Die Sucht nach schnellen Antworten in der Krise

Prognosen und schnelle Antworten schiessen ins Kraut. Und die Antworten kommen oft, bevor das Problem wirklich erkannt ist. Vielleicht wäre es an der Zeit, mit den Fragen zu leben, die unsere Zeit aufwirft, und statt schnellen Antworten gemeinsam herauszufinden, was für eine Zukunft wir wollen. Dies schlägt die junge spanische Philosophin Sira Abenoza in einer Kolumne vor. – Übersetzung aus dem Spanischen von Walter B.

Die schlimmste Krise seit der Grossen Depression. Länder schotten sich ab und errichten Barrieren. Nationalismus und das Streben nach Autarkie blühen auf. Unsere Bewegungsfreiheit wird beschnitten und wir werden überwacht. Auf einmal leben wir in Kontrollgesellschaften. Gesundheitspässe werden eingeführt und unsere Rechte eingeschränkt. Arbeitslosigkeit, wirtschaftlicher Niedergang und Hoffnungslosigkeit greifen um sich. Milliardenschwere Hilfsfonds werden eingerichtet. Am Horizont taucht der Grosse Bruder auf: Bitte geben Sie acht! Noch mehr Virus. Und noch mehr Einbussen. Noch weniger Bewegungsfreiheit – bis hin zur Ausgangssperre. Noch mehr Arbeitslosigkeit.

Seit Wochen überbieten sich in den Medien die Experten mit ihrer Sicht auf die Dinge: wohin unsere Welt in der Post-Corona-Zeit steuert und wie unser Leben in der neuen Normalität aussehen wird. In den Massenmedien wird ihnen Platz eingeräumt für Ausführungen und Erklärungen am Laufmeter. Und die Experten versuchen sich in Hypothesen, sondern Schlagzeilen ab – und stürzen uns allzu oft in eine grössere Depression.

Das ist unser aller Laster: Wir hören den Experten gerne zu, wenn sie uns erklären, wie die Dinge laufen, und wechseln von der Couch oder vom Auto aus zur Not den Kanal. Wenn wir damit einverstanden sind, schauen wir es uns an – und bleiben in der Show. Und was uns nicht behagt, lehnen wir ab – und zappen weiter. In einem so ungewissen Szenario wie dem heutigen vervielfältigt sich der Wunsch, Antworten zu finden: Bitte, liebe Gelehrte, sagt uns, wie unser Leben morgen sein wird, wie nächste Woche und wie in den kommenden Jahren! Wir malen uns aus, dass uns ihre Antworten, wenn auch nur ansatzweise, in der sich immer schneller drehenden Welt die Angst nehmen und dass wir dann ohne viel Umschweife weitergehen können.

Falsche Lösungen als verpasste Chancen

Bei allem Verständnis für diese Haltung scheint mir das Vorgehen falsch. Die Krise verstärkt unsere Tendenz, nach einer Lösung zu suchen, bevor wir das Problem verstanden haben – eine Gewohnheit, die von verschiedenen Autoren beschrieben und von Beratern und Therapeuten behandelt wird. War es im Buch «Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus» oder einem anderen? Dem Vernehmen nach sei es für Männer wichtig, alles sofort in den Griff zu bekommen, während Frauen oft einfach wünschten, sich auszutauschen und angehört zu werden. Ich weiss nicht, ob es eine Geschlechterfrage ist oder eine des Menschseins. Aber ich weiss, dass Lösungen, die gefunden werden, bevor das Problem erkannt ist, in der Regel ein Irrtum sind, das heisst eine verpasste Chance.

Es gibt unzählige Beispiele für falsche Lösungen oder auch ungeeignete Hilfeleistungen. Etwa im Zusammenhang mit den syrischen Flüchtlingen: Unter Aufbietung des guten Willens aller Welt begannen NGOs, Unternehmen wie auch einzelne Bürgerinnen und Bürger Teddybären und Zehntausende Paar Schuhe für Kinder und Erwachsene zu schicken. Die ganzen Plüschtiere und Schuhe landeten letztlich als Abfall in der Landschaft, als die Flüchtlinge wegzogen. Denn es war nicht das, was sie in dieser Zeit brauchten.

Tatsächlich sind es die Entwicklungsländer leid, Lösungen vorgesetzt zu bekommen, die ihre Probleme nicht lösen, weil sie in den Büros der Ersten Welt ausgeklügelt wurden. Im Rahmen von humanitären Programmen oder aus sozialer Verantwortung haben viele Unternehmen Millionenprojekte auf die Beine gestellt, welche die wirklichen Probleme der vermeintlichen Nutzniesser nicht lösten: Es wurden Schulen gebaut, in die nie SchülerInnen einzogen, Wälder angepflanzt, wo sie fehl am Platz waren, unbequeme Schuhe, wacklige Tische und toxische Spielzeuge verteilt.

