Sechs Jahre nach dem Arabischen Frühling

Tahrir-Platz, Kairo, 18. November 2011

Der Politologe und langjährige Kenner der arabischen Welt Gilbert Achcar wirft in seinem jüngsten Buch einen differenzierten Blick auf die revolutionären Aufstände des «Arabischen Frühlings» – und was daraus geworden ist. Eine Buchbesprechung von Bernard Schmid für die Zeitschrift «Archipel». Übersetzung aus dem Französischen: Walter B.

Wie konnte sich die Hoffnung, die weit über nationale und kontinentale Grenzen hinaus geteilt wurde, in Verdruss, ja Entsetzen verwandeln, zumindest fürs Erste? Diese Frage haben viele Beobachterinnen und Beobachter der politischen Entwicklung in den arabischen und arabischsprachigen Ländern seit 2011 gestellt, dem Jahr der Revolten und der international weit um sich greifenden Euphorie.

Lassen wir das bekannte, seit 2012 kursierende und reichlich abgenutzte Wortspiel, «der Arabische Frühling hat einem islamistischen Winter Platz gemacht», beiseite und beschäftigen uns mit den tieferen Gründen für den Befund, der sich aufdrängt: Ja, sechs Jahre nach dem Höhepunkt der Revolten, die sich von Marokko bis nach Bahrain und Oman ausgebreitet hatten, ist der erhoffte fortschrittliche, demokratische und soziale Wandel ausgeblieben.

Der Intellektuelle und scharfsinnige Beobachter der arabischen Welt Gilbert Achcar, der 2013 bereits «Le peuple veut. Une exploration radicale du soulèvement arabe» [«Das Volk will. Eine radikale Erkundung des arabischen Aufstands»] veröffentlicht hatte, befasst sich in seinem jüngsten Buch, erschienen im Januar 2017, erneut mit den Veränderungen und Spannungen, welche die «arabische» Region seit mehreren Jahren umtreiben.

Zunächst warnt er in der Einführung ein für alle Mal vor falschen Denkmustern, die verhindern, dass die Wirklichkeit der Bewegungen, die sich in dieser Weltgegend ereignen, überhaupt ins Auge gefasst werden kann. Zwei falsche Grundhaltungen stehen einander gegenüber. Auf der einen Seite findet man die essentialistische, kulturalistische Sichtweise, die besagt, dass die Kultur und/oder die Religion der Völker mehrheitlich per se ein Hindernis für jeglichen Fortschritt darstelle und der Islam mit der Aufklärung und der Demokratie nicht vereinbar sei. Eine solche Ansicht hat viele Geister vor 2011 geprägt. Als Beispiele zitiert Gilbert Achcar Textstellen von Samuel Huntington und hauptsächlich von Francis Fukuyama. Diese Anschauung wurde allerdings durch die Umbrüche in jenen Monaten der Jahre 2010/2011, als mehrere Regime ins Wanken gerieten, weitgehend hinweggefegt.

Kein schneller Regimewechsel

Damals hat sich, so erinnert uns Gilbert Achcar, ein anderer, scheinbar diametral entgegengesetzter Diskurs entwickelt, der allerdings nicht weniger falsch ist. Dieser meint, in den Bewegungen der arabischsprachigen Länder die Wiederholung einer anderweitig beobachteten Tendenz zu erkennen, nämlich einen angeblich generellen Trend hin zur Demokratisierung des westlichen und liberalen Typs, wie in Südamerika der 1980er Jahre oder in Osteuropa zwischen 1989 und 1991. Viele Stimmen sagten nun einen schnellen Wechsel der Regime voraus. Deren Ende sei vorhersehbar und würde in ein weitgehend ähnliches politisches System münden, wie es zum Beispiel in der Europäischen Union herrsche. Diese Sichtweise ist völlig verkehrt. Weder in Ägypten noch in Syrien, weder in Libyen noch in Bahrain hat sich die Erwartung ihrer Anhänger und Anhängerinnen erfüllt. Ein solcher Umschwung ist in diesen und anderen Ländern ausgeblieben.

Der Autor legt dar, weshalb seiner Auffassung nach der Wandel in den Ländern des ehemaligen Ostblocks deutlich oberflächlicher war und deshalb auch schneller vonstatten ging als jener, der in der Mehrzahl der arabischen Länder als einzig möglicher erscheint. In den Ländern des ehemaligen «Realsozialismus» lag die Staatsmacht in den Händen einer sozialen Gruppe, «die nicht durch die besitzende Klasse dominiert war, sondern durch die Bürokraten der Staatspartei, also durch Funktionäre. Die allergrösste Mehrheit dieser Bürokraten, die wohlverstanden unten in der Pyramide angesiedelt waren, konnte damit rechnen, ihre Stelle zu behalten oder eine andere zu finden und mit dem Übergang zum Marktkapitalismus sogar ihre Kaufkraft zu erhöhen. Und ein beachtlicher Teil der Mitglieder der höheren Dienststufen konnte damit rechnen, kapitalistische Unternehmer zu werden, indem sie aus der wirtschaftlichen Privatisierung Nutzen zogen.»(Achcar S. 21 f.)

Nichts Derartiges lässt sich in der Mehrzahl der arabischen Länder beobachten. Hier, in den Staaten, die der Autor als «patrimonial» oder «neopatrimonial» bezeichnet, ist es oft eine durch erweiterte Familienzugehörigkeit oder durch «Blutsbande» definierte Gruppe, die Macht und Reichtum beansprucht. Das gilt ebenso für traditionelle Monarchien (Marokko, Jordanien, Golfstaaten) wie für Staaten, die zwar von einer bürokratischen Schicht regiert werden, in deren Inneren aber eine einzige Familie alle Schalthebel der Macht übernommen hat (der Irak von Saddam Hussein sowie das Syrien von Hafiz und später Baschar al-Assad) oder den Zugang zum Reichtum kontrolliert (Tunesien unter Ben Ali mit Unterstützung seiner angeheirateten Verwandtschaft). Abgesehen davon sind die meisten – aber nicht alle – arabischen Länder Rentierstaaten, die von der Monopolisierung der Einnahmen durch den Export von Bodenschätzen profitieren. Unter solchen Bedingungen ist es für die Machtelite eine Frage des sozialen Überlebens, dass sie sich an der Spitze des Staatsapparates halten kann. Im Fall eines Sturzes des Regimes riskiert diese mindestens den völligen Verlust ihrer Privilegien.

Es ist deshalb, so stellt der Autor fest, völlig illusorisch, in der Mehrheit der Länder dieser Region mit einem schnellen, friedlichen, gleichsam einvernehmlichen Wandel ohne Hindernisse zu rechnen. Wenn also der revolutionäre Prozess, der seit den Jahren 2010/2011 im Gange ist, ins Stocken zu geraten scheint, sich hinzieht und Rückschläge erleidet, so spricht das nicht gegen dessen Existenz, sondern ist im Gegenteil angesichts des Befundes, der eben dargelegt wurde, nichts als logisch. Seine Feinde sind weiterhin mächtig und entschlossen – aber hauptsächlich darin, als privilegierte soziale Gruppe das eigene Überleben zu sichern.

