putzi in Hausgemeinschaft.

Doch hauptsächlich beschäftigen sich die Aufzeichnungen mit seiner Krankheit und seiner Wandlung hin zum Seher – so bezeichnet er sich selbst –, unterstützt durch seine täglichen Mal-Aktivitäten.

Da ich mir vorgenommen habe, einen Text über Frank Geerks Umgang mit Krankheit und Tod zu schreiben, markiere ich die Textstellen, die mir wichtig erscheinen, mit Haftnotizen. Bald sind es so viele, dass ich besser die Stellen markieren würde, die mir nicht wichtig erscheinen. Vorbildhaft setzt sich Frank Geerk mit Krankheit und Tod auseinander, in dem Sinne, dass er beidem, Krankheit und Tod, einen Sinn abzuringen vermag, einen Anstoss zur Selbsterziehung auch, zur inneren Entwicklung, die ohne die Krankheit und das Bewusstsein des nahenden Todes ausbleiben würde. Ich kenne bloss einen einzigen anderen Menschen, nämlich B., die mit ihrer Krankheit in ähnlich fruchtbarer Weise umzugehen im Stande ist.

Natürlich bleiben Trauer und Entsetzen über seine Krankheit nicht aus, ebensowenig Verzweiflung. Doch mit der Zeit obsiegt die Gewissheit, dass die Krankheit einen Sinn hat und die Heilung letztlich darin besteht, eben diesen Sinn zu ergründen und zu klären. Es gibt Hoffnung auf Heilung, wenn man nur redlich danach forscht, was die Krankheit einem sagen will: «Um zu genesen, sind alle Hilfsmittel recht. Operationen und Medikamente, warum nicht? Und doch wäre wichtiger, den Sinn der Krankheit zu erkennen und anzuerkennen. – Es gibt keine Krankheit, es gibt nur Verwandlung.» Oder: «Seit ich die Krankheit als alchemistischen Erkenntnisprozess deute, beschenkt sie mich reicher denn je. Darin liegt eben die Macht der Interpretation: sie beeinflusst Verlauf und Wesen.» Selbst der Tod wird zur Nebensache: «So reich beschenkt mich diese Krankheit, dass ich inzwischen gar nicht mehr auf Genesung schiele. Ist der Tod der Preis, zahl ich ihn gern.» Und weiter: «Meine Symptome, Hausgeister meines Körpers, die emsig darüber wachen, dass ich mich weiterentwickle. Und sie nehmen zu! Ich sehe schon das Endstadium vor mir: der Körper erstarrt, die Seele erleuchtet.»

«Alle Angst ist Todesangst»

Eine wichtige Spur im Tagebuch – und in den letzten Jahren seines Lebens ist der fruchtbare Umgang mit dem Tod und mit der Todesangst: «Gewiss, der Tod erscheint grauenhaft, aber hat auch das lichte Gesicht der Erlösung. Eine Welt ohne Tod? Grauen an sich! Eine Welt ohne Alternative, ohne Ausweg und ohne Freiheit.» Ein Buch gegen die Todesangst nimmt er sich vor zu schreiben: «Ein Buch in Form von Reden. Es beginnt mit der Demaskierung aller menschengemachten Ängste, auf denen ganze Herrschaftssysteme aufgebaut sind […]; es folgen Beispiele aus der Natur, aus denen hervorgeht, dass alles nur ein Wandel ist, der Tod in Wahrheit eine Brutstätte des Lebens; und es gipfelt schliesslich in einer zeitgemässen Jenseitsvision […] Der Schlüsselsatz ist und bleibt: alle Angst ist Todesangst.» Das Buch muss noch geschrieben werden.

