Berge, Dschungel, Tee

Seit gut zehn Tagen bin ich nun bei Gabi und Beat, den Zugvögeln, am Strand von Kuzhupilly (spricht man in etwa so aus: kuhrpli) in Kerala, Südindien. Eine ruhige Zeit der Erholung, wunderbares Essen, Gespräche auf Schweizerdeutsch. Und damit ich in diesem feuchtwarmen Klima nicht allzu faul und träge werde, sind Beat und ich zu einer fünftägigen Reise in die Berge aufgebrochen: ein kleines Abenteuer mit Expeditionscharakter.

Dass ein Schweizer in Indien Auto fährt, ist eher selten. Und dass er den Indern um die Ohren fährt, noch seltener – aber vielleicht die beste Strategie, um in diesem lauten, chaotischen und halsbrecherischen Verkehr überhaupt zu überleben. Beat ist so ein Schweizer. (Zumindest von der Herkunft her. Er kennt allerdings Indien so gut, ist hier so heimisch, dass die südindische Kultur bei ihm tiefe Spuren hinterlassen hat, nicht nur mit Blick auf seinen Fahrstil.) Tatsächlich ist Indiens Strassenverkehr ein Überlebenskampf nach darwinistischem Muster: Der Stärkste überlebt. Und die Stärksten sind nun mal die Lastwagen. Sie haben auch die lauteste Hupe. Wenn vor oder hinter dir ihr Schiffshorn erklingt – nun ja,: es donnert eher, ihr Horn –, gibt es nur eins: Nichts wie weg! Bei kurvenreichen Bergstrecken – und wir fuhren fast nur kurvenreiche Bergstrecken – kann das besonders eindrucksvoll werden: wenn sich zum Beispiel bergauf zwei Lastwagen träge wie Walrösser überholen. Du selber kommst talwärts um die Kurve, und es fehlt einfach eine dritte Spur, um an den beiden dir nebeneinander entgegenkommenden Lastwagen vorbei zu kommen … Wenn du nicht von vornherein auf solche Situationen vorbereitet bist – sei es in der Stadt oder auf dem Land –, hast du dich im indischen Verkehr als nicht überlebenstauglich erwiesen. Pech gehabt! Beat indessen hat uns sicher über diese darwinistische Kampfbahn, genannt Strassenverkehr, geführt. Und zwar während fünf Tagen und über eine Strecke von mehr als 800 Kilometern.



Steiler Abstieg ins Tiefland Tamil Nadus

Ziel waren zunächst die Western Ghats, ein Gebirgszug entlang der indischen Westküste, und insbesondere die Nilgiri-Berge mit Gipfeln bis zu 2’600 Metern. Ich betrachte es als grosses Glück, mit Beat als Selbstfahrer – statt mit einem Taxifahrer – unterwegs zu sein. Ich kann mit seiner Hilfe einen Blick hinter die touristischen Kulissen Indiens tun. Etwa wenn wir unterwegs an einem schattigen Plätzchen in der Natur picknicken können, weil wir eine Küchenkiste mit dem Nötigsten dabei haben. 

Tee …

Die Western Ghats erheben sich recht brüsk aus dem Flachland Tamil Nadus. Entsprechend steil ist der Aufstieg. Während es in den Niederungen Südindiens inzwischen schon fast unerträglich heiss und feucht wird, bringt jeder zusätzliche Meter über Meer Erfrischung. Ab etwa 1’500 Metern Höhe wird es nachts geradezu kühl. Dies ist auch die Höhe, wo in den Western Ghats der Tee wächst, und zwar streckenweise nur Tee, Tee, Tee und nochmals Tee. Ganze Landstriche sind mit Tee verseucht bedeckt: die reinste Monokultur mit fatalen Folgen für Boden und Umwelt – und für die Menschen: Dünger und Pestizide werden meist hemmungslos eingesetzt. Der Tee ist ein Erbe aus der englischen Kolonialzeit. Die Engländer industrialisierten den Anbau beziehungsweise die Weiterverarbeitung des Tees. Das Pflücken selbst liess sich nicht mechanisieren. Das ist und bleibt die Arbeit von Tausenden, Zehntausenden, Hunderttausenden Frauen, die für wenig Geld, für sehr wenig Geld den ganzen Tag über mit einer Art Heckenschere mit Sammelbehälter die Spitzen des Teebusches abschneiden. Ertönt frühmorgens eine Sirene durch die Hügel und Täler – was bei mir jeweils Alarmstimmung auslöste –, bedeutet dies Arbeitsbeginn für die Pflückerinnen. Auch die Mittagspause wird durch das Sirenengeheul angezeigt. Und abends ertönt die Sirene ein letztes Mal: das Signal, dass die Arbeiterinnen ihre Tagesernte in die Fabrik bringen sollen, was sie auch tun, vor Müdigkeit unter den übergrossen, schweren Ballen fast zusammenbrechend.