Man dachte für andere, statt die anderen zu fragen, was sie brauchen.

Vielleicht ist das der springende Punkt. Vielleicht sollten wir aufhören zu meinen, naheliegende Antworten seien die richtigen. Wir werfen uns wohlfeilen Antworten und schnellen Lösungen in die Arme, weil uns das ein (falsches) Gefühl von Sicherheit gibt.

«Die Fragen selbst liebhaben»

Doch was würde geschehen, wenn wir für einmal nicht voreilig nach Antworten und Prognosen rufen würden? Wie, wenn wir für einmal dem Impuls widerstehen würden und tun, was Rainer Maria Rilke einem jungen Dichter empfohlen hat: «… Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in Ihrem Herzen, und zu versuchen, die Fragen selbst liebzuhaben …»?

Vieles geschieht zurzeit, das wir nicht verstehen und das uns erstaunen lässt, das uns beunruhigt, ja in Angst versetzt. Wie, wenn wir statt nach schnellen Lösungen zu suchen, das Geschehen zunächst eingehend betrachten, dessen Vorgänge, Umstände, Erscheinungsformen und Hintergründe studieren würden, um die ganze Tragweite auszuloten und die Einzelheiten zu verstehen?

Nebst all den Verheerungen, die der Schwarze Donnerstag des Jahres 1929 und der Zweite Weltkrieg zur Folge hatten, führten sie auch zum Ausbau des Wohlfahrtsstaates und zur Anerkennung neuer Menschenrechte. Wenn dies nach all den Tragödien möglich war, so wohl weniger weil Experten in den Medien Prognosen abgaben, wie furchtbar die Zukunft sein würde. Wenn die Zukunft besser wurde als die Vergangenheit, so eher weil es BürgerInnen, PolitikerInnen und DenkerInnen gab, die sich vorstellten, wie die Welt sein sollte, und dann handelten. Wollen wir von ihnen lernen, so ist heute vielleicht nicht die Zeit der Antworten, sondern die Zeit, die Fragen zu lieben, alle Fragen, die uns in den Sinn kommen. Es ist vor allem an der Zeit, darüber nachzudenken und sich vorzustellen, welche Welt wir uns für morgen wünschen.

Umwälzungen, besonders diese hin zum Guten, die uns zu mehr Rechten und Wohlbefinden verhelfen, ergeben sich nicht aus einer passiven Haltung, indem wir etwa vom Sofa aus die Experten fragen, was wohl als Nächstes kommen wird. Sie geschehen, indem wir uns aktiv und einfallsreich mit dem verbinden, was ist, mit dem, was auf uns zukommt, und mit denen, die leiden. Umbrüche geschehen aus dem Wunsch heraus, darüber nachzudenken, wie die Welt sein soll, und was wir dazu beisteuern können. In den Medien, in Thinktanks, als Politiker, Wissenschaftler, letztlich als Bürgerinnen und Bürger können wir dazu beitragen, dass die Welt so wird, wie wir es uns wünschen. Lasst uns Hauptdarsteller sein, nicht Zuschauer!

Widmen wir doch die zig Zoom-Stunden dem gemeinsamen Ausloten, was wir brauchen und was wir wünschen! Wenn wir unserer Vorstellungskraft Flügel verleihen, wenn wir aus dem mentalen Gefängnis ausbrechen, wenn wir, statt uns zu beklagen, kraftvoll uns etwas besseres vorstellen – und dabei unsere Gegner einbeziehen, damit wir eine Welt haben, die alle einschliesst –, dann erreichen wir vielleicht, dass die Zukunft besser wird als vorhergesagt.


Der Text von Sira Abenoza ist im Original auf eldiario.es erschienen.

Von Einhörnern und der spanischen Protestbewegung 15-M

15-M ist keine gewöhnliche Protestbewegung – gerade so wie das Einhorn kein gewöhnliches Pferd ist. Vielmehr findet in Spanien ein beispielloser Prozess der sozialen Politisierung statt. So beschreibt es Amador Fernández-Savater, 15-M-Aktivist der ersten Stunde. – Eine Einschätzung aus dem Inneren der Protestbewegung anlässlich ihres zweiten Jahrestags. Übersetzung: Walter B.

mark tholander (9)

«Ein chinesischer Prosaist hat vermerkt, dass ein Einhorn, gerade weil es so sonderlich ist, unbeachtet bleiben muss. Die Augen sehen nur, was sie zu sehen gewohnt sind.» (Gorge Luis Borges)