Keine Frage, mindestens ein Empfinden für Transzendenz, für ein Jenseits von Geburt und Tod muss vorhanden sein, damit ein angstfreier Bezug zu Krankheit und Tod überhaupt möglich wird. Schmerz und Leiden, auch Behinderung wären ohne die Möglichkeiten der inneren Entwicklung, die damit einhergehen können – sie erfolgt durchaus nicht automatisch –, einfach nur sinnlos, eine bizarre Zumutung für das menschliche Dasein. Sobald hingegen eine Entwicklung des Menschen über den Tod hinaus vorstellbar wird, bekommen Behinderung, Krankheit und Tod eine andere, weitergehende Bedeutung.

Frank Geerk in seinem Tagebuch dazu: «Der Rationalismus erklärt die Welt als ein mechanistisches Gefüge. Nur was sich wägen und messen lässt, zählt. Das soll also nun vernunftmässig sein! Dabei macht jeder die tägliche Erfahrung, dass mit diesem Weltbild längst nicht alle Phänomene erklärt werden können. Lasse ich auch seelische und geistige Erfahrungen zu, bewege ich mich also keineswegs auf dem Gebiet des Irrationalismus, im Gegenteil, ich strebe eine Art höheren Rationalismus an. – Die Imagination und Phantasie sind Erkenntnismittel, ohne die auch die exakte Naturwissenschaft nicht auskommt. Wo immer sie Neuland auftut, bedient sie sich solcher Mittel.»

Angesichts eines erweiterten Welt- und Menschenbildes, das sich der Transzendenz, der Spiritualität nicht grundsätzlich verschliesst, verliert der Tod, der letztlich für uns alle unausweichlich ist, sein tonnenschweres Gewicht. Freundet man sich mit ihm an – oder verdrängt ihn zumindest nicht aus seinem Bewusstsein –, so bereichert er – entgegen der weit verbreiteten Auffassung – das Leben in hohem Mass: «Wir leben vom Tod. Und zwar auf allen Ebenen. Auf der physischen vom Tod dessen, was wir an Nahrung zu uns nehmen; auf der seelischen Ebene gibt uns erst die Vergegenwärtigung unserer Sterblichkeit wahre Empfindungstiefe; und auf der geistigen Ebene ist der Tod Ansporn für alle Entwicklung, die über den Tag hinausweist. – Wir hätten allen Grund ein freundschaftliches Verhältnis zum Tod zu entwickeln. Warum fällt uns das so schwer?»

Frank Geerk

Die Welt ist das Auge des Sehers

Tagebuch und Aquarelle

Loeper Literaturverlag, Karlsruhe 2003

ISBN 3-86059-090-1

Nach dem langen Schweigen

Mein letzter Eintrag auf diesem Blog ist lange her und wurde noch in Südindien geschrieben. – Ich lebe noch und bin inzwischen wohlbehalten in die Schweiz zurückgekehrt. Dies zu eurer Beruhigung. Ja, und es war wunderbar: zwei Monate Sonnenschein mit Temperaturen um die dreissig Grad. Dieser Winter war für mich also durchaus erträglich. Dem Vernehmen nach soll er in Europa bitterkalt gewesen sein.

Doch das ist nur die eine, eher oberflächliche Seite meiner Indienreise. Unter der Oberfläche wurde ich – wie immer in Indien – an meine Grenzen geführt, als Rollifahrer und als Mensch – was ja auch dasselbe ist. Nicht in Auroville, wo ich die ersten vier Wochen verbrachte, wurden mir die Schranken, die sich für einen Rollstuhlfahrer in Indien ergeben, um die Ohren gehauen – dort bewege ich mich inzwischen wie ein Fisch im Wasser –, sondern im zweiten Teil der Reise, wo wir viel unterwegs waren. (Ich habe davon berichtet). Auf unserer Reise durch Südindien musste ich weitgehend auf meine Selbständigkeit verzichten. Denn Rollstuhlfahrer sind in der indischen Lebenswelt nicht vorgesehen – und selbständige Rollifahrer schon gar nicht. Der öffentliche Raum in den Städten ist zuweilen selbst für Fussgänger eine Zumutung. Und auch die Häuser sind kaum zugänglich. Und wenn sie es sind, dann eher zufälligerweise. Das heisst zum Beispiel, dass ich unterwegs je nach Unterkunft nicht selbständig ins Badezimmer komme, weil die Schwelle zu hoch ist. Oder ich kann nicht alleine nach draussen gehen. Da wird es schwierig, seine eigenen Wege zu gehen …

