Zeitenschmelze

Sonntagmorgenstimmung. Die Glocken läuten ins Schreibzimmer. Noch ist der Himmel bedeckt. Er wird aber lichter. Wieder Sonntag! Schon wieder! Früher – viel früher – waren es die Sekunden, die bei jedem Ticken der Uhr vergingen. Dann die Minuten, die Stunden, die Tage. Und heute sind es die Wochen, die verfliegen so wie die Sekunden früher. Eine Zumutung, diese Zeitenschmelze! Und ich sitze daneben und sehe die Wochen vorbeiziehen. Es wird mir schwindlig dabei. Obschon sie voller grösserer und kleinerer Aufgaben sind, bleiben sie doch seltsam leer und ohne einen prägenden, mich verändernden Eindruck.

Ist vielleicht auch etwas viel verlangt von diesen Wochen, die halt einfach vorbei ziehen, wie sie es schon immer getan haben und auch bis in alle Ewigkeit tun werden. Wenn irgend etwas prägend sein soll, dann bin es entweder ich selbst, der meinem Leben seinen Stempel aufdrückt. Oder dann ist es das Schicksal, das den Fluss der Wochen bremst und dafür sorgt, dass das Ticken der Uhr wieder mit Sekunden hinterlegt ist.

«Time» von Stephen Edmonds, CC-Lizenz via flickr

 

Sonntag – Abschied

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Bild: Hamed Saber (CC-Lizenz via flickr)
Sunday is gloomy

 

Am Vortag machte Vater oft einen Zopf. Er ging jeweils energisch ans Werk. Beim Klopfen des Teigs stellte er die Schüssel auf den Boden und klatschte den Teigklumpen aus beträchtlicher Höhe – er war an die zwei Meter gross – und mit aller Kraft hinein, so dass es knallte und ihm Schweissperlen auf die Stirn trieb. Einmal zerschmetterte er so die Schüssel. Wir Kinder wussten nicht, ob wir lachen durften. Das Lachen war uns zuvorderst, doch wir kannten Vaters Spannungszustände nur zu gut und wollten ein Donnerwetter vermeiden. Wie erlöst waren wir, als Vater selber zu lachen begann, und wir einstimmten konnten! Der Sonntagmorgenzopf fiel damals aus.

Mir ging durch den Kopf, dass ich mich verstecken könnte. Doch das ist im Rollstuhl gar nicht so einfach. Oder ich könnte weggehen, für immer weggehen – von zuhause, vom Heim, vom Sonntag, von allem. Doch auch das schien mir aussichtslos.

Diesen Sonntag gab es Zopf, doch schon beim Aufstehen war diese leise Trauer da. Abschied lag in der Luft. In der Küche klirrte und klapperte es zwar munter. Mutter bereitete das Morgenessen vor, deckte den Tisch. Es roch nach Kaffee. Doch dieser Duft und die Geschäftigkeit der Mutter vermochte die Abschiedsstimmung nur vorübergehend zu vertreiben. Am Nachmittag musste ich zurück ins Heim und durfte erst zwei, drei Wochen später wieder nach Hause kommen. Erst viele Jahre später machte mir das nichts mehr aus. Damals, an jenem Sonntag, hätte ich alles gegeben, um nicht wieder von zuhause fort zu müssen. Mir ging durch den Kopf, dass ich mich verstecken könnte. Doch das ist im Rollstuhl gar nicht so einfach. Oder ich könnte weggehen, für immer weggehen – von zuhause, vom Heim, vom Sonntag, von allem. Doch auch das schien mir aussichtslos.

Als wir alle am Tisch sassen, meine drei Geschwister, die Eltern und ich, verflogen diese düsteren Gedanken wieder, machten dem Kinderalltag Platz. Ich glaube, wir spielten nach dem Essen auf dem Wohnzimmerboden Halma oder Elferraus. Möglich, dass die Schwester, die älteste von uns Kindern, sich bald in ihr Zimmer zurückzog. Denn ihre Brüderchen waren ihr alle ein bisschen zu klein – und zu kindisch. In der Küche wurde bereits das Mittagessen vorbereitet. Es gab Hähnchen mit Pommes Frites und gedämpfte Tomaten. Als Mutter das Hähnchen im heissen Fett anbriet, zischte es laut aus der Küche. Regelmässig holte sie sich dabei durch einzelne Spritzer leichte Verbrennungen an Händen und Oberarmen. Oft half Vater am Sonntag in der Küche. Abwaschen war sein Spezialgebiet. Mit unglaublichem Eifer polierte er jeweils am Schluss den Chromstahl des Waschbeckens und der Kombination, dass wir daran zweifelten, ob wir die Küche je wieder betreten durften.

Nach dem Mittagessen rückte der Abschied in bedrohliche Nähe. Zwar ging es erst etwa um 15 Uhr los. Aber die Zeit bis dann war verlorene Zeit – Zeit, die unerbittlich vorrückte und nicht mehr die Kraft hatte, das Unausweichliche vergessen zu machen. Zu packen gab es nur wenig, vielleicht ein paar frisch gewaschene Kleider und ein Mitbringsel, das mich im Rossfeld an zuhause erinnern sollte. Die restliche Familie stand oft draussen, als Vater und ich uns auf den Weg machten. Der eine oder die andere verdrückte eine Träne, zumindest die ersten Jahre. Die Fahrt mit dem Auto dauerte jeweils eineinhalb bis zwei Stunden. Bis zum Passwang – damals gab es im Baselbiet noch keine Autobahn – bewegten wir uns in heimatlichen Gefilden. Die Fremde begann erst in Balsthal, wo wir dann bald auf die Autobahn kamen.

Oft fuhren wir schweigend, Vater und ich: Vater, weil er gerne schwieg beim Autofahren, vielleicht konnte er sich so besser konzentrieren; ich, weil ich bedrückt war. Die letzte Strecke zwischen dem Jura und Bern liessen wir viel zu schnell hinter uns, und bald waren wir vor der gläsernen Porte des Schulheims Rossfeld.

Wenn es bloss andere Kinder gehabt hätte! Wenn es bloss nicht so still und dunkel gewesen wäre. Vater brachte mich durch den langen, einsamen Gang «auf die Familie», wo ich von der Familienmutter in Empfang genommen wurde. Vater verabschiedete sich eher förmlich als herzlich. Und als er gegangen war, überkam mich eine bodenlose Verlassenheit, eine untröstliche Einsamkeit, die, solange die Familienmutter im Raum war, zu Stummheit gerann. War ich später allein im Zimmer, weinte ich.

Seitdem und bis heute ist der Sonntag der traurigste Tag der Woche, besonders nachmittags und abends. Er schmeckt nach der grauen Watte des Abschieds von dem, was mir am liebsten ist. Er schmeckt nach Trauer, Melancholie, nach schwarzer Galle.

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