Pittoresk, aber fatal für Boden und Umwelt: Teelandschaft in der Nähe von Coonoor. (Bild: Driek, CC-Lizenz via flickr)


… Dschungel …

Viele Touristen lieben diese aufgeräumte Teelandschaft. Ich ziehe den Dschungel vor. Er ist weniger säuberlich, er ist dunkel, voller Geheimnisse. Es gibt dort Baumriesen, die in ungewohnter Art wachsen: mit mächtigen Brettwurzeln zum Beispiel, die den hohen, mächtigen Stamm in allen Himmelsrichtungen stützen. Andere Bäume winden sich dem Himmel entgegen, so dass der Stamm wie ein Geschling von Dutzenden Schlangen aussieht – mit einem Gesamtumfang von vielleicht zehn, zwölf Metern oder mehr. 





Blick über den Dschungel bei Oooty. (Bild von Irvin Calicut, CC-Lizenz via Wiki-Commons)


Und es gibt im Dschungel Affen: die weniger scheuen, die sich wie Wegelagerer entlang der Strasse herumtreiben und nur darauf warten, etwas Essbares zu ergattern, das dann und wann aus einem der Touristenbusse geworfen wird. Man sieht ihnen, die mit den Javaneraffen verwandt sein müssen, an, dass ihr Überlebenskampf hart ist. Manchen fehlt ein Stück Schwanz, andere haben Narben im Gesicht. Und im Umgang mit ihnen ist Vorsicht geboten. 



Nicht menschenscheu: Javaneraffen entlang der Strasse.


In den Kronen der Bäume leben Affen, die sind deutlich scheuer. Doch sie sind gut auszumachen, da sie grösser sind und ihr Fell ganz schwarz ist. Sobald die Affen gemerkt haben, dass sie beobachtet werden – und das lässt sich nicht verhindern, wenn man mit dem Auto unterwegs ist –, ziehen sie sich langsam und unaufgeregt in den Wald zurück. Keine halbe Minute später ist nichts mehr von ihnen zu sehen oder zu hören. Sie aber beobachten dich bestimmt aus sicherer Distanz. Denn wenn du aussteigst, hörst du es plötzlich wieder rascheln. Überhaupt die Geräusche! Zum Beispiel das Gezirpe von Zikaden, das eher ein Geschnatter ist. Diese Insekten müssen riesig sein, um einen solches Geräusch hervorzubringen. Dann einzelne Vogelrufe, die aus dem Geschnatter hervortreten, ganz einfach in ihrer Tonalität, aber von weitem hörbar. 

… Berge

In der Gegend von Valparai war es alles andere als einfach, eine geeignete Unterkunft für die erste Nacht zu finden. (Nebenbei: Es ist allgemein äusserst schwierig, eine auch nur einigermassen rollstuhltaugliche Unterkunft zu finden. Eine grosse Herausforderung für mich – und für meinen Begleiter …) Schliesslich landeten wir in einem ehemaligen englischen Landsitz inmitten von Teeplantagen. Wir waren die einzigen Gäste. Das Zimmer war völlig überbezahlt. Dafür stand uns praktisch der ganze Landsitz zur Verfügung – mit Speisezimmer, wo wir zu zweit an einem riesigen runden Tisch unter Lüstern assen, mit Bibliothek und Rauchsalon, die beide in der Kolonialzeit stehen geblieben schienen. Und die ganze Belegschaft des kleinen Hotels stand zu unserer Verfügung, was sich zwischendurch wie eine fürsorgliche Belagerung anfühlte. 

Dafür fanden wir am nächsten Abend in den Nilgiri-Bergen ein kleines Paradies: eine Art Alphütte, die zu einem kleinen, biologisch bewirtschafteten Bauernbetrieb gehörte, dem Acres Wild. Sehr empfehlenswert! Wir blieben gleich drei Nächte und unternahmen von dort aus Tagesausflüge. 



Wie auf der Alp: Blick von unserem Häuschen auf Holstein-Kühe und ein Aussenquartier von Coonoor.


Am fünften Tag kehrten wir wieder in die schwühlheissen Niederungen Keralas und nach Kuzhupilly zurück. Um Coimbatore, eine grosse Stadt auf unserem Rückweg, machten wir einen grossen Bogen, was sich durchaus gelohnt hat, aber streckenweise einer Expedition ins Unbekannte glich – etwa als wir mit dem Auto einen kleinen Fluss durchqueren mussten, um weiterzukommen. Ohne GPS auf meinem iPad, eher zufällig als geplant mit von der Partie, wäre diese kleine Expedition ins Unbekannte nicht möglich gewesen. Ein weiterer Blick hinter die Kulissen Indiens …

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