Zwischen zwei Feinden

Wie Gilbert Achcar in seinem Buch immer wieder betont, steht der revolutionäre Prozess nicht einem einzigen Feind gegenüber, nämlich der Konterrevolution, sondern zwei Feinden, die eine «doppelte Konterrevolution» darstellen. Auf der einen Seite sind das die Eliten an der Macht, die auf keinen Fall ihre beherrschende Stellung aufgeben wollen und sich dabei auf den Sicherheitsapparat stützen, dessen Ausbau sie mit einem «antiterroristischen» Diskurs begründen. Auf der anderen Seite sind es die pseudoalternativen Radikalen in Form der islamistischen Bewegung. Diese profitiert von einer Aura der Radikalität wegen ihres Diskurses der «kulturellen» Konfrontation mit den herrschenden – westlichen – Mächten, hat aber nie die Formen der wirtschaftlichen Dominanz in Frage gestellt. Die Mehrzahl der islamistischen Bewegungen verteidigt übrigens klar den wirtschaftlichen Liberalismus und beruft sich dabei auf Textstellen im Koran, wo die Welt des Handels gewürdigt wird.

Diese Bewegungen, fügt Gilbert Achcar an, könnten sich oft auf ein Dreigestirn von Mächten stützen, die alle wegen ihres Status als Ölmacht über beträchtliche Mittel verfügen. Es handelt sich dabei um das Königreich Saudi-Arabien, das Emirat Katar und die Islamische Republik Iran (S. 24).

Ein guter Teil des Buches besteht aus Untersuchungen der politischen Entwicklung einzelner Länder nach 2011 vor dem Hintergrund des analytischen Rasters, das auf der einen Seite eine Volksbewegung sieht, dessen verschiedene Lager ein besseres Leben für den Grossteil der Gesellschaft anstreben, und auf der anderen, gegenüberstehenden Seite die beiden Flügel der Konterrevolution. Diese Konstellation ist in dem Sinne dynamisch, als die beiden Flügel der Konterrevolution manchmal zur Zusammenarbeit bereit sind, um gemeinsam die «Ordnung» und den wirtschaftlichen Liberalismus zu verteidigen – zum Nachteil der Volksbewegung und der sozialen Interessen eines Grossteils der Bevölkerung –, und manchmal sich gegeneinander stellen und sogar gewaltsam bekämpfen. Die verschiedenen Lager der Volksbewegung werden deshalb in gewisser Weise zu Geiseln, die von beiden Seiten der Konterrevolution in die Zange genommen werden.

Der syrische Konflikt

Der zentrale Teil des Buches befasst sich mit der Untersuchung von zwei Fällen: diesen von Syrien (S. 35–109) und den von Ägypten (S. 111–225). Im syrischen Konflikt bleibt das repressive Regime des Assad-Clans der vorherrschende Akteur, Urheber schlimmster Gräuel, von der systematischen Anwendung der Folter bis hin zu den Fassbomben, die über Städte und Wohnquartiere abgeworfen werden. Es stützt sich auf die vereinte militärische Stärke Russlands und der iranischen Diktatur. Gilbert Achcar ist kein Anhänger einer Intervention westlicher Militärmächte, stellt aber fest, dass vor allem die Regierungen dieser Mächte selbst es nicht sind. «Aber die Administration Obama hat sehr wohl in Syrien eingegriffen», stellt Achcar fest, «und zwar auf ganz entscheidende Weise, indem sie ihre regionalen Verbündeten [die Türkei und die Golfstaaten] daran gehindert hat, der syrischen Opposition jene Waffen zu liefern, die diese gebraucht hätte. Damit hat Obama das Ungleichgewicht verstärkt, das durch die Intervention Russlands und des Irans entstanden ist.» (S. 40) Es geht hier um die Lieferung von Luftabwehrwaffen sehr kurzer Reichweite, die es erlaubt hätten, sich gegen Bombardierungen aus niedriger Höhe zu verteidigen. Ihre Lieferung war eine Zeitlang von sunnitischen Kräften – zumindest von gewissen Strömungen, die den syrischen Aufstand unterstützten – erwogen worden, ist aber stets am Veto der USA gescheitert. Der Grund dafür liegt in einem tiefen Misstrauen gegenüber dem Vermögen der syrischen Opposition, einen kontrollierten und «vernünftigen» Übergang zu garantieren, die Interessen der USA zu wahren und diese des Nachbarstaates Israel nicht zu verletzen.

Während die syrische Opposition und das herrschende Regime die wichtigsten Gegenspieler sind, hat Letzteres die jihadistischen Strömungen der Al Kaida und vor allem des Islamischen Staats (IS) zu seinem «Lieblingsfeind» (S. 54) erkoren und zum Hauptfeind Syriens erklärt. Nun aber «wird das syrische Regime den IS nur insofern und in dem Masse bekämpfen, als es sich davon eine Stärkung seiner Position im Kampf gegen den wichtigsten Feind verspricht, gegen die mehrheitliche Opposition.» (S. 66) Abgesehen davon ist der Konflikt zwischen den beiden weitgehend künstlich und begrenzt, zudem ein «abgekartetes Spiel» (S. 64), verbunden mit einer provisorischen und teilweisen Gebietsaufteilung untereinander.

Ägypten

Was nun Ägypten angeht, so beschränken wir uns hier auf eine kurze Zusammenfassung der Situation durch den Autor (S. 157 f.): «Der revolutionären Welle, die am 25. Januar 2011 losbrach, haben sich kurze Zeit später die Muslimbrüder angeschlossen, die wichtigste reaktionäre Kraft der Opposition gegen das herrschende Regime. Mit diesen hatten die progressiven Kräfte, die Linken und die Liberalen, bis anhin unter schwierigen Bedingungen zusammengearbeitet. (…) Die erste revolutionäre Welle wurde am 11. Februar [2011] mittels eines konservativen Staatsstreichs durch das Militär beendet, so dass das alte Regime mit der Unterstützung der Muslimbrüder erhalten werden konnte. Die beiden Flügel der Konterrevolution (…) haben zusammengearbeitet, bis der wachsende Einfluss des islamischen integristischen Flügels dazu führte, dass eine Grenze überschritten wurde», indem die Muslimbrüder im Jahr 2012 einen der Ihren, Mohammed Mursi, zum Präsidenten wählen liessen und versuchten, den Einfluss der früheren Elite zu beschneiden. Und danach: «Die zweite revolutionäre Welle wurde ihrerseits am 3. Juli [2013 in der Folge von Massendemonstrationen gegen Präsident Mursi] durch einen reaktionären Staatsstreich beendet.» Die Zeit danach ist durch das extrem repressive Regime gekennzeichnet, das seit der Wahl des Präsidenten al-Sisi im Jahr 2014 alles tut, um das Land unter einer bleiernen Decke zu halten.

