Bernie Sanders – der revolutionäre Sozialdemokrat

Bernie Sanders‘ neu erschienenes Buch «Our Revolution: A Future to Believe in» ist so etwas wie sein politisches Vermächtnis. Der spanische Journalist Ibán García del Blanco hat es gelesen und eine interessante Rezension geschrieben. Übersetzung aus dem Spanischen: Walter B.

Letzte Weihnachten schickte mir ein Bekannter, der mich gut mag, aus dem Land des Brexit das kürzlich erschienene autobiografische Werk von Bernie Sanders: «Our Revolution: A Future to Believe in».[1] Ich gestehe, ich bin kein Anhänger solcher Bücher, die oft statt Ideen zu transportieren andere Ziele anstreben. Nachdem ich das Buch gelesen habe, denke ich, dass es hier anders ist.

Es handelt sich um Neubearbeitungen von Texten, die unabhängig voneinander entstanden sind, was gelegentlich dazu führt, dass sich einzelne Abschnitte wortwörtlich wiederholen. Doch die Texte kommen authentisch daher, zeugen von erfrischendem Humor und helfen zweifellos, die soziologische Wirklichkeit Nordamerikas und das Phänomen Trump zu verstehen.

Erste Lektion: In dieser globalisierten Welt sind sich die Probleme der Demokratien ähnlich. Trotz aller theoretischen Unterschiede der Modelle, stehen die Schwierigkeiten vielenorts im Zusammenhang mit unserem angeschlagenen Wohlfahrtsstaat. Sanders zeigt schön auf, wie sich die Einkommensverteilung zwischen der privilegiertesten Klasse und der ehemals stolzen amerikanischen Mittelklasse entwickelt hat, und führt den Wendepunkt hin zur Ungleichheit auf den Beginn von Reagans Deregulierungen zurück. Weltweit brach der Kapitalismus ab den 1980er Jahren die Vereinbarung mit der Mittelklasse über die Verteilung der Einkommen. Auch der Ökonome Manuel Escudero[2] zeigt das klar auf. Von da an sind wir bis zur heutigen Ungleichheit gelangt, die unsere Institutionen untergräbt und uns in eine Dystopie führt. «Sie machen keine Fehler», sagt Bernie, «der wirtschaftliche Kuchen ist weiter gewachsen. Bloss bleiben den Armen und der Mittelklasse immer kleinere Stücke.»

Es ist erschreckend, dass seine erste Rede für die Primärwahlen im Mai 2015 in Vermont so getreu beschreibt, wo unser Land heute steht. Nach der Einleitung «Heute beginnen wir eine politische Revolution», stellt er die Grundzüge seines Programms vor.

