Was bleibt vier Jahre nach der Protestbewegung 15-M in Spanien?  

Was hat die Bewegung 15-M[1] über die Wochen der Proteste im Sommer 2011 hinaus bewirkt? In welchem Verhältnis steht sie zur neuen Partei Podemos, die aus ihr hervorgegangen ist und zurzeit in Spanien die politischen Karten neu mischt? – Ein Interview mit Amador Fernández-Savater, Journalist und Schriftsteller sowie Aktivist der ersten Stunde. Übersetzung: Walter B.

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In einem Text vom Januar 2012 hast du die Protestbewegung 15-M als «ein Klima» beschrieben. Was heisst das?

Ich glaube, jetzt sehe ich es etwas klarer als damals. Den Begriff hörte ich in einer Versammlung. Jemand sagte: «15-M ist ein Klima, in dem andere Dinge möglich werden.» Und dies schien mir ein angemessenes Bild, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass die Bewegung 15-M über das hinaus ging, was unter dem Etikett 15-M organisiert wurde.

Sechs Monate nach den Besetzungen öffentlicher Plätze sind Tausende in ihren Alltag zurückgekehrt. Aber sie sind durch die Erfahrung auf den Plätzen berührt und verändert worden. Und diese Veränderung nahmen sie mit. Die Metapher des Klimas würde dann eine Veränderung der Sichtweise bedeuten: Was, wenn wir aufhören würden, 15-M nur im Inneren dessen zu suchen, was man als die «Bewegung 15-M» mit all ihren Komissionen, Versammlungen und Koordinationsräumen bezeichnete? Was, wenn wir auch darüber hinaus blicken würden?

Ich glaube wirklich, dass die politischen Möglichkeiten, die sich durch die Besetzungen der öffentlichen Plätze auftaten, sich später jenseits des Etiketts 15-M erneuerten, etwa in den «Mareas»[2], den Bewegungen, die sich gegen den Abbau der öffentlichen Dienste stemmten, oder in der Plattform der Hypothekengeschädigten[3] und in vielen weiteren Erfahrungen, die nicht notwendigerweise sehr sichtbar und bekannt sein müssen.

Welche politischen Möglichkeiten eröffnete 15-M?

Die grundlegendste Erfahrung war nach meinem Dafürhalten, was wir die «Politik von jedermann, von jederfrau» nannten. Das heisst: In unseren westlichen «Demokratien» verstehen die Politiker ihre Politik gemeinhin als «fachgerechtes» Management der «unausweichlichen» Notwendigkeiten des globalen Kapitalismus. Die verheerenden Folgen dessen haben wir, als die Krise kam, mitbekommen. Die Bewegung 15-M hat sich hauptsächlich gegen diese Auffassung und Praxis der Politik gewehrt («Sie vertreten uns nicht.») und etwas anderes an ihre Stelle gesetzt: eine Politik, die allen offensteht, eine Politik als konkrete, praktische Frage an das gemeinschaftliche Leben.

In welchem Sinne siehst du jetzt klarer bezüglich der Bewegung 15-M als «einem Klima»?

Das politische Potenzial von 15-M wurde ansteckend. Das Bild des Klimas wollte diesen «Subjektivierungsprozess»[4] symbolisieren. Was heisst das? Die Art und Weise, wie man die Welt sieht und wie man in ihr lebt, verwandelt sich. Die Wirklichkeit wird neu definiert. Es wird neu geklärt, was man hinzunehmen bereit ist und was nicht, was man sieht und was man nicht sieht, was möglich ist und was nicht, was wichtig und was uns gleichgültig ist. Und so weiter. Ein diffuses, expansives, «klimatisches» Phänomen stellte sich ein, das man in keine Struktur oder Organisation pressen konnte. Mich dünkt, andere Bezeichnungen für 15-M wie «soziale Bewegung», «Zivilgesellschaft», «soziale Mehrheit» usw. neutralisieren dieses ihr Potenzial und ihre Besonderheit.

In welchem Sinne?