Im letzten Teil des Buches geht der Autor kurz auf andere Länder ein, die 2011 von der Welle der Revolten erfasst worden waren, darunter Jemen, Libyen, aber auch Tunesien. Gerade im Fall dieses letzteren Landes findet man ein Beispiel für eine «friedliche» Zusammenarbeit der beiden konterrevolutionären Flügel, insofern die Partei Nidaa Tounes, die im Jahr 2012 gegründet wurde und auf eine teilweise oder vollständige Restauration des alten Regimes hinarbeitet, seit den Wahlen Ende 2014 zusammen mit der islamistischen Partei Ennahda regiert. Gilbert Achcar stuft diese Situation als ein geringeres Übel ein, nicht so sehr wegen der zu erwartenden Ergebnisse der Regierungsarbeit, sondern weil dadurch die Volkskräfte nicht in einem Pseudokonflikt zwischen zwei konterrevolutionären Akteuren als Geisel genommen werden können. Zudem, so fügt der Autor an, verhindert dies, dass die tunesische Linke sich mit einem der beiden konterrevolutionären Akteure gegen den anderen verbündet. Im Jahr 2012 war anlässlich der Mobilisierung gegen die von der Ennahda geführten Regierung ein Teil der Volksfront versucht, in eine anti-islamistische Allianz mit Nidaa Tounes einzutreten. (S. 241)

Die Allianz zwischen den beiden grossen konterrevolutionären Kräften ist nach Achcar das von den USA und der Europäischen Union bevorzugte Szenario. Aber gerade aus dem soeben skizzierten Grund «stellt sich heraus, dass es auf eine sehr ungewohnte Weise auch aus progressiver Sicht das beste Szenario ist». (S. 245)

Es liegt an der arabischen Linken, so schliesst Achcar, Hoffnungsträgerin für eine sozialere, demokratischere und mit gleichen Rechten für die Frauen ausgestattete Zukunft zu sein. «Damit ein künftiger arabischer Frühling zu einem andauernden Frühling werden kann, müssen entschieden unabhängige progressive Leitmotive erarbeitet werden, die man bis anhin schmerzlich vermisst. Ohne solche Leitmotive wird es unmöglich sein, die soziopolitische Ordnung radikal umzustossen und eine neue aufzubauen (…).» (S. 251)

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Anmerkungen:

Gilbert ACHCAR: «Symptômes morbides. La rechute du soulèvement arabe», Sindbad – Actes Sud, Arles 2017, 279 Seiten, ISBN 978-2-330-07322-0, bisher nur auf Französich erschienen.

Die Seitenangaben im Text beziehen sich auf diese Ausgabe.

Die Buchbesprechung ist in Deutsch in der Zeitschrift «Archipel», Juni 2017, erschienen.

Bild: Tahrir SQ. nov18 von Ahmed Abd El-Fatah, CC-Lizenz via flickr

 

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Auf Du und Du mit Krankheit und Tod

Der Basler Schriftsteller und Dramatiker Frank Geerk (17. Januar 1946 – 7. Februar 2008) litt die letzten zwanzig Jahre seines Lebens an einer schleichend voranschreitenden Krankheit. Den schweren Ball, den ihm das Schicksal zuwarf, nahm der Dichter – zuerst zögerlich, dann immer leichteren Herzens – auf und begann Krankheit und Tod als Motor für seine innere Entwicklung zu begreifen. In seinem Tagebuch lässt sich das wunderbar nachvollziehen. – Eine Leseempfehlung.

Heute mehrere Stunden in Frank Geerks Tagebuch gelesen, das 2003 unter dem Titel «Die Welt ist das Auge des Sehers» veröffentlicht worden ist. Zur selben Zeit wie die Aufzeichnungen entstand eine Vielzahl von Aquarellen, die im selben Band abgedruckt sind. Der Autor und Maler lebte zu jener Zeit in Ramonchamp, einem kleinen Dorf in den Vogesen, und war von seiner Krankheit bereits stark gezeichnet. In den Einträgen kommt eine ungewöhnlich tiefe und produktive Auseinandersetzung mit seiner Krankheit zum Ausdruck.

Man könnte das Tagebuch in einem Zuge lesen, so ungekünstelt und schlicht ist es geschrieben. Gleichzeitig ist die Sprache präzise und teils poetisch. Zum einen rapportiert Geerk die Herangehensweise und Erfahrungen beim Aquarellieren, das er erst kürzlich und nach vielen Jahren wieder aufgenommen hat und nun täglich betreibt. Das Sprechen fällt ihm krankheitsbedingt immer schwerer. So findet er in der Malerei zu neuem Ausdruck. Durch sie erschliessen sich ihm neue Kommunikations- und Erkenntniswege: «Ich suche mir irgendeinen Gegenstand, der mich besonders fasziniert. Im Umgang mit ihm findet zunächst Identifikation statt, dann immer tiefere Sympathie und Verständnis. Dieser Prozess gipfelt in einem Akt der Liebe, der das Innerste nach aussen kehrt und das Ding in seinem wahren Wesen zeigt; das ist der Akt des Malens. – Jeder Bild ist ein Liebesakt.»

Ein Forscher in Sachen Krankheit und Tod

Routiniert legt er auch Zeugnis ab von seinem Umgang mit der Krankheit und dem nahenden Tod. Mit geradezu wissenschaftlicher Neugier stellt er sich den Zumutungen und Ängsten, welche seine Krankheit, die sogenannte Multiple System-Atrophie, mit sich bringt. Die Texte lesen sich wie das Tagebuch eines Forschers, der ein ihm unbekanntes Land bereist. Die Sprache ist ebenso klar wie dicht. Liebevoll werden manche Episoden des Alltags eingeflochten. Etwa die wiederholten Versuche, eine Maus, die Geerk inzwischen allerdings ins Herz geschlossen hat und Putzi nennt, aus seinem Haus zu spedieren, da sie es sich in seiner Küche bequem, allzu bequem gemacht hat. Hartnäckig kehr Putzi immer wieder zurück. Die Maus zu töten kommt längst nicht mehr in Frage. So arrangiert er sich und lebt fortan mit Putzi in Hausgemeinschaft.

Doch hauptsächlich beschäftigen sich die Aufzeichnungen mit seiner Krankheit und seiner Wandlung hin zum Seher – so bezeichnet er sich selbst –, unterstützt durch seine täglichen Mal-Aktivitäten.

