Postkarte aus dem Auge des Sturms

Es ist gespenstisch. Während draussen ein Sturm kräftig an der Weltordnung, wie wir sie kennen, rüttelt, herrscht hier drinnen verdichtete Ruhe. Keine Frage! Ich bin im Auge des Sturms. Die Zeit steht still. Ich ducke mich und hoffe, der Sturm zieht ohne mich weiter.

Was wir erleben, habe ich schon öfter gedanklich vorweggenommen: das Ende der alten Weltordnung mit all ihren leeren Versprechungen und ihrem morbiden Glanz. Und nun erlebe ich ihn am eigenen Leibe, den Sturm, der vieles hinwegfegt, und bin hin und her gerissen zwischen Hoffen und Entsetzen, zwischen Faszination und Bangen.

Postkarte aus Auroville

Matrimandir im Zentrum der «Stadt»

Wenn ich von Auroville aus schreibe, so ist es im Wesentlichen Wald, der mich umgibt, ein lichter, immergrüner Wald voller Schmetterlinge und Vogelstimmen. Das kräftige Grün der Blätter und das ebenso kräftige Ziegelrot des Erdreichs machen das Auge satt, und das Ohr ist erfüllt von ein paar charakteristischen Vogelstimmen, wie der des Brain Fever, der seine eigenartige Melodie wie eine dreiste Behauptung in die Welt schmettert, so dass man sie nie wieder vergisst.

Auroville hat sich dem Abenteuer des Bewusstseins verschrieben. Äusserlich zeigt sich das am Matrimandir, der goldenen Kugel im Zentrum der werdenden Stadt, deren Räume ganz der Sammlung und Meditation gewidmet sind. Es zeigt sich aber auch im praktischen Feld: Manche zukunftsweisende Impulse gehen von Auroville aus oder werden hier gepflegt und weiterentwickelt. Stichworte dazu: Wiederaufforstung, Ökologie, Recycling und Wassermanagement, Permakultur, innovative Schulen, unkonventionelle Architektur und Bauweisen, gemeinwirschaftliches Geld- und Sozialwesen. Das alles ist bei weitem nicht perfekt, aber es ist eine Entwicklung in die richtige Richtung erlebbar.

Gäbe es Auroville nicht, die Welt wäre um einen Hoffnungsschimmer ärmer. Es ist – um nur ein Beispiel zu nennen – einer der wenigen Orte, in denen die Artenvielfalt in den letzten fünfzig Jahren um ein Vielfaches gestiegen ist und noch steigt.

Postkarte aus dem boomenden Chennai

Wie ein gewaltiges Drachenskelett aus Beton thront hoch über der Strasse eine Metrostation. Sie gebiert eine Schlange auf Stelzen, nicht minder monströs, die sich zur nächsten Station windet, von Stadtteil zu Stadtteil: die Hochbahn, die für das moderne Chennai steht. Wärend der frühere Name Madras noch zum Träumen einlädt, steht Chennai für ungezügelten Bauboom, für eine Orgie in Beton, mit unzähligen Server-Farmen mitten in der Stadt etwa: fensterlos, gigantisch, unnahbar, unmenschlich. Nachts um drei wirkt Chennai, als stünde die Apokalypse kurz bevor.

Trotzdem bekomme ich jedesmal vor Freude Herzklopfen, wenn ich das Flughafengebäude verlasse und in das frühmorgendliches Chaos der Grosstadt eintauche. Es ist warm und feucht. Alles riecht üppig, das Betörende ebenso wie das Verstörende, Jasmin ebenso wie der Kadavergeruch aus der nahen Rabatte. Chennai ist in Aufruhr – auch morgens um drei. Wie schön ist es dann, von Freunden herzlich empfangen zu werden, ins Taxi einsteigen zu können und dank der Ortskenntnisse des Fahrers nochmals der Apokalypse entkommen zu sein.

Zügig geht die Fahrt durch schlaftrunkene Quartiere. Die ersten Garküchen haben geöffnet, Nester aus Licht in einer sonst dunklen städtischen Welt. Noch ruhen die Kühe, am Strassenrand oder auch mitten auf der Strasse, so dass die Autofahrer um sie herumfahren müssen, auch die Lastwagenfahrer, die alles andere einfach weghupen, nicht aber die Kühe. Nichts bringt diese aus ihrer verdauungsseligen Ruhe.

Bald liegt das boomende Chennai hinter uns und ist bloss noch eine beunruhigende Erinnerung.

Postkarte aus dem winterlichen Arlesheim

Es liegt kein Schnee in Arlesheim. Doch das Sonnenlicht scheint grell und schräg über die Dächer, zeichnet Schattenbalken auf die Fassaden und treibt die Krähen in Wolken über den Himmel. Das Dorf zu Basel ist in Adventskalenderstimmung. Aus den Kaminen steigen weisse Rauchfontänen in den silbernen Himmel. Bald schon sinkt die Sonne. Ihr frostiges Licht taucht den Abendhimmel in eine zartgelbe Glut, die schüchtern für einen kurzen Augenblick feuriger wird. Dann glitzert die Nacht.

Wen es jetzt nach draussen zieht, muss ein Romantiker sein. Ich bleibe zu Hause und staune ob der Hinfälligkeit unserer Tage. Das Adventskalendertürchen schliesst sich über Arlesheim.


Bild: «Arlesheim_122» von Saurabh Chatterjee, CC-Lizenz via flickr

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