Der Ausdruck «soziale Bewegung» verweist, zumindest in seiner gebräuchlichsten Form, auf Militante, ob einzeln oder in Gruppierungen. Doch 15-M war ein für alle offener Raum, in dem die Militanten, die dabei waren, nur ein Teil des Ganzen waren. Und jene, die den Takt bestimmen wollten, scheiterten bald.

Der Begriff «Zivilgesellschaft» deutet in seiner gängigen Form auf eine Gesamtheit von einzelnen Akteuren, die ihre eigenen Interessen verfolgen. Aber 15-M stellte die Frage nach dem Gemeinsamen ins Zentrum, nicht die Verteidigung der Interessen von «Teilen» der Gesellschaft, von bereits entstandenen Identitäten.

Und der Ausdruck «soziale Mehrheit» zielt auf ein quantitatives Phänomen und die öffentliche Meinung, während es in der Bewegung 15-M nicht auf der einen Seite Akteure und auf der anderen Zuschauer gab – auch keine «interaktiven» –, sondern eine gemeinsame und geteilte Betroffenheit unzähliger Personen, eine Betroffenheit in unterschiedlichster Intensität und Form.

Ich würde sagen, dass 15-M weder für militante Gruppen, noch für Teile der Gesellschaft stand oder eine öffentliche Meinung zum Ausdruck brachte, sondern ein offener und expansiver Raum der Politisierung des Lebens war.

War dieses Klima 15-M eine Antwort auf die Krise, auf die Korruption der Politiker, auf den Absturz der Mittelklasse?

Auf keinen Fall eine automatische Antwort auf die Ernsthaftigkeit der Lage und den Legitimitätsverlust der Mächtigen, wie es die Linke zuweilen denkt. Man frage die Italiener, die Franzosen oder die Engländer, die in etwa denselben «objektiven Bedingungen» unterworfen sind, ob es denn einen solchen Automatismus gibt.

Ich glaube, dass die Betroffenheit, mehr noch als das Interesse oder die Identität, der wichtigste Motor jeder Subjektivierung ist. Man empfindet ein Problem als gemeinsames Problem. Man spürt, dass etwas passiert, und es passiert dir. Und man spürt, dass man bezüglich dessen, was passiert, etwas tun muss, um es zu stoppen. Die Betroffenheit ist das Vorzimmer der Aktion. Es gibt nichts Selbstverständliches oder Automatisches in diesem Prozess.

Und wer fühlte sich betroffen? Wer sind die Indignados, die Empörten? [Read more…]

Der typische und nervige Artikel gegen die Fussball-Weltmeisterschaft

Wie sage ich es meinen Gesinnungsgenossen, die zwar politisch engagiert, aber auch fussballverrückt sind, WM-verrückt, und die ihr politisches Bewusstsein für die Zeit des WM-Taumels entweder gänzlich abschalten oder dank fadenscheiniger Argumente auf Sparflamme brennen lassen? Der spanische Schriftsteller und Journalist Isaac Rosa redet ihnen ins Gewissen – aller Voraussicht nach allerdings vergeblich. – Übersetzung: Walter B.

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Bild: Evil Preacher (CC-Lizenz via flickr)
Bildunterschrift: Jedes Mal, wenn ich nach Spanien komme, begegnen mir Menschen mit diesem Problem.

Bevor ihr es mir unter die Nase reibt, sage ich es lieber selber: Fussball gefällt mir nicht, weil ich davon nichts verstehe. Ich bin ein armer Tropf, dass ich mir so etwas Grossartiges entgehen lasse. Ich fühle mich intellektuell und moralisch überlegen. Ich bin voller Widersprüche und heuchlerisch, denn ich habe Hobbys und Verhaltensweisen, die nicht minder kritikwürdig sind. Ich bin verbittert und nachtragend, weil ich von der Begeisterung der Mehrheit ausgeschlossen bin. Gut denn! Nun ist es gesagt, und ich stehle euch weder Zeit noch Aufmerksamkeit, die ihr doch für das Non-stop-Fussballgaudi der nächsten Wochen braucht.