***

Mai ist Prüfungszeit. Auch die Protestbewegung 15-M ist davor nicht gefeit. Der zweite Jahrestag ist für die Medien eine günstige Gelegenheit, ihr Urteil zu fällen. Ist die Bewegung noch am Leben? Was bleibt? Wächst sie oder wird sie kleiner? Und was hat sie erreicht? Es sind Augen auf sie gerichtet, die nur sehen, was sie zu sehen gewohnt sind: das Ereignis und nicht den Prozess, die Identität und nicht die Verwandlung, das Spektakuläre und nicht das Alltägliche, den Makrokosmos und nicht den Mikrokosmos, das Quantitative und nicht das Qualitative, die Ergebnisse und nicht die Wirkungen – ein klinischer Blick von aussen, der Blick Gottes auf seine Kinder. Ein Problem ist nur, dass wir diesen Blick verinnerlichen und uns seinen Normen angleichen. Deshalb protestierte letzthin eine Freundin lauthals: «Zum Teufel mit diesem Jahrestag! Wir kämpfen jeden Tag. Wir könnten diesen ebensogut am 3. Februar oder am 11. Juni begehen. Wenn die Medien uns für tot halten – umso besser! So können wir ruhiger arbeiten.»

Das Einhorn ist nicht genau ein Pferd. Ebenso sind die Bewegung 15-M[1], die Mareas[2] oder die Bewegung PAH[3] nicht soziale Bewegungen im herkömmlichen Sinn, sondern Namen und Masken, die sich ein wahrhaft aussergewöhnlicher Prozess der sozialen Politisierung selbst aufsetzt. Es ist ein und derselbe Prozess, und doch ist er immer wieder anders, in ständiger Verwandlung begriffen. Die Herausforderung besteht nicht so sehr darin, den unzähligen Lügen oder Stereotypen zu begegnen, die täglich in den Medien herumgereicht werden, sondern zu lernen, uns selbst anders zu sehen, anders zu erzählen. Die Herausforderung besteht darin, das Aussergewöhnliche, was wir vollbringen und leben, wertschätzen, benennen und vermitteln zu können.

Die Erschaffung von neuem Sinn

Heute äussert sich das soziale Unbehagen in einem erhöhten politischen Bewusstsein und der persönlichen Teilnahme an Initiativen, Protesten und deren Organisation. Und das Unbehagen wird vermehrt zum Ausdruck gebracht und geteilt – nicht nur unter Freunden und in Bars, sondern mit Unbekannten und auf der Strasse. Das soziale Unbehagen wird zur Aktion. Dies ist nicht etwa ein mechanischer Vorgang, der automatisch und mit einer gewissen Notwendigkeit abläuft. Das alles müsste nicht so sein. Und tatsächlich ist es ja auch nicht das, was in anderen europäischen Ländern, die von der Krise, vom Betrug betroffen sind, geschieht. Nein, normal wäre die allgemeine Verbreitung von Angst, von Resignation, von Schuldgefühlen sowie das Fortschreiten der Individualisierung. Eine solche Wirkung hin zur Passivität erzielt zum Beispiel die weit gestreute offizielle Lesart der Krise: «Wir haben über unseren Verhältnissen gelebt.» Wir sind also Sünder. Wir haben deshalb kein Recht zu protestieren. Und die gerechte Strafe ist unser Sühneopfer. Die Kürzungen von Merkel und Rajoy – Figuren des strafenden Gottes – sind deshalb willkommen. Doch diese Erzählung konnte sich hier nicht wirklich durchsetzen. Das Private wird gemeinschaftlich. Es wird geteilt. Die Depression wird  politisch. Der Sinn unserer Existenz – Eigentum, Erfolg, Konsum – geht unter. Doch wir sind imstande, zusammen mit anderen neuen Sinn zu schaffen. Von dem Ort aus, wo wir stehen, bewegen wir uns und kümmern uns um unsere gemeinsame Lage. Wir verantworten, was wir nicht verschuldet haben. (Tatsächlich und bestimmt gerade deshalb ist es alles andere als gewiss, ob die Suizidrate in der Krise wirklich nach oben zeigt.[4]) [Read more…]

Europaweite Vernetzung der Empörten: Ein Gebot der Stunde

An einer bis auf den letzten Platz besetzten zweitägigen Konferenz trafen sich Anfang Mai in Brüssel rund 250 AktivistInnen aus allen EU-Mitgliedsstaaten sowie GewerkschafterInnen, UmweltschützerInnen, ÖkonomInnen und empörter BürgerInnen, um über das Thema «EU in der Krise: Analysen, Widerstand und Alternativen zu einem Europa der Konzerne» zu diskutieren. Eine der Früchte dieser Konferenz sind eine Reihe von Vorschlägen, was Ziele und Inhalte einer gesamteuropäischen sozialen Bewegung sein könnten. – Hier eine Kurzfassung dieser Vorschläge.