Doch gerade dies, eigene Wege zu gehen, ist inzwischen «mein liebstes Hobby» geworden. Es geht gar nicht mehr ohne. Und nun musste ich also fast einen Monat lang darauf verzichten, mehr noch: meine heiss geliebte Autonomie aufgeben. Das kam mir schräg rüber, emotional schräg rüber: Mein Selbstvertrauen schwand mit jedem Hindernis, das sich mir in den Weg stellte. Und es gab fast nur Hindernisse unterwegs in Südindien.

Das kannte ich ja bereits; bin nicht das erste Mal nach Indien gereist. Und doch wurde ich von der Vehemenz des Erlebten überrascht. Das Selbstvertrauen schwand und machte einem untergründigen Selbsthass Platz. Oder war es Selbstmitleid? Oder beides? Oder ist beides dasselbe, wenn man mit zugekniffenen Augen darauf schaut? Jedenfalls litt mein Selbstverständnis übers Mass. (Zur Entlastung meiner Mitreisenden sei hier angefügt, dass mein innerlich angeschlagener Zustand, den sie womöglich gar nicht bemerkt haben, nichts mit ihrem Verhalten zu tun hatte. Meinen Autonomieverlust konnten sie unmöglich wettmachen.)

Zurück in der Schweiz

Auch der Einstieg hier, zurück in der Schweiz, war nicht einfach. Wie eine lähmende Provokation stand während Wochen die Frage im Raum: «Und was nun?» Das Buch war geschrieben. Ein nächstes ist nicht in Sicht. Die eine oder andere Aufgabe ist zwar noch unerledigt. Zugegeben! Doch wenn ich mich frage, was mir noch unter den Nägeln brennt, was noch unbedingt in diesem Leben getan werden möchte, so komme ich gegenwärtig in Verlegenheit, weiss keine Antwort und wage doch nicht zu antworten: Nichts!

Vielleicht deshalb auch mein längeres Schweigen hier auf dem Blog. Ich war so etwas von uninspiriert. Und bin es noch. «Wird schon wieder kommen», kann ich mir sagen. «So lehrt es die Erfahrung.» Und ich komme ja auch langsam wieder in die Gänge. Ideen tauchen auf am Horizont – auch die Lust, sie zu verwirklichen. Zwar verfliegen damit nicht einfach meine Selbstzweifel. Doch sie werfen nicht mehr gar so lange Schatten.

Einen neuen Wind brachte auch der Bescheid des Verlages zu den Verkaufszahlen meines Buches: Bis Ende 2016 wurden knapp 1’100 Exemplare verkauft. Eine Zahl, die – es ist nicht zu leugnen – zu meiner inneren Gesundung beiträgt …

Das also zu meiner Befindlichkeit nach meinem langen Schweigen. Nun aber genug der Nabelschau. Bald soll es in diesem Blog wieder um ganz andere Dinge gehen.

In eigener Sache: Lesung in der Basler Buchhandlung Das Narrenschiff

Liebe Leserinnen und Leser

Gerne lade ich euch zu einer Lesung ein, an der ich zusammen mit vier anderen AutorInnen des Verlags Johannes Petri mitwirken werde. Die Lesung wird ziemlich kurzweilig werden – eine Mischung aus Autorengesprächen und Lesungen – und auch nicht allzu lange dauern.