  • Wirtschaft, Einkommen und Ungleichheit. Es liegt etwas äusserst Unheilvolles in der Tatsache, dass ein Prozent der Bevölkerung der USA fast so viel besitzt wie neunzig Prozent – oder dass 99 Prozent der neuen Einkommen direkt diesem einen Prozent der Privilegierten zufliessen.
    Die Botschaft Sanders an die Millionäre: Ihr könnt nicht alles haben. Ihr könnt nicht weiterhin von Steuervergünstigungen profitieren, während es Kinder gibt, die Hunger leiden. Ihr könnt nicht weiterhin eure Gewinne auf den Kaimaninseln verstecken, während an allen Ecken und Enden unseres Landes grosse Bedürftigkeit herrscht. Eure Habsucht muss ein Ende haben. Ihr könnt nicht weiterhin von allen Vorteilen profitieren, ohne jegliche Verantwortung zu übernehmen. Die Vereinigten Staaten brauchen ein gerechtes und fortschrittliches Steuersystem.
    Trotz der technologischen Explosion und der rasanten Produktivitätssteigerung ist das mittlere Jahreseinkommen einer Familie 5’000 Dollar tiefer als noch 1999. Die offizielle Arbeitslosenquote widerspiegelt in keiner Weise die Anzahl der Menschen, die bereits vom System abgekoppelt sind. Sie widerspiegelt nicht die 17 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, die unter den Schwarzen noch viel höher liegt, oder die 45 Millionen Personen, die in Armut leben. Viele davon arbeiten, aber mit nicht existenzsichernden Löhnen.
  • Die Macht der Lobbys über die Institutionen. In der Folge eines Urteils des Obersten Gerichtshofs wurden die Grenzen für Wahlkampfspenden aufgehoben. Damit öffnet sich ein weites Feld uneingeschränkter Einflussnahme der grossen Multis auf die KandidatInnen. Im Gegensatz zu nationalistischen Bewegungen, die vorgeben, dieselben Prinzipien zu verteidigen, stellt sich Sanders seltsamerweise nicht grundsätzlich gegen die Wahlkampffinanzierung, sondern plädiert für eine öffentliche, angemessene und egalitäre Finanzierung, um so der Korruption entgegenzuwirken.
  • Klimawandel. Die wissenschaftliche Gemeinde ist sich einig: Der Klimawandel hat bereits heute verheerende Folgen für die Welt. Wenn wir unsere Energieversorgung nicht mutig transformieren, wird es zu Katastrophen kommen, zu Hungersnöten, Überschwemmungen, Epidemien, zur Übersäuerung der Ozeane. Und diesen Kampf müssen die USA anführen.
  • Arbeit, Arbeit, Arbeit. Ein keynesianischer Sanders setzt auf einen neuen New Deal: ein massives Programm zur Erneuerung und Reparatur der landesweiten Infrastruktur, das bis zu 13 Millionen Arbeitsstellen schaffen kann. Trump nimmt diese Idee in sein Programm auf, allerdings mit Änderungen.
  • Handel. Keine weiteren Freihandelsabkommen. Seltsam, wie die diesbezüglichen Ängste von ausserhalb nun in die USA zurückschwappen und Sanders, Clinton und sogar Trump vereinen. Wie wir gesehen haben, löst Letzterer sogar Verträge auf, die bereits unterzeichnet waren.
  • Löhne. Der landesweite Mindestlohn von 7,25 Dollar pro Stunde reicht nicht zum Leben. Er soll innerhalb von fünf Jahren auf 15 Dollar angehoben werden. Die Stadt Los Angeles hat eine solche Erhöhung des Mindestlohnes bereits vorgenommen. Eine Kuriosität in den USA. Das Ziel der Nation soll es sein, dass ein Vollzeitarbeiter von seiner Lohn leben kann. Nicht wirklich revolutionär. Oder? Ausserdem schlägt Sanders Massnahmen vor, um die Lohngleichheit zwischen Mann und Frau zu erreichen. Die Frauen verdienen für dieselbe Arbeit 78 Cents pro Dollar eines Mannes.
  • Wall Street reformieren. Die Wall Street darf nicht weiter eine Insel sein, auf der mit riskanten Anlagen Milliarden verspielt werden, während zugleich auf Rettung durch den öffentlichen Sektor gehofft wird. Wenn eine Bank zu gross ist, um unterzugehen, ist sie auch zu gross, um zu existieren. Nordamerika braucht Banken, die Teil der Realwirtschaft sind.
  • Öffentliches Gesundheitswesen für alle, Schutz für die Verletzlichsten. Was Sanders in seinem Buch über die medizinische Versorgung schreibt, lässt einen die Haare zu Berg stehen. Paradoxerweise ist die Situation ausgerechnet in jenen Staaten deutlich schlechter, die mehrheitlich republikanisch wählen. Anderseits ist dort die Wahlbeteiligung auch am tiefsten. Sanders setzt sich für ein noch ambitionierteres System als Obamacare ein: für ein landesweites Programm zum Schutz der Kinder.
  • Ausbildung für alle. Grundbildung mit einem Minimum an Qualität, bezahlbare Universitäten und ein Ende der Studiendarlehen, welche die Studenten für Jahrzehnte belasten.
  • Krieg und Frieden. Wir leben in einer komplexen Welt, und es gibt sehr wohl Bedrohungen. Doch die USA müssen verantwortlich handeln: Keine Abenteuer wie im Irak mehr! Wir müssen den IS rigoros bekämpfen. Aber nicht nur. Es muss eine internationale Koalition unter der Führung von moslemischen Staaten gebildet werden, die nicht nur den Terrorismus besiegt, sondern auch Bedingungen für einen anhaltenden Frieden schafft.