Wenige Dinge wecken mehr Widerwille, als wenn man gegen den Fussball anschreibt.

Wenige Dinge wecken mehr Widerwille, als wenn man gegen den Fussball anschreibt. Du magst zu jeder anderen Sache deine Meinung äussern: zu Monarchie, Religion, Nationalismus, Stierkämpfen, ETA. Bei keinem anderen Thema erntest du so viel Unverständnis und Verachtung, wie wenn du das Fussballgeschäft, die Informationsflut in diesem Zusammenhang, die Allgegenwärtigkeit des Fussballs kritisierst. Wenn unter uns irgend ein Konsens besteht, so ist das zweifellos der Fussball, der zudem in letzter Zeit eine intellektuelle Tünche erhalten hat, damit auch noch der letzten Widerstand gebrochen wird.

Also hasst mich! Aber ich kann nicht anders: Fussball gefällt mir nun mal nicht. Und wenn ich Fussball sage, so meine ich nicht den Sport an sich, sondern ebendas, was euch so gefällt: gerade nicht der Fussball ohne jegliche Zutat, sondern jene Mischung aus Spektakel und Geschäft, die zurzeit ihre glanzvollsten Wochen erlebt.

Eben erst hat die Weltmeisterschaft begonnen, und schon bin ich all die Spezialsendungen satt, all die Sonderseiten, die Nachrichtensendungen zu einem einzigen Thema, die fussballverseuchten sozialen Netzwerke, all die stornierten Termine, weil sie mit Partien zusammenfallen, die Verschiebungen, die Werbeflut, die allgemeine Ablenkung und Neutralisierung der sozialen Spannungen.

Natürlich habe auch ich meine Hobbys. Und es gibt nichts daran auszusetzen, dass die Leute die Möglichkeit nutzen, ihrem Alltag zu entfliehen, dass sie ihre Entspannung haben und ihre Leidenschaften. Aber keine ist so stark und anziehend wie der Fussball. Und da spreche ich noch nicht einmal vom plötzlich aufbrechenden Hurrapatriotismus, der für einmal nicht mit kurzgeschorenen Haaren einhergeht. Überall prangen die Nationalfarben Rot und Gelb. Und alle sind vereint im selben Traum. Und so weiter. Und so weiter. Sagt mir bloss nicht, ich solle doch einfach darüber hinwegsehen und mein Leben leben! Ich solle die Zeit während der Fussballspiele nutzen, um etwa ins Kino zu gehen. Denn in Wirklichkeit gibt es kein Ausserhalb des Fussballs. Er nimmt alles in Beschlag.

Ich höre schon meine Aktivistenkumpels sagen: Fussball gehört nicht den Rechten. Und kommt mir bloss nicht mit diesem oder jenem Denker, Poeten oder Revolutionär, der fussballbegeistert war. Das wäre dasselbe Totschlagargument, wie es die Anhänger des Stierkampfs bemühen. Zudem gehe ich davon aus, dass ihr bei all dem Fussball nicht den König und das Referendum [zur Monarchie in Spanien] vergesst, die Vereinigte Linke, die Sparmassnahmen, die Zwangsräumungen und das Abtreibungsgesetz. Ich gehe davon aus, dass ihr an den nächsten Kundgebungen nicht fehlen werdet, auch wenn diese zweifellos so organisiert sein werden, dass sie nicht mit den wichtigsten Fussballspielen zusammenfallen.

Ich weiss, dass ihr gegenüber den Protesten der Brasilianer nicht unsensibel seid – und auch nicht gegenüber der Repression, die diese auslösen. Ich weiss, dass ihr eure Augen vor dem weltmeisterschaftlichen Pomp in einem Land mit so viel Ungleichheit nicht verschliesst. Bestimmt lassen euch auch die toten Arbeiter auf den Baustellen der brasilianischen WM und auch jene in Katar nicht kalt. Ich weiss, dass ihr fähig seit, «Tor» zu rufen und zugleich all diese Anklagen zu retweeten.