Sie findet statt

am Freitag, 11. November 2016, um 19.30 Uhr

in der Buchhandlung Das Narrenschiff in Basel

Folgende AutorInnen lesen aus ihren Werken:

  • Evelyn Reimann: «Es muss etwas passieren». Roman
  • Walter Beutler: «Mit dem Rollstuhl ans Ende der Welt. Meine Reise durch Indien»
  • Ruedi Gröflin: «Küentzi. Lieben und Leben im Kloster Klingental». Historischer Roman
  • Franz Osswald: «Verbrannte Saat». Basler Krimi
  • Yvette Kolb und Jürgen von Tomëi: «Das Lächeln der Schildkröten». Satirischer Roman

Im Anschluss Apéro und Büchertisch.

Eintritt frei.

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Mehr Informationen unter www.verlag-johannes-petri.ch

Die Geburt eines Buches

Nun ist also mein Buch geboren. Es ist 14 Zentimeter lang und bringt 0,28 Kilogramm auf die Waage. Ein kleines, hübsches Ding, das im Gegensatz zu den Menschenkindern bereits ausgewachsen ist, wenn es zur Welt kommt – na ja, weitgehend ausgewachsen … Der Entwicklungsprozess findet vor der Geburt statt. Diesen Vorgang möchte ich hier kurz beschreiben.

Der Anstoss zum Buch gab mein Bruder. Er hat zu einem Blogeintrag, den ich während meiner Indienreise im Winter 2015 erstellt hatte, einen Kommentar geschrieben – was vorher und nachher nie mehr vorkam: «Schöne und berührende Texte. Schreibe ein Buch über die Eindrücke von Indien!» Natürlich fiel dieser Vorschlag nicht auf unvorbereiteten Boden. Immer wieder hatte ich mit dem Gedanken gespielt, ein Buch zu schreiben. – Weil ich ein Leben lang geschrieben hatte. Womöglich weil ich keine eigenen Kinder habe und mich in einem gewissen Sinn verewigen wollte, noch ein Zeichen setzen wollte. Vielleicht aber auch einfach nur, weil es mich wundernahm, wie es ist, ein Buch zu veröffentlichen. Solche Dinge sind eben nicht monokausal …

Das Grobkonzept zum Buch fügte sich schnell zusammen. Viele Texte waren ja schon vorhanden und brauchten nur sinnvoll zusammengeschnurpft zu werden. Wenn ich unterwegs bin, insbesondere in Indien, schreibe ich gern und viel, weil das Schreiben Erholung ist, Erholung von der wuseligen, manchmal betörenden, manchmal erschreckenden, meist aber anstrengenden indischen Lebenswelt. Fürs Schreiben kann ich mich ins geliebte Alleinsein zurückziehen, ohne weitere Erklärungen abgeben zu müssen. Texte gab es also zuhauf.

Verlagssuche und ein Wunder

Für die Suche nach einem Verlag erstellte ich ein Kurzkonzept, ein Exposée zum Buch, das in meinem Kopf langsam Form annahm, legte ein paar Beispieltexte dazu – natürlich jene, die mir am besten gefielen. Ein Begleitbrief und stichwortartige Angaben zu meiner Biografie – und fertig war das Dossier, mit dem ich auf Verlagssuche ging. Nun ja, ein bisschen schwanger ging ich natürlich schon mit der Buchidee. Und die Zweifel, ob das alles etwas wird und ob es tatsächlich wert ist, einige Bäume fällen zu lassen, damit mein Buch erscheinen konnte, die Zweifel waren ständige Begleiter und sind es, ich gestehe, heute noch. Sie gehören offenbar zu meinem Leben, wie etwa die Sehnsucht nach Weite um mich und in mir – oder wie etwa auch der Rollstuhl.

Und dann geschah ein kleines Wunder: Der erste Verlag, den ich anschrieb, der Verlag Johannes Petri – ein kleiner Basler Verlag, Teil (Imprint) des grösseren Schwabe Verlags – zeigte ernsthaftes Interesse. Damit begann ein Abenteuer, das bis heute fortdauert. Erste Gespräche über die Ausstattung und Auflage des geplanten Buches folgten. Eine Offerte zu den Produktionskosten des Buches und zu den Leistungen des Verlags (Lektorat, Marketing, Vertrieb) wurde erstellt. Einen guten Teil der Produktionskosten musste ich beibringen. Ein üblicher Umstand bei einem unbekannten Autoren.