Da ich mir vorgenommen habe, einen Text über Frank Geerks Umgang mit Krankheit und Tod zu schreiben, markiere ich die Textstellen, die mir wichtig erscheinen, mit Haftnotizen. Bald sind es so viele, dass ich besser die Stellen markieren würde, die mir nicht wichtig erscheinen. Vorbildhaft setzt sich Frank Geerk mit Krankheit und Tod auseinander, in dem Sinne, dass er beidem, Krankheit und Tod, einen Sinn abzuringen vermag, einen Anstoss zur Selbsterziehung auch, zur inneren Entwicklung, die ohne die Krankheit und das Bewusstsein des nahenden Todes ausbleiben würde. Ich kenne bloss einen einzigen anderen Menschen, nämlich B., die mit ihrer Krankheit in ähnlich fruchtbarer Weise umzugehen im Stande ist.

Natürlich bleiben Trauer und Entsetzen über seine Krankheit nicht aus, ebensowenig Verzweiflung. Doch mit der Zeit obsiegt die Gewissheit, dass die Krankheit einen Sinn hat und die Heilung letztlich darin besteht, eben diesen Sinn zu ergründen und zu klären. Es gibt Hoffnung auf Heilung, wenn man nur redlich danach forscht, was die Krankheit einem sagen will: «Um zu genesen, sind alle Hilfsmittel recht. Operationen und Medikamente, warum nicht? Und doch wäre wichtiger, den Sinn der Krankheit zu erkennen und anzuerkennen. – Es gibt keine Krankheit, es gibt nur Verwandlung.» Oder: «Seit ich die Krankheit als alchemistischen Erkenntnisprozess deute, beschenkt sie mich reicher denn je. Darin liegt eben die Macht der Interpretation: sie beeinflusst Verlauf und Wesen.» Selbst der Tod wird zur Nebensache: «So reich beschenkt mich diese Krankheit, dass ich inzwischen gar nicht mehr auf Genesung schiele. Ist der Tod der Preis, zahl ich ihn gern.» Und weiter: «Meine Symptome, Hausgeister meines Körpers, die emsig darüber wachen, dass ich mich weiterentwickle. Und sie nehmen zu! Ich sehe schon das Endstadium vor mir: der Körper erstarrt, die Seele erleuchtet.»

«Alle Angst ist Todesangst»

Eine wichtige Spur im Tagebuch – und in den letzten Jahren seines Lebens ist der fruchtbare Umgang mit dem Tod und mit der Todesangst: «Gewiss, der Tod erscheint grauenhaft, aber hat auch das lichte Gesicht der Erlösung. Eine Welt ohne Tod? Grauen an sich! Eine Welt ohne Alternative, ohne Ausweg und ohne Freiheit.» Ein Buch gegen die Todesangst nimmt er sich vor zu schreiben: «Ein Buch in Form von Reden. Es beginnt mit der Demaskierung aller menschengemachten Ängste, auf denen ganze Herrschaftssysteme aufgebaut sind […]; es folgen Beispiele aus der Natur, aus denen hervorgeht, dass alles nur ein Wandel ist, der Tod in Wahrheit eine Brutstätte des Lebens; und es gipfelt schliesslich in einer zeitgemässen Jenseitsvision […] Der Schlüsselsatz ist und bleibt: alle Angst ist Todesangst.» Das Buch muss noch geschrieben werden.

Keine Frage, mindestens ein Empfinden für Transzendenz, für ein Jenseits von Geburt und Tod muss vorhanden sein, damit ein angstfreier Bezug zu Krankheit und Tod überhaupt möglich wird. Schmerz und Leiden, auch Behinderung wären ohne die Möglichkeiten der inneren Entwicklung, die damit einhergehen können – sie erfolgt durchaus nicht automatisch –, einfach nur sinnlos, eine bizarre Zumutung für das menschliche Dasein. Sobald hingegen eine Entwicklung des Menschen über den Tod hinaus vorstellbar wird, bekommen Behinderung, Krankheit und Tod eine andere, weitergehende Bedeutung.

Frank Geerk in seinem Tagebuch dazu: «Der Rationalismus erklärt die Welt als ein mechanistisches Gefüge. Nur was sich wägen und messen lässt, zählt. Das soll also nun vernunftmässig sein! Dabei macht jeder die tägliche Erfahrung, dass mit diesem Weltbild längst nicht alle Phänomene erklärt werden können. Lasse ich auch seelische und geistige Erfahrungen zu, bewege ich mich also keineswegs auf dem Gebiet des Irrationalismus, im Gegenteil, ich strebe eine Art höheren Rationalismus an. – Die Imagination und Phantasie sind Erkenntnismittel, ohne die auch die exakte Naturwissenschaft nicht auskommt. Wo immer sie Neuland auftut, bedient sie sich solcher Mittel.»

Angesichts eines erweiterten Welt- und Menschenbildes, das sich der Transzendenz, der Spiritualität nicht grundsätzlich verschliesst, verliert der Tod, der letztlich für uns alle unausweichlich ist, sein tonnenschweres Gewicht. Freundet man sich mit ihm an – oder verdrängt ihn zumindest nicht aus seinem Bewusstsein –, so bereichert er – entgegen der weit verbreiteten Auffassung – das Leben in hohem Mass: «Wir leben vom Tod. Und zwar auf allen Ebenen. Auf der physischen vom Tod dessen, was wir an Nahrung zu uns nehmen; auf der seelischen Ebene gibt uns erst die Vergegenwärtigung unserer Sterblichkeit wahre Empfindungstiefe; und auf der geistigen Ebene ist der Tod Ansporn für alle Entwicklung, die über den Tag hinausweist. – Wir hätten allen Grund ein freundschaftliches Verhältnis zum Tod zu entwickeln. Warum fällt uns das so schwer?»

Frank Geerk

Die Welt ist das Auge des Sehers

Tagebuch und Aquarelle

Loeper Literaturverlag, Karlsruhe 2003

ISBN 3-86059-090-1

Bernie Sanders – der revolutionäre Sozialdemokrat

Bernie Sanders‘ neu erschienenes Buch «Our Revolution: A Future to Believe in» ist so etwas wie sein politisches Vermächtnis. Der spanische Journalist Ibán García del Blanco hat es gelesen und eine interessante Rezension geschrieben. Übersetzung aus dem Spanischen: Walter B.

Letzte Weihnachten schickte mir ein Bekannter, der mich gut mag, aus dem Land des Brexit das kürzlich erschienene autobiografische Werk von Bernie Sanders: «Our Revolution: A Future to Believe in».[1] Ich gestehe, ich bin kein Anhänger solcher Bücher, die oft statt Ideen zu transportieren andere Ziele anstreben. Nachdem ich das Buch gelesen habe, denke ich, dass es hier anders ist.

Es handelt sich um Neubearbeitungen von Texten, die unabhängig voneinander entstanden sind, was gelegentlich dazu führt, dass sich einzelne Abschnitte wortwörtlich wiederholen. Doch die Texte kommen authentisch daher, zeugen von erfrischendem Humor und helfen zweifellos, die soziologische Wirklichkeit Nordamerikas und das Phänomen Trump zu verstehen.