Dies ist keine abschliessende Liste aller Ideen Sanders. Es gibt viele weitere, etwa zur Situation der Minderheiten, zum Kampf gegen den Diskurs des Hasses, zum Schutz der Diversität, zu einer fortschrittlichen Migrationspolitik. Einige dieser Ideen sind ausführlicher ausgearbeitet, andere nur angedeutet. Und dann gibt es auch solche, über die man diskutieren kann. Insgesamt ist nichts Revolutionäres an Sanders Programm, der sich offen zur Sozialdemokratie und zum Erbe von Franklin D. Roosevelt bekennt. Heutzutage ist es schon revolutionär, ein Sozialdemokrat zu sein. Die Wurzeln des klassischen demokratischen Sozialismus wiederzuentdecken gleicht in Zeiten der Verengung ideologischer Räume einem Bannstrahl gegen den ungezähmten Kapitalismus von heute.

Es hat auch nichts Überraschendes, dass ein Senator von 73 Jahren es geschafft hat, um seine Person eine Welle von Begeisterung und demokratischer Teilhabe zu verbreiten und Millionen von jungen Menschen zu politisieren. Er ist schlicht der einzige, der den Mut gehabt hat zu sagen, dass es nun genug sei. Zudem sei der König nackt.[3] (Tatsächlich sind es Tausende von Kindern in den ärmsten Elendsvierteln.) Das Establishment der Demokraten lag falsch, als es mit allen Mitteln den Sieg von Hillary Clinton anstrebte, während die massive Mobilisierung rund um Sanders ganz andere Signale aussandte. Für mich ist klar, dass Sanders heute Präsident wäre, wenn es zu einer Ausmarchung zwischen ihm und Trump gekommen wäre. Keine Frage, dass sich viele fortschrittliche Amerikaner ins eigene Bein geschossen haben, als sie in dummerweise Clinton angriffen. Ebenso gewiss ist es auch, dass ein ausgeprägteres politisches Bewusstsein vorausgesehen hätte, dass passieren würde, was passiert ist.

Schulz in Deutschland hat verstanden: Die Sozialdemokratie ist entweder links oder sie ist gar nicht mehr. Es geht nicht mehr um die Alternative zwischen «Verantwortung» oder «Chaos», sondern um jene zwischen Neoliberalismus oder Wandel. Und wenn die Sozialdemokratie nicht den Wandel verkörpert und am Schluss der Wandel auch kommt, wird es Chaos geben.


Anmerkungen:

[1] Erscheint in deutscher Übersetzung im Juni 2017 bei Ullstein: Bernie Sanders, «Unsere Revolution. Wir brauchen eine gerechte Gesellschaft» (ISBN-13 9783550050077)

[2] Spanischer Ökonome und Sondergesandter des United Nations Global Compact, einem weltweiten Pakt, der wischen der UNO und immer mehr Unternehmen geschlossen wird, um die Globalisierung sozialer und ökologischer zu gestalten.

[3] Der Autor bezieht sich hier auf das Märchen «Des Kaisers neue Kleider» von Hans Christian Andersen, in dem betrügerische Weber einem Kaiser vorgaukeln, sie hätten ihm ein edles Kleid gewoben, das nur von Leuten gesehen werden könne, «die ihres Amtes würdig und nicht dumm» seien. Dabei ist der König nackt, was allerdings weder er noch das Volk zugeben wollen.

Bild: Phil Roeder, CC-Lizenz via flickr.

Das Original der Buchrezension von Ibán García del Blanco ist auf dem Blog Tribuna Abierta bei eldario.es erschienen.

Harald Walach: «Spiritualität – Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen»

Auf dieses Buch habe ich gewartet – lange gewartet. Es will das Thema Spiritualität, das seit der Aufklärung in die «Schmuddelecke der Gesellschaft» verdrängt wurde, ins helle Licht einer wissenschaftlichen, also möglichst unbefangenen Auseinandersetzung rücken. Und das Vorhaben scheint mir durchaus geglückt. – Die Würdigung eines klugen Buches, das über weite Strecken auch noch Lesevergnügen bereitet.