Geldsuche – und ein zweites Wunder

So ging ich auf Sponsorensuche, wobei von Anfang klar war, dass ich einen Teil des Geldes für die Produktionskosten über ein Crowdfunding organisieren wollte – weil ich wissen wollte, ob und wie das funktioniert. Neben einem Begleitbrief, der jeweils auf die Empfängerin und deren Stiftungszweck zugeschnitten sein soll, gehören die Kostenaufstellung (Verlagskalkulation), der Projekt-/Finanzierungsplan, das Buchexposée und möglichst ein Verlagsgutachten dazu. Entscheidend ist, dass man die Stiftungen, die man anschreibt, sorgfältig auswählt. Das Gesuch muss mit dem Stiftungszweck hundertprozentig korrespondieren. Sonst kann man sich die Mühe sparen. Ich ging schrittweise vor. So konnte ich bei den erfolgversprechendsten Stiftungen abklären, ob sie nicht Hauptsponsor werden wollten, was die Sponsorensuche natürlich sehr vereinfacht hätte.

Erleichternd kam bei mir wohl hinzu, dass ich den Rollstuhl ins Spiel bringen konnte. Denn von Anfang an war klar, dass dieser – beziehungsweise der Umstand, dass ich als Rollstuhlfahrer Indien bereist hatte – ein wichtiges Verkaufsargument, eine Art Alleinstellungsmerkmal für das Buch sein würde. Nicht zuletzt auch im Sinne eines Mutmachers, sich nicht von vornherein von äusseren Umständen entmutigen zu lassen, sondern das scheinbar Unmögliche auszuprobieren. Mit dieser Anlage konnte ich auch Stiftungen im Behindertenbereich anschreiben.

Das zweite Wunder war, dass das Finanzierungsziel bald in greifbare Nähe rückte. Dies war der Augenblick, wo ich daran ging, das Manuskript des Buches zusammenzustellen, zu ergänzen und für das Lektorat vorzubereiten. Im April dieses Jahres war es soweit, das Rohmanuskript ging ins Lektorat. Es folgte eine Zeit der Textreifung, die ich besonders genoss, wenn sie auch viel Arbeit bedeutete. Der Buchtitel wurde viele Male in Frage gestellt und wieder auf Schild gehoben, die Bilder ausgewählt – denn was ist ein Reisejournal ohne Bilder –, Legenden, Klappentexte, ein Vorwort mussten geschrieben sein, und, und, und …

Dann kam der Umbruch und ein neuer Vorschlag für den Buchumschlag. Nun wurde es sehr konkret, vieles fand parallel statt: die Finanzierung musste weiter vorangetrieben werden, das Crowdfunding bei 100-days.net aufgegleist, erste Verkaufsmassnahmen besprochen, Nachbesserungen beim Text und beim Umbruch vorgenommen werden. Die Veröffentlichung eines Buches ist vielschichtiger als gedacht.

Nun ist das Buch geboren. Aufatmen und loslassen! Nun gehört das Buch nicht mehr mir, sondern den Leserinnen und Lesern. Es folgt die Zeit der Lancierung, der Platzierung auf dem Buchmarkt – des Staubaufwirbelns –, was hauptsächlich Aufgabe des Verlages ist, aber auch mich auf neue Weise fordert. Gespräche mit Journalisten, Buchvernissage, Lesungen, Auftritte im Fernsehen, ja, im Fernsehen (Tele Basel, Tele Züri), nicht mein Lieblingsmedium, aber das Medium, mit dem man heute die Menschen erreicht. Trotzdem: Aufatmen und loslassen! Es entsteht Raum für Neues.