Erste Lektion: In dieser globalisierten Welt sind sich die Probleme der Demokratien ähnlich. Trotz aller theoretischen Unterschiede der Modelle, stehen die Schwierigkeiten vielenorts im Zusammenhang mit unserem angeschlagenen Wohlfahrtsstaat. Sanders zeigt schön auf, wie sich die Einkommensverteilung zwischen der privilegiertesten Klasse und der ehemals stolzen amerikanischen Mittelklasse entwickelt hat, und führt den Wendepunkt hin zur Ungleichheit auf den Beginn von Reagans Deregulierungen zurück. Weltweit brach der Kapitalismus ab den 1980er Jahren die Vereinbarung mit der Mittelklasse über die Verteilung der Einkommen. Auch der Ökonome Manuel Escudero[2] zeigt das klar auf. Von da an sind wir bis zur heutigen Ungleichheit gelangt, die unsere Institutionen untergräbt und uns in eine Dystopie führt. «Sie machen keine Fehler», sagt Bernie, «der wirtschaftliche Kuchen ist weiter gewachsen. Bloss bleiben den Armen und der Mittelklasse immer kleinere Stücke.»

Es ist erschreckend, dass seine erste Rede für die Primärwahlen im Mai 2015 in Vermont so getreu beschreibt, wo unser Land heute steht. Nach der Einleitung «Heute beginnen wir eine politische Revolution», stellt er die Grundzüge seines Programms vor.

  • Wirtschaft, Einkommen und Ungleichheit. Es liegt etwas äusserst Unheilvolles in der Tatsache, dass ein Prozent der Bevölkerung der USA fast so viel besitzt wie neunzig Prozent – oder dass 99 Prozent der neuen Einkommen direkt diesem einen Prozent der Privilegierten zufliessen.
    Die Botschaft Sanders an die Millionäre: Ihr könnt nicht alles haben. Ihr könnt nicht weiterhin von Steuervergünstigungen profitieren, während es Kinder gibt, die Hunger leiden. Ihr könnt nicht weiterhin eure Gewinne auf den Kaimaninseln verstecken, während an allen Ecken und Enden unseres Landes grosse Bedürftigkeit herrscht. Eure Habsucht muss ein Ende haben. Ihr könnt nicht weiterhin von allen Vorteilen profitieren, ohne jegliche Verantwortung zu übernehmen. Die Vereinigten Staaten brauchen ein gerechtes und fortschrittliches Steuersystem.
    Trotz der technologischen Explosion und der rasanten Produktivitätssteigerung ist das mittlere Jahreseinkommen einer Familie 5’000 Dollar tiefer als noch 1999. Die offizielle Arbeitslosenquote widerspiegelt in keiner Weise die Anzahl der Menschen, die bereits vom System abgekoppelt sind. Sie widerspiegelt nicht die 17 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, die unter den Schwarzen noch viel höher liegt, oder die 45 Millionen Personen, die in Armut leben. Viele davon arbeiten, aber mit nicht existenzsichernden Löhnen.
  • Die Macht der Lobbys über die Institutionen. In der Folge eines Urteils des Obersten Gerichtshofs wurden die Grenzen für Wahlkampfspenden aufgehoben. Damit öffnet sich ein weites Feld uneingeschränkter Einflussnahme der grossen Multis auf die KandidatInnen. Im Gegensatz zu nationalistischen Bewegungen, die vorgeben, dieselben Prinzipien zu verteidigen, stellt sich Sanders seltsamerweise nicht grundsätzlich gegen die Wahlkampffinanzierung, sondern plädiert für eine öffentliche, angemessene und egalitäre Finanzierung, um so der Korruption entgegenzuwirken.
  • Klimawandel. Die wissenschaftliche Gemeinde ist sich einig: Der Klimawandel hat bereits heute verheerende Folgen für die Welt. Wenn wir unsere Energieversorgung nicht mutig transformieren, wird es zu Katastrophen kommen, zu Hungersnöten, Überschwemmungen, Epidemien, zur Übersäuerung der Ozeane. Und diesen Kampf müssen die USA anführen.
  • Arbeit, Arbeit, Arbeit. Ein keynesianischer Sanders setzt auf einen neuen New Deal: ein massives Programm zur Erneuerung und Reparatur der landesweiten Infrastruktur, das bis zu 13 Millionen Arbeitsstellen schaffen kann. Trump nimmt diese Idee in sein Programm auf, allerdings mit Änderungen.
  • Handel. Keine weiteren Freihandelsabkommen. Seltsam, wie die diesbezüglichen Ängste von ausserhalb nun in die USA zurückschwappen und Sanders, Clinton und sogar Trump vereinen. Wie wir gesehen haben, löst Letzterer sogar Verträge auf, die bereits unterzeichnet waren.
  • Löhne. Der landesweite Mindestlohn von 7,25 Dollar pro Stunde reicht nicht zum Leben. Er soll innerhalb von fünf Jahren auf 15 Dollar angehoben werden. Die Stadt Los Angeles hat eine solche Erhöhung des Mindestlohnes bereits vorgenommen. Eine Kuriosität in den USA. Das Ziel der Nation soll es sein, dass ein Vollzeitarbeiter von seiner Lohn leben kann. Nicht wirklich revolutionär. Oder? Ausserdem schlägt Sanders Massnahmen vor, um die Lohngleichheit zwischen Mann und Frau zu erreichen. Die Frauen verdienen für dieselbe Arbeit 78 Cents pro Dollar eines Mannes.
  • Wall Street reformieren. Die Wall Street darf nicht weiter eine Insel sein, auf der mit riskanten Anlagen Milliarden verspielt werden, während zugleich auf Rettung durch den öffentlichen Sektor gehofft wird. Wenn eine Bank zu gross ist, um unterzugehen, ist sie auch zu gross, um zu existieren. Nordamerika braucht Banken, die Teil der Realwirtschaft sind.
  • Öffentliches Gesundheitswesen für alle, Schutz für die Verletzlichsten. Was Sanders in seinem Buch über die medizinische Versorgung schreibt, lässt einen die Haare zu Berg stehen. Paradoxerweise ist die Situation ausgerechnet in jenen Staaten deutlich schlechter, die mehrheitlich republikanisch wählen. Anderseits ist dort die Wahlbeteiligung auch am tiefsten. Sanders setzt sich für ein noch ambitionierteres System als Obamacare ein: für ein landesweites Programm zum Schutz der Kinder.
  • Ausbildung für alle. Grundbildung mit einem Minimum an Qualität, bezahlbare Universitäten und ein Ende der Studiendarlehen, welche die Studenten für Jahrzehnte belasten.
  • Krieg und Frieden. Wir leben in einer komplexen Welt, und es gibt sehr wohl Bedrohungen. Doch die USA müssen verantwortlich handeln: Keine Abenteuer wie im Irak mehr! Wir müssen den IS rigoros bekämpfen. Aber nicht nur. Es muss eine internationale Koalition unter der Führung von moslemischen Staaten gebildet werden, die nicht nur den Terrorismus besiegt, sondern auch Bedingungen für einen anhaltenden Frieden schafft.