Harald Walach, der Autor des Buches, ist Professor für Forschungsmethodik komplementärer Medizin und Heilkunde sowie Leiter des Instituts für Transkulturelle Gesundheitsforschung an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Als Wissenschaftler ist er einer der wenigen, die es wagen, Spiritualität öffentlich und in wissenschaftlicher Absicht ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Mehr noch: In seiner Kernthese, die dem vorliegenden Buch zugrundeliegt, erachtet er eine reflektierte Spiritualität als Voraussetzung für den Fortgang unserer modernen Kultur: «Wenn wir die Aufklärung konsequent fortführen, ist eine undogmatische Spiritualität die natürliche, ja die notwendige Konsequenz für unsere Kultur und ihre Rationalität. Ohne eine solche Spiritualität sehe ich wenig Hoffnung, weder für unsere Kultur, noch für ihre Rationalität, noch für die Aufklärung.»

Diesen Satz darf man sich ruhig auf der Zunge zergehen lassen. Er ist Balsam für eine suchende Seele in der heutigen Zeit. Denn trotz aller Rationalität, trotz aller Wissenschaft und trotz allem vernunftgesteuerten Handeln steht unsere Kultur an einem Abgrund, der noch nie so tief war und unser Menschsein grundsätzlich in Frage stellt. Gleichzeitig züngeln von überall her religiöse und andere Fundamentalismen als Heilsversprechen und Rettungsanker hervor und versuchen die Menschen in einen Bewusstseinszustand zu versetzen, wie er vor dem geschichtlichen Auftreten der Aufklärung weit verbreitet gewesen sein muss. In diesem Spannungsfeld müssen wir heute – individuell wie kollektiv – einen Weg des Ausgleichs finden, der nicht nur die Argumente der Vernunft, sondern auch die innere Erfahrung der Transzendenz berücksichtigt – und kulturwirksam macht.

Wegmarken im Spannungsfeld zwischen Vernunft und Transzendenz
Harald Walach zeigt in seinem Buch die Wegmarken dazu auf. Und das tut er sehr sorgfältig und dennoch gut verständlich, ja, zuweilen mit ausgesprochenem Witz. Zunächst stellt er seine eigenen Voraussetzungen, seinen kulturellen und Wissenshintergrund dar und klärt grundlegende Begriffe wie Spiritualität, spirituelle Erfahrung, Religiosität, Glaube, Doktrin, Dogma usw. Allein die Reflexion und gegenseitige Abgrenzung dieser Begriffe sind ein kleines Meisterwerk und sorgen für transparente und wasserdichte Grundlagen seiner weiteren Ausführungen. Überhaupt werden durch das ganze Buch viele Begriffe, die dem Leser, der Leserin nicht oder nur vage bekannt sein könnten, an Ort und Stelle oder – etwas ausführlicher – in einem Glossar charakterisiert. Auch das dient einer wohltuend transparenten Gedankenführung.

Danach folgt ein Kapitel zur Geschichte der Wissenschaft und zum folgenreichen Durchbruch der Aufklärung. Diese ist für den Autor nicht ein rein historisches und damit abgeschlossenes Ereignis. Im Gegenteil: «Aufklärung bedeutet immer auch Befreiung von Bevormundung, vor allem von solcher Bevormundung, die sich auf vage Autorität, unvernünftige Systeme und reine Machterhaltung stützt und nicht dem Gemeinwohl dient. In diesem Sinn ist die Aufklärung auch heutzutage noch lange nicht am Ende.»

Hier kommt der Autor auf ein zentrales Missverständnis der Aufklärung zu sprechen: Doktrin und Dogma der damals übermächtigen Religion wurden durch die Aufklärung durchaus zu Recht zurückgedrängt. Beides hat im Licht der Vernunft nichts zu suchen. Doch man meinte, sich damit auch der Spiritualität, also des individuellen Bedürfnisses nach Transzendenz, entledigt zu haben, das sich jenseits von Doktrin und Dogma bewegt und auf individueller Erfahrung beruht. Doch so begriffene Spiritualität ist nichts grundsätzlich Vernunftsfremdes: «Denn Spiritualität als menschliches Grundbedürfnis lässt sich genausowenig wegdiskutieren wie [etwa] Sexualität. […] Die letzten Dinge – die Frage nach Sinn und Zweck des Lebens, die Frage nach Aufgabe, Werten und ihrer Verfehlung – sie lassen sich nicht verdrängen. Sie kommen in Verkleidungen und Verzerrungen wieder auf uns zu.»