Ich bewundere eure Fähigkeit zur Dissoziation, wenn es um Fussball geht. Ihr seid fähig zu geniessen, verrückt zu werden und zu feiern, auch wenn ihr wisst, dass dies ein gigantisches Geschäft ist in Händen von korrupten Organisationen wie der FIFA, von dunklen Magnaten, welche die Clubs besitzen, von widerlichen Sponsoren und von Regierenden, die beide Augen zudrücken: die einen, weil sie vor den Organisatoren einknicken, die anderen, indem sie den Besitzern der lokalen Mannschaft zum Beispiel Grundstücke zuschanzen. Ihr feiert das grosse Fussballfest, auch wenn ihr wisst, dass die Spiele von frühreifen Millionären bestritten werden, die zum sozialen Vorbild werden und letztlich über eure Petitionen, die Extraprämien doch bitte zu spenden, nur lachen. (Wie dies schon in früheren Meisterschaften geschehen ist, welche dieselbe Debatte ausgelöst haben.)

Die Dinge ändern sich. Wir sind nicht mehr dieselben wie noch vor einigen Jahren. Wir sind als Gesellschaft reifer geworden. Unsere Ansprüche sind gestiegen. Wir wollen dieses gefallene Land verändern … Doch der gewichtigste Wandel geschähe an dem Tag, an dem wir aus Solidarität mit jenen, die protestieren, darauf verzichten, uns ein WM-Spiel anzuschauen. Oder an dem Tag, wo wir unsere Mannschaft aufgeben, weil wir ihre mafiöse Führung ebenso wie die steuerlichen und städtebaulichen Privilegien ablehnen, die ihr von der Regierung oft zugestanden werden. Wenn dies eintrifft, werde ich fortan alles für möglich halten.

Hier ist er also. Jemand musste ja den typischen und nervigen Artikel gegen die Fussball-Weltmeisterschaft schreiben. Und nun hat es halt mich getroffen. Für diese Frechheit bitte ich euch um Entschuldigung. Aber ich kann beruhig sein: Bestimmt habt ihr euch die nächste Fussballpartie nicht vermiesen lassen. – Hallo! Hallo! Ist hier jemand?


Hier geht es zum Original des Artikels von Isaac Rosa auf eldiario.es.

 

Ein Europaabgeordneter auf Rädern

Mit treffenden Worten und einem klaren Blick für die gesellschaftliche Stellung der Behinderten in Spanien beschreibt der Rollstuhlfahrer Pablo Echenique-Robba die Hindernisse auf seinem Weg hin zu einem Mandat als Europaabgeordneter. Vordergründig sind es architektonische Hindernisse, aber diese sind nur Ausdruck einer politischen und gesellschaftlichen Haltung. Das Mandat ins Europäische Parlament hat er trotzdem erhalten. Übersetzung: Walter B.

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Die Struktur einer Gesellschaft zeigt sich am klarsten, wenn man auf ihre «oberen» Schichten blickt, dorthin also wo die wirtschaftliche und politische Macht sitzt.

Frauen wissen es längst: Nur 16,6 Prozent der Verwaltungsratsmitglieder aller Firmen auf dem IBEX 35-Index [dem Aktienindex der wichtigsten spanischen Unternehmen] sind Frauen. Und nur 36,2 Prozent unserer Kongressabgeordneten sind weiblichen Geschlechts. Da Frauen etwa fünfzig Prozent der Bevölkerung ausmachen, ist uns allen klar, dass sie sowohl beim IBEX 35 als auch im Kongress untervertreten sind.

Ähnliches und womöglich noch Krasseres gilt für die Menschen mit Behinderung. Allerdings gibt es hier kaum Statistiken, so dass wir darauf angewiesen sind, Schätzungen anzustellen oder Anekdoten zu erzählen. Wir brauchen nun mal Geschichten, wenn uns wissenschaftliche Fakten fehlen.