  • Demokratisierung der Finanzindustrie: Wenn die Europäische Zentralbank (EZB) interveniert, um die in Not geratenen Banken zu retten, so muss die Verwaltung der betroffenen Banken in der Folge einer demokratischen Kontrolle unterworfen werden. Ferner soll die EZB auch bei den in Not geratenen Staaten intervenieren, indem sie mit Darlehen als Rettungsanker auftritt.
  • Wechselseitigkeit der Prozesse: Wenn man Staaten unter Sanktionsandrohung dazu zwingt, ihr Handelbilanzdefizit zu beseitigen, so müssen aus demselben Grund Staaten dazu gezwungen werden können, ihren innereuropäischen Handelbilanzüberschuss zu beseitigen. Denn dies ist die andere Seite derselben Medaille. Der Handelbilanzüberschuss Deutschlands entwickelte sich in verblüffender Art symmetrisch zum entsprechenden Defizit von Spanien, Portugal und Griechenland. Das heisst: Deutschlands Wirtschaftswachstum war nur Dank der Verarmung der südlichen EU-Länder möglich.
  • Der Ursprung der Krise: Die Staatsdefizite sind nicht die Ursache, sondern die Folge der aktuellen Krise, weshalb die Wirtschaftspolitik ihren Fokus auf die allseits bekannten Ursachen richten muss: die Deregulierung, die Monetarisierung und die fehlende Nachhaltigkeit unseres auf Konsum und Ausbeutung basierenden sozioökonomischen Modells.
  • Die Lösung war das Problem: Die konservative Agenda, die gegenwärtig die EU lenkt, wurde hauptsächlich durch Institutionen durchgesetzt, in welchen der Nationalismus der Regierung einzelner Länder höher gewichtet ist als die demokratische Stimme der Bürger. Somit waren die Europäische Komission, der Europäische Rat und die Europäische Zentralbank der Ausgangspunkt des Problems. Und das pluralistischere und ausgewogenere Europäische Parlament hat noch immer und wie seit Jahren im Verhältnis dazu wenig Macht.
  • Das Problem ist nicht der Euro, sondern dieser Euro: Ideologisch betrachtet gibt es überhaupt keinen praktischen Unterschied, ob man sich für eine andere Wirtschaftspolitik innerhalb des Euro einsetzt oder für den Austritt aus dem Euro und danach eine andere Wirtschaftspolitik auf staatlicher Ebene anstrebt. Aber keine Regierung kann alleine ihre Wirtschaftspolitik gegen den riesigen Finanzmarkt durchsetzen. Nicht einmal Mitterrand schaffte das in den Jahren 1981/82. Und damals waren der Kapitalismus und die Globalisierung bedeutend weniger aggressiv.
  • Fortschrittlicher Europäismus: Die zivilgesellschaftlichen Organisationen sind auf europäischer Ebene weniger und schlechter organisiert als auf einzelstaatlicher Ebene. Trotzdem wird der grösste Teil des Rechts, das heute die Bürger betrifft, auf europäischer und nicht auf einzelstaatlicher Ebene gesprochen. Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass das Problem weder beim europäischen Projekt an sich noch beim Euro liegt, sondern bei der neoliberalen Wende.
  • Wir sind Europa: Die paneuropäische Bewegung ist die Fortsetzung der Bewegung auf staatlicher Ebene. Nun ist es aber nicht so, dass die sozialen Bewegungen zwischen der einen oder anderen Ebene wählen müssen. Tatsächlich ist es dieselbe. Und die Bewegung lebt nur auf gesamteuropäischer Ebene, wenn sie vorgängig auf einzelstaatlicher Ebene lebt. Das ist nicht anders, wie die Lobbyorganisationen ihren Einfluss ausüben: Sie tun das auf lokaler, staatlicher und europäischer Ebene. Um dem neoliberalen Diskurs auf den entsprechenden Entscheidungsebenen etwas entgegenzuhalten, ist es notwendig, auf all diesen Ebenen einen fortschrittlichen Diskurs anzustossen und zu führen.
  • Kapital oder Demokratie: Historisch war der Kapitalismus mit der Demokratie vereinbar. Doch beim heutigen Finanzkapitalismus scheint das nicht mehr der Fall zu sein. Denn die öffentlichen Dienste und der Wohlfahrtsstaat sind auf seiner Abschussliste. Und gerade dies sind die Stützpfeiler des sozialen Modells und der Demokratien in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg.
  • Schock-Doktrin: Obschon die Massnahmen zur Haushaltsdisziplin angeblich zur Bewältigung der Krise ergriffen werden, haben sie überhaupt keinen sachlichen Bezug dazu. Die Tatsache, dass in keinem EU-Land die Austerität erfolgreich war und dass solche Bestrebungen im Sinne der neoliberalen Doktrin bereits vor der Krise im Gange waren, ist Beweis genug, dass die Krise nur eine Ausrede ist, um in Europa unter Umgehung der demokratischen Debatte eine neoliberale Agenda durchzusetzen.
  • Keine Einbahnstrasse: Wir brauchen einen anderen Euro und eine andere Wirtschaftspolitik. Es ist nicht so, dass ein anderes Europa möglich ist. Ein anderes Europa ist notwendig.