Dies ist keine abschliessende Liste aller Ideen Sanders. Es gibt viele weitere, etwa zur Situation der Minderheiten, zum Kampf gegen den Diskurs des Hasses, zum Schutz der Diversität, zu einer fortschrittlichen Migrationspolitik. Einige dieser Ideen sind ausführlicher ausgearbeitet, andere nur angedeutet. Und dann gibt es auch solche, über die man diskutieren kann. Insgesamt ist nichts Revolutionäres an Sanders Programm, der sich offen zur Sozialdemokratie und zum Erbe von Franklin D. Roosevelt bekennt. Heutzutage ist es schon revolutionär, ein Sozialdemokrat zu sein. Die Wurzeln des klassischen demokratischen Sozialismus wiederzuentdecken gleicht in Zeiten der Verengung ideologischer Räume einem Bannstrahl gegen den ungezähmten Kapitalismus von heute.

Es hat auch nichts Überraschendes, dass ein Senator von 73 Jahren es geschafft hat, um seine Person eine Welle von Begeisterung und demokratischer Teilhabe zu verbreiten und Millionen von jungen Menschen zu politisieren. Er ist schlicht der einzige, der den Mut gehabt hat zu sagen, dass es nun genug sei. Zudem sei der König nackt.[3] (Tatsächlich sind es Tausende von Kindern in den ärmsten Elendsvierteln.) Das Establishment der Demokraten lag falsch, als es mit allen Mitteln den Sieg von Hillary Clinton anstrebte, während die massive Mobilisierung rund um Sanders ganz andere Signale aussandte. Für mich ist klar, dass Sanders heute Präsident wäre, wenn es zu einer Ausmarchung zwischen ihm und Trump gekommen wäre. Keine Frage, dass sich viele fortschrittliche Amerikaner ins eigene Bein geschossen haben, als sie in dummerweise Clinton angriffen. Ebenso gewiss ist es auch, dass ein ausgeprägteres politisches Bewusstsein vorausgesehen hätte, dass passieren würde, was passiert ist.

Schulz in Deutschland hat verstanden: Die Sozialdemokratie ist entweder links oder sie ist gar nicht mehr. Es geht nicht mehr um die Alternative zwischen «Verantwortung» oder «Chaos», sondern um jene zwischen Neoliberalismus oder Wandel. Und wenn die Sozialdemokratie nicht den Wandel verkörpert und am Schluss der Wandel auch kommt, wird es Chaos geben.


Anmerkungen:

[1] Erscheint in deutscher Übersetzung im Juni 2017 bei Ullstein: Bernie Sanders, «Unsere Revolution. Wir brauchen eine gerechte Gesellschaft» (ISBN-13 9783550050077)

[2] Spanischer Ökonome und Sondergesandter des United Nations Global Compact, einem weltweiten Pakt, der wischen der UNO und immer mehr Unternehmen geschlossen wird, um die Globalisierung sozialer und ökologischer zu gestalten.

[3] Der Autor bezieht sich hier auf das Märchen «Des Kaisers neue Kleider» von Hans Christian Andersen, in dem betrügerische Weber einem Kaiser vorgaukeln, sie hätten ihm ein edles Kleid gewoben, das nur von Leuten gesehen werden könne, «die ihres Amtes würdig und nicht dumm» seien. Dabei ist der König nackt, was allerdings weder er noch das Volk zugeben wollen.

Bild: Phil Roeder, CC-Lizenz via flickr.

Das Original der Buchrezension von Ibán García del Blanco ist auf dem Blog Tribuna Abierta bei eldario.es erschienen.

Harald Walach: «Spiritualität – Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen»

Auf dieses Buch habe ich gewartet – lange gewartet. Es will das Thema Spiritualität, das seit der Aufklärung in die «Schmuddelecke der Gesellschaft» verdrängt wurde, ins helle Licht einer wissenschaftlichen, also möglichst unbefangenen Auseinandersetzung rücken. Und das Vorhaben scheint mir durchaus geglückt. – Die Würdigung eines klugen Buches, das über weite Strecken auch noch Lesevergnügen bereitet.

Harald Walach, der Autor des Buches, ist Professor für Forschungsmethodik komplementärer Medizin und Heilkunde sowie Leiter des Instituts für Transkulturelle Gesundheitsforschung an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder. Als Wissenschaftler ist er einer der wenigen, die es wagen, Spiritualität öffentlich und in wissenschaftlicher Absicht ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken. Mehr noch: In seiner Kernthese, die dem vorliegenden Buch zugrundeliegt, erachtet er eine reflektierte Spiritualität als Voraussetzung für den Fortgang unserer modernen Kultur: «Wenn wir die Aufklärung konsequent fortführen, ist eine undogmatische Spiritualität die natürliche, ja die notwendige Konsequenz für unsere Kultur und ihre Rationalität. Ohne eine solche Spiritualität sehe ich wenig Hoffnung, weder für unsere Kultur, noch für ihre Rationalität, noch für die Aufklärung.»

Diesen Satz darf man sich ruhig auf der Zunge zergehen lassen. Er ist Balsam für eine suchende Seele in der heutigen Zeit. Denn trotz aller Rationalität, trotz aller Wissenschaft und trotz allem vernunftgesteuerten Handeln steht unsere Kultur an einem Abgrund, der noch nie so tief war und unser Menschsein grundsätzlich in Frage stellt. Gleichzeitig züngeln von überall her religiöse und andere Fundamentalismen als Heilsversprechen und Rettungsanker hervor und versuchen die Menschen in einen Bewusstseinszustand zu versetzen, wie er vor dem geschichtlichen Auftreten der Aufklärung weit verbreitet gewesen sein muss. In diesem Spannungsfeld müssen wir heute – individuell wie kollektiv – einen Weg des Ausgleichs finden, der nicht nur die Argumente der Vernunft, sondern auch die innere Erfahrung der Transzendenz berücksichtigt – und kulturwirksam macht.

Wegmarken im Spannungsfeld zwischen Vernunft und Transzendenz
Harald Walach zeigt in seinem Buch die Wegmarken dazu auf. Und das tut er sehr sorgfältig und dennoch gut verständlich, ja, zuweilen mit ausgesprochenem Witz. Zunächst stellt er seine eigenen Voraussetzungen, seinen kulturellen und Wissenshintergrund dar und klärt grundlegende Begriffe wie Spiritualität, spirituelle Erfahrung, Religiosität, Glaube, Doktrin, Dogma usw. Allein die Reflexion und gegenseitige Abgrenzung dieser Begriffe sind ein kleines Meisterwerk und sorgen für transparente und wasserdichte Grundlagen seiner weiteren Ausführungen. Überhaupt werden durch das ganze Buch viele Begriffe, die dem Leser, der Leserin nicht oder nur vage bekannt sein könnten, an Ort und Stelle oder – etwas ausführlicher – in einem Glossar charakterisiert. Auch das dient einer wohltuend transparenten Gedankenführung.