Auf dem Gebiet der Schätzungen müssten wir beispielsweise – in Anbetracht dessen, dass ungefähr eine von zehn Personen eine Behinderung hat – im Spanischen Unterhaus etwa 35 Abgeordnete mit Behinderung haben. Ich konnte nicht herausfinden, ob das so ist oder nicht. Aber es gibt dort zweifellos nur einen im Rollstuhl, während es drei oder vier sein müssten. Und ich kann mich nicht daran erinnern, je einen gehörlosen oder blinden Abgeordneten gesehen zu haben.

Selbstverständlich schafft die Tatsache, dass unser König behindert ist, einen gewissen Ausgleich. Das erfüllt mich zwar mit Stolz und Befriedigung, ändert aber letztlich nichts an der brutalen Untervertretung von Menschen mit Behinderung.

Lasst uns also auf dem Gebiet der Anekdoten einige wenige analysieren, die mir selbst in den letzten Monaten widerfahren sind. Wie ihr vielleicht wisst, hatte ich es satt, dass Millionen in unserem Land Hunger und Entbehrungen erleiden und im Elend leben müssen, während eine Handvoll selbstsüchtiger Psychopathen sich mehr Jachten, Gemälde und Villen kaufen denn je. Vor kurzem entschloss ich mich deshalb, dass mir meine wissenschaftliche Arbeit beim CSIC und die Mitarbeit hier [eldiario.es] nicht mehr genügten und ich etwas tun musste, um diesem Aushungern der Menschenrechte ein Ende zu setzen. Ich begann damit, die Lakaien der IBEX-Bosse aus unseren Institutionen zu werfen.

Diesen Wunsch vor Augen, begann ich aktiv bei Podemos mitzumachen, stellte mich bei den für alle offenen Primärwahlen zur Verfügung und wurde auf den fünften Platz der Wahlliste fürs Europäische Parlament gewählt.

Seither bin ich in manche Städte Spaniens gereist, wurde auf einigen Plätzen richtiggehend braungebrannt, bestritt einige Podien und hatte Kontakt mit etlichen Medien, teils wichtigen, teils weniger wichtigen. Letzten Sonntag Nacht erfuhr ich, dass ich nun offiziell Europaabgeordneter bin. – Aber es geht mir um die Podien und die Medien, von denen ich euch berichten möchte.

Was die Podien anbetrifft, so habe ich herausgefunden, dass praktisch alle Theater, Aulas und Hörsäle zwar für uns Rollifahrer mehr oder weniger geeignet sind – solange wir im Publikum sitzen. Nur sehr wenige erlauben es hingegen, dass wir als Rollifahrer bequem auf die Bühne kommen. Da es mir nichts ausmacht, vom Publikumsraum aus zu sprechen, ist das nicht so schlimm. Aber es ist nun mal eine Tatsache.

Schlimmer ist es mit den Medien. Vor dem Eingang eines wichtigen Radiosenders gab es vier Treppenstufen. Ich musste den Hausmeister, den Fahrer eines Paketzustelldienstes, der in der Nähe gerade Päckchen einlud, sowie einen Passanten aufbieten. Sie wussten nicht, dass ich mitsamt Rollstuhl 200 Kilogramm wiege, als sie munter erklärten: «Na klar, Kollege! Gehen wir!» Wieder runter halfen mir danach der Moderator und ein paar Journalisten. Ich weiss nicht, ob sie mich je wieder einladen werden.

Zu einer Debatte mit mehreren Parteien bei einem anderen Sender ging ich gar nicht erst hin. Sie fand im Untergeschoss statt – ohne Lift.

Wenige Tage später wurde ich zu einer Fernsehsendung eingeladen. Doch ich kam nicht vor die Kamera, weil ich zwischen einem Tisch und einer Wand nicht hindurch kam. Auch ein etwas festerer Mann wäre nicht hindurch gekommen. Ich bin mir sicher, dass ich der erste (und vielleicht auch letzte) Behinderte war, den sie einluden.

