Stadtwanderer: Flohmi im Winter

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Wer an einem winterkalten Samstagmorgen den Flohmi auf dem Petersplatz besucht, muss entweder abgebrannt sein, ein Essenzialist – oder Stadtwanderer. Im ersten Fall diktiert der schiere Mangel das Geschehen: Man kauft die gebrauchte Bratpfanne für zwei Franken, weil man sich die neue für zwanzig Franken nicht leisten kann. Das gibt es – und kommt immer öfter vor.

Auch die Verkaufenden können oft nicht auf die kargen, aber regelmässigen Einkünfte verzichten. Was sonst triebe sie an diesem garstigen Wintertag auf den Petersplatz? Da stehen sie fast schon einsam unter den kahlen Bäumen. Hinter ihnen liegt müde das Gras. Oder sie lehnen sich an eine farblose Mauer, in dicke Mäntel und Schals gehüllt, die Hände in der Tasche, vor sich eine üppige, vielleicht auch karge Auslage. Nur wenige Menschen sind in diesen Zeiten auf dem Petersplatz, Kinder schon gar keine. Hier und da sieht man sie im Gespräch. In der stillen Kälte entsteht dabei, von weitem sichtbar, eine feine Atemhauchwolke, gleichsam eine verschwiegene Sprechblase.

Der Essenzialist kommt an diesem Samstagmorgen ganz auf seine Rechnung. Er, der immer auf der Suche nach der Essenz, nach dem Wesen hinter den Erscheinungen ist, glaubt, in dieser winterlichen Szenerie auf dem Petersplatz den Kern des Flohmarktes, womöglich den Kern jeglichen Marktgeschehens vor sich zu haben, befreit von allem Beiwerk. Der Sommerflor ist einer grauen Sachlichkeit gewichen. Es geht einzig noch um das Notwendige: um die Bratpfanne und ihren Preis. Alles andere wird auf den Sommer verschoben: das Lachen, das Gewimmel der Menschen, die knallige Federstola, die Kinder. Der Essenzialist ist nun in seinem Element.

Dann gibt es noch ein paar Unentwegte wie mich, den Stadtwanderer, den es samstags immer wieder und zu jeder Jahreszeit auf den Petersplatz verschlägt, obschon er keine Bratpfanne braucht. Und wir sind gar nicht so wenige. Ich drehe meine Runde, bleibe hier stehen, halte da einen Schwatz ab. – Jedesmal, wenn ich auf den Flohmi komme, ist es ein bisschen, als käme ich heim.

***

Der «Stadtwanderer» erscheint monatlich als Kolumne in der «Programmzeitung».

Bild von Ptqk,  CC-Lizenz via flickr

Comments

  1. Schöner poetischer Text Walter, ich spüre die Stimmung auf dem Petersplatz! Du hast wahrlich das flair dazu.

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