Danach folgt ein Kapitel zur Geschichte der Wissenschaft und zum folgenreichen Durchbruch der Aufklärung. Diese ist für den Autor nicht ein rein historisches und damit abgeschlossenes Ereignis. Im Gegenteil: «Aufklärung bedeutet immer auch Befreiung von Bevormundung, vor allem von solcher Bevormundung, die sich auf vage Autorität, unvernünftige Systeme und reine Machterhaltung stützt und nicht dem Gemeinwohl dient. In diesem Sinn ist die Aufklärung auch heutzutage noch lange nicht am Ende.»

Hier kommt der Autor auf ein zentrales Missverständnis der Aufklärung zu sprechen: Doktrin und Dogma der damals übermächtigen Religion wurden durch die Aufklärung durchaus zu Recht zurückgedrängt. Beides hat im Licht der Vernunft nichts zu suchen. Doch man meinte, sich damit auch der Spiritualität, also des individuellen Bedürfnisses nach Transzendenz, entledigt zu haben, das sich jenseits von Doktrin und Dogma bewegt und auf individueller Erfahrung beruht. Doch so begriffene Spiritualität ist nichts grundsätzlich Vernunftsfremdes: «Denn Spiritualität als menschliches Grundbedürfnis lässt sich genausowenig wegdiskutieren wie [etwa] Sexualität. […] Die letzten Dinge – die Frage nach Sinn und Zweck des Lebens, die Frage nach Aufgabe, Werten und ihrer Verfehlung – sie lassen sich nicht verdrängen. Sie kommen in Verkleidungen und Verzerrungen wieder auf uns zu.»

Wissenschaft des Bewusstseins
Walach spricht sich deshalb für eine undogmatische und reflektierte Spiritualität aus – und für eine Wissenschaft, eine Kartografie des Bewusstseins. Was er darunter versteht und wie das in den bestehenden Wissenschaftsbetrieb einfliessen könnte, skizziert er ausführlich in einem zentralen Kapitel des Buches. Eine undogmatische, reflektierte Spiritualität wäre mehr als «eine mögliche Beschäftigungstherapie für existenziell ausgehöhlte und alternde Zeitgenossen». Sie wäre «ein Erkenntnisprogramm, das idealerweise sogar das Erkenntnisprogramm der Wissenschaft im Sinn der Aufklärung ergänzen und erweitern könnte, ja sogar müsste».

In diesem Kapitel wird auch die spirituelle Praxis – also Konzentrationsübungen bis hin zu Kontemplation und Meditation – (natur-)wissenschaftlich beleuchtet: Was passiert neurologisch und physiologisch bei der Meditation? Lassen sich gesundheitliche Auswirkungen nachweisen? Und was geschieht psychologisch? Verändert sich die Persönlichkeit durch regelmässiges Meditieren? Diese und weitere Fragen werden zwar nicht abschliessend beantwortet. Es werden aber Wege aufgezeigt, wie mit ihnen wissenschaftlich umgegangen werden kann – und auch seit Jahren umgegangen wird. Es gibt also bereits gesicherte und ermutigende Erkenntnisse zur Wirkung von Meditation und spirituellen Übungen auf Körper, Seele und Geist des Menschen.

Da sich Walach einer «undogmatischen, reflektierten» Spiritualität verpflichtet fühlt, darf in diesem Buch ein Kapitel über «Zerrformen, Gefahren und Abgrenzungen» nicht fehlen. Denn zweifellos kommt man schnell auf intellektuelles Glatteis, wenn Spiritualität allzu pauschal abgehandelt wird, ohne den Begriff von Bedeutungszonen abzugrenzen, wo Vereinnahmung und Irrationalität herrschen und die Aufklärung einen schweren Stand hat. Eines der grossen Leistungen des Buches sehe ich gerade darin: Es ist ein verlässlicher, intellektuell redlicher Wegweiser in diesem Spannungsfeld von Irrationalität und individueller Erfahrung von Transzendenz, im Spannungsfeld von doktrinärer Wissenschaftsgläubigkeit und der Evidenz von meditativen Erfahrungen.

Spiritualität als Kulturfaktor
Am Schluss des Buches kommt der Autor auf die Sinnkrise der heutigen Welt zu sprechen, auf die vielfältige Gefahr des Fundamentalismus – und auf die Notwendigkeit, eine zeitgemässe Spiritualität in unserer Kultur zu verankern. Für die unterschiedlichsten Lebensbereiche sieht er darin ein Potenzial zur Bereicherung, ja Gesundung der Verhältnisse. So bringt zum Beispiel echte spirituelle Erfahrung notwendigerweise den Egoismus ins Wanken. Gier und Eigennutz haben keinen Bestand angesichts einer Einheiterfahrung in der Meditation. Das könnte zum Beispiel die Inspirationsquelle für intelligentere Konzepte des Wirtschaftens sein … «Man sollte sich durchaus das Denkexperiment erlauben, zu überlegen, was geschehen würde oder geschehen wäre, wenn ähnlich grosse Ressourcen in die genauere Erforschung des Bewusstseins, seiner Möglichkeiten und Grenzen, in die Bedeutung aussergewöhnlicher Erfahrungen des Bewusstseins und vor allem der spirituellen Einheitserfahrung und ihrer Nutzbarmachung investiert worden wäre. Möglicherweise hätten wir dann heute keine Atombombe, keine Atomkraftwerke, keine Sekundenkleber und Raumschiffe, aber vielleicht ein besseres Sozialgefüge, eine friedlichere Welt und andere Errungenschaften, von denen wir nicht einmal zu träumen wagen.»

Ja, auf dieses Buch habe ich gewartet – lange gewartet. Es zeugt von einem redlichen Erkenntnisbemühen und hinterfrägt Dogmen, die tief in unserer vermeintlich aufgeklärten Kultur verankert sind. Zudem gibt es Orientierungshilfe auf dem Weg zu einer reflektierten Spiritualität.