  • Wir sind Menschen und nicht Märkte: Die Erfahrung zeigt, dass es nichts bringt, wenn wir die Märkte besänftigen. Obschon Märkte schnell und Demokratien langsam sind, ist nach wie vor das langfristige Vertrauen der Bürger (um zu Kompromissen zu kommen) wichtiger als das kurzfristige Vertrauen der Märkte (um von ihnen grünes Licht zu erhalten). Dies ist deshalb so, weil die Bürger Mitglieder der Gesellschaft sind und ihre Bindungen langfristiger Natur sind. Die Wirtschaftsakteure hingegen sind Konkurrenten auf dem Markt. Ihre Bindung ist kurzlebig und beruht auf den Vorgängen (und Momenten) des Kaufens und Verkaufens.
  • Hart mit den Schwachen, schwächlich mit den Starken: Die moralische Krise, in welcher der heutige Kapitalismus steckt, besteht darin, dass er die unschuldigen Teilnehmer des Systems – die Arbeiter – bestraft und die schuldigen – die Arbeitgeber – belohnt. Die Mächtigen werden wie Allmächtige behandelt, die Schwachen wie Sünder.
  • Wer ist von wem abhängig? Die neoliberale Ideologie möchte sich die Sprache aneignen, diese geradezu beschlagnahmen. Die Globalisierung ist die Globalisierung des Kapitalismus. Die Entwicklung ist die Entwicklung des Kapitalismus. So besteht die Gefahr, dass Sprache und Politik gleichermassen verfälscht werden zugunsten einer gesellschaftlich minoritären Ideologie. Und trotzdem braucht der Neoliberalismus auch weiterhin den Staat, die Politik und die Demokratie als Werkzeuge, um seine Ziele zu erreichen.
  • Überwindung des Intermediären: Die horizontale Bewegung des Typs 15-M möchte die traditionellen Wege der sozialen Einflussnahme und Entscheidfindung von politischen Parteien und Gewerkschaften überwinden. Diese versuchen, an der Spitze der sozialen Pyramide Einfluss zu nehmen. Der neue Impuls möchte das intermediäre, repräsentative Element umgehen, indem er den Vermittler als öffentliche Figur umgeht, damit alle öffentliche Aufmerksamkeit der Botschaft und deren Sinn für die Gemeinschaft zukommt.
  • Déjà vu: Die zunehmenden Probleme in Europa, was Deregulierung, Privatisierung und Konzentration der politischen Entscheide in den Händen einer Elite anbetrifft, kennt man in Afrika, Asien und Lateinamerika seit Jahrzehnten. Es ist deshalb empfehlenswert, sich in der EU auf die Taktiken und Intrumente des Widerstands zu besinnen, die im Süden dagegen ergriffen wurden.
  • Streichung der Schulden: Es gibt keinen Sinn, dass sich die europäischen Staaten überschuldet haben, um die Schulden der Banken und Finanzinstitute zu übernehmen, nicht aber gleichzeitig deren Besitz und Entscheidungsbefugnis sozialisiert haben. Mehr noch: Sie werden vom Finanzsystem dafür auch noch bestraft. Die Bürger bezahlen ein-, zwei, dreimal für eine Krise, die sie gemildert und nicht verursacht haben. Diese Schulden sind unrechtmässig und müssen gestrichen werden.
  • Dritte Welt in Europa: Das Auseinanderdriften von Zentrum und Peripherie, von Nord und Süd in Europa widerspiegelt die klassischen Machtverhältnisse und die Narration Erste Welt – Dritte Welt. In diesem Sinne erleidet Spanien heute eine fortschreitende Lateinamerikanisierung. Deshalb können in Lateinamerika auch Antworten darauf gefunden werden.
  • Gegen die Erschaffung von Mangel: Der von den Lobbys propagierte grüne Kapitalismus beinhaltet viel Kapitalismus und wenig Grün. Er will die Natur in wirtschaftsfähige, auf Märkten handelbare Aktive verwandeln. Diese Kommerzialisierung der natürlichen Ressourcen erzielt man über Gesetze, deren Ziel es ist, neue Märkte zu schaffen, die Mängel und Bedürfnisse erzeugen, wo es sie in Wirklichkeit gar nicht gibt. Man muss die Landverteilung repolitisieren und die Aneignung der Natur stoppen.
  • Eine andere Entwicklung entwickeln: Die Rechte fördert ein Entwicklungsmodell, das auf der Ausbeutung und dem verschwenderischen Gebrauch der Rohstoffe beruht und ein produktivistisches, ausbeuterisches und konsumistisches System aufrecht erhält. Infrastrukturprojekte sind zu rationalisieren und die Nachhaltigkeit ist als Leitprinzip bei wirtschaftlichen Entscheiden durchzusetzen.
  • Vernetztes Arbeiten: Der europäische Aktivismus braucht keine übergeordnete Organisation, welche alle heute bestehenden Kräfte umfasst, sondern eine Koordination, welche diese Kräfte strukturiert. Es braucht also keine übergeordnete Struktur, sondern eine Vernetzung, letztlich ein gemeinsames Netz, einen Raum der Übereinstimmung, auf den man sich bezieht – bei der Idee für eine lokale Aktion ebenso wie bei der europaweiten Koordination. Denke auf europäischer Ebene, handle auf lokaler Ebene!

