Wider den Zerfall Europas – Ein Plädoyer aus der Schweiz

Unter dem Titel «Der bürgerliche Pakt mit dem Nationalismus» hat Yves Wegelin in der Wochenzeitung (WOZ) eine kluge politische Analyse zur aktuellen Befindlichkeit der Europäischen Union veröffentlicht. Er zeigt darin, warum der Nationalismus in ganz Europa wieder auf dem Vormarsch ist – mit kräftiger Unterstützung aus der Schweiz – und was für ein Kraut dagegen gewachsen ist. – Eine Leseempfehlung.

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Immer seltener hört man öffentliche Stimmen, die sich für ein starkes, freiheitliches und demokratisches Europa der Bürger einsetzen. Grosse KleinkrämerInnen und kleine Grossmäuler beherrschen die Szene und haben aus der ursprünglich anspruchsvollen Idee Europa, aus dem Friedensprojekt, einen Krämerladen gemacht, einen «europäischen Binnenmarkt» mit ein paar Gewinnern und ganz, ganz vielen Verlierern. Wie konnte es dazu kommen?

Wegelin holt weit aus, um aufzuzeigen, wie schon nach der Ölkrise 1973 die Regierungen vieler europäischer Länder die wirtschaftlichen Verwerfungen durch Reformen nach den ultraliberalen Rezepten von Friedrich Hayek in den Griff zu bekommen suchen: die ersten Schritte auf dem Weg zum europäischen Binnenmarkt, «in dem sich das Kapital frei bewegen konnte; in dem Firmen in jedes Land frei exportieren durften; und in dem ihnen der freie Personenverkehr Zugriff auf die nötigen Arbeitskräfte verschaffte».

In der Folge lieferten sich die Mitgliedsstaaten des Binnenmarktes einen äusserst kostspieligen und fatalen Wettlauf zunächst um Kapital – durch Senkung der Unternehmenssteuern – und dann um Firmen, unter anderem durch die Deregulierung der Arbeitsmärkte. Die Folge: Höhere Staatsausgaben wegen steigender Arbeitslosigkeit standen geringeren Steuereinnahmen gegenüber, was zu einer deutlichen Zunahme der Staatsverschuldung führte, in einigen Staaten zu einem nicht weniger deutlichen Anwachsen der Privatverschuldung, erleichtert durch eine lasche Praxis der Kreditvergabe.

Der autoritäre Geist in den Anfängen der Demokratie

Im Jahr 2008 kam dieses System an seine Leistungsgrenze. Die Schuldenblase drohte zu platzen. Doch statt das Steuer herumzureissen, wurde dasselbe Prinzip, das in den Abgrund geführt hatte, nun in verschärfter Form angewandt, um die Staatshaushalte zu stabilisieren. Wie konnten und können die Regierenden in einer Demokratie solche Massnahmen gegen die Interessen der eigenen Bevölkerung durchsetzen, «ohne von den WählerInnen weggefegt zu werden»? [Read more…]

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Ein Gott der Gitarre

Auf meinen gelegentlichen Streifzügen durch das Web-All mache ich nicht einmal vor Youtube Halt … Dies nicht zuletzt, um mir Gitarrenstücke anzuhören, von denen ich zwar die Noten vor mir habe, mir aber jegliche Idee fehlt, wie die Stücke überhaupt klingen. Ich spiele mehr schlecht als recht Gitarre – aber mit viel Freude und Herzblut. Das Musizieren ist mir ein Lebenselexier, manchmal auch ein Therapeutikum. Und es ist ein Kosmos, dessen weiter Horizont mich mit manchen Kleinlichkeiten des alltäglichen Lebens versöhnt.

Auf der Suche also nach ganz einfachen Stücken von Francisco Tárrega bin ich über Raffael Aguirre gestolpert, einen doch recht jungen spanischen Gitarristen. Und «gestolpert» kann man hier durchaus wörtlich nehmen: Ich traute meinen Augen – nein, meinen Ohren nicht, als ich ihn hörte. Vielleicht blieb auch kurz mein Herz stehen.  Sein Spiel ist schlicht genial. Auch technisch, aber das allein wäre kaum der Rede wert. Sein musikalischer Ausdruck, sein Feuer und seine Spielfreude, verbunden mit seinen technisch schier unbegrenzten Möglichkeiten, sind ein Augen- und Ohrenschmaus der besonderen Art. So etwas habe ich noch nie gesehen. Und ich wusste bis jetzt gar nicht wirklich, was man mit einer Gitarre so alles anstellen kann. Unbedingt bis am Schluss anschauen!