Wissenschaft des Bewusstseins
Walach spricht sich deshalb für eine undogmatische und reflektierte Spiritualität aus – und für eine Wissenschaft, eine Kartografie des Bewusstseins. Was er darunter versteht und wie das in den bestehenden Wissenschaftsbetrieb einfliessen könnte, skizziert er ausführlich in einem zentralen Kapitel des Buches. Eine undogmatische, reflektierte Spiritualität wäre mehr als «eine mögliche Beschäftigungstherapie für existenziell ausgehöhlte und alternde Zeitgenossen». Sie wäre «ein Erkenntnisprogramm, das idealerweise sogar das Erkenntnisprogramm der Wissenschaft im Sinn der Aufklärung ergänzen und erweitern könnte, ja sogar müsste».

In diesem Kapitel wird auch die spirituelle Praxis – also Konzentrationsübungen bis hin zu Kontemplation und Meditation – (natur-)wissenschaftlich beleuchtet: Was passiert neurologisch und physiologisch bei der Meditation? Lassen sich gesundheitliche Auswirkungen nachweisen? Und was geschieht psychologisch? Verändert sich die Persönlichkeit durch regelmässiges Meditieren? Diese und weitere Fragen werden zwar nicht abschliessend beantwortet. Es werden aber Wege aufgezeigt, wie mit ihnen wissenschaftlich umgegangen werden kann – und auch seit Jahren umgegangen wird. Es gibt also bereits gesicherte und ermutigende Erkenntnisse zur Wirkung von Meditation und spirituellen Übungen auf Körper, Seele und Geist des Menschen.

Da sich Walach einer «undogmatischen, reflektierten» Spiritualität verpflichtet fühlt, darf in diesem Buch ein Kapitel über «Zerrformen, Gefahren und Abgrenzungen» nicht fehlen. Denn zweifellos kommt man schnell auf intellektuelles Glatteis, wenn Spiritualität allzu pauschal abgehandelt wird, ohne den Begriff von Bedeutungszonen abzugrenzen, wo Vereinnahmung und Irrationalität herrschen und die Aufklärung einen schweren Stand hat. Eines der grossen Leistungen des Buches sehe ich gerade darin: Es ist ein verlässlicher, intellektuell redlicher Wegweiser in diesem Spannungsfeld von Irrationalität und individueller Erfahrung von Transzendenz, im Spannungsfeld von doktrinärer Wissenschaftsgläubigkeit und der Evidenz von meditativen Erfahrungen.

Spiritualität als Kulturfaktor
Am Schluss des Buches kommt der Autor auf die Sinnkrise der heutigen Welt zu sprechen, auf die vielfältige Gefahr des Fundamentalismus – und auf die Notwendigkeit, eine zeitgemässe Spiritualität in unserer Kultur zu verankern. Für die unterschiedlichsten Lebensbereiche sieht er darin ein Potenzial zur Bereicherung, ja Gesundung der Verhältnisse. So bringt zum Beispiel echte spirituelle Erfahrung notwendigerweise den Egoismus ins Wanken. Gier und Eigennutz haben keinen Bestand angesichts einer Einheiterfahrung in der Meditation. Das könnte zum Beispiel die Inspirationsquelle für intelligentere Konzepte des Wirtschaftens sein … «Man sollte sich durchaus das Denkexperiment erlauben, zu überlegen, was geschehen würde oder geschehen wäre, wenn ähnlich grosse Ressourcen in die genauere Erforschung des Bewusstseins, seiner Möglichkeiten und Grenzen, in die Bedeutung aussergewöhnlicher Erfahrungen des Bewusstseins und vor allem der spirituellen Einheitserfahrung und ihrer Nutzbarmachung investiert worden wäre. Möglicherweise hätten wir dann heute keine Atombombe, keine Atomkraftwerke, keine Sekundenkleber und Raumschiffe, aber vielleicht ein besseres Sozialgefüge, eine friedlichere Welt und andere Errungenschaften, von denen wir nicht einmal zu träumen wagen.»

Ja, auf dieses Buch habe ich gewartet – lange gewartet. Es zeugt von einem redlichen Erkenntnisbemühen und hinterfrägt Dogmen, die tief in unserer vermeintlich aufgeklärten Kultur verankert sind. Zudem gibt es Orientierungshilfe auf dem Weg zu einer reflektierten Spiritualität.