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Die Konferenz wurde vom Corporate Europe Observatory und dem Transnational Institute organisiert. Die Zusammenstellung der Vorschläge entdeckte ich auf periodismohumano.com, einer spanischsprachigen Plattform für Journalismus mit Schwerpunkt Menschenrechte. (Hier geht es zum Original.) – Übersetzung: Walter B.

Charles Eisenstein: «Der Geist von Occupy»

Nichts weniger als eine Revolution des Bewusstseins sieht Charles Eisenstein hinter der Occupy-Bewegung. Es gehe ihr nicht so sehr darum, Korrekturen am Gesellschaftssystem einzufordern, sondern das System grundsätzlich in Frage zu stellen und einen Paradigmenwechsel einzuleiten, eine «Revolution der Liebe» zu verwirklichen, die niemanden ausgrenze, nicht einmal das eine Prozent der Menschheit, das – im Gegensatz zu den restlichen 99 Prozent – von den gegenwärtigen Verhältnissen profitiert. – Die Besprechung eines berührenden Büchleins.

Zwei kurze, holzschnittartige Essays des «Spin-Doktors der Occupy-Bewegung» vereinigt das schmale Buch, dessen deutsche Übersetzung im Scorpio-Verlag erschienen ist. Das erste, «Keine Forderung kann gross genug sein», lotet die Motive der Occupy-Bewegung aus und führt sie auf nichts geringeres als eine «Revolution des Bewusstseins» zurück. Im zweiten Essay unter dem Titel «Geld und die Krise der Zivilisation» zeichnet Eisenstein, der an der Universität von Yale Philosophie und Mathematik studiert hat, in groben Zügen unser Geldsystem nach und zeigt auf, wie es unsere Zivilisation an den Abgrund gebracht hat.

«Keine Forderung kann gross genug sein»
Den Protestbewegungen der Empörten in Europa und den Vereinigten Staaten wurde immer wieder vorgeworfen, sie hätten keine klaren Forderungen, mit denen sie auf die aktuelle Politik Einfluss nehmen könnten. Die Proteste seien deshalb nicht geeignet, Änderungen im bestehenden Gesellschaftssystem herbeizuführen. Doch der Bewegung geht es eben nicht um einzelne Korrekturen – oder gar um Reparaturen der Wachstumsmaschine. Die Empörung greift wesentlich tiefer. Die Motive der Proteste zielen auf die Grundlagen unserer Gesellschaft: auf eine grundsätzliche und demokratische Erneuerung des gesellschaftlichen Zusammenlebens («Echte Demokratie jetzt!»), auf die bedingungslose Respektierung der Würde aller Menschen, ja, aller Kreatur und der Erde als solcher («Wir sind keine Ware in den Händen von Politikern und Banquiers»). Nicht nach dem politisch Machbaren greift die Occupy-Bewegung, sondern nach einer Wende in der Menschheitsentwicklung. «Jede Forderung, die wir im Rahmen der politischen Realität stellen können, ist zu gering. Jede Forderung, die wir stellen können, weil sie das widerspiegelt, was wir wirklich wollen, ist politisch unrealistisch», so Eisenstein.

Der Autor bezeichnet den Impuls der Protestbewegungen als eine Revolution der Liebe, «… selbst auf die Gefahr hin, damit als Idealist dazustehen». Die Aufgabe der Bewegung bestehe darin, sich «für eine Welt einzusetzen. die wahrhaft schön, fair und gerecht sei».