Das ist mein Buch:

buchcoverIndien aus einer ungewöhnlichen Perspektive

Im Winter 2015 bereiste der Autor mit dem Rollstuhl während dreier Monate Indien. Tagebuchaufzeichnungen, Notizen und Blogeinträge zu dieser Reise bilden das Rohmaterial für das vorliegende Buch. Daraus wurde ein geschickt komponiertes und sprachlich sorgfältiges Mosaik aus Journaleinträgen, Relexionen und Betrachtungen zur indischen Lebenswelt.

Die Texte behandeln Gesellschaft und Religion ebenso wie die Freuden und Tücken, die ein Rollstuhlfahrer in diesem Land erfährt. Vor uns entsteht ein vielfarbiges Bild einer ungewöhnlichen Indienreise, ergänzt mit Fotos, Routenplänen und, wo nötig, knapp gehaltenen Sachinformationen. Das Buch ist kein herkömmlicher Reiseführer. Es möchte den Leser – ob mit oder ohne Beeinträchtigung – dazu ermutigen, doch das Unkonventionelle, ja das scheinbar Unmögliche zu wagen.

Walter Beutler, 1956 in Basel geboren, ist Übersetzer, Blogger und Weltenreisender. Wegen Kinderlähmung ist er zudem seit früher Kindheit Rollstuhlfahrer. Bis vor kurzem übte er seinen Brotberuf als Sachbearbeiter und Korrektor in einer Druckerei aus. Seit er sich ganz dem Schreiben widmen kann, publiziert er regelmässig Kolumnen und redaktionelle Beiträge in der «ProgrammZeitung» und in verschiedenen Medien. Zudem schreibt er einen vielgelesenen Blog.

Walter Beutler
Mit dem Rollstuhl ans Ende der Welt
Meine Reise durch Indien
2016. 155 Seiten, 21 Abbildungen in Farbe, 2 Karten. Gebunden.
sFr. 25.– / € (D) 25.–
ISBN 978-3-03784-105-1

Verlag Johannes Petri, Basel

Logbuch Berlin: Dienstag, 28. Juni 2016

Erste, zunächst etwas zaghafte Schritte in Berlin. Die Hobrechtstrasse, an der sich meine Unterkunft befindet, stösst am einen Ende auf den Landwehrkanal, für mich eine wichtige Orientierungslinien quer durch Berlin. Zur Not kann ich mich ans Ufer des Kanals retten und finde so wieder zurück ins Hotel. Am anderen Ende mündet die Hobrechtstrasse in die Karl-Marx-Strasse. Die Geschichte Berlins ist also – zumindest in Form eines klingenden Namens – auch gleich um die Ecke.

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Quartierstrasse in Neukölln. (Bild: Wohnsitz Neukölln von Jörg Kantel, CC-Lizenz via flickr)

Entlang dieser Hobrechtstrasse bewege ich mich zunächst. Sie allein ist schon ein kleiner Kosmos für sich: Graffitis, wohin du schaust. Man könnte stundenlang den Mauern entlang stiefeln und in den Strassen wie in einem Tagebuch über die Befindlichkeit der aufmüpfigen Berliner Jugend lesen. Das Quartier wirkt etwas heruntergekommen, doch ohne mich zu befremden oder gar zu beelenden. Es sind meine Schweizer Sehgewohnheiten, die sich zunächst irritieren lassen. Zugleich fällt mir auf, wie lebendig diese Gegend ist, wie vielfältig die Menschengesichter aus allen erdenklichen Ländern und sozialen Schichten sind. Nun weiss ich, wie das globale Dorf aussieht. An der Ecke Hobrechtstrasse–Hübnerstrasse zeigt sich mir im Laufe der Vormittagsstunden ein Panoptikum der Weltgemeinschaft: Kreativwirtschafterin trifft Turbanträger, slawischer Handorgelmann spielt Schräges für mittellose Punks. Die Stadt erwacht zu bunter Geschäftigkeit. Dann die unzähligen Kneipen und kleinen Läden, die alle improvisiert wirken, etwas Vorläufiges haben, aber Gestaltungswille, Kreativität, so etwas wie Leidenschaft für die Gegenwart ausstrahlen, so dass ich mich gerne mitreissen lasse.