 

Harald Walach
«Spiritualität – Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen»

288 Seiten, Pappband mit Schutzumschlag
Drachen Verlag, Klein Jasedow 2011
ISBN: 978-3-927369-56-6

Charles Eisenstein: «Der Geist von Occupy»

Nichts weniger als eine Revolution des Bewusstseins sieht Charles Eisenstein hinter der Occupy-Bewegung. Es gehe ihr nicht so sehr darum, Korrekturen am Gesellschaftssystem einzufordern, sondern das System grundsätzlich in Frage zu stellen und einen Paradigmenwechsel einzuleiten, eine «Revolution der Liebe» zu verwirklichen, die niemanden ausgrenze, nicht einmal das eine Prozent der Menschheit, das – im Gegensatz zu den restlichen 99 Prozent – von den gegenwärtigen Verhältnissen profitiert. – Die Besprechung eines berührenden Büchleins.

Zwei kurze, holzschnittartige Essays des «Spin-Doktors der Occupy-Bewegung» vereinigt das schmale Buch, dessen deutsche Übersetzung im Scorpio-Verlag erschienen ist. Das erste, «Keine Forderung kann gross genug sein», lotet die Motive der Occupy-Bewegung aus und führt sie auf nichts geringeres als eine «Revolution des Bewusstseins» zurück. Im zweiten Essay unter dem Titel «Geld und die Krise der Zivilisation» zeichnet Eisenstein, der an der Universität von Yale Philosophie und Mathematik studiert hat, in groben Zügen unser Geldsystem nach und zeigt auf, wie es unsere Zivilisation an den Abgrund gebracht hat.

«Keine Forderung kann gross genug sein»
Den Protestbewegungen der Empörten in Europa und den Vereinigten Staaten wurde immer wieder vorgeworfen, sie hätten keine klaren Forderungen, mit denen sie auf die aktuelle Politik Einfluss nehmen könnten. Die Proteste seien deshalb nicht geeignet, Änderungen im bestehenden Gesellschaftssystem herbeizuführen. Doch der Bewegung geht es eben nicht um einzelne Korrekturen – oder gar um Reparaturen der Wachstumsmaschine. Die Empörung greift wesentlich tiefer. Die Motive der Proteste zielen auf die Grundlagen unserer Gesellschaft: auf eine grundsätzliche und demokratische Erneuerung des gesellschaftlichen Zusammenlebens («Echte Demokratie jetzt!»), auf die bedingungslose Respektierung der Würde aller Menschen, ja, aller Kreatur und der Erde als solcher («Wir sind keine Ware in den Händen von Politikern und Banquiers»). Nicht nach dem politisch Machbaren greift die Occupy-Bewegung, sondern nach einer Wende in der Menschheitsentwicklung. «Jede Forderung, die wir im Rahmen der politischen Realität stellen können, ist zu gering. Jede Forderung, die wir stellen können, weil sie das widerspiegelt, was wir wirklich wollen, ist politisch unrealistisch», so Eisenstein.

Der Autor bezeichnet den Impuls der Protestbewegungen als eine Revolution der Liebe, «… selbst auf die Gefahr hin, damit als Idealist dazustehen». Die Aufgabe der Bewegung bestehe darin, sich «für eine Welt einzusetzen. die wahrhaft schön, fair und gerecht sei».

Nun, man kann dem Autoren einiges vorwerfen: Er sei ein naiver Idealist, es fehle ihm an politischem Bewusstsein – und einer entsprechenden Stossrichtung – und er verkläre die Motive der Occupy-Bewegung zu einer vermeintlich harmlosen «Revolution der Liebe». Doch damit macht man es sich zu einfach und misst ein offensichtlich neues Phänomen mit alten Massstäben. Denn die Bewegung proklamiert nicht so sehr hoch stehende Ziele, sondern lebt ganz praktisch neue Formen des gemeinsamen Willens und Aktivismus. Allerdings droht sie zurzeit – das muss man mit Bedauern feststellen – in der zunehmenden Polarisierung der Gegenwart von Kämpfen nach alten Mustern übertönt und verdrängt zu werden.