Letzte Woche bei einem anderen, recht beliebten Fernsehsender in Saragossa erklärte ich mich einverstanden, dass man mich drei Stufen hoch und sieben Stufen wieder herunter trug. Allerdings nur, weil der Kandidat der VOX sich bereit erklärte zu helfen. – Und ich hatte Mitleid mit ihm.

Solche Katastrophen sind kein Zufall. Ganz offensichtlich besitzen wir Behinderte praktisch nie Macht, nehmen praktisch nie an politischen Debatten teil, müssen praktisch nie auf Podien steigen, weil wir in dieser Gesellschaft schlicht nichts zu melden haben. Die Unterdrückung, der wir ausgesetzt sind, verdammt uns fast immer dazu, Subjekte der Wohltätigkeit sowie Publikum, also Zuhörer und Zuschauer zu sein.

In unserem Haus besteht die Decke nicht aus Glas, sondern aus armiertem Beton.


Hier geht es zum Original des Textes von Pablo Echenique auf eldiario.es.

 

«Macht und Politik sind heute voneinander geschieden»

Was früher zusammengehörte, hat sich immer mehr voneinander getrennt: Während die Politik im Wesentlichen lokal agiert, hat sich die Macht verflüssigt, vom Lokalen abgekoppelt und agiert global – mit fatalen Folgen für die Politik. So äussert sich der Sozialwissenschafter Zygmunt Bauman in einem Interview mit der spanischen Onlineportal eldiario.es. Übersetzung: Walter B.

Zygmunt_Bauman_by_KubikAls wir in der Stiftung Rafael Pino zu einem Treffen mit dem polnisch-britischen Soziologen und Philosophen Zygmunt Bauman empfangen werden, bittet man als erstes die Fotografen, auf das fortgeschrittene Alter des Professors Rücksicht zu nehmen. Nur wenig später widerlegt Bauman seine vermeintliche Gebrechlichkeit. Ein grosser, gertenschlanker Herr in Schwarz durchquer ungeachtet des winterlichen Nieselregens mit aufrechtem Gang die ganze Terrasse und kommt auf uns zu. Seine geradlinige Erscheinung wird nur durch einzelne weisse Haarbüschel durchbrochen, die allseits von seinem kleinen Kopf abstehen.

Er scheint nur aus Nerven zu bestehen, ausgeglichen, ja, aber aus reinen Nerven, was sich etwa darin ausdrückt, dass seine langen Arme und hyperaktiven Hände nur mit Hilfe einer kleinen Pfeife und einem Feuerzeug zur Ruhe kommen. Dann wird sein Blick gesammelter und sucht unruhig Kontakt zu uns Journalisten, die wir um ihn herum absitzen.

Er ist umgänglich, ironisch und weder um ein Lächeln noch um einen Spass verlegen. Dieser freundliche Charakter steht im Gegensatz zu seinem pessimistischen Blick auf die Welt, gestützt von einer Vielzahl von Daten, die sein Buch «¿La riqueza de unos nos beneficia a todos?» enthält [etwa: «Nützt der Reichtum der einen uns allen?»], das soeben bei Paidós in spanischer Übersetzung erschienen ist. «Natürlich nicht», wird er während des Gesprächs ein ums andere Mal als Antwort auf die rhetorische Frage im Titel sagen und lange Ausführungen folgen lassen.

Bekanntlich verwendet Bauman den Begriff des Liquiden, Verflüssigten, um das Ende jeglicher Gewissheiten und der Integrität jener Institutionen zu bezeichnen, von denen man gemeinhin annimmt, dass sie die Grundlage unseres Lebenssystems darstellen. Noch beängstigender ist aber, dass seines Erachtens die Erfahrung ihren Wert verliert.

Das ganze gesammelte Wissen verliert seinen Nutzen, so sagt er, wenn man sich in einer verflüssigten Gesellschaft bewegt, in der die Arbeit ihren Wert verloren hat, ebenso wie das Wohlwollen, die Uneigennützigkeit und die Bindungsfähigkeit, und in welcher der Mitbürger im besten Fall reiner Konsument ist.