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Der Hof des Hüttenpalastes. (Bild von onnola, CC-Lizenz via flickr)

Auch das Hotel, in dem ich unterkomme, der Hüttenpalast, atmet diesen Geist: Eine ehemalige Gewerbehalle wurde zum Hotel umgebaut, indem ausgediente Wohnwagen und Holzhäuschen hineingestellt wurden und rundherum eine wohnliche Atmosphäre mit Sofaecken, Bücherregalen und Ständelampen geschaffen wurde. Ich selbst bin allerdings in einem «normalen», aber grossen und hübschen Zimmer in einem Nebenbau untergebracht, und das zu einem durchaus zahlbaren Preis. Die Wohnwagen und Hütten sind nicht rollstuhltauglich.

Am frühen Nachmittag ist Berlin angesagt, Restberlin gleichsam, also alles andere als die Hobrechtstrasse. Etwas ziellos machen Urs und ich uns auf den Weg. Zu zweit ziellos unterwegs zu sein, ist eindeutig schwieriger als alleine. Weil es dann zwei Nasen sind, denen man folgt. Ein hoffnungsloses Unterfangen! Zu zweit setzt man sich besser ein gemeinsames Ziel, wenn auch nur ein vorläufiges. Urs gab es vor mit der Hasenheide, einem grossen und recht natürlicher Volkspark nicht allzuweit weg: eine sanfthügelige, etwa fünfzig Hektar, also gut siebzig Fussballfelder weite Wiesenlandschaft, intensiv bestanden mit Baumgruppen, die ihrerseits von Büschen gesäumt sind. Es gibt mehrere breite und geteerte Wege, die den Park durchkreuzen, und unzählige Trampelpfade.

Vielleicht wegen der vielen Baumgruppen, in denen man sich gut verstecken kann, ist der Park offenbar ein Drogenumschlagplatz. So bekundete es jedenfalls Urs. Wir liessen uns auf einer sanften Anhöhe nieder und assen Erdbeeren. In unserem weiten Blickfeld sassen Dunkelhäutige in Gruppen oder einzeln im Gras oder auf Bänken in der Nähe der Bäume. Plötzlich raste ein Polizeiauto, eine Menge Staub aufwirbelnd, durch die Szenerie, was bei den Schwarzen die sofortige Flucht in alle Himmelsrichtungen, immer aber im Schutz der Baumgruppen auslöste. Doch der Wagen preschte einfach vorbei, so dass sich die Lage schnell wieder beruhigte.

Später in der überraschenden Weite des Tempelhofer Flugfeldes, auch die mitten in Berlin. Unzählige Menschen radeln auf den Pisten des längst geschlossenen Flughafens Berlin-Tempelhof. Andere lagern auf den weiten Wiesenflächen. Fahrzeuge aller Art werden durch das Gelände gelenkt. Verbrennungsmotoren sind allerdings verboten. Deshalb beherrschen Fahrräder die Szenerie, und zwar in allen erdenklichen – und auch unerdenklichen – Ausführungen, etwa mit Segel. Oder dann jenes seltsame Gefährt, das wunderbar in ein Fitnesstudio passen würde, mit dem man aber auch von A nach B turnen kann. Viel Skurilität, viel Humor, viel Freizeit.

Tempelhof

Tempelhofer Flughafen. (Bild: Berlin-005 von Simon, CC-Lizenz via flickr)

Ganz nahe dieser urbanen Ausgelassenheit, jedoch hinter mobilen Sichtschutzwänden leben Flüchtlinge: Ein Teil des monumentalen Tempelhofer Flughafengebäudes wird als Erstaufnahmezentrum für Schutzsuchende genutzt. Ganz schön abgeschottet von der Berliner Freizeitwelt werden hier verlorene Schicksale verwaltet.

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