 

Harald Walach
«Spiritualität – Warum wir die Aufklärung weiterführen müssen»

288 Seiten, Pappband mit Schutzumschlag
Drachen Verlag, Klein Jasedow 2011
ISBN: 978-3-927369-56-6

Charles Eisenstein: «Der Geist von Occupy»

Nichts weniger als eine Revolution des Bewusstseins sieht Charles Eisenstein hinter der Occupy-Bewegung. Es gehe ihr nicht so sehr darum, Korrekturen am Gesellschaftssystem einzufordern, sondern das System grundsätzlich in Frage zu stellen und einen Paradigmenwechsel einzuleiten, eine «Revolution der Liebe» zu verwirklichen, die niemanden ausgrenze, nicht einmal das eine Prozent der Menschheit, das – im Gegensatz zu den restlichen 99 Prozent – von den gegenwärtigen Verhältnissen profitiert. – Die Besprechung eines berührenden Büchleins.

Zwei kurze, holzschnittartige Essays des «Spin-Doktors der Occupy-Bewegung» vereinigt das schmale Buch, dessen deutsche Übersetzung im Scorpio-Verlag erschienen ist. Das erste, «Keine Forderung kann gross genug sein», lotet die Motive der Occupy-Bewegung aus und führt sie auf nichts geringeres als eine «Revolution des Bewusstseins» zurück. Im zweiten Essay unter dem Titel «Geld und die Krise der Zivilisation» zeichnet Eisenstein, der an der Universität von Yale Philosophie und Mathematik studiert hat, in groben Zügen unser Geldsystem nach und zeigt auf, wie es unsere Zivilisation an den Abgrund gebracht hat.

«Keine Forderung kann gross genug sein»
Den Protestbewegungen der Empörten in Europa und den Vereinigten Staaten wurde immer wieder vorgeworfen, sie hätten keine klaren Forderungen, mit denen sie auf die aktuelle Politik Einfluss nehmen könnten. Die Proteste seien deshalb nicht geeignet, Änderungen im bestehenden Gesellschaftssystem herbeizuführen. Doch der Bewegung geht es eben nicht um einzelne Korrekturen – oder gar um Reparaturen der Wachstumsmaschine. Die Empörung greift wesentlich tiefer. Die Motive der Proteste zielen auf die Grundlagen unserer Gesellschaft: auf eine grundsätzliche und demokratische Erneuerung des gesellschaftlichen Zusammenlebens («Echte Demokratie jetzt!»), auf die bedingungslose Respektierung der Würde aller Menschen, ja, aller Kreatur und der Erde als solcher («Wir sind keine Ware in den Händen von Politikern und Banquiers»). Nicht nach dem politisch Machbaren greift die Occupy-Bewegung, sondern nach einer Wende in der Menschheitsentwicklung. «Jede Forderung, die wir im Rahmen der politischen Realität stellen können, ist zu gering. Jede Forderung, die wir stellen können, weil sie das widerspiegelt, was wir wirklich wollen, ist politisch unrealistisch», so Eisenstein.

Der Autor bezeichnet den Impuls der Protestbewegungen als eine Revolution der Liebe, «… selbst auf die Gefahr hin, damit als Idealist dazustehen». Die Aufgabe der Bewegung bestehe darin, sich «für eine Welt einzusetzen. die wahrhaft schön, fair und gerecht sei».

Nun, man kann dem Autoren einiges vorwerfen: Er sei ein naiver Idealist, es fehle ihm an politischem Bewusstsein – und einer entsprechenden Stossrichtung – und er verkläre die Motive der Occupy-Bewegung zu einer vermeintlich harmlosen «Revolution der Liebe». Doch damit macht man es sich zu einfach und misst ein offensichtlich neues Phänomen mit alten Massstäben. Denn die Bewegung proklamiert nicht so sehr hoch stehende Ziele, sondern lebt ganz praktisch neue Formen des gemeinsamen Willens und Aktivismus. Allerdings droht sie zurzeit – das muss man mit Bedauern feststellen – in der zunehmenden Polarisierung der Gegenwart von Kämpfen nach alten Mustern übertönt und verdrängt zu werden.

«Geld und die Krise der Zivilisation»
Im zweiten Essay beschreibt Charles Eisenstein anschaulich, wie unser Geldsystem letztlich zu Krise und Zusammenbruch führen muss. Denn die Geldmenge wächst durch die Zinsen, Zinseszinsen und die Geldschöpfung aus dem Nichts mit mathematischer Gewissheit ins schier Unermessliche. Wirtschaftlich gibt das indessen nur Sinn, wenn dieser wachsenden Geldmenge auch ein wachsendes Volumen an Waren und Dienstleistungen gegenübersteht, die dem Geld erst einen realen Wert verleihen. Und dieser Hunger des Geldkreislaufes nach realen Werten bewirkt, dass tendenziell alles und jedes der menschlichen Lebenswelt zur handelbaren Ware oder Diensleistung gemacht wird. Wie eine riesige Krake greift das Geldsystem nach allen realen Werten, um sie sich einzuverleiben. «Die Krise, der wir heute gegenüberstehen, ist aus der Tatsache entstanden, dass es kaum noch soziales, kulturelles, natürliches und spirituelles Kapital gibt, das sich zu Geld machen liesse. Jahrhunderte, Jahrtausende beinahe ungebrochener Gelderzeugung haben uns so mittellos gemacht, dass wir nichts mehr zu verkaufen haben.»

Eisenstein konstatiert, was viele zutiefst empfinden: Die Pleite dieses Geldsystems ist unausweichlich. Doch bei dieser Analyse, die gar so neu nicht ist, bleibt er nicht stehen. Vielmehr sieht er darin auch die Möglichkeit, dass ein gänzlich neues Verständnis von Geld und Wirtschaft – ein neues Bewusstsein darüber – entstehen kann, ja, entstehen muss, um der globalen Erschöpfung zu entrinnen. Und dabei geht es um nichts geringeres, als «Dinge aus dem Reich der Waren und Dienstleistungen zu holen und sie in das Reich der Gaben, der Gegenseitigkeit und der Gemeinschaftlichkeit zurückzubringen». Eisenstein sieht in der aktuellen Krise die Möglichkeit gegeben, dass aus einer vom Eigennutz beherrschten Wirtschaft eine solidarische, brüderliche Wirtschaft hervorgeht – aus reiner Not zunächst, doch immer mehr auch aus einer «Revolution unseres Selbstempfindens, unserer Identität». Denn das «für sich stehende, getrennte Ich eines Descartes und eines Adam Smith hat sich totgelaufen und ist überholt. Wir erkennen unsere Untrennbarkeit voneinander und von der Gesamtheit des Lebens. Zins täuscht über diese Einheit hinweg, weil er auf das Wachstum des getrennten Ichs abzielt, und zwar zulasten von etwas Externem, etwas anderem.»

Eisenstein sieht am Ende einer Ökonomie des Egoismus eine Kultur des Schenkens aufkeimen, eine Kultur, die auf einem neuen, erweiterten Selbstverständnis fusst und über die rein materialistische Kultur der Gegenwart hinausweist.

 

Charles Eisenstein:
«Der Geist von Occupy»

64 Seiten, kartoniert
Scorpio Verlag, München 2012
ISBN 978-3-942166-94-2

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