«Geld und die Krise der Zivilisation»
Im zweiten Essay beschreibt Charles Eisenstein anschaulich, wie unser Geldsystem letztlich zu Krise und Zusammenbruch führen muss. Denn die Geldmenge wächst durch die Zinsen, Zinseszinsen und die Geldschöpfung aus dem Nichts mit mathematischer Gewissheit ins schier Unermessliche. Wirtschaftlich gibt das indessen nur Sinn, wenn dieser wachsenden Geldmenge auch ein wachsendes Volumen an Waren und Dienstleistungen gegenübersteht, die dem Geld erst einen realen Wert verleihen. Und dieser Hunger des Geldkreislaufes nach realen Werten bewirkt, dass tendenziell alles und jedes der menschlichen Lebenswelt zur handelbaren Ware oder Diensleistung gemacht wird. Wie eine riesige Krake greift das Geldsystem nach allen realen Werten, um sie sich einzuverleiben. «Die Krise, der wir heute gegenüberstehen, ist aus der Tatsache entstanden, dass es kaum noch soziales, kulturelles, natürliches und spirituelles Kapital gibt, das sich zu Geld machen liesse. Jahrhunderte, Jahrtausende beinahe ungebrochener Gelderzeugung haben uns so mittellos gemacht, dass wir nichts mehr zu verkaufen haben.»

Eisenstein konstatiert, was viele zutiefst empfinden: Die Pleite dieses Geldsystems ist unausweichlich. Doch bei dieser Analyse, die gar so neu nicht ist, bleibt er nicht stehen. Vielmehr sieht er darin auch die Möglichkeit, dass ein gänzlich neues Verständnis von Geld und Wirtschaft – ein neues Bewusstsein darüber – entstehen kann, ja, entstehen muss, um der globalen Erschöpfung zu entrinnen. Und dabei geht es um nichts geringeres, als «Dinge aus dem Reich der Waren und Dienstleistungen zu holen und sie in das Reich der Gaben, der Gegenseitigkeit und der Gemeinschaftlichkeit zurückzubringen». Eisenstein sieht in der aktuellen Krise die Möglichkeit gegeben, dass aus einer vom Eigennutz beherrschten Wirtschaft eine solidarische, brüderliche Wirtschaft hervorgeht – aus reiner Not zunächst, doch immer mehr auch aus einer «Revolution unseres Selbstempfindens, unserer Identität». Denn das «für sich stehende, getrennte Ich eines Descartes und eines Adam Smith hat sich totgelaufen und ist überholt. Wir erkennen unsere Untrennbarkeit voneinander und von der Gesamtheit des Lebens. Zins täuscht über diese Einheit hinweg, weil er auf das Wachstum des getrennten Ichs abzielt, und zwar zulasten von etwas Externem, etwas anderem.»

Eisenstein sieht am Ende einer Ökonomie des Egoismus eine Kultur des Schenkens aufkeimen, eine Kultur, die auf einem neuen, erweiterten Selbstverständnis fusst und über die rein materialistische Kultur der Gegenwart hinausweist.

 

Charles Eisenstein:
«Der Geist von Occupy»

64 Seiten, kartoniert
Scorpio Verlag, München 2012
ISBN 978-3-942166-94-2

„Empört euch!“ – Doch genügt das?

Stéphane Hessels Büchlein „Empört euch!“ verkauft sich in Frankreich wie warme Semmeln. Auch in Deutschland und der Schweiz ist der Verkauf gut angelaufen. Woran mag das liegen? Denn wirklich Neues erzählt es kaum, noch ist es ein publizistisches Meisterwerk. Trotzdem scheint es den Nerv der Zeit zu treffen. – Die streitbare Besprechung einer Streitschrift.

Nicht dass das schmale Bändchen schlecht wäre. Ich habe jedenfalls die 15 Textseiten in einem Durchgang gelesen – und am nächsten Tag noch ein zweites Mal. Und das tue ich mir mit einem schlechten Text nicht an. Trotzdem lässt mich die Streitschrift „Empört euch!“ etwas ratlos zurück – und die Empörung über den Weltenlauf kam beim Lesen auch nicht so richtig in Fahrt …

Ist es die Wirkkraft der eindrücklichen Biografie Hessels, die dem Aufruf zum Widerstand Flügel verleiht? Hessel ist 93 Jahre alt, Philosoph, ehemaliger Diplomat und war im Zweiten Weltkrieg Mitglied des französischen Widerstands gegen die Besatzung durch die Nazis. Kurz vor der Befreiung Frankreichs wurde er von der Gestapo verhaftet, gefoltert und schliesslich nach Buchenwald verschleppt, wo er nur durch Zufall dem Tod entrann. Nach einer Odyssee durch weitere Lager konnte er schliesslich fliehen und sich zu den Alliierten durchschlagen. Nach dem Krieg trat er in den diplomatischen Dienst ein und war bei der UNO an der Ausarbeitung der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte beteiligt.