Nebenbei: «Gran Jota» von Francisco Tárrega ist ein Stück, von dem ich meine Finger lassen werde …

Es kann gar keinen Mangel an Geld geben

Wie man mit Geld auch umgehen kann und erst noch erfolgreich, zeigt Werner Landwehr, der Leiter der GLS-Bank in Berlin, in einem Gespräch mit Enno Schmidt. GLS steht für «Gemeinschaftsbank für Leihen und Schenken». Die rasant wachsende Bank versteht Geld als soziales Gestaltungsmittel. – Ein sehr empfehlenswertes Video.

«Wenn ich sage: Ich erwarte eine Rendite für das Geld, das ich weggebe, dann muss ich mir auch deutlich machen, dass ich eine bestimmte Wirkung in der Welt auslöse, mit der ich was zu tun habe. (…) Das ist eigentlich die Realität, die Geld hat, die wir uns aber normalerweise niemals deutlich machen, weil da wie eine Trennung im Bewusstsein ist: Im Moment, wo wir anlegen, haben wir nichts mehr mit der Wirkung zu tun.»

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«Die Aufgabe der Wirtschaft und jedes Unternehmens, das in der Wirtschaft tätig ist, ist eigentlich nicht die Gewinnerzielung – wie auch der Zweck des Arbeitens nicht das Geldverdienen ist –, sondern etwas zu erzeugen, zu produzieren oder als Dienstleistung zur Verfügung zu stellen, was andere brauchen. Wirtschaft ist Bedarfsbefriedigung. Das ist ein bisschen verloren gegangen als Bewusstsein. (…) Das öffentliche Denken ist ein völlig anderes. Es ist aber eigentlich Unfug. Es ist wirklich Unfug. Wenn man sich überlegt: Wir sind als Menschen doch nicht unterwegs – jeder für sich alleine und auch nicht in der Gemeinschaft –, um so etwas Idiotisches wie Gewinn zu erzielen. Sondern diese ganze Wirtschafterei haben doch Bauern und tüchtige Leute angefangen, weil man Hunger hatte, weil man sich was anziehen musste, weil man dies, weil man jenes brauchte, und haben dabei heute eine sehr beeindruckende Produktivität entwickelt. Und diese Produktivität sollte den Menschen dienen.»

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«Es kann niemals so sein, dass es einen Mangel an Geld gibt. Es ist ja auch überall zu sehen, dass es eigentlich das riesigste Problem ist, das wir haben, dass das Geld sich überall auftürmt und staut und nicht sinnvoll eingesetzt werden kann.»

Phrasen und Worthülsen auf dem Seziertisch

Phrasen und Worthülsen sind wie Umweltgifte, die langsam in unser Denken eindringen und es schädigen – bis hin zum völligen Zusammenbruch des selbständigen Denkvermögens. Zu eben diesem Zweck werden sie in der Werbesprache und in der Sprache der Politik verwendet. Nun habe ich einen Blog gefunden, der zur Stärkung des gedanklichen Immunsystems beiträgt: neusprech.org.

Die Manipulation der Begriffe kommt der Manipulation der Wirklichkeit gleich: Wenn der Mensch keine wirklichkeitsgemässe Begriffe mehr hat, kommt ihm der klare Blick auf die Welt abhanden. Niemand hat das eindringlicher dargestellt, als George Orwell in seinem Roman «1984». Neusprech heisst dort die ferngesteuerte Sprache, die der Manipulation der Bevölkerung dient, zum Beispiel indem einzelne «gefährliche» Begriffe ganz aus dem Gebrauch verschwinden sollen. Freiheit ist so ein «gefährlicher» Begriff – vielleicht der gefährlichste überhaupt. Er wird in Neusprech nur noch im Sinne von ohne verwendet, also etwa im Satz: «Der Himmel ist frei von Wolken», nicht aber im Sinne von menschlicher Freiheit im Denken oder im politischen Sinn. Orwell hat den Mechanismen dieser Sprachlenkung einen ganzen Anhang gewidmet.

Doch das ist Belletristik, Fiktion und geht uns heute nichts mehr an – ausser vielleicht, dass wir gut unterhalten sein wollen … Nicht ganz! Das Projekt Neusprech ist weit fortgeschritten  – und PR- und Werbefirmen, Politiker wie auch viele Medien arbeiten fleissig an der weiteren Perfektionierung, oft in enger Zusammenarbeit. Oder war Ihnen auf Anhieb bewusst, dass der Begriff Sicherheitszone eigentlich eine Gefahrenzone meint oder dass eine humanitäre Intervention in den meisten Fällen schlicht Krieg bedeutet?