«Die Summe der Einkäufe eines Landes ist das Mass seines Glücks.» Dies ein Satz aus seinem neuen Buch. Der Autor erinnert daran, wie Expräsident George W. Bush, als die Zwillingstürme fielen, zu den Amerikanern sagte, um sie zu beruhigen: «Geht wieder einkaufen!»

Für Bauman hat die Zukunft nichts Erfreuliches: «Das Bild der künftigen Ungleichheit ist nicht wirklich vielversprechend.» Und diese Diagnose enthält wie alle anderen Überlegungen, auf die er sich einlässt, kein bisschen Optimismus. Auch getraut er sich nicht, einen möglichen Ausweg aus der grossen Krise aufzuzeigen. Womöglich kann man nur noch darauf hoffen, dass letztlich doch noch der gesunde Menschenverstand die Oberhand gewinnt und verhindert, dass wir an einen Punkt ohne Umkehr kommen. Vielleicht bemüht sich Bauman deshalb darum, äusserst didaktisch vorzugehen und keine einzige Frage summarisch zu beantworten.

Neueste Untersuchungen zeigen, dass die Lebensqualität der Gesellschaft als Ganzes nicht mit dem mittleren Einkommen korreliert, sondern mit dem Grad der Ungleichheit.

Schon auf den ersten, an statistischem Material so reichen Seiten erhält man eine lapidare Antwort auf die Frage im Titel Ihres Buches.

Wir können den Zustand der Welt einschätzen, indem wir statistische Daten heranziehen und einen Mittelwert errechnen. Es fehlt uns nicht an Statistiken, die uns einen Durchschnittswert liefern. Aber den mittleren Menschen gibt es nicht. Er ist eine Fiktion: Die Menschen aus Fleisch und Blut leben in Ungleichheit. Sie leben nicht in Gleichheit. Sie sind intelligent und können durchaus feststellen, dass es sehr zweifelhaft ist zu behaupten, der Reichtum verbessere ihre Lebensqualität. Denn während es einigen Leuten tatsächlich besser geht, geht es anderen umso schlechter. Und die Leute reagieren nicht auf die generelle Höhe des mittleren Wohlstands, sondern auf die Unterschiede in der Bevölkerung. Neueste Untersuchungen, inbesondere eine erhellende Studie von Richard Wilkinson und Kate Picket ((Link nicht mehr verfügbar)), zeigen, dass die Lebensqualität der Gesellschaft als Ganzes – nicht die der einen oder anderen Gruppe, sondern die allgemeine Lebensqualität, die beeinträchtigt sein kann durch pathologische Erscheinungen wie Alkoholismus oder Teenagerschwangerschaften, letztlich durch alle Krankheiten der Gesellschaft – dass die Lebensqualität der Gesellschaft als Ganzes nicht mit dem mittleren Einkommen korreliert, sondern mit dem Grad der Ungleichheit. [Read more…]

Von Einhörnern und der spanischen Protestbewegung 15-M

15-M ist keine gewöhnliche Protestbewegung – gerade so wie das Einhorn kein gewöhnliches Pferd ist. Vielmehr findet in Spanien ein beispielloser Prozess der sozialen Politisierung statt. So beschreibt es Amador Fernández-Savater, 15-M-Aktivist der ersten Stunde. – Eine Einschätzung aus dem Inneren der Protestbewegung anlässlich ihres zweiten Jahrestags. Übersetzung: Walter B.