Nun, man kann dem Autoren einiges vorwerfen: Er sei ein naiver Idealist, es fehle ihm an politischem Bewusstsein – und einer entsprechenden Stossrichtung – und er verkläre die Motive der Occupy-Bewegung zu einer vermeintlich harmlosen «Revolution der Liebe». Doch damit macht man es sich zu einfach und misst ein offensichtlich neues Phänomen mit alten Massstäben. Denn die Bewegung proklamiert nicht so sehr hoch stehende Ziele, sondern lebt ganz praktisch neue Formen des gemeinsamen Willens und Aktivismus. Allerdings droht sie zurzeit – das muss man mit Bedauern feststellen – in der zunehmenden Polarisierung der Gegenwart von Kämpfen nach alten Mustern übertönt und verdrängt zu werden.

«Geld und die Krise der Zivilisation»
Im zweiten Essay beschreibt Charles Eisenstein anschaulich, wie unser Geldsystem letztlich zu Krise und Zusammenbruch führen muss. Denn die Geldmenge wächst durch die Zinsen, Zinseszinsen und die Geldschöpfung aus dem Nichts mit mathematischer Gewissheit ins schier Unermessliche. Wirtschaftlich gibt das indessen nur Sinn, wenn dieser wachsenden Geldmenge auch ein wachsendes Volumen an Waren und Dienstleistungen gegenübersteht, die dem Geld erst einen realen Wert verleihen. Und dieser Hunger des Geldkreislaufes nach realen Werten bewirkt, dass tendenziell alles und jedes der menschlichen Lebenswelt zur handelbaren Ware oder Diensleistung gemacht wird. Wie eine riesige Krake greift das Geldsystem nach allen realen Werten, um sie sich einzuverleiben. «Die Krise, der wir heute gegenüberstehen, ist aus der Tatsache entstanden, dass es kaum noch soziales, kulturelles, natürliches und spirituelles Kapital gibt, das sich zu Geld machen liesse. Jahrhunderte, Jahrtausende beinahe ungebrochener Gelderzeugung haben uns so mittellos gemacht, dass wir nichts mehr zu verkaufen haben.»

Eisenstein konstatiert, was viele zutiefst empfinden: Die Pleite dieses Geldsystems ist unausweichlich. Doch bei dieser Analyse, die gar so neu nicht ist, bleibt er nicht stehen. Vielmehr sieht er darin auch die Möglichkeit, dass ein gänzlich neues Verständnis von Geld und Wirtschaft – ein neues Bewusstsein darüber – entstehen kann, ja, entstehen muss, um der globalen Erschöpfung zu entrinnen. Und dabei geht es um nichts geringeres, als «Dinge aus dem Reich der Waren und Dienstleistungen zu holen und sie in das Reich der Gaben, der Gegenseitigkeit und der Gemeinschaftlichkeit zurückzubringen». Eisenstein sieht in der aktuellen Krise die Möglichkeit gegeben, dass aus einer vom Eigennutz beherrschten Wirtschaft eine solidarische, brüderliche Wirtschaft hervorgeht – aus reiner Not zunächst, doch immer mehr auch aus einer «Revolution unseres Selbstempfindens, unserer Identität». Denn das «für sich stehende, getrennte Ich eines Descartes und eines Adam Smith hat sich totgelaufen und ist überholt. Wir erkennen unsere Untrennbarkeit voneinander und von der Gesamtheit des Lebens. Zins täuscht über diese Einheit hinweg, weil er auf das Wachstum des getrennten Ichs abzielt, und zwar zulasten von etwas Externem, etwas anderem.»

Eisenstein sieht am Ende einer Ökonomie des Egoismus eine Kultur des Schenkens aufkeimen, eine Kultur, die auf einem neuen, erweiterten Selbstverständnis fusst und über die rein materialistische Kultur der Gegenwart hinausweist.

 

Charles Eisenstein:
«Der Geist von Occupy»

64 Seiten, kartoniert
Scorpio Verlag, München 2012
ISBN 978-3-942166-94-2

Von Krisen umzingelt – und doch …

Wir sind von Krisen umzingelt: Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Staatsschuldenkrise, soziale Krise – so lässt sich die Metamorphose der aktuellen ökonomischen Krise kennzeichnen. Und die Umzingelung wird immer enger: Zunächst waren es ja hauptsächlich Zahlen, Indizes, die ins Bodenlose stürzten. Bald sind es soziale Netze, die zerreissen – und Menschen, die fallen. Und dann ist die Krise ganz bei uns angekommen, klopft an unsere Haustüre, tritt ein ins Wohnzimmer. Hallo, ungebetener Gast! Du bist falsch hier. Geh zum Nachbarn! Bitte nicht bei mir!

 

ABC der Krise

Doch das ist ja nur die eine, die wirtschaftliche Seite. Hinzu kommt die Umweltkrise, zurzeit drastisch vor unsere Augen geführt im Golf von Mexiko, wo seit Wochen Rohöl unaufhaltsam in den Ozean fliesst. Auch in diesem Bereich wird die Umzingelung enger: Die oft recht abstrakten Formen der ökologischen Bedrohung – zum Beispiel des Klimas durch die Erwärmung um mehrere Grade im Lauf der nächsten Jahrzehnte – werden auch hier anschaulicher, unübersehbar, brutal. An allen Enden und Ecken wird unser System ad absurdum geführt. Problemlos liesse sich ein ABC der Krise erstellen: von der Krise der Arbeit über die Krise der Beziehungen (der Geschlechter) bis zur Krise der Zeitungen.