Je subtiler die Sprachmanipulation, umso wirksamer ist sie auch, weil zu deren Demaskierung unbefangenes, genaues Denken notwendig ist. Martin Haase und Kai Biermann, die beiden Betreiber des Blogs neusprech.org, denken genau und sezieren manipulative Begriffe der aktuellen Politsprache vor den Augen der Leserinnen und Leser kompetent und in fast schon genüsslicher Weise – jedenfalls so, dass man die Artikel gerne liest und immer wieder ob sich selber staunt – nämlich dass man sich so lange hat einen Bären aufbinden lassen … Beispiel gefällig?

Migranten

Anfangs hießen sie Gastarbeiter, dann wurden daraus Arbeitsemigranten, also Auswanderer, später kam ihnen die Arbeit abhanden und sie mutierten zu Migranten. Das soll “politisch korrekt”, also möglichst verschleiernd sein, ist aber nur entlarvend. Denn das lateinischee migrare bedeutet wandern, also das ständige Bewegen zu einem anderen Ort. So als gäbe es welche, die ziellos durch die Welt ziehen, weil sie nichts mit sich anzufangen wissen. Wörtlich also sind M. Menschen, die zufällig gerade mal hier sind, (hoffentlich) aber (bald) wieder gehen. Dabei kommen sie, um zu bleiben oder sind gar hier geboren. Wir wollen das nur noch immer nicht wahrhaben. Denn wir Deutschen mögen offensichtlich keine Anderen – egal, wie wir sie nennen. (…)

Hier geht es lang zu neusprech.org ⬇

Emphas.is: schwarmfinanzierter Fotojournalismus

Bild (CC-Lizenz): Baseco – Manila, Parc Cruz via flickr

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Dem anspruchsvollen Fotojournalismus ergeht es nicht anders als dem investigativen Journalismus: Die entsprechenden Budgets der etablierten Medien werden ausgedünnt. Immer weniger Auftraggeber sind bereit, etwa eine längere Reportagereisen zu finanzieren. Aufwändige Formen des Journalismus fallen mehr und mehr dem Spareifer zum Opfer – und mit ihnen ein besonderer Blick auf die Welt.

Dem hält ein neues Finanzierungsmodell für den Fotojournalismus entgegen: Crowdfunding (Schwarmfinanzierung) im Internet. Auf der Webseite emphas.is stellen Fotojournalisten ihre geplanten Projekte mit dem Ziel vor, diese vom Publikum finanzieren zu lassen. Interessierte sind eingeladen, das Projekt mit einem Betrag ab 10 Dollar zu unterstützen. Jedes Projekt erhält eine Frist von 60 Tagen. Der Stand der Finanzierung ist jederzeit einsehbar. Kommt die angepeilte Finanzierung nicht zustande, so wird das eingesetzte Geld zurückerstattet.

Das Erstaunliche: Seit März dieses Jahres ist so die Finanzierung von sieben Projekten gelungen – im Gesamtwert von immerhin gut 85’000 Dollar. Die Unterstützer kommen – Web 2.0 machts möglich – in direkten Kontakt mit dem Journalisten und erhalten je nach Höhe ihrer Unterstützung auch eine symbolische Gegenleistung. Diese reicht vom Zugang zu aktualisierten Informationen über den Fortgang des Projekts bis hin zu einem Kunstdruck oder einem Buch. Nur die direkten Kosten, also die Reise- und Materialkosten, werden über emphas.is finanziert. Erst durch den Verkauf der Reportage oder einzelnen Fotos erhält der Journalist seine eigentlichen Einkünfte.

Der Fotojournalismus erhält so ein weiteres Standbein, eine zusätzliche Finanzierungsmöglichkeit, damit er uns auch weiterhin einen besonderen Blick auf die Welt ermöglicht.

Übrigens: Ein analoges Finanzierungsmodell ist auch für den investigativen Journalismus durchaus sinnvoll, ermöglicht es doch nicht zuletzt einen anspruchsvollen Journalismus zu Themen, die von den etablierten Medien stiefmütterlich behandelt werden. Und das Modell ist auch in Gebrauch. Ein Beispiel ist die Webseite Media Funders.

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