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«Ein chinesischer Prosaist hat vermerkt, dass ein Einhorn, gerade weil es so sonderlich ist, unbeachtet bleiben muss. Die Augen sehen nur, was sie zu sehen gewohnt sind.» (Gorge Luis Borges)

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Mai ist Prüfungszeit. Auch die Protestbewegung 15-M ist davor nicht gefeit. Der zweite Jahrestag ist für die Medien eine günstige Gelegenheit, ihr Urteil zu fällen. Ist die Bewegung noch am Leben? Was bleibt? Wächst sie oder wird sie kleiner? Und was hat sie erreicht? Es sind Augen auf sie gerichtet, die nur sehen, was sie zu sehen gewohnt sind: das Ereignis und nicht den Prozess, die Identität und nicht die Verwandlung, das Spektakuläre und nicht das Alltägliche, den Makrokosmos und nicht den Mikrokosmos, das Quantitative und nicht das Qualitative, die Ergebnisse und nicht die Wirkungen – ein klinischer Blick von aussen, der Blick Gottes auf seine Kinder. Ein Problem ist nur, dass wir diesen Blick verinnerlichen und uns seinen Normen angleichen. Deshalb protestierte letzthin eine Freundin lauthals: «Zum Teufel mit diesem Jahrestag! Wir kämpfen jeden Tag. Wir könnten diesen ebensogut am 3. Februar oder am 11. Juni begehen. Wenn die Medien uns für tot halten – umso besser! So können wir ruhiger arbeiten.»

Das Einhorn ist nicht genau ein Pferd. Ebenso sind die Bewegung 15-M[1], die Mareas[2] oder die Bewegung PAH[3] nicht soziale Bewegungen im herkömmlichen Sinn, sondern Namen und Masken, die sich ein wahrhaft aussergewöhnlicher Prozess der sozialen Politisierung selbst aufsetzt. Es ist ein und derselbe Prozess, und doch ist er immer wieder anders, in ständiger Verwandlung begriffen. Die Herausforderung besteht nicht so sehr darin, den unzähligen Lügen oder Stereotypen zu begegnen, die täglich in den Medien herumgereicht werden, sondern zu lernen, uns selbst anders zu sehen, anders zu erzählen. Die Herausforderung besteht darin, das Aussergewöhnliche, was wir vollbringen und leben, wertschätzen, benennen und vermitteln zu können.

Die Erschaffung von neuem Sinn

Heute äussert sich das soziale Unbehagen in einem erhöhten politischen Bewusstsein und der persönlichen Teilnahme an Initiativen, Protesten und deren Organisation. Und das Unbehagen wird vermehrt zum Ausdruck gebracht und geteilt – nicht nur unter Freunden und in Bars, sondern mit Unbekannten und auf der Strasse. Das soziale Unbehagen wird zur Aktion. Dies ist nicht etwa ein mechanischer Vorgang, der automatisch und mit einer gewissen Notwendigkeit abläuft. Das alles müsste nicht so sein. Und tatsächlich ist es ja auch nicht das, was in anderen europäischen Ländern, die von der Krise, vom Betrug betroffen sind, geschieht. Nein, normal wäre die allgemeine Verbreitung von Angst, von Resignation, von Schuldgefühlen sowie das Fortschreiten der Individualisierung. Eine solche Wirkung hin zur Passivität erzielt zum Beispiel die weit gestreute offizielle Lesart der Krise: «Wir haben über unseren Verhältnissen gelebt.» Wir sind also Sünder. Wir haben deshalb kein Recht zu protestieren. Und die gerechte Strafe ist unser Sühneopfer. Die Kürzungen von Merkel und Rajoy – Figuren des strafenden Gottes – sind deshalb willkommen. Doch diese Erzählung konnte sich hier nicht wirklich durchsetzen. Das Private wird gemeinschaftlich. Es wird geteilt. Die Depression wird  politisch. Der Sinn unserer Existenz – Eigentum, Erfolg, Konsum – geht unter. Doch wir sind imstande, zusammen mit anderen neuen Sinn zu schaffen. Von dem Ort aus, wo wir stehen, bewegen wir uns und kümmern uns um unsere gemeinsame Lage. Wir verantworten, was wir nicht verschuldet haben. (Tatsächlich und bestimmt gerade deshalb ist es alles andere als gewiss, ob die Suizidrate in der Krise wirklich nach oben zeigt.[4]) [Read more…]

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