Zum Inhalt
Die Streitschrift „Empört euch!“ ist eine Art Vermächtnis an die Nachkommen, ein Aufruf  an die Jugend, sich empören zu lassen durch die Missstände in der heutigen Welt, Missstände, die in den letzten zehn Jahren deutlich gewachsen seien und das Überleben der Menschheit und des ganzen Planeten in Frage stellten. Diesen heutigen Zustand Frankreichs, ja, der ganzen Welt, vergleicht Hessel mit der sozialen und gesellschaftlichen Erneuerung, die unmittelbar nach dem Ende des Krieges durch den Nationalen Widerstandsrat und die provisorische Regierung in Frankreich angestossen wurde – und kommt zu einem vernichtenden Urteil: „Dieses gesamte Fundament der sozialen Errungenschaften ist heute in Frage gestellt.“

In der Empörung angesichts des mutwilligen Abbaus der sozialen Sicherheit, der Vereinnahmung der Medien durch die Macht des Geldes, aber auch angesichts der Knechtung des palästinensischen Volkes durch die israelische Regierung und, und, und … in dieser Empörung sieht Hessels eine erste unentbehrliche Reaktion, um sich einzumischen – und um Widerstand zu leisten. Der Widerstand müsse allerdings gewaltlos sein und sich etwa am Beispiel Nelson Mandelas oder Martin Luther Kings orientieren. Er müsse ein „Aufstand der Friedfertigkeit“ sein. Am Schluss ruft Hessel, gleichsam als Quintessenz, den jungen Frauen und Männern zu: „Neues schaffen heisst Widerstand leisten. Widerstand leisten heisst Neues schaffen.“

Gut gemeint, aber naiv
So weit, so gut … gemeint. Wirklich aufzurütteln vermag diese Erkenntnis kaum. Wenn der Text berühren kann, so weil er von einem alten Mann in seiner letzten Lebensphase an die Jugend gerichtet ist, grad so wie wenn der Grossvater zu seinen Enkeln spricht. Hessel wünscht sich, dass die Jugend seine Erfahrungen sich zu eigen macht und Widerstand leistet, auch wenn die Missstände, die Anlässe für die Empörung nicht mehr so klar erkennbar seien wie damals die Besatzung Frankreichs durch Nazideutschland. Doch funktioniert das Leben so? Lehnen sich die Enkel auf, weil ihnen der Grossvater sagt, sie sollen sich auflehnen?

Überhaupt wirkt der Text auf mich – dort wo er Aufruf ist, nicht dort wo er Erzählung ist – ziemlich naiv, gut gemeint, aber naiv. Zum Beispiel wenn es heisst: „Es ist höchste Zeit, dass Ethik, Gerechtigkeit, nachhaltiges Gleichgewicht unsere Anliegen werden.“ Auch scheint mir das Büchlein etwas zusammengeschustert, ganz so, als wäre es in aller Eile hingeschrieben, angesichts des nahenden Todes noch schnell dem Leben abgetrotzt. Und es enthält auch einige Ungenauigkeiten – Gewalt wird zum Beispiel generell mit Terrorismus gleichgesetzt – und Patzer: „Dass Juden Kriegsverbrechen begehen können, ist unerträglich.“ Gibt es denn Völker, bei denen es erträglich ist, wenn sie Kriegsverbrechen begehen?

Genügt Empörung?
Auch die Kernbotschaft der Streitschrift lässt mich etwas ratlos zurück. Genügt Empörung? Und führt sie wirklich – quasi automatisch – zu Engagement und Widerstand? Ist nicht auch Hass und Zerstörungswut eine mögliche Folge? Dann nämlich, wenn eine Perspektive fehlt, für die es sich zu kämpfen lohnt. Und gerade hier, bei der fehlenden Perspektive, sehe ich eine wichtige Ursache für unsere gelähmte, lähmende Gegenwart – nicht nur in Frankreich, in der ganzen Welt. Da hatten es die Widerstandskämpfer einfacher. Die Befreiung von den Besatzern war ein hehres Ziel.

Stéphane Hessel, „Empört euch!“, Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2011

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