 

Kulmination einer langen Entwicklung

Nicht dass die Entwicklung neu wäre. Das Ungleichgewicht, die Vereinseitigung wurde schon vor Jahrzehnten diagnostiziert – und seit langem von vielen Menschen schmerzlich empfunden. Das legendäre 1968 war zum Beispiel so ein Aufbegehren gegen das quadratische Denken, das dumpfe Fühlen und das blinde Handeln. Und viele weitere Revolten und Rebelliönchen folgten, verzweifelte Versuche, der wütenden Einverleibung der Welt und unserer selbst durch die Logik des Marktes und des herzlosen Fortschritts etwas entgegenzusetzen. Die Entwicklung hat sich beschleunigt; insbesondere seit 1989 ist sie in ihre Turbophase eingetreten. Und inzwischen sind wir Menschen zu Konsumenten degradiert und nur noch ein Mittel zum Zweck. Die Wirtschaftszahlen entscheiden über unser Sein oder Nichtsein.

 

Unsere Verantwortung

Doch wir liessen das auch einfach geschehen, haben brav mitgemacht, wollüstig zuweilen und in gemeinsamer Raserei. Wir haben zugelassen, dass man uns auf unsere leiblichen Bedürfnisse reduziert, haben mit der Zeit selbst geglaubt, was uns PR und Werbung vorgaukeln. Wir haben uns kaufen lassen – aus Trägheit, aus Mangel an Lebendigkeit und selbständigem Denken, aus fehlendem Verantwortungsbewusstsein auch. Wir haben uns vom Wesentlichen ablenken lassen, sind mit sattem Bauch vor dem Fernseher eingedöst. Selber schuld! Wir hätten es anders haben können.

Gefahren beim Aufwachen

Und nun schrecken wir aus dem Dauerschlaf. Und das ist gut so. Erwachen ist unsere einzige Chance. Und es schadet nichts, dass wir durchgeschüttelt werden. Das gehört zum Aufwachen – und hilft, dass wir nicht so schnell wieder einschlafen und ins Alte zurückfallen. Denn das ist eine der grössten Gefahren: nichts aus der Krise gelernt zu haben, mechanisch, ja autistisch immer wieder dieselben Rezepte anzuwenden – wie wenn es nicht gerade diese gewesen wären, die an den Abgrund geführt hatten.

Eine andere Gefahr: Untergangspropheten, Verschwörungstheoretiker, Heilsprediger. Erstaunlich, wie schnell diese Verführer der Vernunft in den Startlöchern stehen, wenn die Angst umgeht! Mit ihren Drohungen und Halbwahrheiten, ihren Lügen und Schmeicheleien versuchen sie die Menschen in eine Richtung zu biegen, die ihnen genehm ist. Doch eigentlich lassen sich diese Krisengewinnler schnell erkennen: an ihrem quadratischen Denken und der notorischen Abwesenheit von Fragen.

Unausgeschöpftes Potenzial

Und eben dieses einseitige, quadratische Denken, die geradezu barbarische Verengung unseres Menschen- und Weltbildes steckt meines Erachtens hinter all den krisenhaften Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte. Ausgerechnet heute, wo wir als Menschheit noch nie so reich waren – an Bewusstsein und Erkenntnissen, an Verbindungen zueinander, an Gütern des Lebensbedarfs, an Geld, ja, auch das … –, ausgerechnet heute handeln wir, als wären wir Barbaren in einer kulturellen Wüste. Wir schöpfen unser Potenzial bei weitem nicht aus.

Und das ist zugleich meine Hoffnung: Wir Menschen, du und ich, haben wirklich ein wundervolles Potenzial – der Herzlichkeit, der Intelligenz, der Phantasie, der Liebe gar. Auch wenn dieses Potenzial unter Bergen von Ängsten und Egoismen verschüttet ist, kaum mehr sichtbar vor lauter Enttäuschung, Verzweiflung und Schmerz, brauche ich nur einen Menschen unbefangen anzusehen, um zu erahnen, dass sehr viel mehr in ihm steckt, als er augenblicklich zum Ausdruck bringt. Und wenn ich ein paar Worte mit ihm wechsle, ihm auch nur ein Minimum an Wertschätzung entgegenbringe, wird diese Ahnung zur Gewissheit: Mit dir zusammen schaffen wir es. Und wenn wir wirklich wach werden, kann gar nichts mehr schief gehen.

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